16. Mai 2010 - 18:41 uhr

Abgetreten

von Judith Liere

Die Schauspielerin Jutta Lampe wurde am Samstag in der Akademie der Künste in Berlin mit dem Joana-Maria-Gorvin-Preis ausgezeichnet. Die Preisverleihung war nicht nur Feier ihres Lebenswerks, sondern geriet auch zum Abgesang auf eine Theatergeneration.

In der Schlange, die sich vor dem Einlass in den Zuschauerraum der Akademie der Künste gebildet hat, bin ich mit Abstand eine der Jüngsten. Weiße und melierte Schöpfe herrschen vor, gediegene Abendgarderobe, eine der Wartenden hat sich sogar einen kleinen Klapphocker mitgebracht, um nicht so lange stehen zu müssen.

Die Theatergeneration, die sich hier versammelt hat, um dem Lebenswerk der 72-jährigen Jutta Lampe zu huldigen, kenne ich nur aus Theaterwissenschaftsseminaren, in denen braunstichige Peter Stein-Inszenierungen auf Video gezeigt wurden (war es ein Tschechow-Stück, stand garantiert ein Samowar auf der Bühne), und aus Anekdoten, die ältere Regisseure und Dramaturgen auf Premierenpartys erzählen. Die Schaubühne der siebziger und achtziger Jahre, die Lampes künstlerische Heimat war, ist für mich ebenso weit weg wie Brecht und Gründgens – Epochen, die in Vorlesungen auf die wichtigsten ästhetischen Ansätze, Inszenierungen und Künstler zusammengefasst werden.

Der verstaubt wirkende, muffige Fünfziger-Jahre-Saal der Akademie der Künste passt gut zu dieser ganzen Veranstaltung. Auch der erinnert an längst vergangene Zeiten und Moden, der Bau, den die Architekten Werner Düttmann und Sabine Schumann da ins Hansaviertel gestellt haben, galt sicher einmal als ultramodern und schick. Es fällt mir schwer, mir das vorzustellen. Noch schwerer fällt es mir allerdings, in meinen Kopf zu bekommen, dass die Künstler, die sich zur Preisverleihung auf der Bühne versammelt haben, mal die jungen Wilden waren, die das Theater revolutioniert und umgekrempelt haben. Dass Peter „gähn“ Stein, dessen letzte total revolutionäre und voll wilde Idee darin bestand, einfach mal keine Striche in die Textfassung zu malen, einmal neu und modern war.

In der Reihe hinter mir tauschen zwei Damen Stargeflüster aus: „Die Edith Clever, die hat sich ja kaum verändert in den letzten zwanzig Jahren.“ „Das stimmt, der Otto Sander hingegen sehr, aber ich glaube, der kriegt auch Bestrahlung. Und eben der eine im Foyer, das muss der Peter Stein gewesen sein, den haben ja auch Leute angesprochen, aber der war so spröde!“ Kurze Pause. „Seit wann bist du denn eigentlich schon in Berlin?“ „Na, seit ’68, da war ich gerade 21, da ging hier die Lucy ab!“ „Ach, jaja.“ Schweigen.

Die Zeit dieser Theatergeneration ist abgelaufen

Als Peter Stein für seine Laudatio auf die Bühne kommen soll, verzichtet er auf die an der Seite stehende Treppe und springt schwungvoll über die etwa einen Meter hohe Rampe. Applaus und anerkennendes Raunen im Publikum. Als danach Peter Iden angekündigt wird, tuscheln die Damen hinter mir: „Na, ob der Iden auch raufhüpft?“ „Nee, das schafft der nicht mehr!“

Eines wird an diesem Abend sehr deutlich: Wie sehr sich diese Theatergeneration darüber im Klaren ist, dass ihre Zeit vorbei ist und sie abgedankt hat. Das äußert sich in der Rede von Edith Clever auf eine sehr wehmütige Weise, bei Peter Stein ein bisschen bockiger und komplett verbittert in der Laudatio von Botho Strauß, die von Hanns Zischler verlesen wurde.

In Strauß‘ Rede tönt aus jedem Satz Verachtung für die heutigen Theatermacher, die nicht erkennen, dass an der Schaubühne vor dreißig Jahren das einzig wahre und beste Theater stattfand, das jemals gemacht wurde. Gerne würde ich hier passagenweise zitieren, das darf ich aber nicht. Das hat Botho Strauß mir nämlich nicht erlaubt. „Abdruck, auch in Teilen und Zitaten, nur mit Genehmigung des Autors“, sagt die Pressemappe. Leider steht Botho Strauß‘ Handynummer weder daneben noch im Telefonbuch, noch ist am Sonntag irgendeine Verlags- oder Akademiepressestelle besetzt. Wie schade, denn ich würde hier so gerne hinschreiben, was Strauß so denkt, besonders über das postdramatische Kabarett. Wahre Kunst bestehe darin, auf der Bühne umeinanderzustreichen, man baut sich nicht an der Rampe auf und erbricht seinen Text. Strauß macht sich keine Illusionen darüber, dass die Schaubühnenzeit unwiderbringlich vorbei ist, abtreten müsse sein, auch wenn auf das Bessere das Blödere, auf das Größere das Gröbere folge. Hach, wie gerne hätte ich diese Aussagen zitiert, aber ich konnte ja nicht um Erlaubnis fragen.

Theaterästhetiken sind kurzlebig

Sieht man von der verbitterten Jetzt-Theater-Schelte und dem ganzen „Früher war alles besser“-Gejammer einmal ab, bleibt die Preisverleihung ein Abend für eine Schauspielerin, die ihr ganzes Leben ziemlich bedingungslos dem Theater widmete, und die ich sehr sehr gerne einmal in echt auf der Bühne und nicht nur auf alten Videokassetten gesehen hätte – sogar in der Regie von Peter Stein und selbst wenn neben ihr ein Samowar gestanden hätte.

Als ich nach den Standing Ovations für Frau Lampe den Saal verlasse, denke ich darüber nach, wie kurzlebig Ästhetiken und Moden im Theater sind. Und frage mich, ob ich in vierzig Jahren auch einmal weißhaarig und mit meinem Klappstuhl unterm Arm bei einer Preisverleihung sitzen werde, bei der René Pollesch mit Krückstock neben Stefan Pucher am Rollator auf der Bühne stehen wird, und ein buckliger Alexander Scheer in einer krächzenden Rede die große, alte Diva Birgit Minichmayr würdigt, oder so. Und vielleicht sitzt dann eine Reihe vor mir auch so eine 30-Jährige, die das alles nur noch aus dem blaustichigen YouTube-Videoarchiv kennt und nicht versteht, warum das bitteschön mal der heiße Scheiß gewesen sein soll.

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Bisher 8 Kommentare

  1. Iris Laufenberg iris laufenberg sagt:

    Liebe Judith Liere,
    genau so, ja so, so wird das kommen.
    Es sei denn, die Zeiten werden noch schlimmer und alle genannten, heute noch halbwegs jungen Theatermacher schulen demnächst um und werden dann leider nie wieder in einem Theater oder einer Künstlerakademie als bedeutende Theatergeneration zusammen kommen. Das wäre dann wirklich tragisch und wird hoffentlich von uns allen als tragisch empfunden worden sein. – Schöner Bericht.
    Herzlich
    Iris Laufenberg

  2. Tobi Müller sagt:

    Soweit ich im Perlentaucher sehe, differenziert Strauß. Lobt junge Talente von heute, und fügt an, wie junge Talente von gestern in Ideologie erstickt wurden. Stein fand schon immer alle andern doof, und die andern ihn (lesen Sie mal nach, was Handke oder Zadek über ihn zu sagen wussten). Der Generationengraben ist deshalb nicht ganz so tief und biologisch sauber abgesteckt, wie Sie ihn beschreiben. Weder die Alten noch die Jungen lassen sich wirklich homogenisieren. Pucher wurde doch erst dann richtig gut, als er auch alte Schauspieler für sich gewinnen konnte und umgekehrt. Sehen Sie mal Kriegenburg zu, wie er Spielweisen und Schauspieler quer über die Generationen mischt. Und welche Alterskarrieren legten der späte Gosch und der aktuelle Gottscheff hin! Oder auch: Lampe könnte öfter spielen, wenn Sie denn wirklich wollte – die kriegt auch feste Gehälter, wenn sie mal ein paar Monate gar nicht spielt. Abgedankt wäre anders. Das gilt ja auch für Stein, ob man ihn nun mag oder nicht: der Mann arbeitet ohne Unterlass. –
    Was mich interessieren würde ist, ob die nur vermeintlich „abgedankte“ Generation früher auch so identifikatorisch drauf war und nur sich selbst sehen wollte, oder ob man da Theater auch als Differenzmaschine sah, als etwas also, dass den Unterschied, auch der historische, durchaus als etwas dem Theater Wesenseigenes ansah. Wir müssten also nachforschen bei den Lehrern – oder Feinbildern – der heutigen Alten, bei Kortner, Hübner, Noelte…

  3. Tobi Müller sagt:

    liebe redaktion., könnt ihr bitte den fehler im letzten absatz meines kommentars korrigieren? „nur SICH selbst sehen wollte“ sollte es heißen, nicht „nur nich selbst…“. dank und gruß, tobi müller

  4. Christina Reichart sagt:

    @ Tobi Müller
    schon korrigiert.

  5. P. Blau sagt:

    Sehr geehrte Frau Liere,

    der Leser fragt sich, warum sie an der Preisverleihung für Jutta Lampe teilnahmen. Aus den Zeilen, die Ihnen das Ereignis entlockte, läßt es sich nicht entnehmen. Es sei denn, man nimmt den Anstoß theaterwissenschaftlicher Seminare ernst.
    Als Bericht der Augen- und Ohrenzeugin einer Ehrung, die eine Epoche des deutschen Nachkriegstheaters markiert, ist Ihr Kommentar enttäuschend, um nicht zu sagen in jeder Hinsicht dürftig. (Daß sie Ihnen als Dreißigjähriger in jeder Weise fern ist, bedurfte keiner Erwähnung; versteht sich von selbst.) Nichts ist zu erfahren von dem, was P. Stein zu sagen hatte über eine Schauspielerin, mit der er viele Jahre arbeitete, nichts über P. Idens Rede und gar nichts über den Auftritt oder die Rede der Preisträgerin.

    Zu erfahren ist lediglich dies und das aus dem Fundus Ihrer Ressentiments, wo man hätte hoffen mögen, von einer noch relativ jungen, anscheinend „theater-wissenschaftlich“ gebildeten Frau etwas zur Debatte über „Regietheater“ oder „Regisseurtheater“ zu hören.
    Statt dessen: „Die Zeit dieser Theatergeneration ist abgelaufen“ und „Theaterästhetiken sind kurzlebig“. Seien Sie bedankt und beglückwünscht zu diesen überraschenden und profunden Einsichten. Ein Studium macht sich eben doch bemerkbar.
    Überraschend auch, wie lieblos, wie respektlos, i. e. ohne jede Spur von Achtung, sich jemand, der zum Theater eine Beziehung andeutet, sich zu Wort meldet mit Anmerkungen zu einer Generation von Schauspielern, Autoren und Regisseuren, deren Leidenschaft ein Leben lang das Theater war.

    Ich grüße Sie P. Blau

  6. Judith Liere sagt:

    Sehr geehrte/r P. Blau,
    danke für Ihren Kommentar. Ein Blogeintrag ist oft eine sehr subjektive Sache, in meinem, obenstehenden Fall war er das jedenfalls. Es ging mir nicht darum, die Preisverleihung zu dokumentieren, sondern darum, meine Gedanken über den Generationengraben zu formulieren.

    Als Antwort auf Ihre Anmerkungen, was in meinem Beitrag fehlt, erlaube ich mir, unseren Gast-Blogger Joachim Satorius zu zitieren:
    „[…] erschütternd war, wie dieser Mann [Peter Stein], der einige tolle und sehr sozialkritische Inszenierungen gemacht hat, machohaft und beinahe abfällig über die Schauspielerin als ‘Futter’ des genialen Männer-Regisseurs sprach. Botho Strauß, Gerhard Stadelmaier und Claus Peymann schimpfen wieder auf das Theater(treffen). Ich finde das OK und stellenweise belebend, vermute aber, dass auch sie es vorziehen, in ihren besitzstandsgeschützten Wahrnehmungsbiotopen zu bleiben, aus denen sie von Zeit zu Zeit dann hervortreten und ein Ding in die Welt hinausgebären, bei dem uns Hören und Sehen vergeht.“

    Den ganzen Beitrag von Joachim Satorius gibt es hier:
    http://www.theatertreffen-blog.de/tt10/allgemeines/diese-grassliche-wunderbare-wirklichkeit/

    Grüße,
    Judith Liere

  7. Jubi Läum sagt:

    Einen Kommentar wie diesen hier von Frau Liere hab ich vor dreißig Jahren schon irgendwo gelesen. Eigentlich erscheint so einer alle zwei Monate irgendwo. Andere Star-Namen halt: Was Subjektivität! Was Scharfblick!

  8. […] Theatertheorie klingen. So schreibt zum Beispiel Judith Liere in ihrem Theatertreffenblog Artikel: “Es fällt mir schwer, mir das vorzustellen. Noch schwerer fällt es mir allerdings, in […]

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