Wenn Zuschauer_innen träumen

Einige der diesjährigen Theatertreffen-Inszenierungen haben durchaus Taschentuchqualität. Doch wie ist das eigentlich mit dem Gefühl im Theater? Dürfen wir wirklich noch einfach so eine Träne zerdrücken, ohne zynisches Mitreflektieren, ohne ironischen Bruch?

Es ist kaum zu glauben: Da sitzt Sebastian Bark neben seinem Vater Joachim und singt doch tatsächlich mit, erst zögernd, aber schließlich mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht. Die beiden trällern gemeinsam Peter Kraus, die Schnulze heißt „Wenn Teenager träumen“ und eben hat Sebastian noch fremdschämend die Augen verdreht. Denn eigentlich ist der kitschige Musikgeschmack seines Vaters doch ziemlich peinlich.

Joachim Bark auf den Schultern seines Sohnes Sebastian. Foto: Doro Tuch

Wir befinden uns im vierten Akt von She She Pops „Testament“, die schlaue King Lear-Adaption, die wohl der heimliche Star der diesjährigen Theatertreffen-Inszenierungen war. Lear hat eben seine „gute“ Tochter Cordelia wiedergefunden und schwelgt in trügerischer Melancholie. Wir wissen, dass die Sache nicht gut ausgeht. Wir wissen, dass das Sentiment nur produziert ist, und dass die traurige Wirklichkeit Lear später umso brutaler heimsuchen wird. Wir wissen, dass Peter Kraus’ Schlager nostalgischer Kitsch ist, platte Gefühlsduselei, ein Fetisch, der uns beherrscht und dabei den Zynismus seiner spätkapitalistischen Produktion überspielt. Wir wissen, dass es so etwas wie echte Emotionen, authentische Gefühlsregungen ja gar nicht geben kann in unserer ironischen Zitatewelt. Sebastian Bark weiß das auch, und deswegen zögert er anfangs. Doch irgendwann lässt er sich drauf ein. Irgendwann stimmt er mit ein und strahlt vor Freude.

Sebastian Barks zurückhaltende Reaktion ist symptomatisch für die grundlegende Paradoxie unseres Zuschauer_innenverhaltens in einer durchdekonstruierten Gesellschaft. (mehr …)


Kollektiv-Blog der Jurydiskussion

Das  Theatertreffen neigt sich dem Ende zu, und heute Nachmittag stellten sich die sieben Jurorinnen und Juroren Vasco Boenisch, Wolfgang Höbel, Ulrike Kahle-Steinweh, Ellinor Landmann, Andres Müry, Christine Wahl und Franz Wille den Fragen des Publikums zu den zum Festival eingeladenen Produktionen. Die Theatertreffen-Blog-Redaktion schrieb mit und meldet sich hier mit den multiperspektivischen Best-of-Mitschriften.

17:20 Das Internationale Forum verlautbart per Videoeinspielung seine Favoriten. Der schnell geschnittene Clip klingt wie She She Pop Hip Hop Bop. (LL)

17:26 Andres Müry vermisste Andrea Breths “Zwischenfälle” am Theatertreffen schmerzlich und will die Regisseurin unter Artenschutz stellen. Franz Wille entgegnet galant Richtung Wien: “Ich möchte mich bei Andrea Breth entschuldigen, sie hat es nicht nötig, unter Artenschutz gestellt zu werden.” “Oh doch!”, wirft Müry ein. Wie auch immer: Gehört das wirklich zu den Aufgaben des Theatertreffens? Dafür gibts doch den WWF. (FA)

17:34 Andres Müry: „Das ist ein nacheilender Gehorsam.“ (She She Pop einzuladen, in der freien Szene hätten sie sich schon durchgesetzt.) Da hat Herr Müry recht. Und trotzdem freue ich mich über diese gehorsame Entscheidung! (GG)

17:48 Andres Müry legt noch einmal richtig los: „Testament” und „Via Intolleranza” fehlen Handwerk, Professionalität und ästhetische Statements, und sind deswegen nicht theatertreffenwert. (MC)

17.54 Moderatorin Barbara Burckhardt fragt, ob die Wiederentdeckung von „Spaß“ eine Anglifizierung des deutschen Theaters mit sich bringt. Plattere Nationsklischees hört man wohl selten. Schade, wo sie doch anderen Begriffen wie dem „Dokumentarischen“ oder „Konsens“ sehr präzise nachspürt. (LL) (mehr …)


She He Chat

In Testament, the performance group She She Pop brings their own fathers onstage. Through questions, through songs, and through re-enactments of rehearsals, phone calls and arguments, She She Pop uses “real” material to explore the “real” generational shift happening in their “real” lives. After seeing the show, Matt and Cory shared thoughts through a “real” GChat session.

Cory and Matt GChatting about Testament.

Cory: Okay. Let’s talk about Testament. My mom read Leo’s interview with one of the fathers, and she’s jealous. She wants me to do a production with moms.

Matt: Well, She She Pop is not planning a production with mothers, so it’s open for you! Your mom was able to read Leo’s interview in German?

Cory: Yes. She lived in Germany, years ago.

Matt: Cool! I didn’t realize until yesterday that the German word “Testament” is not the same as the English testament, which has a much broader definition.

Cory: What is it specifically in German? Testament as in, will?

Matt: Yup.

Cory: While in English it can mean a lot more. Tribute, for example. Or statement.

Matt: And I found the performance itself to actually have quite an American feel to it. (mehr …)


Noch wirklicher!

Unser Live-Blog vom Publikumsgespräch zu “Testament”. Mieke und Manfred Matzke, Sebastian und Joachim Bark, Fanni und Peter Halmburger, Lisa Lucassen, Barbara Burkhardt (Moderatorin), und Christine Wahl (Theatertreffen-Jurorin) sitzen auf der Bühne und erwarten uns.

22:30 Barbara Burckhardt: Es gibt mehr Töchter und Väter in der Besetzung als es eigentlich Platz in der Inszenierung gibt. Wie funktioniert das in verschiedenen Vorstellungen?

Mieke Matzke: Ja! Wir haben insgesamt vier verschiedene Versionen. Manchmal muss irgendjemand mit den Kindern zu Hause bleiben oder reist und kann nicht mitspielen.

22:40 Burckhardt: Die Szene, wo ich immer an meisten mitgenommen bin, ist die langsame Steigerung der Pflege. Wie entstand die Szene? (mehr …)


Erben will gelernt sein

She She Pop und ihre Väter stellen in „Testament: Verspätete Überlegungen zum Generationswechsel nach Lear“ generationsübergreifende Gerechtigkeit zur Debatte. Ein sehr persönlicher Theaterprozess fordert vor allem eines: Respekt.

Elisabethanische Halskrausen und King Lear: She She Pop und ihre Väter denken über den Generationswechsel nach. Foto: Doro Tuch

Am Anfang steht die knallharte Abrechnung, das nüchterne Vertragsdenken, das unverfrorene Fordern und Aufwiegen. Das Performance-Ensemble She She Pop hat für die King Lear-Bearbeitung „Testament“ ihre Väter auf die Bühne gebeten, um eventuell auftretende Schwierigkeiten beim Erben schon vorab zu klären. Da wird schon mal ein Differentialgleichungssystem skizziert, um die Transferleistungen des sogenannten Generationenvertrags zu durchschauen. Da werden ungeniert alte Kommoden und Lichtenstein-Drucke verlangt und großelterliche Liebe durch den „Enkelfaktor“ messbar und damit finanziell kalkulierbar gemacht. Da werden Lears hundert Ritter zu hundert Laufmetern Bücherregal, die doch nur im Weg stehen. Da wird schließlich eine geschickte Verschwörung der 68er ausgerufen, deren Kinder ohne Erbe gar nicht mehr überlebensfähig wären.

Nach der nicht immer ernst gemeinten ersten Verhandlungsrunde wird die weiße Fahne gehisst. She She Pop-Mitglied Fanny Halmburger steht ganz vorne an der Rampe, und überlegt, was es denn bedeuten würde, ihren alten Vater zu pflegen. Mit schauriger Zerbrechlichkeit spricht sie von verschimmelten Essensresten, von Dreck, Scheiße, und Gestank, vom unauffälligen Übertönen des viel zu lauten Fernsehers, von vollgepissten Bettlaken und angerotzter Kleidung, und vom routinierten Eincremen eines wundgelegenen, schwachen Körpers, das den Anspruch der Zärtlichkeit nie verlieren darf. (mehr …)


Seitenrang links: Testament

After every premiere, we ask one audience member four questions about their experience during the show. For Testament, the 2011 Theatertreffen’s first production to use video prominently, our “fast critique” is a short movie.

Seitenrang Links: Testament (She She Pop) from theatertreffen-blog on Vimeo.


“Ich krieg ja auch Gage!”

In „Testament: Verspätete Vorbereitungen zum Generationswechsel nach Lear“ des Performance-Kollektivs She She Pop sind auch die Väter der Gruppe beteiligt. Peter Halmburger, der Vater von She She Pop-Mitglied Fanny, erzählt von seinem neuen Leben als Schauspieler.

Peter Halmburger, einer der She She Pop-Väter. Foto: Leopold Lippert

Wie gehen Sie mit der Öffentlichkeit um, die der Erfolg von „Testament“ mit sich gebracht hat? Haben Sie bewusst überlegt, wie viel Sie von sich preisgeben wollen?

Für mich ist das Thema Privatsphäre kein so großes Problem. Es ist ja ohnehin klar, dass nicht alles, was im Stück vorkommt, eins zu eins der Wirklichkeit entspricht. Da werden zum Glück eher allgemeine Fragen verhandelt, die dann ein Auslöser für Diskussionen sein sollen. Daher kann ich ganz entspannt damit umgehen. Meiner Erfahrung nach ist es ja so, dass gerade die Leute, die immer auf ihre Privatsphäre pochen, sich eher gegenteilig verhalten.

Wie ist es denn zu Ihrer Beteiligung an dem Stück gekommen? Musste man Sie lange überreden?

She She Pop hatten von Kritikern immer den Vorwurf bekommen, dass sie keine „klassischen“ Theaterstücke spielen. Als Gegenreaktion haben sie dann über „King Lear“ nachgedacht und sind ziemlich bald auf die Idee gekommen, den Text aufzubessern und ihre eigenen Väter einzubauen. (mehr …)


Testament * She She Pop


Guttenbergs Testament

Frei nach dem Freiherrn: Die copy-and-paste Vorabkritik zur tt-Premiere “Testament: Verspätete Vorbereitungen zum Generationswechsel nach Lear” von She She Pop.

Zu den befremdlichen Erscheinungen des zeitgenössischen Theaters gehört die Tendenz, private Befindlichkeiten auf die Bühne zu zerren. Zum ersten Mal seit fast fünfzehn Jahren muss ich mich nicht mehr verstecken, verteidigen, mich meiner speziellen Neigung nicht mehr schämen. ICH LIEBE SHE SHE POP. Die Schwestern im Geiste, die zusammen als She She Pop arbeiten, haben ihre Väter aus der Reserve und auf die Bühne gelockt. In Testament. Verspätete Vorbereitungen zum Generationswechsel nach Lear machen sie das Fass des Lebensgefühls von Kindern der 68er-Generation auf. Ein Abend mit Papa? Keine gute Idee. Klingt nach exhibitionistischem Pseudo-Authentisch-Theater. Doch so, wie sie jetzt zusammen agieren, steht die Anerkennung der Unterschiede im VordergrundDas geschieht in einem grandios verworrenen Chor, bevor ein kollektives, etwas eingetrübtes “I love you” angestimmt wird und sich Väter und erwachsene Kinder zu einem Menschenhaufen auf der Bühne zusammenlegen – am Ende werden wir alle zu Staub.


Plagiacriticism: Berlin’s ‘Theatre Meeting’ Explained

Guttenberg introduces the Theatertreffen

Dr. Herr Karl-Theodor zu Guttenberg, the former German defense minister better known to some as Baron Cut-and-Paste, hasn’t had much to do since resigning recently in an overblown scandal, so he kindly offered his services to us as a guest blogger. In his first post, Guttenberg gives you, lovely reader, a high-octane English introduction to this year’s Theatertreffen – and be sure to check back, because he’ll return throughout the festival to offer his thoughts on the various productions and German theatre in general.

You simply cannot miss the 2011 Theatertreffen (“theatre meeting”)! This Berlin festival has been hosting this exhibition of the German language theatre landscape ever since 1964. Experience new trends and controversial themes from 6th to 23rd May with the ten most notableoutstanding, exciting and innovative productions from Germany, Austria, and Switzerland.

Some complain that the Theatertreffen is just a hit parade of “winners” that reduces to losers the unnamed works not selected (often for political reasons). And every theatre student knows that German drama is more or less a comedy-free zone. Hell, let’s face it, some pieces can be difficult to watch. (mehr …)