Artikel-Schlagworte: „Guttenberg“


Guttenbergs Intolleranza

Die Kritikenrundschau im Copy &Paste-Verfahren. Heute hat die im vergangenen Jahr von Christoph Schlingensief inszenierte und in diesem Jahr von Aino Laberenz weiter betreute „Via Intolleranza“ Premiere.

„Die Produktion stand unter einem schlechten Stern.“ Alles wird gut. Nur kurz. Dann erfahren wir nicht mehr viel über Luigi Nonos «Intolleranza 1960», das in manchen Ankündigungen noch von Schlingensief und seinem rund um das Operndorf zu Ougadougou und in anderen Zentren der Schlingensiefschen Einflusssphäre gecasteten Ensemble inszeniert werden sollte. Jetzt liefert das 1961 uraufgeführte Stück nur noch den Titel sowie ein bisschen ChormusikMan möchte es Christoph Schlingensief ja so gern recht machen als Zuschauer. Und man schämt sich, wenn man zwischendurch diese Mürrischkeit bei sich entdeckt, die mit dem Gefühl einhergeht, als Restmülleimer zu dienen. Noch peinlicher ist dieses ironische Ach-ich-verstehe-Zufriedenheitsgrinsen. Er weiss ja, was gut ist für den Schwarzen. Ein Theatermoment, der auch am nächsten Morgen noch Gänsehaut erzeugt. Schlingensiefs theatralische Analyse aber bleibt doch arg peripher, eher teilen sich in diesen 90 Minuten Ratlosigkeit und Zerstreutheit mit, ein Flickerlteppich der Befindlichkeiten, als dass man am Ende klarer sähe und leibhaftiger erfahren hätte, was auf unserem Globus gerade so entsetzlich falsch läuft. Selbst hier noch europäischen Blick zu entlarven, das ist schon spitze und verdient, was Schlingensief für Afrika und das Operndorf-Projekt in Burkina Faso fordert: sich raushalten. Mit einem Blankoscheck.


American Dreamz

Our friend Guttenberg returns to introduce the American dream before the Theatertreffen premiere of Stefan Pucher’s Schauspielhaus Zürich production of Arthur Miller’s Death of a Salesman (1949).

America is more than just a country, it’s an idea. A shining city upon a hill, built on rocks stronger than oceans, wind-swept, God-blessed, and teeming with people of all kinds living in harmony and peace, a city with free ports that hummed with commerce and creativity. Proud to be an American, the citizens of this country just wanna prove somethin’—“I ain’t no bum . . . It don’t matter if I lose . . . Don’t matter if he opens my head . . . The only thing I wanna do is go the distance“. They know there are some things money can’t buy: life, liberty and the pursuit of happiness

Still, you’ll need to be all about the Benjamins, because greed is good, greed is right, greed works, and greed will save the U.S.A. America this is the impression I get from looking in the television set. America is this correct? I’d better get right down to the job. I’ve got some real estate here in my bag, if you want to build your white picket fence for your family – which is where the nation finds hope, where wings take dream, and dreamz are spelled with a z.

Yes we can.


Guttenbergs Beteiligte

Die Kritikenrundschau im copy&paste-Verfahren. Heute hat Stefan Bachmanns Inszenierung von Kathrin Rögglas Text „Die Beteiligten“ beim Theatertreffen Premiere.

Es ist nicht leicht, Kathrin Röggla zu sein. Denn: Ein Ich ist für sie in Wahrheit ein Wir. Was auf den ersten Blick wie Schizophrenie aussieht, ist in Wahrheit bloß eine radikale sprachliche Klausel: Subjekt und Objekt sind vertauscht – alles wird im Konjunktiv gesprochen. Was die abstrakte Denkerin mit diesem grammatikalischen Kniff zeigen will, ist die Einverleibung des Opfer-Ichs in die Aussagesätze der „Beteiligten“. Obwohl sich Röggla damit eines heiklen Themas angenommen hat, und zwar ex negativo, sucht sie den Groove im Loslabern, überhöht das Durchschnittliche, rhythmisiert seine KakofonieSie trifft den Ton genau. Aber warum? Wozu das Konjunktivfeuerwerk, wozu das Monologs-Stakkato? Na? Nun, Röggla bezieht sich offenbar auf den Fall Natascha K., ohne dieses Opfer direkt zu nennen. In Stefan Bachmanns Inszenierung, mit deren unheimlicher Perversion man einst wohl kleine Mädchen erschrecken konnte, fragt man sich allerdings öfter: Gehört das nicht eher zum Fall F. aus Amstetten? Für Bachmann scheint K. und F. dasselbe zu sein: sein Versuch, die Konjunktiv-Monotonie der Möchtegern-Menschen mit reichlich Referenzen und Regieeinfällen zu garnieren, legt schließlich Größeres frei: die österreichische Nationalwunde. Salz auf die österreichische Nationalwunde streut auch Slavoj Žižek im Programmheft, und zwar mit einem pseudowissenschaftlichen Welt- und Mensch-Erklärungsversuch, einem Alles-in-einen-Topf-Wurf-Text. Doch nicht nur Žižeks Welt- und Mensch-Erklärungsversuch scheint zu versagen: Als Kalenderblattweisheit nützt Debord auch nix mehr. Wo die Philosophen scheitern, kann nur einer helfen: Falco, der in Wien zur Rechten des Kaisers sitzt. Die Playback-Performance zu Falcos Entführungs-Song „Jeanny“, ein dem Kinderschänder-Verdacht ausgesetzter Song ist aufgesetzt, aber wirksam. Aufgesetzt, aber wirksam ist schließlich auch Simon Kirschs Auftritt in SS-Uniform, um sogleich darauf als böses Engerl von Wien in den Schnürboden hinaufgezogen zu werdenVergnügt steppt der Nazi zum Westernhagen-Soundtrack: Der Mensch ist leider nicht naiv, der Mensch ist primitiv. Dafür gabs heftigen Beifall. Aufgesetzt, aber wirksam.


Plagiacriticism: German Theatre through English Eyes

Our favorite guest blogger, Dr. Herr Karl-Theodor zu Guttenberg, is back – this time, with a critique of German theatre in general.

German theatre seems to wax and wane in unpredictable patterns – almost as difficult to keep track of as varieties of German sausageNo paparazzi photographing C-list celebrities, no hysterical standing ovations, no mobile phones suddenly going off: simply a well-dressed, middle-aged, bourgeois audience enjoying all the on-stage nudity, sex and graphic violence to which it is accustomed. After all, most theater directors in German-speaking Europe concern themselves with the restaging of classic plays. No wonder that German audiences have developed a taste for audacious plays, and that young German writers are far more adventuresome with form. German audiences can’t be shocked any longer.

German actors look a bit more like the rest of us they do a lot of shouting normally, and sometimes even hit the bottle onstage. Design is a major part of German theatre. And it is taken to extraordinary lengths. Seems like Germans will go almost as far for an elaborate set design as they would for a boot of beer. They’ll wrap all the actors in cling film and swing them from the ceiling on meat hooks, take out all your text and add in new text by Michel Houellebecq.

In the notorious, lavishly financed, postmodern German theater, adaptation and appropriation are the sincerest forms of flattery — which I personally find to be the most fabulous thing about it of all.

Editor’s Note: One of the subplots of Season Two of the Canadian television series Slings and Arrows offers a hilarious look at the stereotyping of German theater in the English-speaking world through the character of Darren Nicholson, a Canadian director who spends a season in Germany and comes back a changed man. He spends most of the season directing Romeo and Juliet with a „German“ concept – only to have a change of heart (worth checking out if only for the show’s version of „German“ costumes and set design). [C.T.]


Guttenbergs Karl

Vater und Sohn bei der Reflexion. Foto: Yehuda Swed

Wer konnte das schon ahnen? Der König raucht Kette, sein neuer Freund Marquis Posa kratzt sich vor Neurodermitis fast Löcher in den Anzug, und sein unliebsamer Sohn Carlos knautscht und wringt und knetet und presst sein Jackett fast zu BreiRoger Vontobel verzichtet darauf, Schiller unnötig zu verkomplizierenVor allem ist dieser „Carlos“ ein Ensemble-Triumph, mit Christian Friedel als Don Carlos, Sonja Beißwenger als Elisabeth, Matthias Reichwald als Marquis von Posa und einem überragenden Burghart Klaußner in der Rolle des Königs Philipp. Nicht von ungefähr gilt Vontobel als Künstler im Umgang mit Schauspielern. Das gesamte, erstaunlich homogene Ensemble macht aus dieser Inszenierung ein Denk- und Schaustück von flirrender Intensität. Es ist, als seien sie alle an Heimweh nach einem besseren, tieferen, ruhigeren Leben erkrankt, von dem sie nicht wissen, wo und wie es zu finden ist. Auch darin ist dieser Abend ein genuin zeitgenössischer.


Guttenbergs Verrücktes Blut

Unsere Zitat-Kritik zu „Verrücktes Blut“:

Man nehme einen reißerischen, aber humorlosen Kinofilm über eine im Klassenzimmer durchdrehende französische Lehrerin, man verlagere die Geschichte nach Berlin-Kreuzberg, würze sie mit akrobatischen und humoristischen Einlagen und pflanze diesen Mix mitten in die Migrations-Debatte. Dabei geht es um eine Lehrerin, die in einer Klasse voller unmotivierter und undisziplinierter Schüler versucht, die Bildung aufrecht zu erhalten: mit Schillers „Die Räuber“. Die Pädagogin als Terroristin mit Bildungsauftrag, die jungen Türken als vollidentifizierte Schiller-Exegeten – ein schräges Happy End. Was hier von der Bühne kommt, schert sich einen Dreck um politische Korrektheit, geht dahin, wo es weh tut, springt uns an mit einer Wut und Intensität, wie man sie lange nicht erlebt hat. (mehr …)


Guttenbergs Testament

Frei nach dem Freiherrn: Die copy-and-paste Vorabkritik zur tt-Premiere „Testament: Verspätete Vorbereitungen zum Generationswechsel nach Lear“ von She She Pop.

Zu den befremdlichen Erscheinungen des zeitgenössischen Theaters gehört die Tendenz, private Befindlichkeiten auf die Bühne zu zerren. Zum ersten Mal seit fast fünfzehn Jahren muss ich mich nicht mehr verstecken, verteidigen, mich meiner speziellen Neigung nicht mehr schämen. ICH LIEBE SHE SHE POP. Die Schwestern im Geiste, die zusammen als She She Pop arbeiten, haben ihre Väter aus der Reserve und auf die Bühne gelockt. In Testament. Verspätete Vorbereitungen zum Generationswechsel nach Lear machen sie das Fass des Lebensgefühls von Kindern der 68er-Generation auf. Ein Abend mit Papa? Keine gute Idee. Klingt nach exhibitionistischem Pseudo-Authentisch-Theater. Doch so, wie sie jetzt zusammen agieren, steht die Anerkennung der Unterschiede im VordergrundDas geschieht in einem grandios verworrenen Chor, bevor ein kollektives, etwas eingetrübtes „I love you“ angestimmt wird und sich Väter und erwachsene Kinder zu einem Menschenhaufen auf der Bühne zusammenlegen – am Ende werden wir alle zu Staub.


Guttenbergs Kirschgarten

Guttenberg tritt wieder auf: diesmal, um den „Kirschgarten“ zu kritisieren.

Es gibt viel zu lachen, bei einer an Symbolen reichen Inszenierung, die albern, langweilig, langatmig, ohne Pause ist. Doch irgendwie fehlt diesem „Kirschgarten“ das Herz. Alle tanzen, springen in die Luft, fallen hin, reißen andere mit zu Boden, hüpfen, lachen, saufen, rennen ziellos vom Irgendwo ins Nirgendwo und tanzen im Kreis herum. Henkel zeigt die Figuren des Kirschgartens als zahnlose Vampire, als Blutsauger, denen die Opfer ausgegangen sind. Eine gute Entscheidung: Vampire, wie wir alle wissen, machen immer am Ende Spaß.


Guttenbergs Biberpelz

Die aktuelle copy & paste-Kritik zur tt Premiere „Biberpelz“ heute Abend.

Schon das Bühnenbild ist allerlieblichstes Augenpulver: eine massiv gebaute Brechtgardinenwand mit Blümchentapete in schreckschreiendem Rot-Gelb-Türkis samt Blinker-Goldrand. Der Rest ist gekonnter, ach was: supervirtuoser Slapstick. Verrenkungen und Fratzen drängen sich fett vor den Text. So geht’s textlich zuweilen schon ein bisschen arg drunter durch und drüber weg: beim „Pi-Pa-Pelz“. Hier wird gnadenlos dem unteren Fernsehhumor hinterhergehechelt. Aus schockgefrorenen Tableaux vivants bricht sich eine Horde selbstsüchtiger Menschenfresser Bahn wie hungrige Straßenköter. Sie alle treibt die gleiche Gier: nach Geld, Sex und Vorankommen. Fritschiade um Fritschiade.


Plagiacriticism: Berlin’s ‚Theatre Meeting‘ Explained

Guttenberg introduces the Theatertreffen

Dr. Herr Karl-Theodor zu Guttenberg, the former German defense minister better known to some as Baron Cut-and-Paste, hasn’t had much to do since resigning recently in an overblown scandal, so he kindly offered his services to us as a guest blogger. In his first post, Guttenberg gives you, lovely reader, a high-octane English introduction to this year’s Theatertreffen – and be sure to check back, because he’ll return throughout the festival to offer his thoughts on the various productions and German theatre in general.

You simply cannot miss the 2011 Theatertreffen („theatre meeting“)! This Berlin festival has been hosting this exhibition of the German language theatre landscape ever since 1964. Experience new trends and controversial themes from 6th to 23rd May with the ten most notableoutstanding, exciting and innovative productions from Germany, Austria, and Switzerland.

Some complain that the Theatertreffen is just a hit parade of “winners” that reduces to losers the unnamed works not selected (often for political reasons). And every theatre student knows that German drama is more or less a comedy-free zone. Hell, let’s face it, some pieces can be difficult to watch. (mehr …)


Guttenbergs Werk

Wir sind alle ein bisschen Guttenberg, aber etwas ehrlicher. Denn in unseren Copy & Paste-Vorkritiken zu jeder tt Inszenierung liefern wir die Quellenangaben gleich mit. Heute Abend hat Premiere: „Das Werk / Im Bus / Ein Sturz“ von Elfriede Jelinek in der Regie von Karin Beier.

Köln ist eine Stadt mit abgrundtiefem Trauma. Doch wenn sich eine diesen Abgründen gewachsen zeigt, dann Karin Beier. Für ihr großes Jelinek-Tryptichon fährt sie ein Arsenal der Theaterformen auf, so dass die krachende Bauamt-Satire mal Oratorium, mal Revue, mal Kolloquium mit Tiraden, mal zierlicher Monolog ist. Ein Kölner Schwulenchor halbseidener Herkunft, der wohl auch Einar Schleef beeindruckt hätte, untermalt die grandiose Szenerie der Werktätigen, der Heidis und Geißenpeters, der Ingenieure und Fortschrittsgläubigen, angeführt von einem direkt aus dem Hades entstiegenen karnevalesken Transen-Trio. Sinnlich, derb, witzig und leicht entspinnt Beier ihre sadomasochistische Phantasmagorie, die in einer der schärfsten Sexszenen, die im Theater bisher zu sehen war, gipfelt. Und während dieses bösen Katastrophenklamauks darf sogar gelacht werden, denn das Unglück ist auch ein fauler Witz. Nach der Seelen-Reinigung mit Dreckwasser bleibt aber doch noch ein Strom von Fragen, allen voran die eine: „Wer hat die Macht, und wer sind unsere neuen Götter?