Die Messe ist gelesen, es bleibt das Evangelium!

von Johannes Schneider

Das Theatertreffen ist vorbei, die Theaterferien stehen vor der Tür. Eine Möglichkeit, zumindest einige Themen des Treffens (Biographismus, Betroffenheit, Schlingensief) präsent zu halten: Man liest Christoph Schlingensiefs „Tagebuch einer Krebserkrankung“ So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein. Eine Empfehlung.

Generalprobe Kirche der Angst

Inszenieren, zelebrieren, schreiben: Schlingensief (hier in der "Kirche der Angst vor dem Fremden in mir") macht alles. Foto: Jan Zappner

Die Fragmente der Schlingensiefschen Tonbandprotokolle aus der Zeit seiner Krebserkrankung, die das Stück „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ teilweise übermächtig emotionalisierten und die nun im Textkorpus des Buchs „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein“ aufgegangen sind, wirken transkribiert und gedruckt deutlich weniger dramatisch: Die Krebsdiagnose („Wir haben den Befund und das ist große Scheiße“) liest sich lakonisch, die Aufzählung der möglichen Leidenswege („Operation, Chemo und Bestrahlung, oder eben erst Chemo, dann Operation, danach Bestrahlung und dann noch mal Bestrahlung … oder Chemo.“) erscheint in Schlingensiefs „Tagebuch einer Krebserkrankung“ (so der Untertitel) schlicht sachlich. (mehr …)

Das Kollektiv hat immer Recht

von Maximilian Grosser

Der Chor oder die Aufteilung des Individuums auf mehrere Darsteller ist der Trend auf dem zeitgenössischen Theater, wie die Auswahl des tt09 zeigt. In Andreas Kriegenburgs „Der Prozess“ spielen 8 Personen einen K., in Katie Mitchells „Wunschkonzert“ bebildern mehrere Statisten das Leben einer Lebensmüden. Auch die „Räuber„-Inszenierung Nicolas Stemanns lässt lieber vier Räuber als einen Karl-Franz auftreten. Und den Abschluss macht Volker Löschs Armutskollektiv seiner „Marat„-Inszenierung. Ein Podcast über das Chorprinzip.

Volker Lösch

Regisseur des authentischen Chors: Volker Lösch. Foto: Jan Zappner

Vive le Chor!

von Anna Postels und Matthias Weigel

Das Beste kommt zum Schluss. Und zwar gewaltig: „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden“ in der Inszenierung von Volker Lösch, zwischen Buhs und Bravos des Berliner Publikums. Eine Reaktion, fast so stürmisch wie der Abend.

„Mal richtig zuhören“

von Maximilian Grosser

Als kollektivgewordene Armutserfahrung stehen sie in Volker Löschs Marat-Variation auf der Bühne: 24 Hamburger Hartz-IV-Empfänger, Rentner und Zu-Gering-Verdiener. Ihr Epilog hat zu einem künstlichen Eklat geführt. Weil bisher fast nur über, aber selten mit dem Chor gesprochen wurde, haben wir das nachgeholt. Fünf Stimmen über das Stück und die Probenerfahrung.

Marat-Chor im Interview

Erschöpft, aber glücklich: der Marat-Chor nach seiner ersten Proben-Nachbesprechung. Foto: Jan Zappner

 

Ein Chorleiter nervt gewaltig

von Johannes Schneider

Eigentlich sollte unser Treffen mit Hartz IV-Empfängern aus Volker Löschs „Marat“-Chor nur dazu dienen, diese hinterher in Audioporträts vorzustellen und sie derart der Anonymität des Chorischen zu entreißen. Im Zuge des Interviews ereignete sich aber noch etwas, von dem sich schwerlich schweigen lässt. Eine Randglosse mit ersten, unkommentierten O-Tönen der Chormitglieder als Hördateien am Ende.

Es war schon eine merkwürdige Konstellation, die sich da am Samstagabend gegen 22 Uhr auf einer düsteren Probenbühne in der Komödie am Kurfürstendamm ergeben hatte: Zehn von der nachmittäglichen Anreise aus Hamburg erschöpfte Mitglieder des Hartz IV-Chores aus Volker Löschs „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?“ trafen auf drei von drei Wochen tt09 nicht minder erschöpfte Redakteure des tt-Blogs. (mehr …)

Rezept für einen Theaterskandal

von Anna Postels

Ach, was ist so ein richtiger Stadttheaterskandal doch herrlich! Leider passiert das nicht mehr so oft, da man inzwischen ja so gut wie alles gesehen, verhandelt und inszeniert hat. Doch in Hamburg haben sich im letzten Jahr etliche ins Zeug gelegt, damit mal wieder richtig Leben in die Bude Theater kommt. Wie Sie selber einen Theaterskandal à la Volker Löschs „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden“ produzieren können, erklären wir gerne. Das Rezept für einen Theater-Hermann, den Kuchen, der immer weiter wächst und sich überall verteilt.

marat_c-at-schaefer_13

Marion Breckwoldt als Marquis de Sade in Volker Löschs "Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?" als Ekelpaket. Foto: A.T. Schäfer

(mehr …)

Marat ist da!

von Matthias Weigel

Der Anfang vom Ende: Als letztes Gastspiel des diesjährigen Theatertreffens kommt heute abend Volker Löschs „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?“ vom Deutschen Schauspielhaus in Hamburg auf die Festspielbühne. Impressionen des letzen Bühnenaufbaus beim tt09.

[media id=81 width=430 height=320]

Kamera und Schnitt: Matthias Weigel
Musik: Sudaca Power: Las Luces de la Rambla

„Tun, als ob“ geht bei Gosch nicht!

von Johannes Schneider und Matthias Weigel

Die eine ist Schauspielerin, hat schon fünfmal in Inszenierungen von Jürgen Gosch gespielt. Beim tt09 ist sie die Mascha in Tschechows „Möwe“. Dort steht auch die andere, eigentlich Regie-Hospitantin, in der Minirolle des „Dienstmädchens“ auf der Bühne, als eine von drei Laien: Meike Droste und Theresa Schütz über ihre Erfahrungen mit dem Regisseur Jürgen Gosch.

Droste und Schütz - aufmacher 1

Von schwierigen gruppendynamischen Prozessen keine Spur: Die Darstellerinnen Meike Droste (links) und Theresa Schütz. Fotos: Jan Zappner

(mehr …)

Kontroverse durch Abwesenheit

von Johannes Schneider

Als heute um 19 Uhr anstelle der Inszenierung nur ein Film über Christoph Marthalers Theater mit dem Waldhaus gezeigt wurde, war das Stück bereits einer der meist diskutierten Beiträge zum diesjährigen Theatertreffen. Eben, weil es beim tt09 niemand sehen kann.

waldhaus_c-dorothea-wimmer_15_450

Der Sportbereich des mondänen Hotels "Waldhaus" hätte sich in Berlin eventuell noch simulieren lassen, andere Interieurs jedoch nicht. Foto: Dorothea Wimmer

Man kann über das „Theater mit dem Waldhaus“ nicht viel sagen: Das Stück, das im Sommer letzten Jahres den Raum des exklusiven Künstlerhotels Waldhaus in Sils Maria im Oberengadin bespielte, hat kaum jemand gesehen. „Ein Luxusvergnügen in jedem Sinn“, nannte es die Badische Zeitung, eins, das im 5-Sterne-Hotel auf 1800 Metern Höhe „den in- und externen Gästen des Hotels vorbehalten bleibt“; jenen, die bereit waren, 150 Franken (etwa 100 Euro) für einen exklusiven Abend mit Theater und Pausendinner auszugeben. (mehr …)

Filetstücke parieren

von Kristin Becker Maximilian Grosser

Wenn Martin Kušej nicht probt, probiert er: neue Rezepte, neue Zutaten, neue Geschmacksrichtungen. Der gebürtige Kärtner, beim tt09 mit „Der Weibsteufel“ eingeladen, liebt das Kochen mindestens genauso wie das Theater. Wir sprachen mit dem Regisseur im KaDeWe über ganze Tiere und die vernachlässigte österreichische Dramatik. Ein Podcast.

Martin Kusej

Essen und Theater: Für Martin Kušej ein kollektives Ereignis und Erlebnis. Foto: Jan Zappner