Die Texte der Anderen

von Johannes Schneider

Der Autor ist tot, es lebe das Kollektiv: Der Dramatikerworkshop beim Stückemarkt des tt09 löst die Grenzen zwischen Autorenschaft und Lektorat zeitweise auf. Eine Bilanz aus dem Zentrum der Textdiskussion zwischen dem Workshopleiter, Schriftsteller und Dramaturgen John von Düffel und fünf Nachwuchsautoren.

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"Braucht es in deinem Text wirklich den Zentralfriedhof?" Beim Workshop um John von Düffel wird es auch mal grundsätzlich. Foto: Johannes Schneider

Das ist kein emotionales Gruppenkuscheln. Es ist auch kein Treffen monomanischer Autisten, kein Schaulaufen vollendeter Genies oder sonst eine Reproduktion eines Schriftstellerklischees, in dem das Zusammentreffen mehrerer auf die ein oder andere Weise den Ruch des Vergeblichen hat. Das hier ist Werkstatt pur, gnadenlos, ehrlich und gnadenlos produktiv: „Ich weiß nicht, ob du dir bewusst bist, dass das zumindest für Wiener ganz schöne Klischeesätze sind, die deine Figuren da äußern.“ „Der Gebrauch der verschiedenen Sprachen erscheint mir nicht ganz schlüssig.“ „Braucht es in dem Text wirklich den Zentralfriedhof?“ (mehr …)

„Der Tod ist anstrengend“

von Elise Graton

Pierre Notte, französischer Theaterautor und Generalsekretär der Comédie-Française in Paris, erzählt in seinem Stück „Zwei nette kleine Damen auf dem Weg nach Norden“ von der Schwierigkeit mit dem Tod umzugehen. Im Interview redet er über Traumata, Gräber und Verwirrungen in Berlin-Tempelhof.

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Katharina Thalbach und Peggy Lukac lesen die grotesk-komische Reise der Schwestern Bernadette und Annette: "Zwei kleine nette Damen auf dem Weg nach Norden" des französischen Autors Pierre Notte. Foto: Jason Kassab-Bachi

Was finden Sie eigentlich so interessant an „kleinen alten Damen“?
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Die Stimmen der Sieger

von Blog-Redaktion

Die Stückemarkt-Jury hat gesprochen, nun sprechen die Preisträger:

„Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte, aber den Preis habe ich selbstverständlich verdient. In meinem Stück habe ich ja auch nicht geschrieben, dass es keine Preise gewinnen wird, sondern dass es keine Preise gewinnen muss. Mit dem Maxim-Gorki-Theater zusammenzuarbeiten, wird großartig, und Ideen, was man mit den Moneten machen kann, habe ich auch schon – neue Schuhe wären zum Beispiel angebracht.“

Oliver Kluck, Preisträger des Förderpreises für Neue Dramatik, überlegt, ob er um diese Zeit noch seine werktätigen Eltern anrufen kann und beschließt, zumindest eine SMS an seine Mutter zu schreiben.

„Mich freut besonders, dass ich arbeiten kann: Ein Stückauftrag ist kein leerer Preis, sondern einer mit Perspektive. Ich komme in Kontakt mit Theatern und freue mich jetzt grad einfach riesig auf die feste Zusammenarbeit. Vor dem Druck, den ein solcher verpflichtender Auftrag bedeutet, habe ich keine Angst: Das ist Schriftstelleralltag.“

Nis-Momme Stockmann, Preisträger des Werkauftrags des Stückemarkts, wird nun als erstes seinen Verleger anrufen

„Ich hätte nicht gedacht, dass mein Stück fürs Radio adaptierbar ist. Aber eigentlich spielt es ja mit der Fantasie des Rezipienten. Beim Stückemarkt dabei zu sein, fand ich sehr stimulierend – endlich Feedback zu meiner Arbeit von kompetenten Leuten. So eine Möglichkeit für junge Autoren war für mich neu. In Italien, woher ich komme, gibt es nichts dergleichen. Dort hat keiner Lust, ins Theater zu investieren.“

Davide Carnevali, Preisträger von Theatertext als Hörspiel des Stückemarkts, wird vielleicht seine Freunde aus Barcelona später anrufen.

Eilmeldung

von Kristin Becker

Die Jury hat gesprochen. Die Gewinner feiern kräftig.

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Können ihr Glück kaum fassen. Die Gewinner des Stückemarkts tt09: Nis-Momme Stockmann, Davide Carnevali, Oliver Kluck (v.l.n.r) Foto: Jan Zappner

++Autorenpreise beim tt09-Stückemarkt vergeben++Überraschungen an fast allen Fronten++
Oliver Kluck mit dem Förderpreis für neue Dramatik ausgezeichnet++Werkauftrag an Nis-Momme Stockmann++Davide Carnevali wird zum Hörspiel++
erste Reaktionen der Preisträger in Kürze++

Workshop als Work-Shock

von Johannes Schneider

Auch bei diesem tt-Stückemarkt sind fünf Nachwuchsdramatiker eingeladen, ihre Arbeiten vier Tage lang in einem Autorenworkshop zu diskutieren. Ein Gespräch mit Mentor John von Düffel.

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Den Blick für das eigene Werk schärfen: John von Düffel, hier im Gespräch mit Workshop-Teilnehmer Davide Carnevali. Foto: Johannes Schneider

„Lernziel: sich selbst entdecken“ steht in der tt-Broschüre über den Dramatikerworkshop. Wie schafft man das in vier Tagen?

Die Hauptaufgabe für mich als Mentor besteht zunächst einmal darin, die spezifische Qualität der einzelnen Autorinnen und Autoren zu finden: was das ist, was der Autor erzählen will, was ihn umtreibt und beschäftigt, und wie man durch die richtigen Fragen dafür sorgen kann, dass sich seine eigene Qualität immer weiter schärft und entwickelt.
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Mein erstes Mal oder die Tränen der Evelyne

von Pierre Notte

Ich bin 17 Jahre alt und im Théâtre National von Chaillot: Einige Wochen später verlasse ich das Gymnasium um zu arbeiten, entfliehe den Abschlussprüfungen, gehe einfach nicht hin. (mehr …)

Auf einer Zugfahrt im April

von Johannes Schneider

Heute endet der Stückemarkt beim tt09, verliehen werden dann der „Förderpreis für Neue Dramatik“ und der „Werkauftrag des tt Stückemarkts“. Zeit, sich der ersten Lektüreerlebnisse  mit den fünf im Wettbewerb befindlichen Stücken zu erinnern.

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Konzentriert in der Gegenwartsbeobachtung: Stückemarkt-Autoren Sofi Oksanen und Oliver Kluck, im Vordergrund der Intendant der Berliner Festspiele (und Lyriker) Joachim Sartorius. Foto: Jason Kassab-Bachi

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Die Macht des Teleprompters

von Elise Graton

Eine szenische Lesung ist keine Inszenierung! Dennoch ist sie mehr als nur Lektüre: Sie kann einen Text zum Leben erwecken oder aber auch schaden.

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Willkommen im Kindergarten: In der szenischen Lesung von "Das Prinzip Meese" bewies Sandra Hüller Haltung. Foto: Jason Kassab-Bachi

Wie eine szenische Lesung aussieht, haben bereits die Blog-Kollegen Johannes Schneider und Matthias Weigel veranschaulicht. Zur Erinnerung: Schauspieler stehen oder sitzen auf einer Bühne, Manuskript in der Hand, und lesen ein Stück vor. Ein paar Requisiten, beispielsweise ein Bett, eine Flasche oder ein Telefon, werden ihnen manchmal gegönnt. (mehr …)

Mein erstes Mal beim Kasperl?

von Stephan Lack

Wann begann die Liebe zum Theater? Was war die erste dramatische Berührung? Stückemarkt-Autoren erzählen von frühen Leidenschaften – eine Serie zum tt09, exklusiv für den Theatertreffen-Blog.

So gern ich die Frage beantworten wollte, ich muss gestehen: Mir fehlt jegliche Erinnerung an mein erstes Mal Theater. Wahrscheinlich war es ein Opernbesuch, oder ich beginne noch früher, bei meinem Abo für den Kasperl in der Wiener Urania, ich weiß es nicht mehr. Und wenn es mir doch gelänge, wenige Erinnerungsfetzen hervorzuklauben und in Sätze zu packen, wäre es mit Sicherheit uninteressanter zu lesen, als ein Bericht über meinen ersten Schultag.

Aber natürlich gibt es ein erstes Mal, oder gleich mehrere erste Male: eine erste Bewusstwerdung für die Kraft der Suggestion, für die Möglichkeiten des theatralen Raumes, für das Gegenspiel von Wörtern und Körpern, ein erstes Mal die Erfahrung der Notwendigkeit von Auslassungen, ein andermal das erste Erleben von Grenzen im Theater, von Überempfindlichkeit, von wohltuender Überforderung, von Verwirrung und Chaos, von Balance, von Rhythmus, von dem Eintreten und der plötzlichen Verwerfung von Erwartungshaltungen usw. (mehr …)

Das erste Mal mit Hänsel und Gretel

von Ursula Knoll

Wann begann die Liebe zum Theater? Was war die erste dramatische Berührung? Stückemarkt-Autoren erzählen von frühen Leidenschaften – eine Serie zum tt09, exklusiv für den Theatertreffen-Blog.

„hänsel und gretel“ von engelbert humperdinck war mein erstes mal theater, oder eben in diesem fall oper, ich war fünf und hatte ein halbes jahr lang danach immer noch albträume, jede nacht, das schreckhafte kind, das ich war, wegen der lauten musik, dem großen dunklen raum und der blöden hexe, und dann kam lange nichts aufregendes, bis zu jelineks „sportstück“ in der inszenierung von einar schleef, in das ich gleich zweimal gerannt bin, stehplatz fünf oder sechs stunden am stück, vor lauter begeisterung, diese bis heute prägend, wie der dunkle raum und die laute musik.