Im Auge der Macht

von Kristin Becker und Anna Postels

Andreas Kriegenburg hat Kafkas „Der Prozess“ als bildmächtige Parabel inszeniert. Das seltsame Leiden der Hauptfigur an einem ominösen Gerichtsprozess lässt er acht Schauspieler auf einer eindrucksvollen vertikalen Drehbühnenkonstruktion exerzieren. Nicht zum ersten Mal war der Regisseur dabei sein eigener Bühnenbildner. Wir wagen zwei Überlegungen zu seinem Bewegungskonzept.

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Gegen das Gesetz der Schwerkraft: "Der Prozess" in der Inszenierung von Andreas Kriegenburg beim tt09. Foto: Arno Declair

Mühlen der Bürokratie

Aus einer Tür im eisernen Vorhang tritt ein Menschlein in schwarz-weiß auf die Bühne und diktiert den Gesellschaftsvertrag des Abends: Der Zuschauer möge nicht nur auf die vorgezeigte Bügelwäsche achtgeben, sondern bitte auch auf Vorder- und Nebenmann, jeder eben wie er’s kann. Mit geringem Aufwand ein stabiles, sicheres System schaffen, lautet die Aufgabe. Man könnte auch sagen: Weck die Stasi in dir.

Denn kaum ist die Eisenwand weg, starrt man in ein bühnenfüllendes Auge der Macht, in dessen Pupille sich unablässig die Geschichte dreht. Die Schwerkraft scheint dort aufgehoben; scheinbar mühelos sitzen, stehen und bewegen sich Klone von Kafkas Hauptfigur K., die abwechselnd auch zu Nebenfiguren werden, in der vertikalen und horizontalen Rotation. Ab und zu dürfen sie auf festen Boden, meistens aber hängen und hangeln sie auf der Scheibe. Es ist ein beeindruckendes, bewegtes Bild, das Andreas Kriegenburg für die Mühlen der anonymen Gerichtsbürokratie gefunden hat, in die Herr K. gerät. Er wird verhaftet, aber nicht eingesperrt, doch seine Überwachung ist total. Das große Pupillenrad – mal Karussell, mal Schaufelrad, mal Schießbuden-Zielscheibe – ist die Spählinse, auf der der vielfache Herr K. als ausgeliefertes Ornament seinen Dienst tut. Die perfide Monotonie der Drehung bricht den Willen zum Widerstand – auch des Zuschauers, der sich überwältigt, irgendwann auch erschöpft der Bildgewalt der Inszenierung ergibt. Die Massenhypnose, die Kriegenburg dabei gelingt, ist am nächsten Morgen eine bedrückende Erinnerung an den Abend. Kristin Becker

Hamster im Laufrad

Am Anfang ist die Bühne vor allem „wow“! Sie verwirrt das Auge des Zuschauers wie eine optische Täuschung. Von oben schaut man in ein Zimmer wie ein Vogel, sieht Bett, Stühle, Tische und sogar Menschen im Bett liegen oder auf den Stühlen sitzen. Andreas Kriegenburg hat den Boden des Zimmers schräg gestellt wie eine Kletterwand. Drumherum wölbt sich ein mondweißer Rand, der aussieht wie ein überdimensionales aufgeschnittenes Ei oder Auge. Mit diesen zwei Teilen, Drehscheibe und Eierschale, lässt sich multifunktional wahrhaft Wunderschönes zaubern. Die Kletterwand entpuppt sich nicht nur als sich drehende Scheibe, sondern kann sich auch noch heben und senken, vielleicht hat Kriegenburg dabei an Goethe gedacht: „Das ist die Welt, sie steigt und fällt.“

Im Laufe der drei Stunden wird die Drehscheibe jedoch immer unberechenbarer. Acht Josef K.s kämpfen darum, dass ihnen nicht der Boden unter den Füßen weggezogen wird, dass sie nicht vom Rand fallen wie von der Erdscheibe (vor Galileo Galileis Kugelbeweis), dass ihnen nicht zu schwindelig wird vom vielen Drehen, dass sie das Gleichgewicht halten beim Kippen. Immer in Bewegung zwingt die Scheibe die armen K.s zur ständigen Aktion, hetzt und drängelt sie und lässt sie nie zur Ruhe kommen wie Hamster im Laufrad. Und die Drehscheibe wird sogar noch gefährlicher, zu einer Schießscheibe, an der die K.s hängen wie auf dem Jahrmarkt in der Schießbude. Oder zur Messerwurf-Nummer im Zirkus, an der ein K. steht, sich dreht und schließlich tot ist – allerdings ohne Messerwurf. Doch am Ende, da greift Kriegenburg tief in die Kitsch-Kiste, lässt die Scheibe langsam das Ei verschließen, letzte mondhelle Lichtstrahlen leuchten von hinten durch den letzten Spalt. In der Mitte der Scheibe (ein) Josef K., hingerichtet, mit Blut auf dem weißen Hemd, mit ausgebreiteten Armen, wie ein Jesus. Anna Postels

*Kleine Ikonographie*

Ei: Fruchtbarkeitssymbol; in der Kosmologie das Symbol der Einheit des Universums; als Traumsymbol Zeichen der Wiedergeburt, Keimzelle für Neues und sich Wandelndes.

Auge: in der Bibel Symbol der Wachsamkeit, Allwissenheit, Gegenwart Gottes und Erkenntnisfähigkeit; das alle Geheimnisse durchdringende allwissende Auge.

Mond: steht für Wechsel und Wandel; die abendländische Mythologie glaubt, dass der Mond Gefühl, Gemüt und Leidenschaft beherrscht; in der Traumdeutung repräsentiert er die eigene Gefühlswelt und die eigene, unbekannte Seite.

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