Artikel-Schlagworte: „Johannes Schneider“

Die Messe ist gelesen, es bleibt das Evangelium!

von Johannes Schneider

Das Theatertreffen ist vorbei, die Theaterferien stehen vor der Tür. Eine Möglichkeit, zumindest einige Themen des Treffens (Biographismus, Betroffenheit, Schlingensief) präsent zu halten: Man liest Christoph Schlingensiefs „Tagebuch einer Krebserkrankung“ So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein. Eine Empfehlung.

Generalprobe Kirche der Angst

Inszenieren, zelebrieren, schreiben: Schlingensief (hier in der "Kirche der Angst vor dem Fremden in mir") macht alles. Foto: Jan Zappner

Die Fragmente der Schlingensiefschen Tonbandprotokolle aus der Zeit seiner Krebserkrankung, die das Stück „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ teilweise übermächtig emotionalisierten und die nun im Textkorpus des Buchs „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein“ aufgegangen sind, wirken transkribiert und gedruckt deutlich weniger dramatisch: Die Krebsdiagnose („Wir haben den Befund und das ist große Scheiße“) liest sich lakonisch, die Aufzählung der möglichen Leidenswege („Operation, Chemo und Bestrahlung, oder eben erst Chemo, dann Operation, danach Bestrahlung und dann noch mal Bestrahlung … oder Chemo.“) erscheint in Schlingensiefs „Tagebuch einer Krebserkrankung“ (so der Untertitel) schlicht sachlich. (mehr …)

Das ABC der Schlussdiskussion

von Kristin Becker Johannes Schneider

Blutige Nasen. Weinende Männer. Kaputtes Geschirr. Was hatten wir nicht alles erwartet vom Höhepunkt des Theatertreffens – der Jury-Diskussion. Die sieben Juroren stellten sich dem Publikum – und alles blieb gähnend friedlich. Wir haben nichts Neues erfahren und fassen es trotzdem zusammen. (mehr …)

Ein Chorleiter nervt gewaltig

von Johannes Schneider

Eigentlich sollte unser Treffen mit Hartz IV-Empfängern aus Volker Löschs „Marat“-Chor nur dazu dienen, diese hinterher in Audioporträts vorzustellen und sie derart der Anonymität des Chorischen zu entreißen. Im Zuge des Interviews ereignete sich aber noch etwas, von dem sich schwerlich schweigen lässt. Eine Randglosse mit ersten, unkommentierten O-Tönen der Chormitglieder als Hördateien am Ende.

Es war schon eine merkwürdige Konstellation, die sich da am Samstagabend gegen 22 Uhr auf einer düsteren Probenbühne in der Komödie am Kurfürstendamm ergeben hatte: Zehn von der nachmittäglichen Anreise aus Hamburg erschöpfte Mitglieder des Hartz IV-Chores aus Volker Löschs „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?“ trafen auf drei von drei Wochen tt09 nicht minder erschöpfte Redakteure des tt-Blogs. (mehr …)

„Tun, als ob“ geht bei Gosch nicht!

von Johannes Schneider und Matthias Weigel

Die eine ist Schauspielerin, hat schon fünfmal in Inszenierungen von Jürgen Gosch gespielt. Beim tt09 ist sie die Mascha in Tschechows „Möwe“. Dort steht auch die andere, eigentlich Regie-Hospitantin, in der Minirolle des „Dienstmädchens“ auf der Bühne, als eine von drei Laien: Meike Droste und Theresa Schütz über ihre Erfahrungen mit dem Regisseur Jürgen Gosch.

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Von schwierigen gruppendynamischen Prozessen keine Spur: Die Darstellerinnen Meike Droste (links) und Theresa Schütz. Fotos: Jan Zappner

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Kontroverse durch Abwesenheit

von Johannes Schneider

Als heute um 19 Uhr anstelle der Inszenierung nur ein Film über Christoph Marthalers Theater mit dem Waldhaus gezeigt wurde, war das Stück bereits einer der meist diskutierten Beiträge zum diesjährigen Theatertreffen. Eben, weil es beim tt09 niemand sehen kann.

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Der Sportbereich des mondänen Hotels "Waldhaus" hätte sich in Berlin eventuell noch simulieren lassen, andere Interieurs jedoch nicht. Foto: Dorothea Wimmer

Man kann über das „Theater mit dem Waldhaus“ nicht viel sagen: Das Stück, das im Sommer letzten Jahres den Raum des exklusiven Künstlerhotels Waldhaus in Sils Maria im Oberengadin bespielte, hat kaum jemand gesehen. „Ein Luxusvergnügen in jedem Sinn“, nannte es die Badische Zeitung, eins, das im 5-Sterne-Hotel auf 1800 Metern Höhe „den in- und externen Gästen des Hotels vorbehalten bleibt“; jenen, die bereit waren, 150 Franken (etwa 100 Euro) für einen exklusiven Abend mit Theater und Pausendinner auszugeben. (mehr …)

Ist das noch Theater, Herr Meyerhoff?

von Johannes Schneider

Um 0.30 Uhr, nach fünf Stunden Solo-Lesung der ersten drei Teile seiner autobiographischen Reihe „Alle Toten fliegen hoch“ und anschließendem Publikumsgespräch, nimmt sich Joachim Meyerhoff noch Zeit für den tt-Blog. Unausgesprochen im Mittelpunkt des Gesprächs steht die Frage, die Kollege Matthias Weigel in seinen „Pausentönen“ zu Meyerhoffs Premiere am Mittwoch angestoßen hat: Ist das noch Theater?

2005 haben Sie hier im Maxim-Gorki-Theater mit „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war?“ ein Stück inszeniert, das Ihre eigene Biographie thematisiert, damals allerdings noch mit Schauspielern und verteilten Rollen. Nun lesen Sie bei „Alle Toten fliegen hoch“, das sich ebenfalls stark aus Ihrer Biographie speist, nur noch vor. Wundert es Sie, dass Sie mit dieser viel weniger theatralen Form zum Theatertreffen eingeladen wurden?

Ich finde nicht, dass diese Form weniger theatral ist. (mehr …)

Die Texte der Anderen

von Johannes Schneider

Der Autor ist tot, es lebe das Kollektiv: Der Dramatikerworkshop beim Stückemarkt des tt09 löst die Grenzen zwischen Autorenschaft und Lektorat zeitweise auf. Eine Bilanz aus dem Zentrum der Textdiskussion zwischen dem Workshopleiter, Schriftsteller und Dramaturgen John von Düffel und fünf Nachwuchsautoren.

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"Braucht es in deinem Text wirklich den Zentralfriedhof?" Beim Workshop um John von Düffel wird es auch mal grundsätzlich. Foto: Johannes Schneider

Das ist kein emotionales Gruppenkuscheln. Es ist auch kein Treffen monomanischer Autisten, kein Schaulaufen vollendeter Genies oder sonst eine Reproduktion eines Schriftstellerklischees, in dem das Zusammentreffen mehrerer auf die ein oder andere Weise den Ruch des Vergeblichen hat. Das hier ist Werkstatt pur, gnadenlos, ehrlich und gnadenlos produktiv: „Ich weiß nicht, ob du dir bewusst bist, dass das zumindest für Wiener ganz schöne Klischeesätze sind, die deine Figuren da äußern.“ „Der Gebrauch der verschiedenen Sprachen erscheint mir nicht ganz schlüssig.“ „Braucht es in dem Text wirklich den Zentralfriedhof?“ (mehr …)

Der Theaterarzt

von Anna Postels, Johannes Schneider und Matthias Weigel

Breitcord-Sakko, weite Kragenaufschläge, Koteletten und Beatles-Frisur: Der Mann fällt auf, selbst im exzentrischen Theatermilieu. Dabei hat er einen ganz bürgerlichen Beruf: Axel Othmer ist Arzt, im Hauptberuf Kinderchirurg, in seiner Freizeit akkreditierter Theaterarzt an den Hamburger Schauspielhäusern. Zum Berliner Theatertreffen kam er durch einen Zufall, wie er in unserem Videoporträt berichtet.

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Autoren: Anna Postels, Johannes Schneider, Matthias Weigel
Kamera und Schnitt: Matthias Weigel

Die Stimmen der Sieger

von Blog-Redaktion

Die Stückemarkt-Jury hat gesprochen, nun sprechen die Preisträger:

„Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte, aber den Preis habe ich selbstverständlich verdient. In meinem Stück habe ich ja auch nicht geschrieben, dass es keine Preise gewinnen wird, sondern dass es keine Preise gewinnen muss. Mit dem Maxim-Gorki-Theater zusammenzuarbeiten, wird großartig, und Ideen, was man mit den Moneten machen kann, habe ich auch schon – neue Schuhe wären zum Beispiel angebracht.“

Oliver Kluck, Preisträger des Förderpreises für Neue Dramatik, überlegt, ob er um diese Zeit noch seine werktätigen Eltern anrufen kann und beschließt, zumindest eine SMS an seine Mutter zu schreiben.

„Mich freut besonders, dass ich arbeiten kann: Ein Stückauftrag ist kein leerer Preis, sondern einer mit Perspektive. Ich komme in Kontakt mit Theatern und freue mich jetzt grad einfach riesig auf die feste Zusammenarbeit. Vor dem Druck, den ein solcher verpflichtender Auftrag bedeutet, habe ich keine Angst: Das ist Schriftstelleralltag.“

Nis-Momme Stockmann, Preisträger des Werkauftrags des Stückemarkts, wird nun als erstes seinen Verleger anrufen

„Ich hätte nicht gedacht, dass mein Stück fürs Radio adaptierbar ist. Aber eigentlich spielt es ja mit der Fantasie des Rezipienten. Beim Stückemarkt dabei zu sein, fand ich sehr stimulierend – endlich Feedback zu meiner Arbeit von kompetenten Leuten. So eine Möglichkeit für junge Autoren war für mich neu. In Italien, woher ich komme, gibt es nichts dergleichen. Dort hat keiner Lust, ins Theater zu investieren.“

Davide Carnevali, Preisträger von Theatertext als Hörspiel des Stückemarkts, wird vielleicht seine Freunde aus Barcelona später anrufen.

Workshop als Work-Shock

von Johannes Schneider

Auch bei diesem tt-Stückemarkt sind fünf Nachwuchsdramatiker eingeladen, ihre Arbeiten vier Tage lang in einem Autorenworkshop zu diskutieren. Ein Gespräch mit Mentor John von Düffel.

Foto John von Düffel, Johannes

Den Blick für das eigene Werk schärfen: John von Düffel, hier im Gespräch mit Workshop-Teilnehmer Davide Carnevali. Foto: Johannes Schneider

„Lernziel: sich selbst entdecken“ steht in der tt-Broschüre über den Dramatikerworkshop. Wie schafft man das in vier Tagen?

Die Hauptaufgabe für mich als Mentor besteht zunächst einmal darin, die spezifische Qualität der einzelnen Autorinnen und Autoren zu finden: was das ist, was der Autor erzählen will, was ihn umtreibt und beschäftigt, und wie man durch die richtigen Fragen dafür sorgen kann, dass sich seine eigene Qualität immer weiter schärft und entwickelt.
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