8. Mai 2010 - 17:16 uhr

Liebe in Zeiten des Prekariats. Ein Reality Check.

von Alexandra Müller

Für einen Fernsehbeitrag, der heute Abend um 20.15 Uhr in der Sendung Foyer auf 3sat zu sehen ist, sind drei Blogger mit Kamera und Mikrofon durch Wien und Berlin gezogen. Auf der Suche nach heutigen Kasimirs und Karolines. Ein Produktionsbericht.

Es gibt da dieses Pärchen in meinem Hinterhof. Sie haben sich rechts hinter den Mülltonnen einen braunen Holztisch mit vier Stühlen hingestellt. Da sitzen sie jeden Tag bei schönem Wetter und spielen Karten. Sie sitzen auch da, als ich zum ersten Mal „Kasimir und Karoline“ lese, Ödön von Horváths Stück über ein Pärchen, das an der Arbeitslosigkeit des jungen Mannes zerbricht, der nicht von dem Gedanken lassen kann, seiner Liebsten nun nichts mehr bieten zu können.

Raus in den Block, Alter

Ich weiß nichts über die beiden da unten. Aber sie bringen mich auf einen Gedanken: Wie sieht es vor meinem Haus aus? Gibt es dort moderne Kasimirs und Karolines? Immerhin ist das hier Berlin-Neukölln, ein Stadtteil mit 29.594 Arbeitslosen – einer Quote von 21,7 Prozent.

Während also Blog-Kollege Kai in Wien hochästhetisierte Kasimirs und Karolines durch den Prater schickt, ziehe ich mit Blog-Kollegin Elisabeth und Kamera in meine „Hood“ zwischen Sonnenallee und Karl-Marx-Straße. Hier mischen sich die hippen Neu-Prekären mit den Alteingesessenen: Gleich bei mir um die Ecke berät eine Kneipe jeden Freitag kostenlos Hartz-IV-Empfänger, drei Häuser weiter bietet ein Cafe laktosefreie Latti Macchiati an.

Schüchterne Annäherung

Schüchtern stehen wir mit Kamera und Mikrofon im Körnerpark und suchen nach ersten Interviewpartnern. Wir sind uns einer Sache sicher: Sozialkitsch wollen wir nicht. Das Theater soll nur ein winziges Stückchen ins Leben gebracht werden: Reality Check. Aber wie stellt man sowas an?

Wir trauen uns als erstes an ein junges Pärchen heran, Teenager. Während das Mädchen sich geschickt aus dem Bild entfernt, klärt uns ihr Freund darüber auf, dass er alles habe, was er brauche: „Das gibt mir meine Mama.“ Wir ziehen weiter, über die Karl-Marx-Straße, Richtung Richardplatz. Hier auf dem Spielplatz sitzt der Kulturmix Neuköllns gerne beisammen und betrachtet seinen Nachwuchs. Heute spielen nur ein paar Kleinkinder unter dem bewölkten Himmel. Kein bisschen Brennpunkt.

Wir sprechen ein weiteres Pärchen an. Wie hat sich die Wirtschaftskrise auf sie ausgewirkt? „Wir waren vorher arm und sind jetzt auch noch arm“, klären sie uns auf. Kann man sich denn so einfach lieben, wenn man kein Geld hat?, fragen wir naiv. „Gute Frage“, ist die lachende Antwort. Sie hätten sich kennengelernt und gewusst, dass für sie keine großen Reichtümer zu erwarten wären. Das sei eben so. Mit diesen Schlussworten ziehen die beiden mit ihrem Kinderwagen weiter zum Böhmischen Platz, wo sie ein winziges Puppentheater betreiben.

Wirtschaftskrise: Nein, danke.

Auch zum großen Thema Wirtschaftskrise ist nicht viel zu holen. Überall fallen Stichworte wie Arbeitslosigkeit, Hoffnungs- und/oder Perspektivlosigkeit, im Unterton schwingt aber vor allem eine große Müdigkeit mit. „Irgendein Thema brauchen die Theaterleute ja immer“, sagt eine Studentin, „mir fällt jetzt auch kein besseres ein, aber die Wirtschaftskrise … das war doch letztes Jahr.“

Ganz abgebrüht werden wir in meinem Stammkiosk an der Sonnenallee empfangen: „Die haben doch alle gewusst, dass der Crash kommt. Was soll man da noch sagen“, sagt ein Mann in unserem Alter und macht die Reißverschluss-Schließ-Bewegung vor seinem Mund. Er sitzt mit drei anderen an einer Bierzeltgarnitur, im Hintergrund dudeln Spielautomaten. „Mein Kind wurde vor nem halben Jahr geboren, ich hab kein Geld und trotzdem lieb ich es“, kontert sein Freund auf die Erzählung des Schicksals von Kasimir und Karoline.

Auf der Straße treffen wir einen jungen Mann, der Kasimir überhaupt nicht verstehen kann: „Warum sollte man sich nicht lieben, nur weil man arm ist? In meiner Beziehung ist das so, und auf mich hat das überhaupt keine Auswirkungen.“ Damit lassen wir Neukölln Neukölln sein und sichten unser Material.

„Which crisis? We work in Norway!“

Am nächsten Tag wechseln wir auf den Ku’Damm. Wir finden: Ladenbesitzer und Touristen. Ein italienischer Gastronom klärt uns darüber auf, dass Geld immer wichtig ist: „Du musst Miete bezahlen, du musst Angestellte bezahlen, du musst Finanzamt bezahlen.“ In der Liebe aber, da sieht er keine Probleme.

Ein Kölner Pärchen, Rentner im Urlaub, versteht die Frage nach Liebe und Geld zunächst nicht. Erst als ich wieder den Niedergang von Kasimir und Karoline schildere, wird der männliche Part des Paares aufmerksam: „Ja, das ist eine Falle in die viele Männer geraten. Man hat kein Geld mehr, kann die Frau nicht mehr verwöhnen, das soll ja vorkommen, die sucht sich dann vielleicht jemand anderen, der mehr Zeit für sie hat, so kommt dat Rädsche ins Rollen … “

Ein schwedisches Ehepaar hingegen, ebenfalls im Urlaub, spring sofort auf die Frage an: Ja, Geld wäre sehr wichtig in Beziehungen. Der Mann dieses Pärchens habe sogar mal in einer Beziehung gelebt, in der sie arm gewesen seien, das hätte viele Probleme mit sich gebracht. Besonders für die Beziehung.

Geschlechterrollen? Gesellschaftsrollen?

Ganz zufrieden sind wir nach zwei Tagen O-Töne-Sammeln noch immer nicht. Waren unsere Fragen zu naiv oder zu kompliziert gestellt? Oder hat Horváth in „Kasimir und Karoline“ einen Zustand aufgeschrieben, der nachvollziehbar, aber nicht realistisch ist? Oder finden wir einfach nicht die richtigen Leute?

Wir wagen eine allerletze Runde durch das nächtliche Kreuzberg, kurz vor Drehschluss, und fragen diesmal potenzielle Besucher des Theatertreffens nach ihrem Leben, Lieben und Geld verdienen. Langsam finden wir unseren Stil und unsere Fragen. „Man würde ja immer gerne ganz politisch korrekt sagen, dass das Geld in Beziehungen keine Rolle spielt …“ erklärt ein junger Mann am Kotti.

„Vielleicht kommt es darauf an, ob es der Mann oder die Frau ist, die keine Arbeit oder kein Geld hat“, überlegt ein französischer Übersetzer. „Joar … einige Frauen finde es vielleicht schon wichtig, dass der Mann nen höheren sozialen Status hat“, überlegt ein Mann in blauer Trainingsjacke. Wir überlegen auch: Was genau haben wir eigentlich erwartet?

Die eigentliche Inszenierung von „Kasimir und Karoline“ ist beim Theatertreffen angelaufen und die Zuschauer dürfen ihren jeweils eigenen Reality Check machen. Oder sich wahlweise fragen, ob Theater überhaupt einem Reality Check standhalten muss. Ich würde mich gerne nochmal mit dem Pärchen im Hof darüber unterhalten. Aber das Wetter ist jetzt zu schlecht, um im Hof Karten zu spielen.

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Bisher ein Kommentar

  1. Avatar ChristineOTheatre sagt:

    Ach Leute, was habt Ihr erwartet? Arm sein ist immer schlimm, Liebe sollte drüber stehen – aber ob sie es immer tut? Der gute ÖvH ist immer noch aktuell – leider.