10. Mai 2010 - 15:59 uhr

Der Schrein trügt

von Kai Kroesche

Mitten auf Annette Kurz‘ ansonsten kahler Bühne zu Luk Percevals „Kleiner Mann – was nun?“-Inszenierung steht groß und bedrohlich ein Orchestrion, für das der Theater- und Filmkomponist Mathis Nitschke einen Theatersoundtrack geschrieben hat. Ein Blick hinter die Kulissen des beeindruckenden Multi-Instruments. Mit Gewinnspiel am Ende.

Unheimlich und faszinierend zugleich: Das Orchestrion von Annette Kurz und Mathis Nitschke.

Es wirkt wie eine dieser beunruhigenden Maschinen aus einer Erzählung von Franz Kafka – fortschrittlich-faszinierend auf der einen, bedrohlich-einschüchternd auf der anderen Seite. Das Orchestrion, das das Bühnenbild zu Luk Percevals „Kleiner Mann – was nun?“  dominiert, ist kunstvoll-technisches Kuriosum und nüchterne Rationalisierungsmaschine zugleich, die die Lochpapierstreifen frisst und ausspuckt wie eine neoliberale Leistungsgesellschaft ihr „Humankapital“.

Es spielt herzerwärmende Musik, leuchtet warm und einladend im ansonsten von den bläulich-urbanen Großstadt-Bildern der Videoprojektion eingefärbten Raum, spendet Trost und Ablenkung vom grauen und harten Alltag – und macht gleichzeitig ein ganzes Orchester obsolet. Moderner Fortschrittsglaube und postmoderne Skepsis vereinen sich zu einem unlösbaren Widerspruch im Bühnenbild von Annette Kurz. Das Orchestrion mutiert zur den ewigen Teufelskreis sozialer Abhängigkeiten in Gang bringenden Höllenmaschine.

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„Ausflug“ aus der Theatermusik zu „Kleiner Mann – was nun?“ von Mathis Nitschke.

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Es ist genau dieses Eigenleben, das die Bühnenbildnerin Annette Kurz interessiert: Anstatt lediglich das Regiekonzept zu illustrieren, soll die Bühne im Fortlauf einer Inszenierung eine eigene Geschichte erzählen, eingreifen in das Geschehen und das Spiel beeinflussen. Dass die Wahl im Fall der Bühne zu „Kleiner Mann – was nun?“ auf jenes den historischen Bogen in die 1920er Jahre spannende Instrument fiel, war Ausgang eines längeren Prozesses: Kurz entwarf verschiedenste Bühnen-Konzepte (unter anderem überlegte sie, zeitgenössische LED-Anzeigen der Börsenkurse zu verwenden), doch keine der Ideen schien richtig. Nachdem sie – eigentlich nur, um die Atmosphäre im Berlin Ende der 20er Jahre zu illustrieren – Perceval den Ruttmann-Film „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ zeigte, war der Regisseur sogar zwischenzeitlich ganz und gar von der Idee überzeugt, auf ein Bühnenbild komplett zu verzichten – abgesehen von projizierten Filmausschnitten.

Gespräch um Mitternacht

Als Kurz jedoch eines Nachmittags auf der Straße einen Drehorgelspieler beobachtete, kam ihr die zündende Idee, ein selbstspielendes Instrument auf die Bühne zu bringen. Noch in derselben Nacht kontaktierte sie den Münchner Film- und Theatermusikkomponisten Mathis Nitschke. Da von Beginn an feststand, dass mit dem für die Bühne zur Verfügung stehenden Budget von rund 30.000 EUR (in der auch die Kosten für die Projektion und ähnliches enthalten waren) kein vollständig neues Instrument in Auftrag gegeben werden konnte, entwarfen Kurz und Nitschke im Team aus bestehenden Elementen selbst ein (beinahe) voll funktionsfähiges Orchestrion. Während sich Nitschke auf der technischen Seite um die Funktionsfähigkeit der Musik-Maschine, auf der künstlerisch-kreativen Seite um die auf dem Instrument gespielte Musik kümmerte, zeichnet Kurz für die ästhetische Konzeption des Instruments verantwortlich: Sie sichtete unzählige Youtube-Videos, untersuchte Kinoorgeln und Polyphone und wälzte Fachbücher mit alten Illustrationen. Dass sie mit Originalmaterialien arbeiten wollte, stand für sie dabei von Beginn an fest. Über den Tipp eines US-amerikanischen Orchestrion-Besitzers, auf den Kurz und Nitschke über ein Youtube-Video stießen, stellten sie den Kontakt zu einem Sammler in der Nähe von München her, der einen Großteil der im Orchestrion zur Verwendung kommenden Instrumente bereit stellte; das hölzerne Gehäuse entstand aus umgebauten Schränken aus französischen Antiquariaten.

Perfektes Teamwork: Annette Kurz und Mathis Nitschke vor dem Orchestrion.

Bis jedoch das endgültige Konzept des Orchestrions feststand, durchlief das Bühnenbild verschiedene Stadien: Noch bei der Bauprobe füllte das Gebilde die gesamte Breite der Bühne, sollte die Musik statt durch eine Vielzahl verschiedenster simultan angesteuerter Instrumente durch die Lochwalzen eines Polyphons erklingen. Erst spät fiel die endgültige Wahl auf jenen einem Altar oder Schrein ähnlichen Schrank mit Flügeltüren, den Kurz nach dem Vorbild eines echten Orchestrions aus den 20er Jahren gestaltete. Die Bühnenbildnerin hat die Ästhetik des ursprünglich von starken Verzierungen geprägten Instruments weitergedacht. Das Ergebnis ist eine rohere und funktionalere Ästhetik, die nicht von der Maschinerie abzulenken versucht, sondern diese bewusst ausstellt und so auch in ihrem metaphorischen Zwiespalt spürbar macht.

Im Angesicht dieses beinahe religiös konnotierten Schranks gelangt das Spiel schließlich auch zu einer Form von Andacht, ja beinahe Götzendienst: Die Figuren suchen gleichzeitig Trost und Erlösung im Angesicht dieser Traum-Maschine, zeitgleich ist diese wiederum selbst trügerischer Ausdruck jener alles zermalmenden Maschinerie, die die Menschen erst ins Elend stürzt.

Vorstufe: Das Instrument füllt die gesamte Breite der Bühne.

Vorstufen aus dem Bühnenbild von Annette Kurz.

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Anders als die historischen Instrumente funktioniert das Bühnenorchestrion nicht durch Pneumatik, sondern wird über Elektromagneten per Midisignal angesteuert, erklärt Nitschke. Er freue sich darüber, dass seine Musik stets in derselben Lautstärke und bis zum Ende durchgespielt werden muss – auch wenn das eine besondere Herausforderung an ihn als Musiker stelle. Überhaupt verlieren Nitschke und Kurz ausschließlich positive Worte über die Arbeit an „Kleiner Mann – was nun?“: Selten funktioniere die Zusammenarbeit so sehr auf Augenhöhe wie mit Luk Perceval, der (anders als Regisseure, die Bühnenbildner oder Komponisten zu reinen Handlangern eines monoperspektivischen Regiekonzepts degradieren) wohl nicht zuletzt durch seine langjährige Arbeit in der freien Szene alle Beteiligten gleich ernst nehme.

Ob dieser Verzicht auf eine egozentrische Hierarchie tatsächlich zu einem dichten und ästhetisch schlüssigen Theaterabend geführt hat, kann jeder, der Karten bekommen hat, heute abend in der Theatertreffen-Premiere im Haus der Berliner Festspiele oder in einer der weiteren Vorstellungen überprüfen – oder morgen in unserer Frühkritik auf dem Theatertreffen-Blog nachlesen.

Quiz: Wer ist Jakob Brilhoedt? Der erste, der per Kommentar-Funktion die richtige Antwort samt Begründung postet, gewinnt ein Freigetränk, einzulösen vor oder nach einer beliebigen Theatertreffen-Vorstellung im Haus der Berliner Festspiele!

Wer ist Jakob Brilhoedt? Alle Fotos: Kai Krösche.

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