16. Mai 2010 - 13:21 uhr

Internationaler Blogger-Stammtisch

von Nikola Richter

Fühlst du was? Was bringt das? Warum sitzt du hier vor dem Bildschirm? Self-promotion, künstlerisches Recherche-Archiv, journalistische Reste-Verwertung, Tagebuch für die Familie, neue Schreibformate ausprobieren: Deshalb haben wir mit dem Bloggen angefangen.

Wir sitzen im Redaktionsraum der Theatertreffen-Blogger, dort, wo sonst der Intendant (und Neublogger) Joachim Sartorius mit der Festivaljury tagt. Der Spagat zwischen dem so unkörperlichen, ewig verfügbaren Netzschreiben und dem vergänglichen, aber sinnlich erlebbaren Theater scheint groß zu sein, aber wir wollen ihm bei einem Internationalen Blogger-Stammtisch auf der Achtung-Transit-Konferenz nachspüren, von unseren Erfahrungen erzählen. Wir reden über die kontraproduktive Anonymität im Netz („Du trägst doch auch im Kaffeehaus keine Maske“, sagt der isländische Regisseur und Online-Journalist Símon Birgisson), über die Schnelligkeit von Straßenjournalismus und das monopol– und hierarchiefreie Publizieren ohne Schlussredaktion. Das ist hier beim Theatertreffen-Blog etwas anders, schließlich sind wir an eine Institution angebunden – allerdings mit einer Festivalleiterin, die unsere Denk- und Redefreiheit liebt (Danke, Iris!). Dass Bloggen nämlich nur funktioniert, wenn man den Kontrollverlust nicht fürchtet, Material und Gedanken loslassen kann, „you have to divorce them“, wie Shane Anderson es formuliert, darüber sind sich alle einig.

Wie diese Gedanken aussehen, ist dann aber kulturell sehr verschieden: Die Nische für deutschsprachige Regietheaterkritik auf Chinesisch ist sehr klein, daher muss die Bloggerin Weiyi Zhang die deutschen mit chinesischen Darstellungsformen abgleichen. Die Tanzkuratorin Vanini Berlamino von den Philippinen, die seit zwei Jahren in Berlin lebt, schreibt für koreanische institutionelle Webseiten über die Tanzszene in der Hauptstadt – aber kritisieren ist nicht erlaubt, nur beschreiben. So versteckt sie jegliche Meinungsweiterleitung in ellenlangen Fußnoten. Denn ja, es geht doch um Meinung hier im Netz und überall. Daher hat der niederländische Journalist Simon van den Berg 1997 das erste niederländische Online-Portal für Theaterkritik gegründet, moose.nl (weil sie in einem Café saßen, dass Elch hieß): Jeder, der wollte, konnte 5-Satzkritiken einschicken. „Wir waren so gelangweilt von der klassischen Theaterkritik.“ Da es damals noch keine Blog-Software gab, mussten sie alles manuell einpflegen; strukturelle Förderung bekamen sie nicht, denn auch hier war die Zielgruppe zu klein. Jetzt arbeiten die Gründer in klassischen Redaktionen – „die Seite wird nächstes Jahr sterben“, sagt Simon.

Diese Entwicklung spiegelt wider, was auch in anderen Ländern passiert. Wenn Blogger bekannt werden, saugen die „alten Medien“ sie ein. „Es wird immer schwieriger, ein freier, unabhängiger Blogger zu sein“, weiß auch Símon. Barbara Behrendt, die vor sechs Monaten ihren Dreigroschenblog startete, um längeren Texte zu schreiben, und eine „naive Sicht aufs Theater“ für sich selbst zu ermöglichen, findet heute, sie habe sich selbst ein Bein gestellt: „Ich möchte vom Schreiben leben, aber wieso soll ich dann kostenlos Texte ins Internet stellen?“ Wir werden weiter diskutieren. Denn hinter uns steht ja auch ihr, die Leser… schön, dass ihr da seid, wir können euch spüren.

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Bisher 3 Kommentare

  1. ChristineOTheatre sagt:

    There are more questions:

    What would happen, if you show the same story by the „upper class“? Things are the same there but less obvious – that makes it even worse.

    Why do we like to watch things we detest? Or is it the thrill we could fall down, too?!

    Anyhow, take the public transport in Berlin and you can see the Häßlichen, Gemeinen, Schmutzigen, Gestörten etc. every day.

  2. ChristineOTheatre sagt:

    Oh sorry, dieser Kommentar sollte zu den Schmutzigen…mein Computer tut, was er will 😉