17. Mai 2010 - 12:00 uhr

Der einzig wirkliche Ort

von Kai Kroesche

Seit Beginn des Theatertreffens stellen wir bekannten wie weniger bekannten Theatermachern und -gängern die Frage „Warum Theater?“. Guter Anlass für ein kurzes Nachdenken darüber, was Theater beziehungsweise Kunst im Allgemeinen kann und sollte und welche Konsequenzen das für die Kunstkritik haben könnte.

Ein unbeschriebenes Blatt: Warum Theater?

Ein einst sehr naher Mensch hat mich vor einiger Zeit einmal im Streit gefragt, wie ich denn Kunst verstehen wolle, wenn ich nicht einmal die Wirklichkeit zu deuten wüsste. Dieser im Affekt geäußerte Vorwurf mangelnder Empathie beschäftigte mich noch lange: Kann mir Kunst wirklich nur dann etwas erzählen, mich bewegen, wenn ich in ihr die bereits erlebte, begriffene, vertraute Wirklichkeit wiedererkenne? Ist die Kunst, konkret die des Theaters, wirklich nur Wider-Spiegel der Wirklichkeit, Ort der Wiederholung, ordnend oder widersprechend vielleicht, aber immer nur, egal wie verzerrt, Abbild?

Eine andere Möglichkeit des Daseins

Heute bin ich davon überzeugt, dass das Verhältnis von Theater und sogenannter Wirklichkeit ein wechselseitiges ist: Theater ist niemals, kann niemals nur Re-Produzent einer vermeintlichen Realität sein, Theater produziert selbst Wirklichkeit. Im Rahmen einer Umfrage, in der wir tt Blogger Theatermacher und -gänger aufforderten, auf einem weißen Blatt ohne lange Überlegungszeit die Frage „Warum Theater?“ zu beantworten (die Ergebnisse werden zum Schluss des Theatertreffens hier veröffentlicht), antwortete der Publizist Wolfgang Bergmann mit dem kurzen, aber denkwürdigen Satz „Weil es der einzig wirkliche Ort ist!“. Theater also als Parallelwelt, als Gegenentwurf, als die einzige – und damit auch einzig wirkliche – Realität. Es ist dieses utopische Potential, diese Kraft, infrage zu stellen und Alternativen schaffen zu können, vielleicht sogar – wie es der Regisseur Johan Simons in seiner Antwort formuliert – die Augen zu öffnen: Für eine andere Möglichkeit des Daseins, für eine alternative und ja, trotz allem: vielleicht auch für eine bessere Welt.

Und so stelle ich die Frage zurück: Wie sollte ich jemals die undurchdringliche Wirklichkeit verstehen können, wenn ich nicht einmal die Kunst, diese pointierte, abstrahierte und doch vereinfachte Wirklichkeit zu deuten weiß?

Vielleicht – ich glaube es nicht, aber ich kann mich natürlich irren – vielleicht braucht auch nicht jeder Mensch die Kunst: Vielleicht ist es möglich, ein bewusstes, mündiges und reflektiertes Leben zu führen ohne die ewig bohrenden und unnachgiebigen Fragen, die die Kunst in einer Welt der allgegenwärtigen, narkotisierenden Affirmation des Bestehenden stellen kann. Vielleicht ist es möglich, die Kraft zum Widerstand aus sich selbst heraus zu entwickeln, immer und immer wieder zu hinterfragen, niemals blind zu glauben und stets aufs Neue zu zweifeln ohne jene fremde Hilfe, die aus einer anderen, einer fremden Perspektive für einen stellvertretend genau das tut: Hinterfragen und zweifeln, auf die Welt blicken und mir sagen – Schau mal hier, ich hab dies hier gesehen und das dabei gedacht – was glaubst Du?

Das Schreckliche und das Schöne

Ich kann es nicht. Ich brauche sie, die Kunst, damit sie mich dazu treibt, die Augen offen zu halten und die Ohren nicht zu verschließen. Indem sie mir das Äußerste abverlangt, mich zum Zweifel zwingt. Damit sie mich immer wieder unnachgiebig eines Besseren belehrt. Indem sie mir das, was ich vielleicht nicht sehen und hören will, unerbittlich und ungeschönt vorführt und indem sie sich immer wieder selbst überprüft und hinterfragt, ihre eigenen Ausdrucksmittel in Zweifel stellt und aufs Neue auslotet. Aber auch, damit sie mich wieder an das Schöne erinnert, das vielleicht in einer tristen und unvollkommenen Welt immer wieder droht, der Vergessenheit anheim zu fallen. Ich brauche die Kunst, als Rezipient wie als Produzent, brauche den Austausch, will zuhören, aber auch entgegnen, um dann wiederum eine Antwort zu bekommen. Die Summe aller anderen Möglichkeiten steckt in jedem Kunstwerk, es weist immer über sich hinaus und provoziert eine andere Sichtweise – und im besten Fall leistet die Kunstkritik dasselbe: Denkt nach, denkt weiter, antwortet und provoziert ihrerseits wiederum eine Antwort. Nichts ist fataler als der Kritiker, der das letzte Wort haben will, nichts unsinniger als der Kunstschaffende, der die Kommunikation mit dem Kritiker verweigert: Beide ersticken einen potentiell bereichernden Diskurs im Keim und setzen einen vernichtenden Punkt in einen Satz ohne Ende.

Warum also Theater? Warum nicht einfach so diskutieren, warum nicht direkt konkret werden, die Dinge in die Hand nehmen und bodenständig die Tatsachen besprechen? Warum erhöhen, stilisieren, abstrahieren?

Weil die Welt nicht mit dem Verstand allein begriffen werden kann. Weil die reine Vernunft keine Moral kennen und folglich auch keinen Diskurs über eine solche im Alleingang führen kann. Weil Fragen die besseren Antworten sind. Weil der Mensch fühlt und nur weil und wenn er fühlt menschlich ist. Weil wir das Unbegreifliche nicht einfach in klare Worte fassen können, weil wir andere Entsprechungen finden müssen. Weil die Kunst eine universelle Sprache ist (Eine Sprache freilich, die geschult werden muss: Auch das genaue Sehen, das genaue Zuhören und Hinterfragen will gelernt sein – umso dringlicher besteht dieser Schulungsbedarf in einer Welt, in der immer und immer wieder suggeriert wird, es gehe darum, zu verstehen und zu akzeptieren statt zu zweifeln und zu hinterfragen.) und sie damit Grenzen und Barrieren niederreißen kann.

Weil sie, auch das, die Welt zu einem besseren Ort machen kann, indem sie Zweifel sät und das Bewusstsein schenkt, dass Richtig und Falsch keine schicksalsauferlegten Gegebenheiten, sondern immer wieder aufs Neue zu überprüfende und auszuhandelnde Kategorien der Wirklichkeitsdeutung sind.

Die Ratlosigkeit ist eine Chance

Die Welt zu einem besseren Ort machen, indem sie den Menschen verändert: Das kann und muss die Kunst, das kann und muss das Theater. Der Glaube an den Zweifel schafft nicht nur Rat- und Orientierungslosigkeit: Er nimmt nicht den Halt, sondern kann ihn im Gegenteil geben. Indem wir erkennen, dass wir nicht wissen können, dass wir den Widerspruch leben müssen, finden wir schließlich auch den wundervollen Trost, dass unsere Ratlosigkeit nichts Schlimmes ist. Der fehlende Halt ist dann keine Bedrohung mehr, sondern eine Chance. Und dieses Bewusstsein zieht von ganz allein Folgen nach sich, ob an Landesgrenzen oder Wahlurnen, ob in Personalabteilungen oder in der Liebe.

Darum. Darum Kunst, darum Theater.

Zeitgleich, letztlich, ergibt sich natürlich daraus auch der Umkehrschluss: Dass meine tiefste Abneigung all jenen gilt, die mir trotz alledem weismachen wollen, dass ihre Wahrheit die Wertvollere, die einzig Richtige sei. Dass die unwiederbringlich blinden und tauben Ängsteschürer und Besserwisser, die die Sehnsucht des Menschen nach Ordnung und Klarheit ausnutzen, um Brüche und Lücken zu verkleistern mit ihren egomanen und intoleranten Ideologien – und die mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln ankämpfen gegen einen offenen Diskurs aus der panischen Angst heraus, sie könnten ihre Macht und Meinungshoheit verlieren – dass diese Menschen zu bekämpfen sind: Nicht mit Waffengewalt, sondern mit dem stetig bohrenden Gegendiskurs des Zweifels.

Zweifeln heißt also nicht automatisch, Haltung zu verlieren. Im Gegenteil: Gerade das Hinterfragen bringt mich dazu, überhaupt eine wirkliche Haltung zu gewinnen. Eine immer wieder wechselnde, sich weiterentwickelnde, nicht starr werdende Haltung natürlich.

Die Fragen leben

Das sind meine Kriterien, anhand derer ich Kunst produziere und Kunst bewerte. Kein Diktat bestimmter Ausdrucksformen, keine Werktreue- oder Regietheaterdebatten, keine Hierarchie der Medien, keine thematische Einfalt und keine diffusen Tabus sollen diese Kunst einschränken, einzig und allein ihre Haltung zu unserer(en) Welt(en), auf die sie sich bezieht (und Kunst bezieht sich, egal in welcher Ausdrucksform, immer auf die Welt, die uns umgibt) soll der Maßstab sein. Und vielleicht, vielleicht kommt dann – auch mit Hilfe der Kunst – einmal der Punkt, an dem ich die Wirklichkeit zumindest ein bisschen mehr zu deuten weiß und an dem ich, um es mit Rilke zu sagen, die Fragen lebend „ganz allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antworten hinein“ lebe.

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