17. Mai 2010 - 17:10 uhr

Rauschen in der Rübe

von Anna Pataczek

„Was heißt und zu welchem Ende erdulden wir Regietheater?“ lautete der Titel einer Veranstaltung, zu der die Stiftung Schloss Neuhardenberg am gestrigen Sonntag einlud. Auftritt: Gerhard Stadelmaier, Großkritiker der FAZ und seit dem Frankfurter „Spiralblock-Skandal“ auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Eine Zusammenfassung seiner Rede in Stichpunkten.

Regietheater: Wird manchmal als  Schimpfwort benutzt. Etwa als sich der Schriftsteller Daniel Kehlmann zum Auftakt der Salzburger Festspiele im vergangenen Jahr beklagte, dass sich Ausländer beim Besuch eines deutschen Theaters immer fragen, „was denn hier los sei, warum das denn auf den Bühnen alles immer so ähnlich aussehe, ständig Videowände und Spaghettiessen, warum sei immer irgendwer mit irgendwas beschmiert?“ Für Stadelmaier ist Regietheater ein nett gemeintes Wort. Regietheater sei mit Lust zu feiern, sagt er gar. Denn es gäbe da einen gewaltigen Unterschied zum…

Regisseurstheater: Den Begriff hat S. erfunden, sagt S.. „Dieses Regisseurstheater stellt kein dramatisches Werk in den Mittelpunkt, sondern den Regisseur.“ Und all das, was ihm „durch die Rübe rauscht“ (Plattensammlungen, Krebserkrankungen, politische Meinungen). Das Regisseurstheater existiere seit zwanzig Jahren und sei „eine Abart des Theaters“. Wie das kommen konnte? Durch die:

Deutsche Einheit: Wird jedes Jahr am 3. Oktober gefeiert. Und ist schuld. Zusammen mit…

Frank Castorf: Regisseur und Intendant der Berliner Volksbühne. Der Bösewicht. Vorstehend einer „Spaßguerilla, die jeden Text kleinkriegt“. In der DDR waren seine Arbeiten „politischer Protest“, richteten sich gegen den Staat, gesteht S. Castorf zu. Aber: „Der autoritäre Urgrund ist verschwunden“. Die Verhältnisse, gegen die man heute Theater machen kann, seien komplexer geworden. „Die Provokation hat sich erübrigt.“

Ost-Berliner-Stil: Ein Erbe der DDR, so S.. Hat Schule gemacht, bedauert er.

Gutsituierte wilde Zausel: Laut S. seit einigen Jahren in vielen Stadt- und Staatstheatern der Republik anzutreffen. Regisseure zwischen 40 und 50 Jahren, die aussehen, als ob sie alle > Frank Castorf hießen.

Papis Theater: Castorfs Theater. Nachgemacht von den > gutsituierten wilden Zauseln. Die zerstören jeden poetischen Ton, jeder Kuss wird (laut S.) in eine Vergewaltigung verwandelt. Aber der eigentliche Skandal liege wieder woanders. Nämlich beim…

Lieblosen Publikum: Es nehme diese Inszenierungen hin. Und es lese keine Stücke mehr. S.: „Ein liebloses Publikum verdient liebloses Theater.“ Also > Regisseurstheater.

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Bisher ein Kommentar

  1. Avatar Barbara Behrendt sagt:

    Den Höhepunkt erreichte die Veranstaltung aber erst, als Stadelmaier längst abgerauscht war: Manfred Osten rezitierte gekonnt aus Faust Zwei, um Lars Ole Walburg zu demonstrieren, dass es für neue Theaterprojekte wahrlich keine neuen Texte braucht.
    Aber ernsthaft: Ich hätte mir schon eine Diskussion gewünscht, die über das Niveau der Frage von „Warum sind die alle nackt“ und „Muss es immer so viel Blut sein“ hinaus geht.
    Hat sich aber trotzdem gelohnt: Man kann schön durch den Schlosspark spazieren und die kleine Schinkel-Kirche nebenan besichtigen. Die alte Dame darin macht ganz reizende Kurzführungen.