20. Mai 2010 - 15:33 uhr

Diese grässliche, wunderbare Wirklichkeit

von Joachim Sartorius

Von der berühmten Regisseurin Andrea Breth (9 Einladungen zum Theatertreffen) erzählt man sich eine Geschichte: während eines langen, zermürbenden Probenprozesses ist sie einmal völlig erschöpft und zitternd auf die Probe gekommen. Die anwesenden Mitarbeiter überraschte sie mit dem Geständnis, sie sei heute mit der U-Bahn gefahren. Das sei ja überhaupt nicht auszuhalten, wie einem da die Realität auf den Leib rücke. Zwei Männer hätten sich gestritten und aufs Unflätigste beschimpft. Diese Gewalt! Diese Aggression! Diese Traurigkeit, dieses schreckliche Leben! Nein, also, das könne sie überhaupt nicht aushalten, nie wieder würde sie mit der U-Bahn fahren und ganz dringend brauche sie jetzt eine Ablenkung.

Mich hat das fasziniert, denn Frau Breth, von der wir beim Theatertreffen keine Aufführung mehr sehen, weil der Zeitgeist gerade in eine andere Richtung weht, ist eine der tollsten und hellsten Menschenzeichnerinnen auf der Bühne, die es überhaupt gibt. Und die sollte die Realität nicht aushalten? Peter Stein habe ich auch erlebt vor ein paar Tagem bei einer leider etwas zäh geratenen Preisvergabe an die Schauspielerin Jutta Lampe. Er schien zwar körperlich auf der Höhe und erklomm die Bühne der Akademie der Künste behende, doch erschütternd war, wie dieser Mann, der einige tolle und sehr sozialkritische Inszenierungen gemacht hat, machohaft und beinahe abfällig über die Schauspielerin als ‚Futter‘ des genialen Männer-Regisseurs sprach. Botho Strauß, Gerhard Stadelmaier und Claus Peymann schimpfen wieder auf das Theater(treffen). Ich finde das OK und stellenweise belebend, vermute aber, dass auch sie es vorziehen, in ihren besitzstandsgeschützten Wahrnehmungsbiotopen zu bleiben, aus denen sie von Zeit zu Zeit dann hervortreten und ein Ding in die Welt hinausgebären, bei dem uns Hören und Sehen vergeht.

Insofern fand ich eigentlich die gundlegende Aufführungsidee von Karin Beier spannend: Mit zwei Händen haut sie uns auf die Ohren, macht uns taub und zwingt uns einen Blick auf, den wir faszinierend und unerträglich zugleich finden. Als Therapiestunde für den bürgerlichen Theaterbetrieb finde ich das gut. Das zwingt uns die Frage auf, wo wir stehen und wie wir unserer Verantwortung gerecht werden. Die Wirklichkeit ist das Skandalon des Theaters.

Übrigens: vielleicht geht die Geschichte von Andrea Breth auch ganz anders. Hat jemand im Bloggeruniversum eine andere Version?

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Bisher 3 Kommentare

  1. Avatar Sebastian sagt:

    Ich finde es großartig das sich auch der Intendant der Berliner Festspiele an diesem tollen Blog beteiligt. Sehr lesenswert. Weiter so!

  2. Avatar martin w sagt:

    Vielleicht geht es den Theaterleuten demnächst so, wie dem Schriftsteller, der nach 30 Jahren glücklicher Ehe erfährt, dass seine Frau eine Mitarbeiterin der Staatssicherheit ist und ihn zu überwachen ihre eigentliche Berufung ist. Vielleicht. Der Schriftsteller jedenfalls, schrieb danach kein Buch. Vielleicht sollte er eher glücklich sein, eine solche Frau zu haben. Oder die Theatermenschen finden über sich etwas heraus: Ähnlich der Ehefrau, die über Jahre von ihrem Mann betrogen wird und eines Tages beschließt ihm zu folgen: Er geht in eine Wohnung ein Haus weiter. Am nächsten Tag geht sie auch dorthin und probiert ihren Haustürschlüssel aus. Er passt. Sie öffnet die Tür und erblickt eine Wohnung die ihrer eigenen genau gleicht, alle Möbel stehen, alle Bilder hängen genau an derselben Stelle. Nur im Schlafzimmer findet sie eine andere Frau schlafend im Bett. Vielleicht, Herr Sartorius, vielleicht.

  3. Avatar Anna Pataczek sagt:

    Die BVG zeigt hin und wieder im U-Bahn-Fernsehen Eigenwerbung. Der Spot endet mit: „BVG – Die größte Bühne Berlins.“