21. Mai 2010 - 17:27 uhr

Als Autor ist man ja gerne mal verletzlich

von Alexandra Müller

Thomas Arzt, Hannes Becker und Sandra Kellein sind die diesjährigen Teilnehmer(innen) des Stückemarkt-Workshops. Unter dem Motto „Vorsicht zerbrechlich“ arbeiten die drei zusammen mit Autor und Dramaturg John von Düffel an kleinen Textausschnitten, die heute Abend präsentiert werden. Ein Werkstattbesuch.

Dieser Workshop ist das Pendant zu den szenischen Lesungen, dem öffentlichkeitswirksameren Teil des Stückemarktes. Wie geht es Ihnen dreien hier?

Thomas Arzt
Ich bin ganz froh, dass ich im Workshop bin. Hier kann ich auch einen Text reinnehmen, der noch Baustelle ist. Das ist ein geschützter Rahmen, wo man gemeinsam darüber reden und arbeiten kann. Allerdings geht das langsam schon an die Energie … am Montag haben wir besprochen, über Nacht dann geschrieben, haben heute wieder besprochen, schreiben dann wieder über Nacht. Da entwickelt sich in der Woche was. Ich bin auch froh, dass unsere Präsentation nicht so ausgestellt ist wie die der anderen. Das macht weniger Druck.

Sandra Kellein
Gleichzeitig ist es die Sache von jedem Autor, ob er von den Dingen, die wir hier erarbeiten, was mitnimmt, ob er damit was machen kann. Wir haben alle extra einen Text dafür geschrieben. An meinem doktere ich noch herum. Gerade habe ich hier ein paar wiedersprüchliche Botschaften bekommen. Aber das finde ich gut: Dass ich, als emanzipierte Autorin, entscheiden muss: Was möchte ich jetzt, was nehme ich davon an? Und das finde ich sehr wichtig, dass jeder von uns diese Frage im Workshop auch mitkriegt: Was nimmt man von der Kritik oder den Anmerkungen mit?

Wie war die Atmosphäre bis jetzt?

Sandra Kellein
Mir persönlich macht es großen Spaß, John von Düffel bei der Arbeit zuzugucken. Der ist nun mal wirklich ein superprofessioneller Dramaturg. Als Autor oder Autorin ist man ja auch gerne mal verletzlich, aber John hat diese prima Art, einem was zu sagen. Da muss man nicht in Ohnmacht fallen.
Jeder Dramaturg erzählt einem was anderes, und jeder Regisseur macht was anderes draus, und jeder Leser, Hörer oder Zuschauer sieht nochmal was anderes.Ich muss schon bei mir bleiben. Das ist meine persönliche Kunst, die ich hier praktiziere. Bis morgen um zehn mache ich noch ein paar marginale Änderungen, die aber für die anderen einen unheimlichen Dreh bedeuten können. Das bleibt hier immer ein bisschen work in progress.

Hannes Becker
Ich erlebe hier etwas von dem Schrecken, mit dem mein Text arbeitet. Also, ich habe einen Text geschrieben, der bewusst eine Überforderung herstellt, für jede Inszenierung. Ich behaupte trotzdem, dass das aufführbar ist. Dafür muss ich jetzt selbst erkunden, was man nun tun muss bzw. welche Denkschritte man gehen muss, um den Text für eine konkrete Aufführungssituation vorzubereiten. Das ist schon gut, dass ich das mal selbst erlebe, was der Regisseur und die Schauspieler und alle, die daran arbeiten, um aus dem Text eine Aufführung zu machen, überlegen müssen.

Und wie geht es Ihnen damit?

Hannes Becker
Ich weiß noch nicht genau, was das für mich heißt. Wir reden unabhängig von der Präsentation am Freitag über längere Projekte. Aber ich würde fast sagen, dass es für mich bisher schon eine Besprechung eines ganzen Theaterstücks war, weil es um die generelle Frage meiner Arbeit ging: Aufführbarkeit. Was kann gesagt werden, was nicht, und was kann gezeigt werden und was nicht. Ich denke, ich werde das jetzt ins Schreiben mitnehmen, um es genauer machen zu können, theatermäßiger vielleicht auch. Allerdings bin ich mir noch nicht sicher, ob ich das so gut finde, dass ich jetzt gedanklich immer den ganzen Probenprozess durchlaufen will.

Sie sind ja alle doch aus unterschiedliche Generationen … hat das was augemacht?

Thomas Arzt
Ich finde das sehr bereichernd, dass verschiedene Zugänge da sind. Ich habe nie das Gefühl gehabt, dass meinem Text was aufgezwungen worden ist, nur weil ich „jung“ bin und damit vielleicht unerfahrener. Die Sandra kann gut mit ihrer Erfahrung kommen, der John mit seinem dramaturgischen Handwerk. Der Hannes hat mit seinem Leipzig-Studium einen sehr literarisch-philosophischen Zugang. Und das meiste wird so ausgedrückt, dass ich persönlich was damit anfangen kann. Mir gefällt das gut, dass wir nur zu viert hier sind und Zeit haben.

Sandra Kellein
Wir haben ja auch das Glück, dass der John selber Autor ist, der kann sich in uns schon gut einfühlen.

Wie geht es Ihnen mit dem Prinzip Autorenförderung? Haben Sie das Gefühl, Sie sind hier einem (vielleicht zu) harten und kritischen Publikum ausgesetzt?

Thomas Arzt
Das war heute Thema im Workshop. Mich beschäftigt schon, wie das hier abläuft, manches kam mir schon ein bisschen verantwortungslos vor. Klar, der Autor hat eine eigene Verantwortung, er muss schon wissen, warum er da ist, was er sich erwarten kann. Manche Dinge weiß man dann aber oft auch nicht, zum Beispiel, welche Öffentlichkeit dich erwartet.

Sandra Kellein
Ich gehe davon aus, dass wir alle fertige Theaterstücke geschickt haben, die von Leuten gelesen und soweit verstanden wurden, dass sie sie für einladungswürdig befunden haben. Das ist eine Plattform, hier für uns. Und das ist natürlich ein Sprung ins kalte Wasser – man muss dann einfach weiterschwimmen.

Thomas Arzt
John hat heute was gesagt, das ich richtig finde. Er als Einladender habe uns gegenüber die Verantwortung, dass er uns bei der Präsentation richtig darstellt: Das sind Autoren, mit denen habe ich gearbeitet. Wir haben Texte, an denen wurde gearbeitet, heute sind daraus Ausschnitte zu sehen. Sowas war bei den Lesungen bisher nicht ganz klar, dass da der Text vielleicht auch noch eine Art Baustelle ist, vielleicht sowas wie ein erster Versuch. Da standen die Autoren teilweise doch sehr allein da. Und das Gefühl habe ich eben bei uns nicht, dass man da allein dasteht.

Wie war die Arbeitsweise im Workshop? Es gibt ja sehr unterschiedliche Ansätze in der Textarbeit.

Hannes Becker
Das war recht verschieden. Ich kann das kurz für meinen Text sagen. Da ging es vor allem um Fragen der Dramaturgie: Was ist dramatisch los in dem Text? Ein Text kann auch als Text funktionieren, poetisch oder sprachlich, aber „dramatisch“, das ist noch was anderes, oder etwas … etwas Zusätzliches, finde ich. Da wurde bei mir sehr genau geguckt: Da kommt jetzt dieses und dann das und das bedeutet das. Wie kommen wir jetzt von dem einen zum anderen? Oder soll man nicht schon früher zum anderen kommen? Und wie geht das dann?

Thomas Arzt
Bei mir war das, ähnlich wie beim Hannes, so, dass ich ein langes Stück habe, aus dem ich für die Präsentation Ausschnitte zusammengestellt habe. Durch das Zusammenstellen, durch den ersten Versuch, ist mir gleich etwas über die Figuren klar geworden. Da ist nämlich der Eindruck entstanden, dass das Rundherum der Figuren zu groß war und das hat das, was eigentlich in dem Text drinliegt, platt erscheinen lassen. Wir haben dann gemeinsam nach Sätzen gesucht, die die Figuren komplexer machen. Das hat mir etwas über die Figuren erzählt, und dadurch habe ich sie wieder anders schreiben können. Ich weiß jetzt viel mehr über meine Figuren als vor dem Workshop.

Sandra Kellein
Ich habe hier die Anregung bekommen, aus meinem kurzen Ding, was ich für den Workshop gemacht habe, vielleicht ein großes Stück zu bauen. Insofern ist das hier eine ganz gute Inspiration und Anregung, weil man sich schon mal eine Woche damit befasst hat. Ich hab da jetzt mehr Fundament, als wenn ich das allein zu Hause gestrickt hätte.

Wie geht es Ihnen, wenn Sie an die Präsentation denken?

Hannes Becker
Ich hätte schon gerne einen kleinen Abstand, mal sehen, ob das klappt. Gerade sieht es so aus, als würden wir viel proben. Dabei sein ist super, klar, aber irgendwie würde ich mich doch gerne ab einem bestimmten Punkt ausklinken aus den Proben und die machen lassen. Damit das nicht zu einer Einheit verschwimmt. Das wäre mir schon sehr wichtig, dass ich mich da wirklich hinsetzen und sagen kann: Ich schaue mir das jetzt einfach an. Das haben die gemacht. Ich hab auch was gemacht, aber das, was hier auf der Bühne ist, haben die gemacht.

Thomas Arzt
Ich freue mich sehr auf den Probenprozess und die Schauspielerarbeit. Eigentlich hab ich keine Bedenken, dass der Abend irgendwie blöd werden könnte. Und eigentlich habe ich auch nicht das Gefühl, dass ich jetzt da bin, um einen Preis zu gewinnen. Das ist mir eigentlich Wurst.

Sandra Kellein
Ich freue mich immer, wenn ich sehe, was ein Schauspieler mit meinem Text macht. Oft ist das ja nochmal etwas, das ich von meiner Figur gar nicht kenne. Fast wie ein neues Leben, das dazukommt, eigentlich schön. So bin ich gerade ziemlich heiter. Es kann natürlich alles schief gehen. Man kann immer auf die Schnauze fallen, genauso wie im richtigen Leben.

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