21. Mai 2010 - 8:47 uhr

Fürchterliche Folgerichtigkeit

von Kai Kroesche

Stephan Kimmigs Inszenierung von Dennis Kellys „Liebe und Geld“ kam in der Nachtkritik meiner Mit-Bloggerin Judith Liere eher mäßig weg: Anlass für die Verteidigung eines sehr wohl in mehrerlei Hinsicht bemerkenswerten Abends.

Irgendwo, in der Ferne, die andere Möglichkeit: Daniel Hoevels und Susanne Wolff in "Liebe und Geld". Foto: Arno Declair.

Zu den besten Theaterabenden gehören zweifelsohne jene, an denen die unsichtbare Präsenz einer anderen Möglichkeit auf so bittere und schmerzliche Weise spürbar wird, dass die Theater-Erfahrung zu einem Kampf mit den Tränen wird. Die erdrückende Last des Nicht-Sichtbaren ist oft in ganz banalen, ganz unspektakulären Momenten am stärksten: Was dann gern als haltungslos, unterkühlt oder distanziert vorverurteilt wird, entpuppt sich bei zweitem Hinsehen vielmals als in hohem Maße kritisch und parteiergreifend.

So auch Stephan Kimmigs Inszenierung von Dennis Kellys „Liebe und Geld“. Mit einfachen und zurückhaltenden Mitteln wird die zeitgenössische Woyzeck-Geschichte linear – aber rückwärts – erzählt und bekommt durch den Einsatz dieser simplen Erzählstruktur eine fürchterliche Folgerichtigkeit, die in ihrer konsequenten Verweigerung der Darstellung eines Auswegs den Betrachter in einen unlösbaren Konflikt, in die totale Hilflosigkeit und damit ans Äußerste des Erträglichen treibt.

Vergiftete Bilder

Die chronologisch gegenläufige Erzählung, die damit schon qua Struktur ein hilfloses Aufbegehren gegen die Unausweichlichkeit lebensverändernder Umstände darstellt, verstärkt die Unerträglichkeit: Die jeweiligen Bilder sind vergiftet durch die ihnen vorangegangenen; durch das Wissen um den eigentlichen, grausamen Fortlauf der Geschichte wird uns das Schmachten und Schwärmen in den „anfänglichen“, schönen Szenen verunmöglicht. Das mag keine neue Technik sein, ist aber selten so wirksam wie in „Liebe und Geld“: Denn hier verkommt es nicht zum rein unterhaltsamen Spiel mit Schein und Sein, sondern wirft ganz und gar existentielle Fragen nach Freiheit, Liebe und Würde auf.

Fragen, die im zeitgenössischen Theater nur selten derart unverhohlen und mit solch tiefer, ehrlicher Parteinahme für dieses so schöne wie schreckliche, hilflose Wesen Mensch aufgeworfen werden – und mit einem so großen Mut dazu, sich auch auf dem Theater mit simplen, einfachen und ganz banalen Fragen und Umständen zu beschäftigen – und in ihnen das Komplexe, das Unfassbare und Existentielle zu finden. Die Beiläufigkeit und der schale Beigeschmack der Routine, die das Ergebnis von Kimmigs Regiearbeit durchziehen, sind dabei vielleicht gar keine inszenatorischen Schwächen, sondern vielmehr dem (von der erschütternd-unaufgeregten Banalität eines ganz und gar alltäglichen Schreckens erzählenden) Inhalt angemessene Form.

Stumme Zwischentöne

Allein – und wirklich schon allein! – dafür verdienen Dennis Kelly und sein Regisseur Stephan Kimmig Respekt. Dazu kommt, dass in der Inszenierung das gesamte Ensemble (und ausdrücklich nicht nur Susanne Wolff) herausragend  und – vor allem in den stummen Zwischentönen – selten gesehen vielschichtig spielt (die Entscheidung, den Schauspielern per Mikroport auch die ganz leisen Töne zu ermöglichen, trägt sicher auch maßgeblich dazu bei): Trotz allem bleiben die Figuren im positiven Sinne unbefriedigend undurchschaubar, sehen wir neben den von Ordnung und Zahlen dominierten Dialogen stets noch ein zweites, wortloses Spiel – das Spiel der Figur gegen ihren Text, den Kampf des einzelnen Menschen gegen die Umstände. Auch hier: Widerspruch – irritierende, scheinbare Diskrepanz zwischen Inhalt und Form, die sich erst beim zweiten Blick als schlüssig offenbart.

Das alles macht den Abend schließlich zu einem sicher nicht im klassischen Sinn perfekten und ebenso sicher nicht erzähltechnisch virtuosen Stück Theater – aber zu einem Stück Theater, das gerade durch eine auf die Spitze getriebene, scheinbare Haltungslosigkeit umso radikaler Haltung einnimmt und das ein Ausrufezeichen setzt, indem es den Betrachter schonungslos mit brennenden Fragen allein lässt, die nicht unbeantwortet bleiben können. Und damit wieder an die Kraft und das weltbewegende Potential dieser Kunstform erinnert: Wie selten das ist, wie großartig das ist.

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