Provokative Musterschülerin

von Nikola Richter

Gelb und lila sind die Farben im tt-Mai 2011.

Eine Premiere, viele Premieren: Zum ersten Mal verlautbarte die Theatertreffen-Jury gestern persönlich und live in einer Pressekonferenz ihre Auswahl der zehn bemerkenswerten Inszenierungen 2010, die vom 6. bis 22. Mai zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen werden. Das Jury-Jahr folgt einer eigenen Zeitrechnung, es reicht bis einen Tag vor der Juryentscheidung. Daher vermissen viele auch nun Andrea Breths „Zwischenfälle“ vom Wiener Akademietheater, das erst jüngst, am 5. Februar 2011, Premiere hatte, siehe etwa die Kommentare zur aktuellen Presseschau auf nachtkritik. Die beliebte Netztheater-Plattform erstellte, zusammen mit Lesern, eine alternative Liste der besten Inszenierungen, das so genannte nachtkritik-Theatertreffen, gedacht als Kontrapunkt. So nicht in diesem Jahr: Denn beide Listen überschneiden sich an drei Stellen: Der „Don Carlos“ aus Dresden, Elfriede Jelineks Dreiteiler „Das Werk“ / „Im Bus“ / „Ein Sturz“ vom Schauspiel Köln und das persönlich-dokumentarische Vater-Tochter-„Testament“ von She She Pop sind auf beiden TopTen vertreten. Diese Auswahl der „eher unüblichen Verdächtigen“ (Jurymitglied Wolfgang Höbel) ist „was ganz anderes“ (Christine Dössel, SZ) als sonst, aber eigentlich theaterpolitisch hyperkorrekt.

Will die verjüngte und verweiblichte Jury, in der, so erläutert die Festivalleiterin Iris Laufenberg, die für die Wirtschaft geforderte Frauenquote bereits umgesetzt sei, dieses Mal jeglicher Kritik zuvorkommen? Sie erweist sich in diesem Jahr als lernfähige Musterschülerin und erfüllt so jegliche Quotenforderung: Regisseurinnen sind dabei (darunter Karin Henkel, Karin Beier), dreimal die sogenannte Provinz (Dresden, Schwerin, Oberhausen), Interkultur (Nurkan Erpulat), Performance (She She Pop und Herbert Fritsch), Ehrung (Christoph Schlingensief). Beim genaueren Hinschauen finden sich allerdings auch Wiederkehrer wie Stefan Bachmann oder Stefan Pucher unter der Auswahl, an jeden Theatergeher ist gedacht. Die gut akzentuierte Provokation, den Medienkünstler und Schauspieler Herbert Fritsch zum ersten Mal und dann gleich doppelt einzuladen, ein ehemaliges Volksbühne-Urgestein, lässt auf Frontalzusammenstöße hoffen. „Ich habe bei der Bundeskulturstiftung einen Antrag gestellt: sieben Jahre ohne Publikum zu spielen“, erzählte Fritsch 2007 bei seinem Genremix Bühnenkabarett Angst: „Und ich habe das Geld bekommen.“

Auf der leeren, frisch renovierten Bühne der Berliner Festspiele, einem schwarzen, an diesem Tag etwas zugigen Kunsttempel, der nun eine der modernsten Techniken in Europa besitzt, materalisiert sich eine weitere Premiere: Vor dem heruntergelassenen eisernen Vorhang, vor dem Iris Laufenberg und die Jury sitzen, sind alle aktuellen Fragen offen, oder besser, bühnenreif eröffnet. Wie steht es um Postfeminismus, Mediendiskurse, regionalen Kultursumpf, Integration und Bildung, Generationenverträge, Neu-Kolonialismus, wie steht es überhaupt um Theaterformen zwischen Ensembletheater, Off-Gruppen, schreibenden Schauspielern und Klassiker-Auffrischungen? Wir werden es sehen.

Vorgeschlagen

von Nikola Richter

Das ist schön: Das tt-Blog 2010 befindet sich auf der Liste der eingegangenen Vorschläge für den diesjährigen Grimme Online Award, die wichtigste Webseiten-Auszeichnung. Neue Ideen können noch bis 15. März eingereicht werden, die Nominierten werden am 11. Mai 2011 bekanntgegeben. Also mitten im tt 2011!

In der Kategorie Kultur wurden bisher prämiert: Frischfilm, eine Kurzfilmplattform des Schweizer Fernsehens (2010), die Krimi-Couch, sowie die Kinder-Seite Tom (2009), der Auftritt des Intro-Magazins und die Literatur-Informationsseite Literaturport (2008), der im Blog Nach 100 Jahren veröffentlichte Briefwechsel der Schriftstellerin Annette von Droste-Hülshoff und das „Video- und Debattenportal“ Polylog der Satiresendung Polylux (2007), die Internet-Show Ehrensenf und das Gruppenblog der Zentralen Intelligenzagentur Riesenmaschine (2006), das Online-Archiv für internationale Poesie, die Lyrikline der Literaturwerkstatt Berlin (2005). Vorher, in den Jahren 2001 bis 2004, wurden kulturelle Angebote nicht in einer eigenen Kategorie ausgezeichnet. Theater war bisher kein einziges Mal vertreten! Es wird Zeit.

Zumal das Theater im Netz durchaus etwas hermacht, etwa das Thalia Theater mit Lessingtageblog und Debattenbereich, das Burgtheater mit dem fulminanten Einstieg „Welt Burg Dorf“ und über die Seiten gestreuten, meta-theatralen Zeichnungen oder die schnellsten Kritiken der Welt auf nachtkritik (war schon oft nominiert). Ich persönlich schätze das Archiv mit kurzen Texten europäischer Dramatiker auf Newplays-Blog sehr, für das ich auch ein wenig zuständig war, zusammen mit dem Team des Festivals „Neue Stücke aus Europa“. 41 Theaterautoren, darunter Mark Ravenhill, Lukas Bärfuss oder Biljana Srbljanović schreiben über ihr Arbeiten und ihre Arbeit auf der eigenen Sprache, auf Deutsch und Englisch.

International Culture Bloggers Wanted!

von Nikola Richter

Are you a blogger? … Yes?
Great, nice to meet you: Hello! Hola! Hallo!

Are you blogging in English, German or Spanish about culture and/or theatre on your own blog – be it in a written, audio, photo or video format? … Is this a yes?

Und du verstehst Deutsch so gut, dass du Gesprächen, szenischer Sprache und Diskussionen aktiv folgen kannst? Dass du auch deutschsprachige Theatertexte lesen und verstehen kannst? … Ich höre noch ein Ja?

A space for you at tt-Blog 2011: Apply now!

Wenn du dreimal mit ja geantwortet hast, dann lies bitte hier weiter, da geht es zu den Bewerbungsmodalitäten des Theatertreffen-Blogs 2011 auf Deutsch und Englisch. Es werden acht internationale Kultur-Blogger gesucht, die vom Theatertreffen 2011, dem wichtigsten Theaterfestival für deutschsprachiges Regietheater berichten wollen. Subjektiv, vielsprachig, eigenwillig.

Unterstützt wird das Theatertreffen-Blog 2011 von den Medienpartnern Berliner Zeitung und kultiversum. Gefördert erstmals von der Rudolf-Augstein-Stiftung.

Bewerbungen sind möglich bis zum 31. Januar 2011.

Fazit

von TT-Blog Redaktion

Die acht diesjährigen Theatertreffen-Blogger haben Nachlese gehalten. Hier geben sie ihre ganz persönliche Rückschau auf 22 Tage Kulturjournalismus im Netz: die Zeit, die bleibt.

Blogger-Pyramide: Kim Keibel, Judith Liere, Anna Pataczek, Alexandra Müller, Elisabeth Hamberger, Shane Anderson, Kai Krösche, Fußball (von links nach rechts, im Foto fehlt Barbara Behrendt) Foto: Selbstauslöser/Kim Keibel

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Warum Theater?

von Kai Kroesche

Der Theatertreffen-Blog stellte während der gesamten Festivalzeit Theatermachern und -gängern die Frage „Warum Theater?“ auf einem weißen Blatt Papier und bat darum, diese vor Ort, mit Stift, schnell und ohne lange Überlegungszeit zu beantworten. Das stieß bei manchen auf Ablehnung („blöde Frage“, „nicht in so kurzer Zeit“, „Fragen Sie das doch nicht mich, ich mach doch selbst Theater“), bei anderen auf spontane, mal ernste, mal witzige Einfälle. Ein Zettelkasten, unter anderem mit Zeichnungen von Christoph Marthaler, Ulrich Matthes und Karin Beier. (Mehr davon? Der Blick aufs Theater von heute aus der Zukunft gesehen: Future Archive of Theatre). (mehr …)

The Future Archive of Theater

von Shane Anderson

Over the course of the festival, I’ve been asking theater makers within and without tt10 about the state of German theater by asking them about the past of theater from the perspective of the future. I’ve been asking the theater makers to assess or reassess their position to the theater of now by looking out from an imaginary future. This tactic, which has been developed by two critical theorists, Manuela Zechner and Anja Kanngieser, is called the future archives and it provides a space to think about the possibility of change. I’ve asked:

Imagine you’re living in the year 2050.  Please describe the theater of 2010 as you remember it.  What’s improved?  What do you miss?

In my correspondence with theater makers, some have said they’d prefer not to discuss the future of German theater or the future at all. Others have said such speculations of ‘visionaries’ have proved to be dangerous over the course of history. But others have agreed with Manuela Zechner and Anja Kanngieser, that talking about the present in the future in the now can help us reframe our desires. These answers can be read and discussed here.

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Privat:

von Mary Scherpe


Der Regisseur Thomas Ostermeier am 22. Mai 2010 in seiner Wohnung in Berlin-Wilmersdorf.

Die Fotografin Mary Scherpe besucht für uns Berliner Theatermacher.

Die tt-Jury-Schlussdiskussion

von TT-Blog Redaktion

In der traditionellen Abschlussrunde des Theatertreffens stellen sich alle sieben Juroren den kritischen Fragen des tt-Publikums.

Wir waren dabei und haben live für Sie mitgebloggt. (mehr …)