Vor den Kulissen – Teil 2

von Kim Keibel

Wer kennt die Räume, in denen die Schauspieler im Rampenlicht stehen besser, als diejenigen, die diese Räume technisch einrichten? Die Blog-Fotografin Kim Keibel hat Techniker, Beleuchter, Bühnenarbeiter, Regieassistenten und andere gebeten, sich auf „ihren Bühnen“ zu inszenieren. Den ersten Teil der Foto-Serie „Vor den Kulissen“ finden Sie hier.

Manfred Breuer (Beleuchter), Martin Töpler (Tontechniker) und Bianca Both (Bühnenhandwerkerin) in der Kulisse von "Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen".

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Wir sind laut

von Nikola Richter

Eine Frau steht mitten im Wedding auf der Verkehrsinsel und singt. Eine Mann mit Strumpfmaske schreit „Bildet einen Kreis, schließt die Augen“, dann geht er den Kreis entlang und lässt uns fühlen, wie sein Herz klopft. Später setzt er sich an die Panke, mit nacktem Oberkörper, und rezitiert Madonnas La Isla Bonita. So war das heute, bei der Workshop-Präsentation des Internationalen Forums. Die ganze Welt ist eine Bühne. Das weiß man zwar seit Shakespeares „Wie es euch gefällt“, aber auch das Theatertreffen erzeugt diesen seltsamen Entwirklichungssog. Je länger das Theatertreffen dauert, desto schwerer fällt es mir, vom Schau-Gespielten wieder in die echte, richtige Welt zurückzukehren. Jede Mutter, die ihren Kinderwagen über die Straße schiebt, jeder Penner, dessen Tattoos in der Sonne glänzen – sie alle wirken wir Mitspieler in einem einzigen Stück.

Als ich gestern auf der Fahrt nach Hause noch ein wenig der Vorstellung „Der goldene Drache“ nachsinne, in Gedanken an die verschiedenen Male, die ich in Thai-Vietnam-Imbissen Nummer 3b (nicht scharf) bestellt habe, in Gedanken an die vielen Unbekannten Mitmenschen, die nicht durch ihren Zahn nach Hause telefonieren können, kreuzt die U-Bahn die Hauptroute des Karnevals der Kulturen. Hallesches Tor. Das Berliner Straßenfest findet in diesem Jahr zum 15. Mal statt und ist von einem Stadtteilfest zu einem touristischen Stadtfest geworden. Ein gesamter Kiez ist musikalisch und kulinarisch in einer globalen Daueraufregung. Argentinische Teigtaschen hier, sudanesische Kochbananen dort. Etwa 300 Multikultis quetschen sich in den Waggon, in dem ich auch sitze, einige von ihnen tragen Trommeln, fangen an, einen einfachen Rhythmus zu schlagen. Erst leiser, dann anschwellend. Andere – ohne Trommeln – schließen sich an, hauen mit der flachen Hand gegen die Decke der Bahn. Viele wippen mit, die Bahn fährt bebend durch die Nacht. Hier ist Platz für viele. Wir sind laut. Wir gehen nicht ab.

„Eine vernünftige Bühne ist a priori leer“

von Kai Kroesche

Sie sind radikal aufs Wesentliche reduziert, die Räume, die der Bühnenbildner Johannes Schütz entwirft. Ein Gespräch über hartgekochte Eier, glückliche Arbeitsverhältnisse und die Zusammenarbeit mit Roland Schimmelpfennig.

Auf der weißen Bühne von "Der goldene Drache", vorne Christiane von Poelnitz als der schon gestorbene kleine Asiate mit Zahnschmerzen. Foto: Reinhard Werner / Burgtheater Wien

Kai Krösche: Herr Schütz, machen Sie „abstrakte“ Bühnenbilder?

Johannes Schütz: Das ist ein Beschreibungsversuch, den ich oft höre und noch öfter lese – aber ich finde meine Bühnenbilder alle sehr konkret, ich weiß gar nicht, was das ist, ein abstraktes Bühnenbild. Ich halte es für ein Missverständnis, wenn man glaubt, eine Bühne müsse vollgerumpelt sein und sich alle fünf Minuten oder alle halbe Stunde verändern – und wenn das nicht so ist, dass das dann sofort abstrakt sei. Ein leerer Tisch, auf dem nichts weiter liegt als ein hartgekochtes Ei ist ja auch erst einmal ein Stillleben und nicht gleich eine abstrakte oder informelle Äußerung. Oder eine Tischtennisplatte, auf der ein Tischtennisball liegt: Da besteht ja ein durchaus konkreter Zusammenhang zwischen Objekt und Unterlage. (mehr …)

Auf der Schlachtbank Europas

von Anna Pataczek

Weiß ist gefährlich. Das wird schnell schmutzig. Und tatsächlich, der kleine Chinese spuckt Blut, er hört gar nicht mehr auf. Bis der ganze weiße Boden verspritzt ist und der Chinese auf ihn drauffällt. Er ist tot. Verblutet, weil ihm seine Kollegen vom China-Thai-Vietnam-Restaurant „Der goldene Drache“ den schmerzenden Zahn mit einer Zange gezogen haben und die Wunde nicht stillen konnten.

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Kurz danach: Verzaubert

von Judith Liere

Vorhang runter, Tonband an: Der erste Meinungsaustausch beim Hinausgehen aus dem Berliner Ensemble nach der Vorstellung von “Der goldene Drache”.

Herzzahl: Gegessen

von TT-Blog Redaktion

Gesehen, gedacht, gepunktet. Direkt nach jeder tt-Premiere beurteilen wir die Inszenierung in vier Kategorien. Am nächsten Tag folgt eine ausführliche Kritik.

Heute: „Der goldene Drache“

  • SAUEREI // ♥ ♥ ♥ ♥  //
  • TRANSGENDER // ♥ ♥ ♥ ♥ //
  • SYMBOLHAFTIGKEIT // ♥ ♥ ♥ ♥ //
  • GESCHMACKSVERSTÄRKER // _ _ _ _ //

Das goldene Paradox

von Sophie Desselhorst

Stückemarkt-Eröffnung. Am Expertentisch werden „Grenzen, Zwischenräume und Chancen neuer Dramatik in Europa“ diskutiert. Nino Haratischwili, Yvonne Büdenhölzer und Roland Schimmelpfennig reden über Welthaltigkeit, Osteuropa-Klischees und unterschiedliche Produktionsbedingungen. Es wird immer mehr ins Allgemeine rausgezoomt, und da, schließlich, rutscht Schimmelpfennig etwas (ein verstecktes Bekenntnis?) raus: Der Sinn, Stücke zu schreiben, bestehe doch darin, „dass man sie aus der Hand gibt.“ Huch? Und was ist mit „Der goldene Drache“, Schimmelpfennigs Wiener Uraufführungs-Eigeninszenierung, soll doch am 21. Mai mit dem Theatertreffen-Wimpel behängt werden? Ausnahmen bestätigen die Regel? Oder: wenn es zu weitwinklig wird, dann tritt selbst der konzentrierteste Worttüftler leicht einmal in die Floskel-Falle? Oder – ?