Theater, oder was?

von Alexandra Müller

Theaterprozession durch den Wedding, angeführt vom Mini-Megaphon. Foto: Piero Chiussi

Die TeilnehmerInnen des Internationalen Forums begegneten sich in den letzten zwei Wochen in vier Workshops, unter anderem bei Chris Kondek und Hans-Werner Kroesinger. Am 23. Mai wurden in den Uferstudios im Wedding und der nächsten Umgebung einige Arbeitsergebnisse präsentiert.

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Wir sind laut

von Nikola Richter

Eine Frau steht mitten im Wedding auf der Verkehrsinsel und singt. Eine Mann mit Strumpfmaske schreit „Bildet einen Kreis, schließt die Augen“, dann geht er den Kreis entlang und lässt uns fühlen, wie sein Herz klopft. Später setzt er sich an die Panke, mit nacktem Oberkörper, und rezitiert Madonnas La Isla Bonita. So war das heute, bei der Workshop-Präsentation des Internationalen Forums. Die ganze Welt ist eine Bühne. Das weiß man zwar seit Shakespeares „Wie es euch gefällt“, aber auch das Theatertreffen erzeugt diesen seltsamen Entwirklichungssog. Je länger das Theatertreffen dauert, desto schwerer fällt es mir, vom Schau-Gespielten wieder in die echte, richtige Welt zurückzukehren. Jede Mutter, die ihren Kinderwagen über die Straße schiebt, jeder Penner, dessen Tattoos in der Sonne glänzen – sie alle wirken wir Mitspieler in einem einzigen Stück.

Als ich gestern auf der Fahrt nach Hause noch ein wenig der Vorstellung „Der goldene Drache“ nachsinne, in Gedanken an die verschiedenen Male, die ich in Thai-Vietnam-Imbissen Nummer 3b (nicht scharf) bestellt habe, in Gedanken an die vielen Unbekannten Mitmenschen, die nicht durch ihren Zahn nach Hause telefonieren können, kreuzt die U-Bahn die Hauptroute des Karnevals der Kulturen. Hallesches Tor. Das Berliner Straßenfest findet in diesem Jahr zum 15. Mal statt und ist von einem Stadtteilfest zu einem touristischen Stadtfest geworden. Ein gesamter Kiez ist musikalisch und kulinarisch in einer globalen Daueraufregung. Argentinische Teigtaschen hier, sudanesische Kochbananen dort. Etwa 300 Multikultis quetschen sich in den Waggon, in dem ich auch sitze, einige von ihnen tragen Trommeln, fangen an, einen einfachen Rhythmus zu schlagen. Erst leiser, dann anschwellend. Andere – ohne Trommeln – schließen sich an, hauen mit der flachen Hand gegen die Decke der Bahn. Viele wippen mit, die Bahn fährt bebend durch die Nacht. Hier ist Platz für viele. Wir sind laut. Wir gehen nicht ab.

Was ist „das mehr“?

von Alexandra Müller

Zwei Wochen lang arbeiteten Stipendiaten des Internationalen Forums mit Autor und Regisseur Hans-Werner Kroesinger an dokumentarischen Texten über die Genozide in Ruanda und Armenien. Eine dokumentarische Collage mit Eindrücken von dem Workshop „History counts“.

Donnerstag 20. Mai, Uferstudios, Berlin-Wedding. Ich betrete einen verwinkelten Raum in einem Seitenflügel und treffe gleich auf ein paar geschäftig herumwuselnde Theatermacher. Schüchtern stelle ich mich vor, man bittet mich, Platz zu nehmen. In dem langgezogenen Raum gibt es eine kleine Sofaecke und einige dunkelgrüne Spinde, über und über mit Aufklebern aus aller Welt verziert. Ein Ende des Raums ist durch eine Wand abgetrennt, ich kann aber durch ein großes Fenster in den anderen Teil hineinschauen. An den Wänden kleben Post-It-Wolken und Notizzettelreihen, auf denen lese ich unter anderem Auszüge aus Paragraphen, zum Beispiel: „Wer vorsätzlich einen Menschen tötet §211“. (mehr …)

Notes on Money and Science Fiction

von Shane Anderson

Money – It Came From Outer Space! No, this is not a long lost Sun Ra record, it’s the working title of Chris Kondek and Christiane Kühl’s workshop for tt 10’s international forum.

This year, the international forum, which brings together some of the best and brightest theater persons from around the world, focuses on the questions: ‚How can theater deal with the world? And what are the realities created by the art of theater?‘

In their workshop, Kondek and Kühl have developed an interesting way to deal with the world, and with money in particular. They have asked the question: what happens when we talk about money as if it were a foreign creature, as if it weren’t the self-evident means to an end whose presence we take for granted everyday? And, furthermore, what happens if we look at money as we do science fiction films? What happens if we understand money as one of these abominable creatures? (mehr …)

Ein Bus wird kommen

von Judith Liere

Das Theatertreffen findet nicht nur auf der Bühne und vor Publikum statt: Die 43 Stipendiaten des Internationalen Forums, Teil der tt-Talenteplattform, treffen sich zwei Wochen lang täglich in den Uferstudios im Wedding, um in verschiedenen Workshops miteinander zu arbeiten. Danach wird zusammen ganz viel Theater angeschaut, gemeinsam diskutiert – oder mit dem Bus gefahren. Eine Reise in Bildern von Piero Chiussi. (mehr …)

Die Nummer Eins sein

von Anna Pataczek

Das Theatertreffen ist nicht nur eine Leistungsschau der deutschsprachigen Theaterlandschaft. In den Uferstudios im Stadtteil Wedding treffen sich im Internationalen Forum täglich über vierzig junge Schauspieler, Regisseure, Autoren und Dramaturgen aus der ganzen Welt. Sie arbeiten miteinander in Workshops, erzählen sich aus der Heimat, diskutieren über ihre Idee von Theater. Mit dabei ist auch Modzinu Blaise Abolo-Sewovi. Der 34-Jährige kommt aus Togo. Er ist Schauspieler und Batik-Künstler.

Modzinu Blaise Abolo-Sewovi mit Theatertreffen-Ausweisband. Foto: Kim Keibel

Modzinu Blaise Abolo-Sewovi springt auf, stellt sich aufrecht in die Mitte des Raumes, drückt die Brust raus, breitet die Hände aus und sagt: „Es gefällt mir, die Nummer Eins zu sein.“ Wenn die Menschen lachen, wenn er auf der Bühne steht und einen Witz reißt, wenn er singt und Gitarre spielt, wenn sie ihm applaudieren. Deshalb ist Blaise Abolo-Sewovi Schauspieler geworden. Er hat schon vor Faure Gnassingbé, dem Präsidenten Togos gespielt, er tourt mit seiner „Compagnie Oriki“ durch das ganze Land, tritt bei Festivals in Nord- und Westafrika auf.

Kickern mit der Welt

Nun schaut er aus dem Fenster in einem Hotelzimmer in Wilmersdorf. Es regnet und regnet. Aber für Berlin und Sightseeing hat der Schauspieler sowieso kaum Zeit. Die kostbaren zwei Wochen, die er hier verbringt, sind vollgestopft mit Workshops, Diskussionsrunden, Theaterabenden. Und abends spielt er Kicker zusammen mit den anderen Teilnehmern des Internationalen Forums, mit deutschen Schauspielern, einer Tänzerin aus Kasachstan, eine Regisseurin aus Buenos Aires, einem Autor aus Schottland und all den anderen. Die Einladung zu diesem Treffen sei für ihn eine große Chance, sagt Abolo-Sewovi. Er ist neugierig darauf, wie andere über Theater denken. (mehr …)