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Das kritische Rauschen

von Nikola Richter

Die Kritiker sind nach Hause gefahren, die kritischen Daten bleiben. Denn Kritiker sind Datenverarbeiter. Da sind der Theatertext, die Spielfassung, Pressemitteilungen, Programmhefte, Diskurse, Kollegengespräche, Interviews, Online- und Offline-Recherchen, die gelesen werden wollen, und da ist natürlich die eigene teilnehmende Beobachtung als klatschender – oder nicht-klatschender, mitschreibender oder stillschweigender – Zuschauer. Da sind die Eindrücke, die Einordungen, die medial einprasseln. Schon 1984 – das Internet war gerade erst ein Jahr alt und mit 200 bis 400 teilnehmenden Großrechnern sehr übersichtlich – beschrieb der US-amerikanische Autor Don DeLillo in seinem berühmten postmodernen Roman „Das weiße Rauschen“, wie der Mensch in neuartigen Informationsflüssen versinkt. Heute möchte ich ihm zurufen: Nein, er versinkt doch überhaupt nicht!

Denn wenn sich acht aus 120 Bewerberinnen und Bewerbern ausgewählte Nachwuchs-Theaterkritiker fast drei Wochen während des Theatertreffens blog-redaktionell betätigen, wenn sie täglich in Redaktionssitzungen diskutieren und sich austauschen, über die eigenen Kriterien und Maßstäbe, wenn sie fotografieren, filmen, schreiben, mitschneiden und somit ihre Gedanken sortieren, wenn sie begleitet werden von freundlich-kritischen Mentoren, dann wird aus dem weißen Rauschen ein kritisches Rauschen. Denn es ging neben vielen konkreten Debatten über die zum tt10 eingeladenen Inszenierungen auch um viele grundsätzliche Fragen, etwa zum Abdanken der Botho-Strauß-Generation und zu Großkritiker-Allüren, zu den Menschen hinter den Kulissen und Schauspielern/Regisseuren/Autoren ganz privat, zur allgegenwärtigen Krise, zu den Arbeitsbedingungen der Theaterleute, insbesondere der freien Szene, zu Alternativen für die tt-Einladungsliste, und ja, genau, auch zum Sinn und Zweck von Theater, an sich und überhaupt und in der Zukunft. Es entstanden etwa 140 Artikel, zu den Gastspielen, dem Stückemarkt, dem Internationalen Forum und dem Rahmenprogramm. Ein Archiv des Festivals, ein Datenstrom, fast möchte ich sagen, für immer.

Das quadratische Büro.

Büro hoch zwei.

Das stieß auf Wohlwollen, auf Respekt und auf den Wunsch nach mehr, sowohl bei den klassischen als auch bei den neuen Medien: Die Berliner Morgenpost lobte die Schnelligkeit der Blogger, diese sei doch „ausdrücklich zu würdigen“, der Freitag wies auf den bloggenden Intendanten der Berliner Festspiele Joachim Sartorius hin. Er schrieb in diesem Jahr erstmals online mit, eine Premiere. Die Stuttgarter Zeitung befand, dass mit dem Theatertreffen-Blog der „virtuellen Teilnahme“ am Festival nichts mehr im Wege stünde. 3sat-kulturzeit, der SWR und der RBB berichteten in eigenen längeren Beiträgen über die neuen Formate der Online-Theaterkritik (z.B. unsere Votingecke Herzzahl). Das Blog Theater in Berlin fand bereits unseren ersten Beitrag interessant („Ist kulturjournalistisches Bloggen möglich?“); ein junger Blogger aus München, Manuel Braun, forderte: „So etwas wie den Theatertreffen-Blog sollte es das ganze Jahr über geben. Punkt.“ Vielen Dank dafür!

Aber auch unsere Leser liebten das diesjährige Blog: Die Userzahlen verdoppelten sich im Vergleich zu 2009: 14.938 Besucher, 23.219 Besuche und 227.828 Seitenaufrufe. Das bedeutet, jeder Leser, der auf dieses Blog kam, las durchschnittlich 9,81 Seiten und erstellte sich somit eine kleine individuelle Theaterzeitung – ohne Lieferzeit, Kioskgang, Altpapierentsorgung. Ich habe nun mein fast papierloses Büro wieder zusammengepackt: Es passt, samt Küchenausrüstung (Kaffeemaschine, Tassen, Gläser, Wasserkocher) in zwei handliche Kartons. So überwintert ein Blog. Bis zum nächsten Theaterfrühling!

Kulturjournalistisches Bloggen? Geht das überhaupt?

von TT-Blog Redaktion

Auf jeden Fall! Finden die Redakteure des Theatertreffen-Blogs 2010. Eine Meinungscollage:

Bloggen. Klingt englisch! Modern! Irgendwie jung! Aber wie, was Kulturjournalismus?! Klingt nach Oper und Theater und Hochkultur. „Irgendwie schwierig – die Hochkultur!“, denken viele. Kulturjournalistisches Bloggen: Ich denke, es klingt spannend und ich hoffe, es eröffnet die Möglichkeit über die oftmals starren journalistischen Konventionen hinauszugehen, etwas auszuprobieren und subjektiv sein zu dürfen. Vielleicht auch mal rotzig und eckig! Und dann kann man vielleicht die anderen davon überzeugen, dass Kulturjournalismus gar nicht so schwer und elitär sein muss. (Elisabeth Hamberger)

Die Vorteile des Internetjournalismus: Er bietet die Möglichkeit, flexibel Reportage, Portraits und künstlerische Inhalte ohne Platz- wie auch Formbeschränkung zu verknüpfen. (Kim Keibel)

Kritik bedeutet für mich Nach-Denken, Weiter-Denken, sie fällt nicht einfach nur Urteil über etwas Abgeschlossenes, bereits Geschafftes, sondern schafft selbst, ist Teil einer immer fortlaufenden, offenen Kette. (Kai Krösche)

Das Theater entwickelt sich immer weiter, der Kulturjournalismus sollte das auch tun. Ich denke, dass der freiere Umgang eine Chance ist, bestehende oder drohende Vorurteile, dass das Theater eine verstaubte oder hermetische Kunstform sei, abzubauen. (Judith Liere)

Eigentlich weiß ich immer noch nicht genau, was das sein soll: Ein Blog. Es gibt so viele unterschiedliche Positionen … diejenigen, die sich als Teilhaber an einem Diskurs verstehen oder die, die Tagebuch schreiben und Bilder von ihren Kindern oder Katzen posten oder die Sammler, die kleine Onlinemuseen anlegen … wo genau ich da stehe, weiß ich noch nicht. Ich suche noch nach einer Sprache für mein Web-Dasein. (Alexandra Müller)

Ich werde die Ohren aufsperren und das Mikro anschalten, denn so sinnlich wie das Theater sollen auch alle Eindrücke sein, die wir im Internet vermitteln können. Großartig, dass die Leser, Zuhörer und Zuschauer dann auch gleich in die Diskussion einsteigen können. Deutungshoheit auf der einen und Demokratie auf der anderen Seite. Wo gibt es denn sonst so etwas? (Anna Pataczek)

This is how I blog

von Shane Anderson

When I blog, I sketch ideas. Usually visually, but not always. When I write internet essays, I like to bring back a little more theory in my life, as well as to challenge my perceptions with those of others. Together, these prove very useful for my writing praxis.