Artikel-Schlagworte: „Joachim Sartorius“

Diese grässliche, wunderbare Wirklichkeit

von Joachim Sartorius

Von der berühmten Regisseurin Andrea Breth (9 Einladungen zum Theatertreffen) erzählt man sich eine Geschichte: während eines langen, zermürbenden Probenprozesses ist sie einmal völlig erschöpft und zitternd auf die Probe gekommen. Die anwesenden Mitarbeiter überraschte sie mit dem Geständnis, sie sei heute mit der U-Bahn gefahren. (mehr …)

Die schöne andere Meinung

von Joachim Sartorius

In früheren Jahren, wenn die Entscheidung der Jury des Theatertreffens über die zehn eingeladenen Inszenierungen bekannt gegeben wurde, stieg Pulverdampf zum Himmel. Das Bashing der Jury gehörte zu den Ritualen. In den letzten beiden Jahren fand das nicht mehr statt: Wohlwollen, in vielen Fällen sogar Zustimmung zur Auswahl in der Vorberichterstattung. Ich litt fast an Entzug, ich vermisste den Pulverdampf. Aber vielleicht hat sich alles in die Gespräche nach den Aufführungen verlagert. (mehr …)

Margit, mit dir is so schön

von Elisabteh Hamberger

Heute wurde im Deutschen Theater der mit 20.000 Euro dotierte Theaterpreis Berlin 2010 an die Schauspielerin Margit Bendokat verliehen. Wir waren dort und gratulieren.

Sonntagmorgen, 11 Uhr, Berlin. Das Deutsche Theater ist rappelvoll. Noch drängen einige Journalisten in den Zuschauerraum, suchen hektisch nach freien Plätzen, um ihre Kameras zu positionieren und Stift und Block zu zücken. Denn heute findet eine einmalige Darbietung statt. Heute wird der Theaterpreis Berlin 2010 verliehen. Heute wird die Schauspielerin Margit Bendokat geehrt. (mehr …)

DIE NACHT DES 7. MAI

von Joachim Sartorius

Es gab die Eröffnungsveranstaltung „Kasimir und Karoline“ und es gab die Ansprache von Jack Lang. Beide erhielten gleich starken Applaus. Vor allem machte Lang sein Versprechen, „die deutsche Sprache zu malträtieren“, nicht wahr. Im Gegenteil, seine Aussprache war charmant und nahm für ihn und die deutsche Sprache ein. Das versicherten mir auch viele tt-Besucher, die sich durch den Kies an den Skihütten vorbei mühselig ihren Weg bahnten. Mir machte das Freude, weil ich die Idee hatte, ihn aus Paris, Place des Vosges, an die Schaperstraße zu locken. Die wichtigste Botschaft seiner Rede, nämlich ihn möglichst rasch zum ersten deutsch-französischen Kulturminister zu machen, ging allerdings unter. Die Festversammlung klatschte an anderen Stellen, zum Beispiel, als er sagte, dass die ideenlosen Politiker auf gar keinen Fall an der Kultur und am Theater sparen dürften. Das war eine richtige, ja unverzichtbare Aussage, aber warum hatten wir kein Sensorium für die wirklichen Visionen in seiner Ansprache? Dann kam die Aufführung des Schauspiel Köln. Man konnte sie, neben allem Künstlerischen, auch erleben als dringend nötige Legitimation für den Subventionsbetrieb.

Vorsicht, Natur!

von Anna Pataczek

Die Einrichtung im Festspielhaus steht. Die Natur hat Einzug gehalten: Holzplanken führen über Kiesbetten, Sitzgelegenheiten sehen aus wie Steinhaufen und aus Holz wurden Schutzhütten gezimmert. Während sich Intendant Joachim Sartorius noch überlegt, Warnhinweise herauszugeben, haben wir die Tauglichkeit der Abendgarderobe getestet. Ein Ratgeber in vier Bildern. Und ein Podcast mit freiem Assoziationsfluss – den die verantwortliche Ausstatterin Kathrin Frosch in Bahnen lenken konnte.

Bei so viel ungehobelter Natur nimmt die Masche ihren Lauf.

Taschen-Tuch gegen staubige Kieselsteine.

Mit kurzem Rock ist nicht gut auf Felsen fläzen. Foto: Kim Keibel

Mit kurzem Rock ist nicht gut auf Felsen fläzen.

Immer schön auf dem Holzweg bleiben. Alle Fotos: Kim Keibel

INNEN THEATER AUSSEN

von Joachim Sartorius

Im Haus der Berliner Festspiele ist es noch still. Noch 4 Tage bis zur Eröffnung. Kabel werden verlegt, da und dort gehämmert, der neue Bühnenboden geschrubbt. Erwartung! Aber wer wie ich heute in die Kassenhalle tritt, reibt sich die Augen. Der ganze Hallenboden ist mit Kies aufgeschüttet, Wege aus rohen Holzplanken führen über den Kiesbelag ins Untere Foyer (ich überlege, ob ich eine Warnung vor allzu hohen Stöckelschuhen ausgeben soll). Dort stehen grob gezimmerte Holzhütten, Unterkünfte, um Schutz zu suchen vor was? Der Kiesboden verweist auf die Waschbetonwände des Theaters, die Planken auf das viele Holz, das hier überall Verwendung fand.

Geruch von Harz liegt in der Luft. Die tt-Macher wollen offenbar die Natur ins Theater holen. In der großartigen Ausstellung „Innen Stadt Außen“ von Olafur Eliasson, die wir gerade im Martin-Gropius-Bau eröffnet haben, hat der dänische Künstlerstar die Stadt ins Museum geholt und zuvor mit vielen poetischen Irritationen im Stadtraum die Neugierde auf seine Ausstellung angestachelt. Wer hat hier wen beeinflusst? Oder liegt das Spiel, das Außen nach Innen zu tragen und umgekehrt, gerade in der Luft? Und ist dieses Spiel Sinnbild des Theaterspiels? Verfremdungs-Effekte! Doch wer sorgt für die Irritationen draußen? Der böse Wolf auf Liftfasssäulen und Wall-Schaukästen, fletschendes Gebiss in farblicher Verwackelung? Wer eine 3-D-Brille mit sich führt, kriegt das Aggressive noch besser mit.

In diesem verfremdeten Theater war es auch, wo ich die Blogger kennengelernt habe, die von heute an drei Wochen lang das Theatertreffen begleiten werden. Das sind keine routinierten, abgebrühten Theaterkritiker. Ich bin gespannt darauf, wie ihre vielleicht schnellere, direktere Bloggersicht von Außen den Blick – auch meinen – aufs Theater und zurück auf die Welt verändern wird.