Artikel-Schlagworte: „Riesenbutzbach“

Potenzierte Provinz

von Judith Liere

Heute abend feiert Christoph Marthalers Inszenierung „Riesenbutzbach“ Theatertreffen-Premiere. Wer oder was ist eigentlich ein Butzbach? Eine Aufklärung.

Butzbach. Nicht riesig. 12.000 Einwohner. Foto: Fritz Geller-Grimm

Ein Butzbach ist nichts Schönes. Soviel ist klar. Nie wurde in der Theatergeschichte ein Ort so inbrünstig gehasst wie dieser. Der große Welthasser Thomas Bernhard hat ihn zum ersten Mal auf die Bühne gebracht. In seinem Stück „Der Theatermacher“ schleudert, nein speit der von Hybris befallene Regisseur Bruscon unzählige Male den Satz, nein die Verachtung heraus: „Utzbach wie Butzbach“. Der fiktive Ort Utzbach, in dem Bruscon mit seiner Theatergruppe gastiert, ist Marianengrabentiefe Provinz. Den Utzbacher interessiert die Kunst des Regisseurs nicht, der „Blutwursttag“ ist für den Utzbacher ein wichtigeres Ereignis als eine Theateraufführung.

Utzbach ist also schon schlimm, und mit dem Vergleich „Utzbach wie Butzbach“ wird der ohnehin schon schlimme Ort noch schlimmer gemacht, indem er mit dem Allerschlimmsten gleichgesetzt wird: Butzbach. Und Christoph Marthaler setzt der ganzen Verschlimmerei noch eins drauf: Riesenbutzbach. Wenn Utzbach Provinz ist, dann ist Butzbach doppelte Provinz und Riesenbutzbach potenzierte Provinz und damit das absolute Grauen.

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Gerüchteküche

von TT-Blog Redaktion

Marthaler kommt. Der große Marthaler. Heute abend mit „Riesenbutzbach“ von den Wiener Festwochen. Wir geben zu: Bis auf ein Redaktionsmitglied hat noch keiner eine Inszenierung von ihm gesehen. Und trotzdem können wir schon eine Menge zu dem großen Regisseur erzählen. Marthaler, das ist so wie das Münchner Hofbräuhaus, das kennt man, ohne je da gewesen zu sein.

Großes Theater, was nun?

von Anna Pataczek

Vor zweieinhalb Jahren ging Lehman Brothers pleite, die Theaterwelt protestierte kürzlich gegen die Schließung des Schauspielhauses Wuppertal, die Bundesregierung hat soeben die Milliardenhilfen für Griechenland durchgeboxt. Und auf dem Theatertreffen wird einem unbestimmten Krisengefühl stattgegeben.

Es stimmt schon, das Theatertreffen steht im Zeichen der Krise. Doch die Krise, die dieses Theater widerspiegelt, ist zur Lebenskrise ausgewachsen. Es geht um dieses mulmige Bauchgefühl, um Unsicherheiten und Ängste. Nicht um die großen ökonomischen Fakten. Das Private ist politisch. Liebesbeziehungen scheitern wegen Geld. Das ist bei Horváths Kasimir und Karoline so. Das ist bei Falladas Pinneberg und seinem Lämmchen so. Das ist bei David und seiner Frau so, in dem Stück des Briten Dennis Kelly, das auch noch „Liebe und Geld“ heißt.

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