8. Mai 2011 - 16:18 Uhr

„Die Schweiz steckt in einer Identitätskrise“

"Fremdsein ist eine grundsätzliche Erfahrung, die man heute machen muss." Foto: Grete Götze

Die szenischen Einrichtungen des Stückemarkts beginnen. Heute um 19.30 Uhr:“Brachland“. Ein Gespräch mit dem Autor Dmitrij Gawrisch über zu viele Menschen in der Schweiz, politische Visionen und vorbildliche Opern.

Brachland ist dein erstes Stück. Heute Abend wird es von Stephan Kimmig szenisch eingerichtet. Wie ist es, bei den Proben seines eigenen Stückes dabei zu sein?

Lustig. Ich versuche aber, möglichst im Hintergrund zu bleiben. Wenn der Regisseur das Gefühl hat, bei seiner Inszenierung nicht frei zu sein, kommt oft ein langweiliges Ergebnis dabei heraus. Stephan Kimmig inszeniert Brachland, ein schweres Stück mit einem betrüblichen Ende, auf leichte Art und Weise, ohne ihm die Tiefe zu nehmen.

In deinem Stück geht es um die zwei Brüder Oleg und Ivan, die ohne Papiere in eine Stadt im Westen kommen. In welchem Land sind sie?

Ich habe mir die Schweiz vorgestellt, aber eher als Gedankenstütze, nicht als präzise Studie. Es könnte auch in Deutschland spielen. Mir hat auch schon jemand gesagt, dass Deutschland als Handlungsort viel besser passen würde, weil hier gerade eine viel größere Migrationsdebatte stattfindet.

In die Schweiz passt das Thema Ausländerpolitik aber auch gut. Sie hat zuletzt mit ihren Volksabstimmungen gegen den Bau neuer Minarette und Ausschaffungsinitiativen von sich reden gemacht.

Ich finde die Hetze gegen Ausländer in der Schweiz besorgniserregend. Im Herbst sind Parlamentswahlen, und was gerade an Zusammenhängen hergestellt wird, ist hirnrissig. Mittlerweile sollen die Zuwanderer sogar daran Schuld sein, dass der Atomausstieg nicht gelingt. Es wird argumentiert, dass wir zu viel Bevölkerung haben, zu viel Bevölkerung verbraucht zu viel Strom, und für die Produktion brauchen wir Atomkraftwerke. Genauso wird bei den Straßen argumentiert: Die Straßen sind zu voll, weil zu viele Autos da sind, also gibt es zu viele Menschen. Mieten steigen, weil es zu wenige Wohnungen für zu viele Leute gibt. Und an allem ist die Zuwanderung schuld.

Sagen die Rechten.

Das Schlimme ist, dass die Debatte inzwischen nicht nur rechts geführt wird, sondern auch links. Die Grünen kamen mit dem AKW-Argument. Auch Parteien, die eigentlich bekannt sind für ihre Offenheit und Toleranz, haben sich auch auf die Zuwanderung eingeschossen.

Vor wem haben die Schweizer denn Angst?

Zum Beispiel vor dem Islam, seit neustem aber auch vor den Deutschen. Wie gesagt: eine völlig verzerrte Wahrnehmung.

Wie erklärst du dir den Rechtsruck?

Die Schweiz steckt in einer Identitätskrise.

Wie meinst du das?

In der Tradition ist die Schweiz neutral, führt keine Kriege. Sie ist offen und tolerant. Und wohltätig: So wurde zum Beispiel das Rote Kreuz hier gegründet. Nebst dieser Tradition hat das Land einen Wohlstand erreicht, der in Europa seinesgleichen sucht. Aber die Schweizer haben den Eindruck, dass ihr Wohlstand in Gefahr ist. Und dass die bisherige Offenheit und Toleranz daran schuld sind.

Ist der Wohlstand in Gefahr?

Ja, aber durch die Politik, die in der Schweiz betrieben wird. Als studierter Wirtschaftswissenschaftler bin ich überzeugt davon, dass Abschottung keine Lösung ist. Die Schweiz muss einsehen, dass sie reich ist, aber klein, und eigentlich nichts ausrichten kann. Die Menschen versuchen um jeden Preis, das Alte zu retten, obschon es sich längst überholt hat. Der Rechtsruck ist eine einzige Rückwärtsschau.

Was muss passieren?

Es muss eine Debatte geführt werden: Was sind wir, woran glauben wir und was wollen wir? Das gilt nicht nur wirtschaftlich, sondern auch intellektuell, geistig. Früher hat das auch gut geklappt, die Schweiz war eine der fortschrittlichsten Demokratien. Heute fehlt ihr hingegen eine Vision, wie den meisten europäischen Ländern.

Die EU hat gerade beschlossen, im Schengenraum wieder Grenzkontrollen einzuführen.

Auch die Vision, die zur Gründung der EU geführt hat, hat sich erschöpft. Nach vielen Jahrhunderten der Kriege beschlossen die Länder nach dem Zweiten Weltkrieg, etwas zusammen zu machen, eine Union zu gründen. Mit einheitlicher Bildung, ähnlichen Gesetzen, der gleichen Währung. Aber diese Vision erfordert eine Selbstlosigkeit, die heute nicht mehr salonfähig ist, obwohl die Vorteile geblieben sind. In Europa wird eine Politik gemacht, die Ängste schürt. Die Leute sind skeptischer geworden.

Ist ihre Angst der Grund, warum sich so viele Autoren des Stückemarkts mit dem Fremdsein beschäftigen?

Viele Theater machen Themen wie Migration und Fremdheit zu ihrem Motto. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis das auch bei den Autoren ankommt.

Die meisten Schauspieler sind trotzdem deutsch. Sollten die Theater sich mehr darum bemühen, auch Schauspieler mit Migrationshintergrund zu besetzen?

Eine schwierige Frage. An der Oper ist es mittlerweile egal, welches Alter und welche Nationalität die Sänger haben. Hauptsache, sie singen bestimmte Tonlagen. Da wird ein 20-jähriges Mädchen auch mal von einer 60-Jährigen gesungen, und es klappt gut. So sollte es auch bei den Schauspielern sein. In „Brachland“ kommen die Protagonisten aus dem Osten, werden aber von zwei deutschen Schauspielern gespielt. Das finde ich gut, ich möchte nicht zwei Russen haben, die mit Akzent sprechen. Es wäre aber auch mal interessant, wenn Petra, die Westeuropäerin des Stückes, von einer türkischen Schauspielerin gespielt werden würde.

Aber es gibt ja fast keine türkischen Schauspieler auf deutschen Bühnen.

Das ist eine Frage der Zeit. Es gibt inzwischen viele Autoren, die in zweiter Generation in Deutschland sind und sich mit ihrer Geschichte beschäftigen. Bei den Schauspielern wird sich das auch irgendwann niederschlagen. Letztlich kommt es nicht auf die Herkunft an, sondern darauf, ob man seine Sache gut macht oder nicht. Ich bin zum Stückemarkt nicht eingeladen worden, weil ich Ukrainer bin, sondern wegen meines Textes.

Findest Du es gut, dass derzeit so viele Texte über das Fremdsein entstehen?

Ja, das bewegt im Moment die Gemüter. Fremdsein ist eine grundsätzliche Erfahrung, die man heute machen muss. Das Theater reagiert darauf. Die Debatte wird hoffentlich ein neues Selbstverständnis schaffen. Bei den Theatermachern und bei den Zuschauern.

Dmitrij Gawrisch schreibt derzeit an zwei neuen Stücken. Eines handelt von Fremdenfeindlichkeit und wird im Oktober im Staatstheater Karlsruhe aufgeführt, im anderen geht es um Lebenslügen. Der 29-Jährige würde gerne möglichst bald von seiner Arbeit als Autor leben.