9. Mai 2011 - 13:38 Uhr

Unverständlich?

Ein Wiener in Berlin. Zur Premiere von „Der Biberpelz“ stellt sich mir die scheinbar simple Aufgabe, Gerhart Hauptmanns Dialektsprache auf einer rein inhaltlichen Ebene zu erfassen. Ein Erfahrungsbericht über einen unverständlichen Theaterabend.

Es war im April dieses Jahres, anlässlich der Burgtheater-Premiere der Antisemitismus-Abrechnung „Professor Bernhardi“ von Arthur Schnitzler. Die österreichische Volksseele, vertreten durch enervierte Kampfposter_innen in der Onlineausgabe der Tageszeitung Der Standard, kochte. „Muss ich mir denn einen Schnitzler tatsächlich von einer Bochumer Truppe anhören?“ schäumt ein Poster noch vor dem Premierenabend. Als ob die Deutschen uns Österreicher_innen nicht schon genug vergällt hätten, nicht schon genug Minderwertigkeitskomplexe eingebrockt hätten: jetzt verhunzen sie uns auch noch unsere schöne Wiener Sprachmelodie. Schließlich, so behauptet ein anderer: „Wenn Österreicher Hauptmann spielen, wird einem Berliner etwa auch was fehlen.“

Familie Wolff in Herbert Fritschs Inszenierung von "Der Biberpelz". Foto: Silke Winkler

Beim diesjährigen Theatertreffen ist Gerhart Hauptmanns „Der Biberpelz“ vertreten, aufgeführt vom Ensemble des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin. Mecklenburg? Schwerin? Nie gehört. Das zwingt mich, die Frage andersrum zu stellen: „Wenn die Deutschen ihren Hauptmann spielen, was fehlt mir, als Wiener?“ Welche Möglichkeiten zur ästhetischen Erfahrung bietet die Inszenierung eines Stückes, das man – rein sprachlich – nur teilweise versteht? Wie wichtig ist es wirklich, Sätze wie „Red nich erscht lange an Blech zusammen“ semantisch vollständig zu erfassen? Und was macht die Überforderung mit einem beim Zuschauen?

Herbert Fritschs Inszenierung beginnt mit chorisch gesprochenen Szenenanweisungen. Da komme ich noch halbwegs mit. Es geht um eine kleine Küche samt karger Einrichtung und Blick in das Hinterzimmer. Dann wird es schwierig. Mutter Wolff (Brigitte Peters), die bauernschlaue Protagonistin, und ihre Tochter Leontine (Sonja Isemer), adrette Dienstmagd mit diabolischem Dauergrinser, beginnen ihren Dialekttext in rasender Geschwindigkeit zu brüllen. Fritsch scheint Tempo und Lautstärke von Null auf 180 gedreht zu haben, und das bleibt auch den Rest des Abends so. Die blecherne Akustik der Seitenbühne tut schließlich das ihrige: als die Sprache mein Ohr erreicht, ist sie bereits ein amorpher Wortbrei geworden. Ich drehe den Kopf, beuge mich vor und wieder zurück, vergeblich nach einer optimalen Position suchend. Es bleibt dabei: Die Sätze verschwimmen zu Klangfetzen, melodische Intensitäten der Wahrnehmung, die mal gutturale, mal zwitschernde, mal bellende, mal jauchzende Toneindrücke hinterlassen.

So kann das nicht weitergehen. Ich blinzle, ganz verstohlen, fast verschämt an den oberen Rand der Bühne, zu den englischen Übertiteln. An das internationale Publikum wurde schließlich gedacht. Mit dem englischen Text vor Augen ergibt plötzlich auch der Berliner Dialekt Sinn, und ein wenig kann ich sogar über den subtilen Humor der Übersetzung schmunzeln. So wird aus dem Herrn Mitteldorf (Özgür Platte) der „Middleton“, und die Akademie in Eberswalde zur „Boar Mountain Academy“. Doch mitlesen und simultanübersetzen und zusehen funktioniert nur für kurze Zeit. Dafür ist das Tempo zu schnell—oder meine Augen zu langsam.

Schließlich passiert das Unvermeidliche. Die Überforderung lässt meine Gedanken wandern. Ich blicke, möglichst unauffällig, auf mein Handy. Erst eine Dreiviertelstunde um. Dann drehe ich mich um, lasse meine Augen im fahlen Licht über die Mienen des Publikums hinter mir wandern, das mal angestrengt, mal erheitert dem Geschehen folgt. Eine Weile beobachte ich eine Frau von der Technik, die sich auf einem Gerüst knapp unter der Saaldecke erschöpft die Hitze aus dem Gesicht fächert. Ich lasse meinen Blick auf einem korpulenten Herrn im Tweedsakko in der allerletzten Reihe ruhen, der mit hochrotem Kopf vor lauter Lachen schon nach Luft japst. Und schließlich bleibe ich an dem älteren Pärchen hängen, das ganz verstört schaut, wiederholt den Kopf schüttelt und schließlich energisch aufsteht, um die Vorstellung vorzeitig zu verlassen. Soll ich mich anschließen? Schließlich passe ich ja nicht mal mehr auf!

Am Ende steht eine Kapitulation, die keine sein will. Die verbissenen Versuche, der Handlung irgendwie zu folgen, die Sprache auch nur ansatzweise zu verstehen, haben mich bloß in die Unaufmerksamkeit geführt. Warum es also überhaupt versuchen? Warum das Stück nicht als opulenten Klangteppich wahrnehmen, als überzeichnetes Stampfen, Schwitzen, Spucken, Schreien? Warum nicht einfach mal nur das grellbunte Treiben der Körper affektiv empfinden, ohne gleich nach seiner Erklärbarkeit zu suchen? Warum nicht genau diese surreale Überforderung bewusst erfahren, ohne Rationalisierung, ohne den Anspruch auf Verstehen? Denn das was „fehlt“ muss nicht immer ein Mangel sein, ein Scheitern. Es kann genauso gut den Blick auf den Überfluss erst möglich machen.