11. Mai 2011 - 15:43 Uhr

Guttenbergs Verrücktes Blut

Unsere Zitat-Kritik zu „Verrücktes Blut“:

Man nehme einen reißerischen, aber humorlosen Kinofilm über eine im Klassenzimmer durchdrehende französische Lehrerin, man verlagere die Geschichte nach Berlin-Kreuzberg, würze sie mit akrobatischen und humoristischen Einlagen und pflanze diesen Mix mitten in die Migrations-Debatte. Dabei geht es um eine Lehrerin, die in einer Klasse voller unmotivierter und undisziplinierter Schüler versucht, die Bildung aufrecht zu erhalten: mit Schillers „Die Räuber“. Die Pädagogin als Terroristin mit Bildungsauftrag, die jungen Türken als vollidentifizierte Schiller-Exegeten – ein schräges Happy End. Was hier von der Bühne kommt, schert sich einen Dreck um politische Korrektheit, geht dahin, wo es weh tut, springt uns an mit einer Wut und Intensität, wie man sie lange nicht erlebt hat.

Die fulminate Produktion des Freien Berliner Theaters Ballhaus Naunynstraße, dieser spielwitzige ultimative Kommentar zur Sarrazindebatte – fehlt es da nicht an Ernsthaftigkeit, die das Thema Integration – in dieser erneut Sarrazin diskutierenden Zeit – doch mit sich bringt? Die Ballhaus-Chefin ging an Tagungen so weit, Regisseuren ohne Migrationshintergrund zu verbieten, sich mit Einwanderungsgeschichten zu beschäftigen. Damit begibt sich das gefeierte Modell Naunynstrasse in ein selbstgewähltes Abseits: Wenn nur Migranten über Migranten erzählen oder solche spielen dürfen, kommt keiner weiter.

Unterhaltsam und anregend ist „Verrücktes Blut“ ohne Frage. Aber es fehlt der Mut, an Schmerzpunkte zu gehen, weil alles nur ein Spiel ist.