16. Mai 2011 - 13:15 Uhr

Nora! ad! absurdum!

Auf der Text-Fläche: Henry Meyer als Dr. Rank) und Manja Kuhl als Nora in Herbert Fritschs Inszenierung des Ibsen-Klassikers. Foto: Thomas Aurin

Die. Schauspieler. Stellen. Den. Text. Aus. Sie betonen die Woooorte in der NORA-INSZENIERUNG so ungewöhnlich! Dass! sie! durch! ihr! A.u.s.s.t.e.l.l.e.n. ad! absurdum! geführt! werden!

So in etwa könnte die Kritik von Herbert Fritschs zweiter zum Theatertreffen eingeladenen Inszenierung aussehen, wollte man ihr lautmalerisch entsprechen. Die Schauspieler entstellen die Geschichte der Hausfrau Nora, die aus Liebe zu ihrem Mann Opfer von Erpressung wird, derart, dass der Text eine völlig neue Bedeutung bekommt.

Aber wie führen die Schauspieler den Text ad absurdum? Indem sie ihn sexualisieren. Während Hausfreund Dr. Rank im Original-Ibsen zur Verabschiedung sagt „Wart; ich geh mit“, sagt Fritschs Rank: „Ich komme. Mit.“ Und lädt so eine harmlose Formulierung mit größtmöglicher sexueller Bedeutung auf. In anderen Partien prallen Bild und Text aufeinander: „Wie schön und gemütlich unser Heim ist, Nora!“ sagt Helmer zu seiner Gattin, nachdem er ihr gerade die ganze Kälte seines Charakters offenbart hat. Der Zuschauer sucht also das traute Zuhause, und was sieht er auf der Bühne: einen brennenden Weihnachtsbaum.

Die eigentliche Geschichte, das Was, macht Fritsch leicht verständlich, um sich nicht lange mit der schnöden, oft gespielten Handlung aufhalten zu müssen. Die Motive dieser überzeichneten Figuren sind so transparent, dass er sich ganz auf das Wie konzentrieren kann. Und das ist Gruselkabinett, Märchen und Porno in einem. Auf einer spiegelglatten Bühne rutschen die Schauspieler an der Oberfläche des Textes herum, entstellen ihn an ihren Körpern und enthüllen derart die bürgerliche Leere und Kälte ihrer Figuren. Das funktioniert so gut, dass auch die Zuschauer an eigentlich tragischen Stellen zu lachen beginnen. Alle sind widerlich, allen geht es um Geld. Auch Nora ist in dieser Inszenierung keine bemitleidenswerte Sympathieträgerin, sondern ein fremdartiges, irres Fabelwesen auf Spitzenschuhen, entweder im hellen oder im schwarzen Tutu. Sie ist der weiße und der schwarze Schwan zugleich.

Das Ausstellen von Körper und Text funktioniert in der Lesart von Fritsch auf groteske Weise. Jeder Satz wird vorgeführt, verzerrt und in sein Gegenteil umgestülpt. Jede Figur verkommt zur Mischung aus Tier, Mensch und Fabelwesen. Fritsch rekurriert auf die groteske Ästhetik, indem er Noras Körper als penetrant befruchtenden und empfangenden ausstellt. In ihren Schoß, unter ihren Rock gerät jeder. Aber so, wie die Sätze in ihr Gegenteil umschlagen, so wird auch das Gegenteil des grotesken Körpers beschworen. Nora, eben noch alle mit ihrem Riesentüll verschlingend, steht plötzlich im glatten Satinkorsett da, und keine Ausstülpung lenkt von ihrem glatten, begrenzten Körper ab. Er scheitert auf der glatten, begrenzten Bühne der Gesellschaft. Eineinhalb quälende wie lohnenswerte Stunden lang.