18. Mai 2011 - 10:24 Uhr

Das Reden der Anderen

Stefan Bachmanns Burgtheater-Inszenierung von Kathrin Rögglas „Die Beteiligten“ zeigt, wie im medialen Rauschen der Sprache Menschen verschwinden. Nur komisch, wenn man am Ende völlig unbeteiligt nach Hause geht.

"Die Beteiligten" in der Regie von Stefan Bachmann: Barbara Petritsch (die irgendwie-nachbarin), Katharina Schmalenberg (die „optimale“ 14-jährige), Alexandra Henkel (die pseudopsychologin), Jörg Ratjen (der quasifreund), Simon Kirsch (das gefallene nachwuchstalent), Peter Knaack (der möchtegern-journalist). Foto: Anna Stöcher/Burgtheater

Ohne Zweifel, „Die Beteiligten“ ist ein tolles Stück. Ein Stück, das jedes Germanistenherz höher schlagen lässt, denn an ihm lässt sich sprachlich so vieles zeigen, und die Sprache des Theaters und der Literatur ist doch schließlich die letzte Kraft des Widerstandes, wenn sonst die Herrschaft über Bilder und Alltagssprache in den Händen der Medien liegt. Kathrin Röggla erzählt von der Unmöglichkeit, Ich zu sagen, wenn Andere mitreden. Das Ich, in diesem Fall das Entführungs- und Medienopfer Natascha Kampusch, ist ein Ich, das im Reden der Anderen entsteht; ein Ich, das in indirekter Rede in der dritten Person erzeugt und damit nie wirklich manifest wird. Gleichzeitig bringt das Sprechen aber auch seltsame Kreaturen hervor: Menschen, die nur durch andere existieren. Menschen, die kein richtiges Ich haben und darum ein Präfix brauchen, wie die Pseudo-Psychologin, der Quasi-Freund, der Möchtegern-Journalist und die Irgendwie-Nachbarin. Menschen aus der zweiten Reihe. Die Beteiligten.

So sitzen zu Beginn von Stefan Bachmanns Inszenierung fünf Pseudo-Möchtegern-Experten auf engstem Raum zusammen und rufen Natascha Kampusch wie einen diskursiven Flaschengeist im Konjunktiv hervor. Aus Rögglas indirektem Sprechen macht Bachmann ein indirektes Sehen: Wer zu den Zuschauern redet, ist das Kamerabild der Schauspieler, nicht die Schauspieler selbst. Danach geht Natascha Kampusch, wie durch ein Sprachprisma vervielfacht, in der Kampusch-Sekte auf: Fünf identische Kampuschas, die mit Hippie-Kopftuch und lila H&M-Ethno-Tunika aussehen wie Fashion Victims, lassen ihr Ich vielstimmig sprachlich zerfliessen. Tolles Sprachstück, diese „Beteiligten“.

Doch wie gewinnt man als Regisseur diesem Text Bilder ab? Bachmanns Inszenierung ist nur dann stark, wenn sie szenisch eigenständig denkt, und das passiert leider viel zu selten. Zum Beispiel, wenn er à la Blair-Witch-Project einer Horde Menschenaffen im Wald eine von den Schauspielern live eingesprochene (oder besser gesagt eingekeuchte) Synchronspur unterlegt und in dieser Überlagerung bedrohliche Zwitterwesen die Leinwand bevölkern. Oder wenn er einen österreichischen Nazi (Simon Kirsch) das deutsche Publikum fröhlich mit „Wir kennen uns! Wir kennen uns von früher!“ begrüßen lässt, dieser kurz darauf zu Westernhagens „Freiheit“ den ultimativen Freiheitstraum vom Fliegen realisieren will, dabei aber so deutlich sichtbar in den Theaterseilen hängt, dass das Bild ihn sofort der Lächerlichkeit preisgibt. Parallel dazu exerzieren im Hintergrund in der Austria-Soap „The Sound of Music“ Kinder wie kleine Fascho-Soldaten. Wie war das nochmals mit der Bergidylle? Dieses widerständige Prinzip heißt Montage und würde Jean-Luc Godard nur ein müdes Gähnen entlocken. Aber dennoch: Es funktioniert. Doch gibt es kein neues? Eines, das in der Sprache liegt?

Statt einer Medienkritik fabriziert Bachmann nämlich nur ein hübsches Plastikmärchen. Das arme Rotkäppchen, das vom Wolf verschlungen wurde, wird am Ende zur Prinzessin und von einem Troll gerettet. Großes Kino. Hollywood. Die Medien als Märchenfabrikant. Jetzt dürfen wir alle weinen. Aber nein. Nicht mal das passiert. Denn wo sind wir, die anderen, die Zuschauer?

Ich habe so sehr darauf gewartet, beteiligt zu sein. Mich als Teil der Maschinerie zu sehen. Entlarvt zu werden. Um mir dann, in der Katharsis-Phase, die wichtige Frage stellen zu dürfen: Wie kann ich mich selbst der Mediensprache entziehen? Aber nun fällt das alles ins Wasser. Denn die Inszenierung interessiert sich nicht für die Zuschauer, die wirklichen, im Dunkeln lauernden stillen Mitläufer. Ich fühle mich den ganzen Abend lang nicht betroffen. Sondern einfach nur unbeteiligt.




Bisher ein Kommentar

  1. Avatar wolfgang sagt:

    Danke für den runden und schlüssigen Artikel, die genauen Beobachtungen, kunsthistorischen Verweise und die starke Meinung.

    Angenommen der Sinn dieser Inszenierung ist es, genau dieses Gefühl des Unbeteiligt-Seins trotz starker Bilder, abrupter Wendungen, sprachlichen Verwirrungen, Sozialpornoästhetik durch verzerrte Stimmen und brutale Erfahrungsberichte, Tanzeinlagen zu lauter Musik, der Aggressivität eines durchgeknallten und ambivalenten SS-Offiziers, etc. zu hinterlassen, da es unseren Konsum des Phänomens K. (oder F. oder X.) widerspiegelt – macht das dann einen Unterschied in der Bewertung des Stücks?
    Oder ist das Stück sogar nur ein Plädoyer dafür, dem jeweiligen Publikum – im Theater oder vor dem Monitor – einen Namen zu geben, wie zum Beispiel: „Die Unbeteiligten“?