18. Mai 2011 - 22:15 Uhr

Live-Blog vom Publikumsgespräch „Die Beteiligten“

Aufgrund technischer Schwierigkeiten fängt das Blog zum Publikumsgespräch heute später an.

Kleines Resümée der ersten zehn Minuten: Vorstellungsrunde, Moderator Tobi Müller fragt die Schauspieler, wie es für sie war, Figuren zu spielen, die nur in der dritten Person reden. Jörg Ratjen, der den „Quasi-Freund“ spielt, erzählt, dass er sich irgendwann daran gewöhnt habe, in der dritten Person zu denken. Das ging anscheinend nicht allen Schauspielern so, Gelächter auf der Bühne und im Publikum.

22:12: Kathrin Röggla: Das Theater behauptet ja sonst immer Figuren, die ganz aus einem Guss sind.

22:14: Moderator Tobi Müller kommt auf die seiner Ansicht nach beklemmendste Szene zu sprechen, als Natascha Kampusch als Rotkäppchen im Bauch des Wolfs beschrieben wird. Kathrin Röggla: „Das Rotkäppchen ist nicht mein Text, ich habe mir das so erklärt, dass da so ein Paukenschlag ist.“

22:17: Regisseur Stefan Bachmann: Ein Opfer scheint dazu verdammt, Opfer bleiben zu müssen. Das ist so die Erkenntnis, die wir aus dieser Arbeit gewonnen haben. Und das ist eine unglaublich traurige Erkenntnis. … Und dass die Menschen drumherum zu Wölfen werden und dann erst recht beißen, wenn da schon Blut geflossen ist, das ist dann wirklich Faschismus.

22:19: Tobi Müller kommt noch einmal auf die Rotkäppchen-Geschichte zurück. Frage an Jurorin Ulrike Kahle-Steinweh: War diese Rotkäppchen-Szene ausschlaggebend für die Jury-Entscheidung? Kahle-Steinweh: Nein, das hat keine besonders große Rolle gespielt. Aber da kommt ja sozusagen ihre Stimme, und sie fände schon: das musste dann auch mal sein, dass da so was echtes kommt. „Also ich fands sehr ergreifend.“

22:21 Tobi Müller: ganz viel österreichische Psycho-Geographie in diesem Abend. Einer der Schauspieler (Sicht vom Blog-Tisch aus schlecht): Wir haben das ja auch in Österreich zur Uraufführung gebracht. Stefan Bachmann: Priklopil selber hatte im Regal „Mein Kampf“ stehen, das Ganze hat etwas von einem Wohnzimmer-KZ gehabt, das sind schon Spuren, die in diesem Land noch vorhanden sind.

22:25: Barbara Petritsch (die Irgendwie-Nachbarin): Die erste und einzige Frage bei den Publikumsgesprächen sei immer: ist das jetzt ein Nazi? Oder: War Natascha Kampusch drin und hat es gesehen, und was hält sie davon? „Das wollen Sie jetzt auch wissen, oder?“ Ihres Wissens sei Natascha Kampusch nicht dringewesen.

22:27: Kathrin Röggla: „In Österreich ist der Konjunktiv beliebter und weiter verbreitet.“ Aha.

22:29: Tobi Müller: Was fasziniert uns an dieser großen Leerstelle? Röggla: Wir können nicht mit Opfern umgehen. – Wann kommt eigentlich mal das Publikum zu Wort?

22:30: Endlich kündigt Tobi Müller die Öffnung des Gesprächs ins Publikum an. Vom Podiums-Gespräch live zu bloggen, ist ganz schön anstrengend: deshalb Erleichterung bei uns.

22:32: Diese Sprache ist mir so bekannt von Thomas Bernhard. Antwort von Kathrin Röggla: Wer könnte aus Österreich kommen und nicht von Thomas Bernhard inspiriert sein?

22:34: Dritte Meldung aus dem Publikum: Ich habe mich am Anfang kurz gefragt, ob ich das aushalte – diese Leute, diese monotone Sprache, dieses Reden… Rückfrage vom Podium: Und, haben Sies ausgehalten? Gelächter.

22:36: Frage nicht mitbekommen, aber Stefan Bachmann erklärt gerade den Troll, der Natascha Kampusch am Ende seiner Inszenierung wegführt: sie habe so einen kleinen Troll all die Jahre in ihrem Zimmer gehabt. Und das habe ihn irgendwie gerührt, er sei halt so verkitscht. Außerdem sei das Bild ja verfremdet: „Wenn dann so ein großer Proll, äh Troll sie am Ende wegführt nach einem Abend, an dem die ganze Zeit über Missbrauch gesprochen wurde, dann impliziert das ja auch was.“

22:40: Ein Zuschauer möchte wissen, ob die Autorin direkt Einfluss auf die Inszenierung genommen hat. Kathrin Röggla: Um Gottes willen. … Doch, doch, doch, ich fand es sehr kraftvoll.

22:42: Stefan Bachmann: Ja, das ist dick aufgetragen, zweimal Falco in Österreich.

22:44: Letzte Frage: Von wem ist eigentlich der Rotkäppchen-Text? Bachmann: Ich habe aus dem biografischen Material ein Märchen gemacht.

22:45: PS-Frage: Stürzt sich nun das Theater auf Natascha Kampusch, nachdem die Medien sich nicht mehr für sie interessieren? Spontaner Applaus. Kathrin Röggla: Es geht nicht um eine Medienschelte in diesem Stück. Sondern es geht um uns, die hier sitzen und fasziniert waren von dem Fall. Das ging ja quer durch die Zeitungen bis ins Feuilleton. Ausgangspunkt war die linksliberale Zeitung „Der Standard“ in Wien und ihr Leserforum, das fand ich ziemlich heftig. Es geht ja nicht um „die Medien da draußen“, sondern es geht um uns und darum, was wir daraus machen. Weder ich noch das Theater können raus aus der Teilhabe an diesem ganzen System, und man kann das dann thematisieren, und ich denke, das habe ich getan.

22:48: Glauben Sie, dass dieser Text noch funktioniert, wenn sich an diesen Fall niemand mehr erinnert? Bachmann: Ja, natürlich. …

22:51: Frage aus dem Publikum – Es geht ja um den Prozess und das Opfer an sich auf das sich die Medien stürzen. Das war ja bei Britney Spears genauso. Kathrin Röggla verneint.

22:53: Letze Frage aus dem Publikum: Natascha Kampusch taucht durch die Sprache ja doch wieder auf. Deswegen können Sie ja nicht sagen, dass sie nicht auftaucht.

22:54: Tobi Müller: Es ist eben ein Unterschied, ob es Natascha Kampusch selbst ist, die durch den Kakao gezogen wird oder nur ein Bild von ihr. Alle Schauspieler fühlen sich von dieser Frage sehr angesprochen.

22:55: Bachmann: Mir war das einfach wichtig trotz der gemeißelten Sprache ein sinnliches Theater zu machen. Applaus, alle gehen ein Gläschen trinken.