19. Mai 2011 - 21:00 Uhr

Live-Blog zum Publikumsgespräch zu „Tod eines Handlungsreisenden“

Heute Abend stellten sich Stefan Pucher und sein Ensemble von der zum tt eingeladenen Inszenierung „Tod eines Handlungsreisenden“ im Radialsystem den Fragen des Publikums. In unserer beliebten Serie „live-blog“ sollten Sie ab 22.30 Uhr erfahren, worüber diskutiert wird. Da der kabellose Netzzugang die Spielstätte aber bereits den ganzen Tag im Stich gelassen hatte, musste auch ich das Blog offline schreiben. Und im Nachhinein hochladen.

22:40: Ein handvoll Enthusiasten sind von einem zahlreichen, eher bürgerlich-gesetzten Publikum übrig geblieben. Mit einer leichten Verspätung geht das Publikumsgespräch los. Der Moderator Tobi Müller kommt auf den Song „I’m set free“ von Velvet Underground zu sprechen, der am Ende von allen Schauspielern musiziert und gesungen wurde.

22:43: Der Regisseur Stefan Pucher versteht den im Song als eine Art Befreiungsschlag. Das gemeinsame Musizieren wäre auf jeden Fall eingeplant gewesen, aber so recht wussten alle nicht wohin damit: „Man trifft sich halt, man macht Musik!“ Ist leider auch so angekommen. Die Musikszene banalisiert das Ende und zwar unnötig.

22:45: Tobi Müller meint, im Stück die Wirtschaftskrise wieder erkannt zu haben. Pucher sieht darin eher die Verarbeitung seiner Englisch-Leistungskurs-Traumas. Das Stück kam ihm damals wahnsinnig düster vor: „Als würde man Krebs kriegen davon!“ Inzwischen sieht er „Den Handlungsreisenden“ als ein paranoid positives Stück mit einer wahnsinnigen Energie von Aufbruch. Deswegen auch der Song am Ende letztendlich als Entspannungsszene für die Protagonisten gedacht. Publikum lacht.

22:48: Tobi Müller: Die Loman-Brothers unterscheiden sich nur wenig von den Lehmann-Brothers und den Menschen der 50er und 60er Jahre. Pucher entgegnet, wenn er in Berlin-Prenzlauerberg sei, wundere er sich immer über die neuen Geschäfte und frage sich, wer da immer die neuen Geschäftsideen hat. Da sei ja schon vorprogrammiert, dass die eingehen werden.

22:53: Tobi Müller ist aufgefallen, dass die Bühne über Distanz funktioniert. Frage an die Schauspieler: Wie spielt ihr das?
Robert Hunger-Bühler (Willy Loman) findet, Distanz gibt Raum. So ein banaler Satz wie „Was siehst du denn so miesepetrig aus?“ über eine 60 Meter-Entfernung zu sprechen, macht Weltgeschichte. Das hat auf Zuschauer eine ganz andere Wirkung.

22:54: Tobi Müller kommt nun zur „Geistererscheinung“ Ben, einer der zentralsten Mythen Amerikas, dem „Frontiersman“. Frage an die Schauspieler: Wie probt man sowas? Markus Scheumann (Ben): Geprobt haben wir vor allem übers Hören und über den Sound.

22:58: Frage an die Jury von Tobi Müller: Was hat Sie am meisten begeistert? Ellinor Landmann fand vor allem die großartige Bühne toll: die großartige Küche und die Lüster. (Das habe ich mir gedacht.) Sie findet, der amerikanische Verführungstraum kommt hier so deutlich raus. Vor allem fand sie es auch gut, dass das Stück in den 50er Jahren belassen wurde und nicht vereinfacht ins Jetzt transportiert. So kann der Zuschauer sich selbst erkennen.

23:00: Tobi Müller bejaht mit dem Zitat „Larger than life.“ Landmann findet es vor allem bemerkenswert, dass bei der Inszenierung die Differenzerfahrung zum Tragen komme. Biff sagt: „Ich möchte endlich das sein, was ich bin.“ Heutzutage sei die Selbstverwirklichung in den Kapitalismus intergriert, meint Landmann.

23:01: Frage an die Dramaturgin Katja Hagedorn: Welche Veränderungen gab es bei der Produktion in Berlin? Hagedorn: Die Schiffbauhalle in Zürich ist viel breiter und tiefer, dadurch ist in Berlin ein Bühnenelement pro Akt ausgefallen. Im ersten Akt war’s ein Büro und im zweiten ein Wohnzimmer. Außerdem standen in Zürich die Gegenstände weiter weg voneinander, so dass die Elemente viel mehr einen „Insel-Charakter“ hatten. Pucher: In Zürich geht der Zuschauer wie in eine Ausstellung. Die einzelnen Szenen sieht man teilweise nur durch Video und manchmal ist der Zuschauer mitendrin. Die Einsamkeit wird auf diese Weise viel stärker transportiert. Das Thema Produkte wird aufgegriffen.

23:06: Tobi Müller spricht vom Glamour als ewigen Schein und  frag sich, ob Linda nicht auch eine Diva sei. Friederike Wagner (Linda Loman) verneint. Für sie verkörpert Linda die Werbewelt, den Perfektionismus und die 50er Jahre: „Sie ist selbst wie ein Produkt der Welt, die sie umgibt.“ Leider funktioniert ihr Leben nicht so, wie sie sich das vorstellt.

23:09: Tobi Müller greift den Arbeits-Ethos auf: „Arbeit muss nicht Spaß machen“ als eine Aussage damaliger Zeit versus „Wir können ja dann auch Schwimmen gehen“ von den Söhnen als zeitgenössisches Element. Sean McDonagh (Biff) korrigiert: „Er (Biff) ist soweit weg von sich, dass es völlig egal ist, ob die Arbeit ihm Spaß macht. Er hat überhaupt kein Fundament, wo er stehen könnte.“ Pucher hebt vor allem die Familie hervor. Der Konflikt zwischen Vater und Sohn erinnere an griechische Tragödien. Die vermeintliche Familienfirma sei ebenso ein Konstrukt wie das des „Familienfriedens“. Es geht hier aber gar nicht darum etwas herzustellen, sondern etwas zu verkaufen. Es sei eben ein kleinbürgerliches Familiendrama, aber das seien wir ja auch.

23:14: Tobi Müller öffnet nun das Gespräch zum Publikum. Als erstes kommt eine Lobeshymne über die tolle Inszenierung, die authentische Darstellung von aktuellen Wirtschaftsproblemen und Wirtschaftsmechanismen. Das tolle Bühnenbild wird ebenfalls gelobt. „Der Handlungsreisende“ sei eben ein zeitloses Stück.

23.16: Publikumsfrage an Friederike Wagner: Warum wurde die Figur der Linda mit einer solchen Ruhe gespielt? Friederike Wagner: Was ich spiele und was die Zuschauer sehen, kann völlig unterschiedlich sein. Lacht. „Linda ist für mich passiv-agressiv,“ meint Wagner. „Sie hält alles zusammen, aber sie weiß schon, was sie will.“ Sie fände das uninteressant, wenn sich Linda im ganzen Stück austoben würde. Pucher fügt hinzu, dass die Machtverteilung zwischen dem Pin-Up Girl und der Mutter und Hausfrau Linda immer wieder wechselt.

23:22: Tobi Müller listet Zürich als eine der reichsten Städte der Welt auf und fragt sich, ob die Wirktschaftskrise in der Schweiz überhaupt angekommen ist. Pucher meint, vor allem der Generationskonflikt zwischen Vater und Sohn wäre angekommen. Robert Hunger-Bühler fügt hin zu, dass die Vorstellung 33mal in Zürich gespielt wurde und immer ausverkauft war. Inzwischen sei das Stück abgesetzt, weil das Theater vermeint keine Lagermöglichkeit für die Ausstattung habe. Er kommt noch einmal auf die Wirtschaftskrese zurück und verweist auf die Situation, dass sich Zürich viele Züricher nicht mehr leisten können. Er überlegt nochmals wegen seiner Figur: „Was wäre das Äquivalent zu Willy Loman?“ Höchstwahrscheinlich ein Held durch eine heroische Handlung.

02:20: Ende meiner heroischen Handlung. Live-Blog posthum online gestellt.




Bisher 11 Kommentare

  1. Avatar Tobi Müller sagt:

    liebe bloggerInnen,

    habe den eindruck, dass dieser live blog sorgfältiger ist als die andern, weil er eben gerade nicht live geschrieben wurde. ansonsten verstehe ich das format nicht: live blogs gibt es zu sportanlässen, pressekonferenzen mit harten news oder zu song contests – immer geht es dabei aber um die zählbarkeit der welt. fast immer verschwinden dieses protokolle der zahlen, ranglisten und namen bald, nachdem sie geschrieben wurden. ein gespräch nach und über einen langen theaterabend ist etwas komplett anderes, wie ihnen mittlerweile vielleicht aufgefallen ist. hier bleibt was stehen, was schon im moment der niederschrift scheitert. publikumsgespräche am theatertreffen sind mal besser, mal schlechter. aber selten so schlecht, wie hier in der regel wiedergegeben. das liegt meiner meinung nach am formatfehler. einige andere texte und bilder, vor allem die gespräche, schaue ich mir hier immer wieder gerne an.

    liebe grüße, tobi müller

  2. Lieber Tobi Müller, danke fürs Feedback, das wir sehr gerne entgegennehmen. Denn unsere selbst gestellte Aufgabe „neue Formate für die Theater-Berichterstattung im Netz“ finden, richtet sich ja auch an die Leser.

    Das Live-Blog, das man in Deutschland eher aus der Sport- und Gala-Berichterstattung kennt, ist bei der New York Times oder bei der BBC auch bei politischen Ereignissen bereits ein oft benutztes Format, immer dann, wenn viele Perspektiven, Sichtweisen zusammentreffen. Ein Live-Blog für Dikussionen ist sicherlich noch verbesserungsfähig, aber ich finde es viel spannender zu lesen (und zu schreiben) als eine spröde Zusammenfassung. Es soll vor allem anregen, die Diskussion ins Netz tragen, Vielfältigkeit spürbar machen. Oder welches Format fänden Sie passend? Unser letztes live-blog, zum Gespräch über Via Intolleranza steht ja noch aus … Bis dahin, viele Grüße zurück, Nikola Richter

  3. Avatar Tobi Müller sagt:

    nun ja, ich bin betroffener, und nicht primär leser, da ich vier dieser gespräche selbst moderiere. bevor wir über spannend oder interessant reden – zwei begriffe, die vielleicht etwas viel offen lassen -, geht es mir hier um eine mehr oder minder korrekte wiedergabe von dem, was passiert. und da gibt es viele fehler, zentrale auslassungen, missverständnisse und verkürzungen, manchmal nur schon in bezug auf wer was sagt. das empfinde ich nicht als vielheit, sondern als schwäche. die subjektiven einwürfe bügeln das nicht aus. ich finde: entweder streamen oder zusammenfassen (zusammenfassungen sind immer genau so spröde wie ihre zusammenfasser). viele grüße, ihr tm

  4. lieber tobi müller, wenn etwas falsch, missverständlich wiedergegeben ist, korrigieren sie es doch gerne in den kommentarfeldern. herzlich, nikola richter

  5. Avatar Tobi Müller sagt:

    ich befürchte, das ist nicht mein job.

  6. ist nur ein angebot. denn so funktioneren blogs. sie bestehen unter anderem auch aus prozesshaften texte. die zum mitschreiben aufrufen. die setzungen, die einzigen wahrheiten, gibt es hier weniger.

    oder schreiben sie einen verriss des live-blogs als gastautor, das ginge auch! anderer meinung zu sein, ist ja produktiv.

  7. Avatar Tobi Müller sagt:

    ich habe nichts von einzigen wahrheiten geschrieben, sondern von mangelnder genauigkeit und unverständnis. das hat nichts mit blogosphäre versus print zu tun oder dergleichen. ich glaube, ich weiß, wie blogs funktionieren, halte das mitschreiben von allen aber für ideologie. sie sind dafür bezahlt, ich nicht. für eine ideologiekritik der blogs empfehle ich ihnen, auch wenn schon ein paar jahr alt: geert lovink mit „zero comments“.

  8. Ich empfehle auch immer Geert Lovinks Text „MyBrain.net“: http://www.eurozine.com/articles/2010-03-18-lovink-en.html – da spricht er von der Kolonisation der Echtzeit: „The Internet as a whole is going real time in an attempt to come closer to the messiness, the complexities of the real-existing social world.“ Ja, es geht nicht darum, alles mitzuschreiben, aber das Netz rückt näher an die Echtzeit, bildet die Komplexitäten, Widersprüche hab, und wir versuchen, beim tt da Schritt zu halten, etwas zu probieren. Nochmal: danke für das Feedback. Und bis bald im Garten, gerne mal mit echter Zeit. Viele Grüße, Nikola

  9. Avatar Cory Tamler sagt:

    My two cents would be:

    – I agree (as Nikola says) that the live-blog format is not working perfectly. We are all new to it and still learning. But I don’t think it should be thrown out altogether. Our live blogs are some of the most-read of our posts, and though we often get negative feedback similar to Tobi Müller’s, we also get positive feedback just as frequently; sometimes from people who were at the discussion, sometimes from people who weren’t.

    – I’m not sure that the mistakes, even factual mistakes, are such an awful thing. I look at the live blog as a subjective representation of one person’s experience of the discussion. The bloggers are more tuned in than your average person, but it’s still sometimes very difficult to keep up with who’s saying what, who’s onstage at all and so forth – imagine what it’s like for an audience member who isn’t TT staff! Our mistakes, shorthand, and subjectivity are a representation of our experience during the talkbacks. We are not trying to be the authority on the talkback; we are just another face that’s present, another head trying to make sense of the discussion.

    • Avatar Matthias Weigel sagt:

      Well, Cory, but to express it meanly: Why should one read one of those texts then, subjectivly written by a subject you don’t know, an average person, arbitrarily chosen, accepting mistakes? To see again that for an average person it’s hard to follow the discussion?
      Is it such an awful thing trying to be an expert on a certain topic – as that doesn’t automatically mean that the reader cannot have his own critical view on this „authority“. In contrast, sometimes only a strong thesis or meaning enables a reader’s stand-off.

  10. Avatar Tobi Müller sagt:

    @cory: it is one thing to listen to and try to make sense of a discussion and it is another to put that in words. in that cognitive linguistic sense: no, you are not just another face in the audience, you do one crucial thing more at a time than the people just listening. my point is: while doing all of that simultaneously you – i think: quite obviously – miss half of what is being said. i don´t care about the ideology of participation or the nature of blogging in general here, i care about the quality of these specific texts that stands in contrast to almost everything else on this site. cheers!