19. Mai 2011 - 10:19 Uhr

„Die eigene Verwickeltheit“

Kathrin Röggla spricht über unterschiedliche Lesarten ihres Stücks „Die Beteiligten“ und beleuchtet ihre eigene Verwicklung in den Medienrummel um Natascha Kampusch. Die Utopie eines „abgedrehten Troll-Raums“ findet sie schön, aber nicht realistisch.

Kathrin Röggla. Foto: Piero Chiussi

Hätten Sie „Die Beteiligten“ auch ohne Natascha Kampusch schreiben können?
Das ist sehr schwer zu beantworten. Ich habe mich schon länger mit Entführungsfällen beschäftigt und hatte auch geplant, da etwas in die Richtung zu machen. Der Fall Kampusch kam dann irgendwie im richtigen Moment und hat aus dem Stück nochmal etwas anderes gemacht. Es gibt da aber durchaus unterschiedliche Lesarten. In Düsseldorf, wo die Uraufführung war, haben die Schauspieler das gelesen und erst mal gefragt, „Geht’s da um Britney Spears?“ In Wien war das natürlich anders, da war der Kampusch-Bezug total stark da.

Stellen Sie sich manchmal vor, was Natascha Kampusch von Ihrem Stück halten würde?
In der Wiener Inszenierung hab ich mir das schon vorgestellt. Als da etwa ihr Kostüm so verarscht wird, hatte ich schon irgendwie Bauchschmerzen. Das größere Problem ist aber, dass ihre Mediengeschichte eben auch zu unserer wird. Und so kann mein Stück ein spannender Kommentar zum Thema sein, aber gleichzeitig wahrscheinlich verletzende Momente für Natascha Kampusch haben. Denn selbst wenn man die Torpedierung durch die Medien, die sie erfahren hat, einfach nur nacherzählt, betritt man schon einen sehr schmalen Grat. Ich glaube auch nicht, dass es für sie notwendig ist, das Stück zu sehen. Viel spannender fände ich etwa, Natascha Kampusch einmal in einem ganz anderen Kontext zu begegnen, wo ich sie nicht als Opfer wahrnehmen muss.

Sie sprechen davon, dass Natascha Kampuschs Mediengeschichte zu unserer geworden ist. Wie gehen Sie denn mit Ihrer eigenen Beteiligung an dieser Geschichte um?
Natürlich ist die eigene „Verwickeltheit“ das Hinkebein des Stücks, das man nie loswerden kann. Natürlich kann man mich nie ganz freisprechen: Letztendlich ist man auch im Theater immer Teil des Medienrummels. Aber schließlich habe ich das Stück genau deswegen geschrieben, um diese Verwicklungsmechanismen anzusprechen. Weil ich versuchen will, damit umzugehen, und die Beteiligungsproblematik durch eine besondere Ästhetik und Form herauszuarbeiten.

Was genau meinen Sie mit „besonderer Ästhetik“?
Da gibt’s ein Ich, das im Zentrum steht, und über dieses Ich projizieren sich die Figuren ständig selbst. Dadurch wird diese brutale Übergriffigkeit richtiggehend spürbar. Gleichzeitig gibt es mir die Möglichkeit, als Autorin sichtbarer zu werden, weil ich mich gegenüber einer medial ständig wiederholten Sprache stärker abgrenzen kann. Man kann sich so viel genauer verorten.

Fünf identische Natascha Kampusch-Outfits in Stefan Bachmanns Inszenierung von "Die Beteiligten". Foto: Anna Stöcher/Burgtheater

Die Wiener Inszenierung bricht ja ein wenig mit dieser Ästhetik und fügt Ihrem Text eine sehr brutale Rotkäppchen-Geschichte bei.
Normalerweise lassen mich solche Zusätze die Wände hochgehen, und es kam auch relativ überraschend für mich. Ich hielt es dann aber für einen plausiblen Kontrapunkt und habe es als sinnvolle Funktion in der Dramaturgie des Abends verstanden. Auch das Ende bei Bachmann finde ich ganz schön, weil hier ein anderer Raum gezeigt wird, ein total abgedrehter Troll-Raum, wo plötzlich eine versöhnliche Geste, eine Tröstung möglich wird.

Glauben Sie, dass diese Tröstung auch außerhalb des abgedrehten Troll-Raums funktionieren kann?
Ich denke, das bleibt ein Kommentar des Regisseurs. Ich bin da eher Pessimistin. Mich macht die Sache zu wütend und böse, als dass ich so ein utopisches Ende zulassen würde. Ich glaube, da müsste sich in unserer Gesellschaft noch viel ändern.