21. Mai 2011 - 14:00 Uhr

Abwesenheitsnotiz

Christoph Schlingensief kündigt sich für heute im Berliner Festspielhaus an – schließlich ist er eingeladen. Doch was zu ihm sagen, falls sich sein Geist materialisiert? Und wie über ihn reden, falls er unsichtbar bleibt?

Für Osama bin Laden galt „tot, lebendig oder photoshopped“, Christoph Schlingensief hingegen hat sich für seinen Auftritt am Theatertreffen noch für keine Form entschieden. Aber schon jetzt ist er da, ohne da zu sein: Er lässt sich vertreten (bei der Pressekonferenz von seiner Frau Aino Laberenz), doubeln (bei den Vorstellungen von Via Intolleranza II) oder jederzeit herbei reden, wenn das „postmigrantische Theater“ und die Jury-Entscheidungen keinen Gesprächsstoff mehr hergeben.

Ob sich sein Geist aber auch wirklich zeigt? Manifestationsmöglichkeiten gäbe es für ihn viele (schließlich sind wir im Theater), zum Beispiel als heiliger Geist oder böser Dämon, Zombie, Phönix oder gar als radioaktive Strahlung. Falls er sich für die Sichtbarkeit entscheidet, müssen wir uns nur noch überlegen, was wir zu ihm sagen – „Lange nicht gesehen“ wirkt zur Begrüßung wohl eher unpassend.

Wahrscheinlicher ist es aber, dass Schlingensief unsichtbar bleibt. Denn seltsamerweise scheinen sich gar nicht mehr so viele für ihn zu interessieren wie vermutet. Kaum hört man während des Festivals je jemanden über ihn reden. Via Intolleranza II wird auch erst am Abschlusswochenende des Theatertreffens gezeigt, also dann, wenn sich die Zuschauer- und Kritikerreihen bereits lichten, und der Vorverkauf lief schleppend an. „Wir wollen keinen Schlingensief ohne Schlingensief sehen“, hört man von allen Seiten. Schon jetzt schimmert die Produktion in einem diffusen Heiligenschein-Licht, ist mehr Hommage als Paukenschlag-Finale. Aber hat er diese Schonung wirklich verdient? Sollen wir ihm, der so im Leben verwurzelt war, wirklich ein verklärendes Denkmal setzen, das ihn erst recht aus dem Leben reisst?

Über Christoph Schlingensief zu reden, ist schwierig geworden. Seine bittersten Kritiker sind bei seinem Tod in einem akuten Anfall von Altersmilde der Sentimentalität anheim gefallen, alle anderen füttern mit der weitgehend unkritischen Unterstützung des Operndorf-Projekts in Burkina Faso ihr Helfer-Syndrom. Aber Schlingensief darf man auf keinen Fall heilig sprechen, schon gar nicht scheinheilig. Und darum ist es keine Blasphemie, sich Via Intolleranza II mit Double anzuschauen. Wir müssen Christoph Schlingensief nicht gedenken, nur weil wir uns verpflichtet fühlen. Wir müssen ihn nicht vermissen, wenn wir es nicht wirklich tun. Wir brauchen ihn auch jetzt nicht zu lieben, wenn wir es nicht schon vorher getan haben. Wir schulden ihm nichts, genauso, wie er uns nichts schuldig geblieben ist. Wenn uns danach ist, können wir ihn getrost ein bisschen vergessen. Vielleicht ist das nämlich die einzige Möglichkeit, die uns bleibt: Wir können Christoph Schlingensief einfach geschehen lassen – wie ein kleines Wunder, das ohne unser Zutun eintritt. Denn Christoph Schlingensief hat die Kraft, auch ohne unsere Mithilfe seine Wirkung zu entfalten.

„Er war, der er war, mehr nicht, aber immerhin“, hieß es in seiner „Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“, und es bleibt von ihm, was bleibt, und das ist viel, immerhin. Aber Christoph Schlingensief ist das, was passiert, auch wenn er nicht da ist, nicht das, was man aus ihm macht. Statt ihm ein Denkmal zu setzen, sollten wir immer wieder von ihm fordern, was er bei seiner Aktion Chance 2000 getan hat: „Beweise, dass es dich gibt.“ Vielleicht nimmt er ja die Herausforderung an.