22. Mai 2011 - 18:00 Uhr

„Schon wieder eine, die das Rad neu erfinden will“

Iris Laufenberg bei einer Diskussion mit Gegenwartsdramatikern während des Theatertreffens 2011. Foto: Piero Chiussi

Ein Gespräch mit Iris Laufenberg, der scheidenden Leiterin des Theatertreffens, über Anfangseinsamkeit, die Unabhängigkeit der Jury und trockene Schäfchen.

Frau Laufenberg, das Festival läuft gut. Warum hören Sie auf?
Der Intendant wechselt, da ist es üblich, neu anzufangen. Und die Ziele, die Joachim Sartorius und ich uns gesetzt haben, haben wir erfüllt.

Welche Ziele?
Das Haus der Berliner Festspiele beleben. Wir haben hart daran gearbeitet. Sieben von zehn Produktionen sind hier, es gibt Konzerte, Debatten, die Leute bleiben nach der Vorstellung. Die Gegenwartsdramatik fördern ist ein anderes Ziel. Die deutschsprachige Dramatik läuft gut, aber es ist noch nicht so weit, dass hier wie selbstverständlich ein rumänischer Autor auf dem Spielplan sieht.

Was hätten Sie rückblickend anders gemacht?
In einer 48 Jahre alten Struktur muss man die Dinge langsam angehen, dachte ich. Ich habe mich erst letztes Jahr getraut, den schriftlichen Vorverkauf abzuschaffen. Jetzt gibt es nur noch online Karten, und natürlich an der Kasse und telefonisch, wie auch schon vorher.

Aber die sind immer noch sehr teuer.
Das Theatertreffen ist kein Studentenfestival, dennoch biete ich Studentenkartenkarten an. Das Festival ist subventioniert von der Kulturstiftung des Bundes. Dass es völlig den Mantel des Elitären abwirft, war auch nicht gewollt, aber es möchte seine Türen öffnen.

Sind Sie erleichtert, die Leitung abzugeben?
Ja, wobei mir das Festival keine Last mehr ist. Wenn man diese Leichtigkeit spürt, muss man wieder neue Brocken den Berg hochschieben, denn das geht ja nicht, dass man selbstzufrieden wird.

Was war eine schwierige Erfahrung für Sie?
Mein Anfang beim Theatertreffen 2003. Da hatte ich auf Nummer Sicher gesetzt und mit einer allseits bejubelten Emilia Galotti von Andrea Breth eröffnet. Ich dachte, alle werden noch mal schreiben: Wie toll! Ich habe da die Marktgesetze gar nicht gekannt, nicht gewusst, dass es gar nichts bedeutet, wenn vorher alle Kritiker geschrieben haben, wie gut die Inszenierung ist.

Woran liegt das?
Die Kritiker vor Ort gehen mit einer Riesenerwartung in die Stücke und stellen fest: So toll war es ja doch nicht. Das ist wie ein Mechanismus. Deswegen habe ich später sperrige Sachen an den Anfang gesetzt, welche die hohen Erwartungen des Publikums unterlaufen haben, wie Heiner Müllers Titus Andronicus von den Müncher Kammerspielen, den Johan Simons 2003 inszeniert hat.

„Das Theater ist eine hierarchische, patriarchalische Institution“, haben sie 2003 im Tagesspiegel gesagt. So haben Sie es damals vorgefunden?
Tatsächlich wurde das Theater in der Generation der Altachtundsechziger um Claus Peymann und Jürgen Flimm so geführt. Das hat sich aber mit der neuen Generation von Regisseuren geändert. Und dann kamen auch noch die Frauen. Sagte kürzlich Günther Rühle.

Haben Sie sich als erste Leiterin des Theatertreffens Leute mitgebracht?
Mein damaliger Mann hat mir gesagt: Du musst mit den Mädels tanzen, die im Saal sind. Anfangs waren sie ganz schön skeptisch. Wenn ich mich mit einer neuen Idee kam, haben alle erstmal die Augen verdreht und gesagt: Schon wieder eine, die das Rad neu erfinden will. Ich habe zum Beispiel das Spiegelzelt abgeschafft. Wenn man ein Haus hat, muss man kein Zelt in den Garten stellen, das Haus ist das Zentrum. Aber die Dimension, die ich vorhatte, wo das Theatertreffen hin soll, wurde erstmal belächelt.

Ist diese Anfangseinsamkeit nicht furchtbar?
Ich habe anfangs schon darunter gelitten, wenn ich rein kam und die Mitarbeiterinnen aufgehört haben zu reden. Es hat neun Jahre gedauert, richtig anzukommen.

Nun zu den Kunstbeurteilern. Wie unabhängig ist eine Jury, die fast zur Hälfte aus Kritikern besteht, die für die Zeitschrift Theater heute schreiben?
Das ist ein Problem. Ich bemühe mich, freie, unabhängige Kritiker zu gewinnen, aber sobald sie in der Jury sitzen, sind sie auch für „Theater heute“ interessant. Ulrike Kahle-Steinweh war kaum in der Jury, schon hat sie die „Stuttgart 21“-Titelstory geschrieben. Ich kann aber nicht beeinflussen, für wen die Jurymitglieder danach schreiben.

Wer beruft denn die Jury?
Joachim Sartorius und ich.

Dann steuern Sie doch die Entscheidungen. Warum ist etwa Franz Wille, der Chefredakteur von „Theater heute“, schon das zweite Mal in der Jury?
Er ist eine wichtige Stimme. Ich wünsche mir aber auch, dass Peter Kümmel von der „Zeit“ endlich mal zusagt. Auch um Frauen bemühe ich mich bewusst, aber von denen kriegt man öfter eine Absage, weil sie sich weniger schnell übernehmen als Männer. In der Jury zu sein kostet viel Zeit, da muss man bereit sein, sein Privatleben zurückzustecken. Dabei sind Männer schneller.

Noch mal zur Unabhängigkeit: Wenn jemand in der Jury sitzt und für den Spiegel arbeitet, wird er doch im Spiegel nichts Schlechtes über die Auswahl schreiben.
Doch, das machen die, sobald sie aus der Jury raus sind, ein Phänomen! Ich frage mich zum Beispiel, warum sich Hartmut Krug nicht während seiner Zeit in der Jury dafür stark gemacht hat, auch Inszenierungen aus kleineren Städten in Ostdeutschland einzuladen, statt sich nachher darüber zu beschweren.

Wie kommt es denn zu einer Einladung?
Es müssen vier Jas sein, dann hat das Stück eine Chance. Die Jurymitglieder sind per Mail ständig im Kontakt miteinander, schließlich treffen sie sich zum Diskutieren. Bei vielen Stücken sind sie sich einig, um die letzten Positionen wird am meisten gestritten. Irgendwann ist der Gegner mürbe oder überzeugt.

War ihr Fragebogen mit Kriterien, den Sie im Oktober 2010 an die Jury verteilt haben, ein Versuch, die subjektiven Bewertungen der Kritiker transparenter zu machen?
Die Argumentationen gingen mir zu sehr in eine allgemeine Richtung, die ich nicht mehr verstanden habe. Nachdem ich den Bogen ausgeteilt hatte, waren alle schockiert und beleidigt, ich habe aber den Eindruck, dass die Gespräche dadurch wieder giftiger und konfrontativer wurden.

Kann die Jury mit ihren Entscheidungen nicht auch Politik machen?
Das Gefühl haben manche, ausgesprochen wird das nie. Immer von Theater heute“ ignoriert zu werden, ist nicht gut. Matthias Hartmann hat es mit der Presse und dem Theatertreffen schwer gehabt. Nie eingeladen zu werden, ist nicht förderlich. Sonst gilt: Lieber schlecht als gar nicht besprochen werden.

Schon sind wir bei Claus Peymann. Hat er nicht recht mit der Behauptung, dass Leute, die mit dem Theater nicht viel zu tun haben, konventionelle Geschichten aufgeführt sehen wollen?
Es gibt gerade viel Theater mit Experten des Alltags, das gut zugänglich für Zuschauer ist. Auch ein von einem Gegenwartsdramatiker geschriebenes Stück kann leichter verständlich sein als ein zerlegter Klassiker. Und junge Regisseure wie Roger Vontobel, Jette Steckel und Felicitas Brucker erzählen genau am Text entlang ihre Geschichten.

Das Theater ist also nicht in der Krise?
Die Theater laufen gut, obwohl sie unter großem Leistungsdruck stehen, aber sie bekommen nicht mehr so viel Aufmerksamkeit. Der Theaterkanal verschwindet in einem Kulturkanal, der mehr Pop als Theater macht. Die Zeitungen haben weniger Platz…

Und sie verlassen das Theater erst mal. Wissen Sie schon, was danach kommt?
Nein. Ich habe immer gekündigt, ohne etwas Neues zu haben. Ich möchte meine Projekte wirklich abschließen und neue nur annehmen, wenn ich wirklich Lust darauf habe.

Finde ich eine Stärke, so eine unsichere Situation auszuhalten.
Ist aber auch eine Schwäche, weil ich nicht anders kann. Ich beneide die Leute, die ihre Schäfchen gleich schon wieder im Trockenen haben.