23. Mai 2011 - 21:51 Uhr

Zwei Kritikerinnen

Theaterkritik, wohin gehst du? Ein Gespräch mit Sigrid Löffler und Christine Dössel über den Spaß an Verrissen, Dinosaurier des 20. Jahrhunderts und Klagen gegen den eigenen Arbeitgeber.

Sigrid Löffler und Christine Dössel. Verschwommenes Foto: Grete Götze oder Nikola Richter, fotografisches Talent ausbaufähig

Nikola Richter: Sigrid Löffler, Sie haben lange das Feuilleton geprägt, beim österreichischen Magazin „profil“, bei der Wochenzeitung „Die Zeit“ etwa. Wir möchten mit Ihnen über Ihre Berufserfahrungen sprechen, um etwas für unseren Berufsweg mitzunehmen. Wie sind Sie Kritikerin geworden?
Sigrid Löffler: Kritiker kann man nicht werden, nur sein. Ich habe mich vom politischen Journalisten zum Kulturjournalisten entwickelt. In Österreich war es relativ leicht, als Kritiker einen neuen Ton und einen neuen Stil zu etablieren, denn die Kritik war verkommen: ein kriterienloses selbstzufriedenes Geschmacksgerede, Daumen rauf, Daumen runter, ohne Kenntnis der und ohne Interesse für die neuen Entwicklungen der Kunstwelt im Ausland, namentlich in Deutschland.

NR: Wie sah Ihre Form der Kritik aus?
SL: Ich habe adornitisch argumentiert, analysiert und Vergleiche angestellt, und mein Geschmacksurteil war sekundär.

Grete Götze: In einer Kritik muss also nicht stehen: „Diese Inszenierung ist gelungen“?
SL: Es muss vor allem nicht drinstehen: „Das ist die gelungenste Inszenierung des vergangenen Jahrzehnts.“ Solchen Blödsinn habe ich nie geschrieben. Aus der Rezension sollte das kritische Urteil implizit hervorgehen. Als ich jünger war, hat es mir Spaß gemacht, scharfe und witzige Verrisse zu schreiben. Heute nicht mehr.

GG: Warum?
SL: Mit guten Verrissen kann man sich als junger Kritiker leicht und rasch einen Namen machen. Es gibt aber wenige Dinge, die zu verreißen sich wirklich lohnt. Zeug, das nichts taugt, taugt auch nicht dazu, sich damit auseinanderzusetzen. Außer, es ist wirklich auf eine so ärgerliche Weise misslungen, dass es schon wieder exemplarisch ist.

GG: Wie kam es dazu, dass Sie von der politischen Journalistin zur Kulturjournalistin wurden?
SL: Man müsste eher fragen: Wie kam es dazu, dass ich in der Politik angefangen habe? Ich war durch mein Studium gepolt auf die Künste, aber mein erster Chefredakteur wollte mich in der Politik sehen. Ich bereue diesen Seitensprung nicht, bin froh, auch als Kulturjournalist politisch zu denken. Es ist ein nicht ganz unschlauer Weg für einen Journalisten, als Allrounder anzufangen und sich dann zu spezialisieren.

NR: Haben Sie sofort als Redakteurin angefangen?
SL: Ja, das waren die märchenhaften Zeiten des 20. Jahrhunderts: Man wurde sofort angestellt. Ich habe gleichzeitig immer schon versucht, mir in Deutschland einen Namen zu machen. Irgendwann bemerkt man die Disproportion zwischen dem eigenen Ehrgeiz und dem kleinen Land Österreich. Dann muss man aus Wien weggehen.

GG: Kritisieren Männer und Frauen auf unterschiedliche Art und Weise?
SL: Es gibt sachorientierte Kritiker, und es gibt eitle, narzisstische Kritiker, die in erster Linie darüber schreiben, ob sie heute Kopf- oder Bauchweh haben und dann in der dritten Spalte darauf kommen, dass sie auch ein Theaterstück gesehen haben. Das ist aber nicht nach Geschlechterrollen aufzuteilen.

NR: Aber man redet öfter von Kritikerpäpsten als von Kritikerpäpstinnen, warum?
SL: Der Kritikerpapst ist ein Dinosaurier des 20. Jahrhunderts, der ist ausgestorben, weil die Zeitungen an Bedeutung und Einfluss verloren haben. Das Theater ist marginalisiert, steht nicht mehr im Mittelpunkt des ästhetischen Interesses. Das bewirkt, dass es keine großen Kritikerinstanzen mehr gibt, nach denen sich das Publikum richtet.

GG: Wo liegt heute das ästhetische Interesse?
SL: Der Konsument ist heute die kritische Instanz. Er hat sich emanzipiert via Internet. Die Kritik hat sich demokratisiert. Jeder ist Kritiker. Kompetenz, Bildung, Urteilsfähigkeit sind dafür nicht mehr nötig, gar nichts ist erforderlich außer einem Bauchgefühl. Wenn jeder öffentlich kritisieren kann, hat der Kritiker sein Monopol als Instanz eingebüßt.

GG: Soll ich also eher nicht versuchen, Kritikerin zu werden?
SL: Ich würde abraten.

GG: Und was mache ich, wenn ich mich für dieses Themenfeld interessiere?
SL: Na, Sie können das ja im Auge behalten, sollten sich aber in einer anderen journalistischen Sparte profilieren, die mehr Zukunft verspricht, wenn Sie unbedingt schreibender Journalist werden wollen.

NR: Was hätte denn mehr journalistische Zukunft?
SL: Sie wissen doch, welches die angesehensten Sparten sind: Politik, Wirtschaft, Reportage, Portrait. Das Feuilleton garantiert kein lebenslanges Auskommen mehr, und auch keine wirklich befriedigende Arbeit. Sie sehen ja, dass der Platz immer knapper wird.

GG: Wie wäre es dann mit dem Lokalteil?
SL: Dort fängt man an, dort hört man nicht auf. Wenn man dort aufhört, ist man gescheitert.

GG: In der Kulturkritik sind die Frauen im Vergleich zur Politik oder zur Wirtschaft gut vertreten.
SL: Das schaut nur auf den ersten Blick gut aus. Dass sich so viele Frauen in diesem Bereich tummeln, hängt aber vielleicht auch damit zusammen, dass die Männer erkannt haben, dass es im Feuilleton wenig Prestige zu erringen gibt.

NR: Trotzdem gibt es bei den großen Zeitungen nur Feuilletonchefs. Das ist ja eine Machtposition…
SL: Eben deshalb sind diese Positionen von Männern besetzt. Als Machtposition hab ich das nie gesehen, als ich Feuilletonchefin war, das war wahrscheinlich mein Fehler. Ich habe auf Teamarbeit gesetzt. Wenn man klug ist, vertraut man der Kompetenz der Leute. Dazu gehört, dass ihr Urteil gilt, auch wenn es meiner Meinung widerspricht.

GG: Aber warum gibt es so wenige Frauen auf diesen Posten?
SL: Die Männer überlassen den Frauen nur die Positionen, für die es sich nicht lohnt, hart zu kämpfen. Frauen setzen sich in den Männer-Sphären nur durch, wenn sie sehr kämpfen und besser sind als Männer. Das macht sie nicht beliebt. Man kann nicht zugleich erfolgreich und beliebt sein wollen.

NR: Haben Sie das auch erlebt?
SL: Nicht nur einmal. Meine ganze Laufbahn ist gezeichnet davon, dass jüngere Männer, die mir vorgesetzt waren, Angst davor hatten, nicht ganz so gut zu sein. Ich habe mich bemüht, sie das nicht fühlen zu lassen, sie haben es trotzdem gespürt.

GG: Wie hat sich das ausgewirkt?
SL: Indem sie mich rausgeschmissen haben, na klar. Nichts ist schlimmer als ein unsicherer, nicht sehr kompetenter jüngerer Chef.

NR: Was raten Sie Frauen in einer ähnlichen Lage?
SL: Wenn man einen solchen hochkompetitiven Talentberuf ergreift – im Journalismus geht es nur um Talent, aber das ist nicht messbar –, muss man gewillt sein, härter zu arbeiten als die Männer, auf Beliebtheit darf nicht darauf aus sein. Es ist wichtiger, dass man respektiert wird und sich Achtung erwirbt. Man braucht gute Nerven, wird eher scheitern als erfolgreich sein. Man muss sich fragen, ob man bereit ist, so viel aufzugeben.

NR: Was aufgeben?
SL: Ich habe sicher wegen meines Berufes keine Kinder, zum Glück aber einen sehr toleranten Mann, der duldet, dass ich sieben Tage in der Woche arbeite und viel dienstlich verreise. Ich habe viele Kolleginnen gesehen, deren Karriere vorbei war, als sie Kinder bekamen. In eine Spitzenkarriere muss man mehr hineinstecken an Dynamik und Lebenssubstanz, als sich mit einem gedeihlichen Familienleben mit Kindern verbinden ließe.

GG: Wie lässt sich das ändern?
SL: Frauen müssten solidarisch sein.

Christine Dössel kommt.

NR: Frau Dössel, wir überlegen gerade, was sich ändern müsste, damit Frauen es als Kritikerinnen leichter haben. Sind Frauen unsolidarisch?
Christine Dössel: Ja. Ich fördere deswegen bewusst junge Frauen.

SL: Die Männer können gut netzwerken, ziehen sich ihre Jungs heran. Dieses Karrieremuster ist bei Frauen nicht ausgeprägt.

GG: Warum nicht?
CD: Es gab und gibt zu wenig Vorbilder. Die, die es geschafft haben, waren Einzelkämpferinnen. Das haben sie noch in sich. Der Stolz, es in einer Männerwelt geschafft zu haben, ist ihnen in Fleisch und Blut übergegangen, auch diese ewige Kampfhaltung. Dieses Stutenbissige, was Frauen aus älteren Generationen einander oder uns nachfolgenden gegenüber haben, ist enorm. Das muss sich ändern.

NR: Sie saßen beide in der tt-Jury. Wie waren dort die Männernetzwerke?
CD: Ich schaue Theater nicht geschlechtspezifisch, sitze in solchen Jurys nicht als Frau, sondern weil es mein Beruf ist. Trotzdem fand ich die Männer-Jury früher gespenstisch. Jetzt sitzen immer mehr Frauen da, was ich wichtig finde.

SL: Diese Jurys sind ja hochaufgeladene psychosoziale Aggregate. Als ich in der tt-Jury war, war es egal, ob ein Mann oder eine Frau debattiert hat.

GG: Debattieren Männer und Frauen anders?
CD: Ich habe in Konferenzen immer ausreden lassen und mich zurückgehalten, das darf man nicht. Man muss reinschnellen, laut sprechen, seinen Bereich mit Nachdruck als wichtig darstellen.

NR: Frau Löffler sagte gerade, die Theaterkritik sterbe aus. Sehen Sie das ähnlich?
CD: Wir kämpfen auf relativ verlorenem Posten. Im SZ-Feuilleton geht noch viel mehr als bei kleineren Zeitungen. Aber auch bei uns fällt bei Platzmangel als erstes die Theaterkritik raus. Süddeutsche.de stellt Theaterkritiken so gut wie nie online – zu unsexy, das bringt angeblich keine Klickzahlen.

SL: Ich habe vor elf Jahren aufgehört, Theaterkritiken zu schreiben. Weil ich keine Lust hatte, über die Epigonen der Epigonen von Castorf zu schreiben. Das Theater wurde immer lauter, schriller und kreischender, je marginaler und uninteressanter es wurde.

CD: Gehen Sie noch ins Theater?
SL: Selten und ungern. Es gibt Regisseure und Schauspieler, die mich interessieren, Andrea Breth etwa. Die Literatur ist vielfältiger, greift wichtigere Themen auf, ist näher am Puls der Zeit als das Theater, trotz aller Aufgeregtheit und allem hysterischen Klamauk, nur um aktuell zu erscheinen.

CD: Ich liebe das Theater seltsamerweise immer noch. Allein diese Tatsache, dass man sich öffentlich trifft, mit anderen Menschen in einem Raum sitzt, Künstler leibhaftig vor einem auf der Bühne stehen. Der Zuschauer hat ein gemeinsames Erlebnis mit anderen, und wenn dieses Theatererlebnis gut ist, dann hat es unmittelbar mit unserem Leben zu tun, dann ist es existentiell.

SL: Das ist das einzige Argument, das ich gelten lasse.

GG: Frau Dössel, haben Sie Tipps für junge Kulturjournalisten?
CD: Dranbleiben. Widerstandskraft entwickeln. Leidenschaft, Zähigkeit, Ehrgeiz mitbringen. Rückschläge aushalten. Ich habe mit 22 angefangen, Kritiken über das Münchner Off-Theater zu schreiben. Das eine junge blonde Frau ihre Stücke beurteilt, wollten sich viele ältere Regisseure nicht bieten lassen. Aber weil ich anfangs unterschätzt wurde, sind mir auch gute Interviews mit eigentlich bärbeißigen Leuten gelungen. (Sigrid Löffler muss gehen.)

GG: Frau Löffler hat gesagt, Frauen müssen für dieselben Positionen mehr arbeiten. Sehen sie das auch so?
CD: Ja, wenn man in der überregionalen Liga mitspielt. Ich habe kein Kind, bin unverheiratet, das ist im wesentlichen meinem Beruf geschuldet. Sogar sich für ein Date zu verabreden, ist oft schon schwierig, weil ich so viel unterwegs bin. Meine männlichen Kollegen sind dagegen alle verheiratet oder haben Kinder.

NR: Und wie sind Sie zum Kritisieren gekommen?
CD: Ich wollte Journalistin werden, nicht Kritikerin. Ich wollte Reportagen und große, schöne Zeit-Dossiers schreiben. Aber dann war ich schon beim Volontariat am längsten und am liebsten in der Kultur. Auf der Deutschen Journalistenschule hat mir Claudius Seidl gesagt, die SZ suche einen Kritiker für die Off-Szene. Er fand meine Texte gut und empfahl mich. Das habe ich erst nicht geglaubt, weil er immer so ironisch war. Ich musste zweimal aufgefordert werden, mich zu bewerben.

NR: Ist es besser, sich nicht so sehr auf ein Ziel zu versteifen?
CD: Ich hatte ein klares Ziel. Mein Beruf ist das wichtigste für mich, ich habe da immer sehr viel Zeit und Ehrgeiz investiert, Zweifel und Qualen inklusive. Dafür zahle ich privat einen hohen Preis. Das Absurde war, dass ich in der ersten Zeitungskrise gekündigt worden bin, weil ich kinderlos und unverheiratet bin. Das habe ich wie einen doppelten Arschtritt empfunden. Ich bin kinderlos und unverheiratet, weil ich auf diese Stelle hingearbeitet habe, und dann verliere ich sie aus genau diesem Grund – schreiend ungerecht! Nach außen ist das gar nicht aufgefallen, weil ich ja wieder Pauschalistin war. Ich habe dann eine Klage eingereicht, und wir haben uns geeinigt.

GG: Mutig. Hat Ihre Funktion als Kritikerin sie selbstbewusster gemacht?
CD: Ja. Aber ich musste erst lernen, meine Meinung selbstbewusst zu vertreten und die Kritik daran auszuhalten. Inzwischen bin ich professionell deformiert, kann oft meine Klappe nicht halten, auch wenn es angebracht wäre, und bin eine notorische Beschwerdeführerin.

Sigrid Löffler, geboren in Aussig, begann ihre journalistische Laufbahn 1967 bei der Wiener Tageszeitung Die Presse und war 1972–1993 Redakteurin beim österreichischen Nachrichtenmagazin profil, zuletzt stellvertretende Chefredakteurin. Langjährige Wiener Kulturkorrespondentin der Süddeutschen Zeitung. 1996–99 Feuilleton-Chefin der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit. 1987–2000 Teilnehmerin an der ZDF-Sendung Das Literarische Quartett. 2000–2008 Chefredakteurin und Herausgeberin der von ihr gegründeten Monatszeitschrift Literaturen in Berlin. Viele Jahre war sie in der Jury für das Theatertreffen. Sie lebt mit ihrem Mann in Berlin.

Christine Dössel, geboren in Pegnitz/Oberfranken, machte ein Volontariat beim Ring Nordbayerischer Tageszeitungen in Bayreuth, ging dann auf die Deutsche Journalistenschule in München und arbeitet seit ihrem 22. Lebensjahr als Kritikerin für die Süddeutsche Zeitung, erst frei neben dem Studium, dann als Pauschalistin, ab 2001 als Redakteurin. Seit 2010 ist sie die alleinige Theaterredakteurin. Von 2004 bis 2007 war sie in der Jury des Theatertreffens. Seit 2007 ist sie im Auswahlgremium für die Mülheimer Theatertage. Sie lebt in München.




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