Anna Deibele

Anna Deibele, 1982 im Nordkaukasus/ Russland geboren, mit neun Jahren nach Deutschland eingewandert, studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte in Berlin und Madrid. Seit 2007 arbeitet sie als freie Radio-Autorin aus dem In- und Ausland, unter anderem für die Deutsche Welle, Deutschlandradio Kultur, WDR Funkhaus Europa und mdr Figaro. Außerdem unterrichtet sie argentinischen Tango und Klavier. Sie lebt in Berlin.

Blog/Webseite
http://www.anna-deibele.com

Alle Artikel von Anna Deibele

25. Mai 2011 - 17:07 Uhr

Die große plurale Rückschau

Nach drei Wochen zieht das gesamte tt-Blog-Team eine vielstimmige Bilanz, sortiert nach Eingang. Und dann ab.

Fazit im Bildformat. Jakob Kraze Foto: Yehuda Swed

Die Zeit während des Theatertreffens habe ich als eine sehr stürmische erlebt: viele neue Gesichter und Ideen, die einen mitreißen und manchmal auch umreißen können. Aber gerade das ist auch das Spannende – seinen Standpunkt zu verlassen und durch die Augen eines anderen zu blicken. Ich lernte neue Perspektiven kennen und gewann neue Erfahrungen. Das wiederum stärkt die Empathie und hilft, die anderen besser zu verstehen. Wir sind alle sehr unterschiedliche Persönlichkeiten und haben unsere Eigenheiten in die Redaktion eingebracht. Die Symbiose dieser Persönlichkeiten in einem Produkt, dem Blog, fand ich sehr spannend. (Anna Deibele)

Ich erinnere mich an ein Festival, an dem viele starke tolle Frauen beteiligt waren. Intendantinnen, Kritikerinnen, Blogkoordinatorinnen, Stückemarktleiterinnen – die Liste lässt sich fortsetzen. Das Theater bleibt ein Ort, an dem ich mich wohl fühle, mich freue, meine Leidenschaft teilen zu können. Das tt 2011 war für mich auch ein Festival mit einem jugendlichen Geist, mit vielen jungen Autoren, Schauspielern und Regisseuren sowie einem Herbert Fritsch, der energetisch gesehen kaum älter als 30 Jahre alt zu sein schien. Und She She Pop-Vätern, die sich nicht von der Herangehensweise ihrer Töchter abschrecken ließen und so ein selten emotionales Theatererlebnis zugelassen haben. (Grete Götze) Weiterlesen »

21. Mai 2011 - 11:00 Uhr

Chor und Tanz

Unter dem Motto „Check the Body, Theater Material Körper“ arbeiteten 42 internationale Theatermacher der tt Talente-Plattform Internationales Forum zwei Wochen lang zusammen, um unterschiedliche Körperkonzepte kennenzulernen. Lars Wittershagen und Nik Haffner haben sich entschlossen für einen Tag ihre Workshops „Jede Stimme zählt!“ und „Körper bewegt Körper“ zusammenzulegen und die Kraft des Chores mit der Ästhetik der Bewegung zu vereinen.

 

20. Mai 2011 - 19:07 Uhr

Logik des Körpers

Unter dem Motto „Check the Body, Theater Material Körper“ arbeiteten 42 internationale Theatermacher der tt Talente-Plattform Internationales Forum zwei Wochen lang zusammen, um unterschiedliche Körperkonzepte kennenzulernen. Im Workshop der argentinischen Performer Maricel Álvarez und Emilio García Wehbi aus Buenos Aires ging es anhand der Gemälde von Francis Bacon um die „Logik des Körpers„.

Theatertreffen – Internationales Forum 2011: „Logik des Körpers from theatertreffen-blog on Vimeo.

19. Mai 2011 - 21:00 Uhr

Live-Blog zum Publikumsgespräch zu „Tod eines Handlungsreisenden“

Heute Abend stellten sich Stefan Pucher und sein Ensemble von der zum tt eingeladenen Inszenierung „Tod eines Handlungsreisenden“ im Radialsystem den Fragen des Publikums. In unserer beliebten Serie „live-blog“ sollten Sie ab 22.30 Uhr erfahren, worüber diskutiert wird. Da der kabellose Netzzugang die Spielstätte aber bereits den ganzen Tag im Stich gelassen hatte, musste auch ich das Blog offline schreiben. Und im Nachhinein hochladen.

22:40: Ein handvoll Enthusiasten sind von einem zahlreichen, eher bürgerlich-gesetzten Publikum übrig geblieben. Mit einer leichten Verspätung geht das Publikumsgespräch los. Der Moderator Tobi Müller kommt auf den Song „I’m set free“ von Velvet Underground zu sprechen, der am Ende von allen Schauspielern musiziert und gesungen wurde.

22:43: Der Regisseur Stefan Pucher versteht den im Song als eine Art Befreiungsschlag. Das gemeinsame Musizieren wäre auf jeden Fall eingeplant gewesen, aber so recht wussten alle nicht wohin damit: „Man trifft sich halt, man macht Musik!“ Ist leider auch so angekommen. Die Musikszene banalisiert das Ende und zwar unnötig.

22:45: Tobi Müller meint, im Stück die Wirtschaftskrise wieder erkannt zu haben. Pucher sieht darin eher die Verarbeitung seiner Englisch-Leistungskurs-Traumas. Das Stück kam ihm damals wahnsinnig düster vor: „Als würde man Krebs kriegen davon!“ Inzwischen sieht er „Den Handlungsreisenden“ als ein paranoid positives Stück mit einer wahnsinnigen Energie von Aufbruch. Deswegen auch der Song am Ende letztendlich als Entspannungsszene für die Protagonisten gedacht. Publikum lacht.

22:48: Tobi Müller: Die Loman-Brothers unterscheiden sich nur wenig von den Lehmann-Brothers und den Menschen der 50er und 60er Jahre. Pucher entgegnet, wenn er in Berlin-Prenzlauerberg sei, wundere er sich immer über die neuen Geschäfte und frage sich, wer da immer die neuen Geschäftsideen hat. Da sei ja schon vorprogrammiert, dass die eingehen werden. Weiterlesen »

19. Mai 2011 - 12:52 Uhr

Feminismus – ein Unwort?

Marlene Streeruwitz. Foto: Piero Chiussi

Die österreichische Autorin und Regisseurin Marlene Streeruwitz saß gestern auf dem Podium für die Theatertreffen-Diskussion „Feminismus heute ein Unwort?“, in der die Frauenfrage im Hinblick auf kreative Berufe erläutert werden sollte.

Auch wenn Marlene Streeruwitz darauf hinwies, dass sie „immer nur zu Feminismus gefragt“ würde, obwohl sie sich doch durchaus auch mit anderen Themen beschäftige, überzeugt sie mit einer genaueren Lesart, die sich nicht nur immer wieder auf Familie und Beruf bezieht. Ein paar O-Töne der „Feministin mit zusammengebissenen Zähnen und Messer in der Tasche“.

18. Mai 2011 - 22:15 Uhr

Live-Blog vom Publikumsgespräch „Die Beteiligten“

Aufgrund technischer Schwierigkeiten fängt das Blog zum Publikumsgespräch heute später an.

Kleines Resümée der ersten zehn Minuten: Vorstellungsrunde, Moderator Tobi Müller fragt die Schauspieler, wie es für sie war, Figuren zu spielen, die nur in der dritten Person reden. Jörg Ratjen, der den „Quasi-Freund“ spielt, erzählt, dass er sich irgendwann daran gewöhnt habe, in der dritten Person zu denken. Das ging anscheinend nicht allen Schauspielern so, Gelächter auf der Bühne und im Publikum.

22:12: Kathrin Röggla: Das Theater behauptet ja sonst immer Figuren, die ganz aus einem Guss sind.

22:14: Moderator Tobi Müller kommt auf die seiner Ansicht nach beklemmendste Szene zu sprechen, als Natascha Kampusch als Rotkäppchen im Bauch des Wolfs beschrieben wird. Kathrin Röggla: „Das Rotkäppchen ist nicht mein Text, ich habe mir das so erklärt, dass da so ein Paukenschlag ist.“

22:17: Regisseur Stefan Bachmann: Ein Opfer scheint dazu verdammt, Opfer bleiben zu müssen. Das ist so die Erkenntnis, die wir aus dieser Arbeit gewonnen haben. Und das ist eine unglaublich traurige Erkenntnis. … Und dass die Menschen drumherum zu Wölfen werden und dann erst recht beißen, wenn da schon Blut geflossen ist, das ist dann wirklich Faschismus.

22:19: Tobi Müller kommt noch einmal auf die Rotkäppchen-Geschichte zurück. Frage an Jurorin Ulrike Kahle-Steinweh: War diese Rotkäppchen-Szene ausschlaggebend für die Jury-Entscheidung? Kahle-Steinweh: Nein, das hat keine besonders große Rolle gespielt. Aber da kommt ja sozusagen ihre Stimme, und sie fände schon: das musste dann auch mal sein, dass da so was echtes kommt. „Also ich fands sehr ergreifend.“

22:21 Tobi Müller: ganz viel österreichische Psycho-Geographie in diesem Abend. Einer der Schauspieler (Sicht vom Blog-Tisch aus schlecht): Wir haben das ja auch in Österreich zur Uraufführung gebracht. Stefan Bachmann: Priklopil selber hatte im Regal „Mein Kampf“ stehen, das Ganze hat etwas von einem Wohnzimmer-KZ gehabt, das sind schon Spuren, die in diesem Land noch vorhanden sind. Weiterlesen »

15. Mai 2011 - 23:25 Uhr

Das Luder

Der Regisseur und Schauspieler Herbert Fritsch erklärt sein Bild der Frau, angelehnt an Mutter Wolffen in Gerhart Hauptmanns Biberpelz und Ibsens Nora.

 

15. Mai 2011 - 3:57 Uhr

„Verrücktes Blut“ – Public Viewing

Am Freitag, 13. Mai war der Saison-Theaterhit „Verrücktes Blut“ auf großer Leinwand im Freiluftkino im Sony Center zu sehen. Das Theatertreffen-Blog war mit Kamera vor Ort dabei.

Public Viewing „Verrücktes Blut“ im Sony Center – Berlin Potsdamer Platz from Anna Deibele on Vimeo.

Gründe, um zu einem Public Viewing zu gehen:

1.) Du sieht das Stück mal anders.
2.) Du bist in Gemeinschaft mit ganz vielen anderen.
3.) Du darfst deinen Liegestuhl und Picknickkorb mitnehmen.

Drei Gründe um nächstes Jahr rechtzeitig Karten für das Theatertreffen zu kaufen:

1.) Dein Sitzplatz ist dir garantiert.
2.) Du verstehst, was die Protagonisten sagen.
3.) Du siehst echte Menschen vor dir und bist hautnah dabei!

Das nächste Public Viewing findet am Sonntag, 15. Mai um 16 Uhr mit „Das Werk/Im Bus/Ein Sturz“ im Sony Center am Potsdamer Platz in Berlin statt. Der Eintritt ist frei!

14. Mai 2011 - 19:31 Uhr

Aber bitte mit Hintergrund

Es klang wie ein Coming-Out, als sich Samuel Finzi bei der Verleihung des „Theaterpreis Berlin“ der versammelten Öffentlichkeit als „Schauspieler mit Migrationshintergrund“ präsentierte:

Aber was heisst denn hier Hintergrund? „Migrationshintergrund“ ist auf jeden Fall schon jetzt ein heißer Anwärter auf den Titel „Unwort des Jahrzehnts“, und darum hat Finzi unser vollstes Verständnis, wenn er sich lieber einfach nur „Schauspieler mit Hintergrund“ nennt. Genau: Hauptsache, es steckt etwas dahinter.

Hier unsere persönliche Hintergrund-Selektion für alle Lebenslagen, präsentiert von Dimiter Gotscheff, Shermin Langhoff, Nurkan Erpulat, Jan Klata und natürlich Samuel Finzi. Empfohlen wird ein gelegentlicher Tapetenwechsel.

Bilder: 1.) Gemütlicher… (Kani Mani Bar, Kastanienallee, Prenzlauer Berg) / 2.)  …und eher weniger gemütlicher… (Bornemann-Bar, Berliner Festpiele) / 3.) …postmoderner… (Prater der Volksbühne) / 4.) …und historischer Hintergrund (Gedenkstätte Berliner Mauer, Bernauer Strasse) / 5.) Es kommt auch vor, dass man nicht auf den Grund der Dinge sieht (Spree, Friedrichstrasse, Grund schätzungsweise 232 m ü. M.). Das ist aber noch kein Grund, sich am Abgrund zu fühlen. / 6.) Jungen Regisseuren empfiehlt sich manchmal das Theatermachen im Untergrund (U-Bahnhof Friedrichstrasse) / 7.) Für manches wiederum gibt es einfach keinen (Hinter-)Grund. (Im Blogger-Büro, Berliner Festspiele) / 8.) Für das meiste aber schon. Auch für das Theatertreffen-Plakat. Wer ihn sucht, findet ihn auf der ersten Seite des tt-Magazins.

Fotos: Fadrina Arpagaus
O-Ton: Anna Deibele

Originalfotos: dpa (Langhoff) / Harry Schnittger (Finzi) / Thalia Theater Hamburg (Gotscheff)

13. Mai 2011 - 0:51 Uhr

Seitenrang links: Don Carlos

Mehr als drei Stunden dauerte das Dresdner Gastspiel „Don Carlos“. Am Ende der Premiere ertönte begeisterter Applaus, insbesondere für die Schauspieler Burghart Klaußner (Philipp II.) und Christian Friedel (Carlos). Der 30-jährige Felix saß im Seitenrang links und beantwortete uns folgende Fragen:

12. Mai 2011 - 13:30 Uhr

Integriert euch oder ich schieße!

Nurkan Erpulat und Jens Hillje inszenieren ein Stück über Macht, Freiheit und ihre Grenzen, frei nach Schiller und mit vorgehaltener Knarre.

Einzeln rumstehen oder zusammen hinsetzen? Szene aus "Verrücktes Blut", Ballhaus Naunynstraße. Foto: Ute Langkafel

Wie frei kann der Mensch eine Meinung äußern, wenn ihm eine Pistole an den Kopf gehalten wird? Wie frei kann der Mensch sein, wenn er keine Alternative hat als sich anpassen zu müssen? Und wie frei ist der Mensch, wenn der eigene Verstand, das eigene Gefühl oder aber das Klischee des anderen ihm Grenzen setzen? Der Regisseur Nurkan Erpulat und der Dramaturg Jens Hillje werfen mit ihrer Bearbeitung des französischen Films „Heute trage ich Rock“ als Schultheaterstunde viele Fragen der nimmer enden wollenden Integrationsdebatte auf:

Sonia Kelich hat es geschafft. Sie ist eine der wenigen „Erfolgskanaken“ – akzentfreies prononciertes Deutsch, aufklärerische Ideale Schillers im Geist, Studienrätin von Beruf und ein deutscher Mann in petto. Umso stärker werden ihre „neuen“ Ideale von rotzenden und spuckenden Schülern aus Neukölln und Kreuzberg durch den Dreck gezogen, die damit beschäftigt sind, in Kelich’s Klassenraum ihre Territorialkämpfe auszufechten.

In ihren innersten Werten bedroht, reißt die Deutschlehrerin die Macht an sich, als ihr eine Waffe eines ihrer Schüler in den Schoß fällt. Mit Gewalt setzt sie ihre Werte durch: Schillers „Kabale und Liebe“ und „Die Räuber“ werden auf Kosten einer durchgeschossenen Hand, blutender Nasen und eines abgelegten Kopftuchs durchgespielt. Am Ende setzt die erhoffte Katharsis ein,  zumindest auf der Bühne. Die Klasse wird zu einer Musterklasse, übernimmt die Ideale der Lehrerin und erlässt dem Querulanten die Strafe. Wir lernen, was sie gelernt haben: Weiterlesen »

11. Mai 2011 - 15:43 Uhr

Guttenbergs Verrücktes Blut

Unsere Zitat-Kritik zu „Verrücktes Blut“:

Man nehme einen reißerischen, aber humorlosen Kinofilm über eine im Klassenzimmer durchdrehende französische Lehrerin, man verlagere die Geschichte nach Berlin-Kreuzberg, würze sie mit akrobatischen und humoristischen Einlagen und pflanze diesen Mix mitten in die Migrations-Debatte. Dabei geht es um eine Lehrerin, die in einer Klasse voller unmotivierter und undisziplinierter Schüler versucht, die Bildung aufrecht zu erhalten: mit Schillers „Die Räuber“. Die Pädagogin als Terroristin mit Bildungsauftrag, die jungen Türken als vollidentifizierte Schiller-Exegeten – ein schräges Happy End. Was hier von der Bühne kommt, schert sich einen Dreck um politische Korrektheit, geht dahin, wo es weh tut, springt uns an mit einer Wut und Intensität, wie man sie lange nicht erlebt hat. Weiterlesen »

10. Mai 2011 - 14:33 Uhr

Die Russen kommen.

Der russische Dramatiker Anton Tschechow ist einer der meist gespielten weltweit und auch im Repertoire des diesjährigen Theatertreffens mit Karin Henkels Inszenierung des „Kirschgarten“ anzutreffen. Für das Theatertreffen-Blog ein passender Anlass, um das Bild des „Russen an sich“ genauer zu betrachten. Warum kommt er einfach nicht aus der Mode?

Schon im Berlin der Goldenen Zwanziger waren führende Köpfe der russischen Theaterkultur in Berlin verortet. Den Westberliner Stadtteil Charlottenburg nannte man „Charlottengrad“, Berlin war Heimat der russischen Schriftsteller Maxim Gorki, Wladimir Majakowski, Boris Pasternak und Wladimir Nabokov. Heute siedeln dort langbeinige, Pelz tragende, blondierte Russinnen, ihr kühles Lächeln spiegelt sich in den Ku’damm-Shopping-Fensterscheiben. Ihre Männer widmen sich unsichtbar emsig dem Broterwerb, verstecken sich hinter Sonnenbrillen.

Auf der Bühne aber sind die Russen in Deutschland am liebsten depressiv, dramatisch und zu jeglichen Verrücktheiten bereit. Der besonnene, korrekte, emotionslose Deutsche schaut so gerne diesen haltlosen Emotionen der Wodka-trinkenden russischen Melancholiker zu. Wie ist das in Karin Henkels Inszenierung „Der Kirschgarten“? Ihre Russen feiern Dauerkirmes, sind verschwenderisch, tanzen ohne Unterlass, vernachlässigen Elternpflichten. Sie versuchen, sich an Paris (dem Westen?) zu messen, bleiben aber bildungsferner Landadel. Und, sie trinken Champagner. Ein Vorstoß zum Abbau von Vorurteilen? Weiterlesen »

10. Mai 2011 - 12:18 Uhr

Nullwachstum

Lena Schwarz als Ljubow Andrejewna Ranjewskaja und Matthias Bundschuh als Leonid Andrejewitsch Gajew in "Der Kirschgarten", Schauspielhaus Köln. Foto: Sebastian Hoppe

Im Anschluss an die Premiere von Karin Henkels Kölner „Kirschgarten“-Inszenierung trafen sich die Blogger Matt, Anna und Fadrina im Blogger-Büro zum kritischen Gespräch. Der „Kirschgarten“ ist heute um 16 Uhr und um 20.30 Uhr im Haus der Berliner Festspiele zu sehen, es gibt noch Karten.

Fadrina: Ich finde die Inszenierung ästhetisch interessanter als inhaltlich. Was für mich den Abend ausmacht, ist das Spiel mit den unterschiedlichen Tempi, die sich überlagern: das ständige im Kreis Gehen, die übersteigerte künstliche Hektik, die Wiederholungen – bis plötzlich in seltenen Momenten der klassische Tschechow-Stillstand durchbricht, aber gleich wieder von der Bewegung übertüncht wird. Und dann auch das Spiel mit Genres und Stimmungen: Die Inszenierung ist Schaubuden-Schnulze, Fratzen-Komödie und manchmal schlafwandlerische Gespenstersonate. Spannend war, dass die Stimmungen immer so schnell gebrochen werden, dass man als Zuschauer gar nicht die Möglichkeit hat, sich in einer Atmosphäre niederzulassen. Das „Zuhause“ wird damit auch auf dieser Ebene verunmöglicht.

Anna: Also ich finde es vor allem interessant, dass alle Personen in einer unterschiedlichen Zeit leben. Zum Beispiel die Figur der Ljubow Andrejewna Ranjewskaja, die in zwei Ereignissen „stehen geblieben“ ist – dem Tod ihres Sohnes und der zerbrochenen Liebe mit ihrem fremdgegangenen Mann in Paris. Lopachin hingegen lebt im Jetzt, in der Arbeit und in der Ideologie des Geldes. Die anderen Personen reihen sich in die Vergangenheit und das Jetzt ein oder stehen dazwischen. Dadurch reden fast alle Beteiligten aneinander vorbei.

Matt: Die Figuren – die Diener, der Adel und „New Money“ – stürmen die Zuschauer an; sie singen, tanzen und wirbeln auf der Bühne herum wie Spieluhr-Puppen. Das ist eine Zirkustruppe, und Karin Henkel nimmt im wahrsten Sinne des Wortes Tschechows Hinweis ernst, dass das Stück eigentlich Vaudeville ist. Die Schauspieler entwickeln eine großartige Energie, und Charly Hübner als Lopachin, breit und groß in seiner „bad-taste“-Kleidung, illustriert Tschechows Charakter in glänzenden Farben.

Fadrina: Ja, das ist es doch genau: Die Inszenierung ist eine Illustration des Textes, mehr nicht! Wer den „Kirschgarten“ inszeniert, muss auch wissen wieso, denn das Stück ist so oft gemacht worden, und ich finde, es reicht nicht mehr, eine allgemeinmenschliche Parabel mit den klassischen Tschechow-Themen auf die Bühne zu stellen, auch wenn es schön ist. Weiterlesen »

8. Mai 2011 - 20:25 Uhr

Theaterpreis Berlin 2011 verliehen

Der Regisseur Dimiter Gotscheff, die Schauspielerin Almut Zilcher, sowie die Schauspieler Samuel Finzi und Wolfram Koch erhalten den Theaterpreis der Stiftung Preußische Seehandlung für ihre Theaterarbeiten, darunter „Iwanow“ oder „Die Perser„. Er wurde am Sonntag, 8. Mai, im Rahmen des Theatertreffens Berlin, verliehen. Das Preisgeld von 20.000 Euro überreichte der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit. Die vier Preisträger über „Gemeinschaft“, und ihre Bühnenbildnerin Katrin Brack über die gemeinsame Arbeit.

Wir gratulieren!