Fadrina Arpagaus

Fadrina Arpagaus, geboren 1980 in Zürich, studierte Germanistik und Philosophie in Zürich und Berlin. Während ihres Studiums hospitierte und assistierte sie am Schauspielhaus Zürich u.a. bei Christoph Marthaler, Christoph Schlingensief und Schorsch Kamerun und in der freien Szene Berlins. Danach begann sie eine Dissertation mit dem Titel „Radikale Gefährdung. Subjektkonstitutionen in Theatertexten des 21. Jahrhunderts“ und arbeitete als Journalistin, unter anderem für "der Freitag" und Kulturkritik.ch. Zurzeit ist sie als Dramaturgieassistentin und ab nächster Spielzeit als Dramaturgin am Theater Basel engagiert, wo sie für das Schauspiel den Blog entworfen hat.

Blog/Webseite
http://theaterbaselschauspiel.wordpress.com

Alle Artikel von Fadrina Arpagaus

27. Mai 2011 - 8:57 Uhr

Das elfte Element

Was vom tt11 bleibt, lässt sich in wenigen oder vielen Sätzen sagen. Was von uns Bloggern bleibt, ist knapper und kryptischer: #tt11. Mit diesem Hashtag auf Twitter wollen wir zur Spur im Netz werden, auch dann, wenn wir schon wieder in alle Welt verstreut sind. Doch weil das tt 11 aus und vorbei ist, braucht das Kürzel eine neue Bedeutung am besten für die Ewigkeit. Nur welche?

tt und 11. Und jetzt? Bei tt denkt man an Audi, bei 11 an 9/11. Nicht gut. Zu belastet. Lieber bei uns selber suchen. Also: Unser Blogger-Jahrgang war diejenige, der das Live-Bloggen aus dem Theater salon- oder zumindest theatertreffenfähig gemacht hat. Aber nicht ohne harsche Gegenkritik. „Das ist doch wie ein Liveticker beim Fußball!“, hörte man von allen Seiten. Und schon ist eine Bedeutung da. 11, das ist eine Mannschaft, in der jeder anders spielt, doch mit Position. #tt11, das bedeutet Echtzeit und Gegenwärtigkeit, auch im Theater.

Und überhaupt: Warum nicht Fußball? Etwas von der überschäumenden Begeisterung und gesellschaftlichen Relevanz, die Fußball hat, könnte auch das Theater gebrauchen. Emotion und Energie! Interkulturelle Verbrüder- und schwesterung statt blutleerer Verkopfung! Soziale Durchlässigkeit statt Elite! #tt11! Und warum nicht den Gedanken durchspielen, dass auch Theater wieder zu einer Naturgewalt werden könnte, wie es der Fußball ist – ein Element, das bewegt, berührt, Kräfte entfesselt? Theater, das elfte Element. Weiterlesen »

25. Mai 2011 - 17:07 Uhr

Die große plurale Rückschau

Nach drei Wochen zieht das gesamte tt-Blog-Team eine vielstimmige Bilanz, sortiert nach Eingang. Und dann ab.

Fazit im Bildformat. Jakob Kraze Foto: Yehuda Swed

Die Zeit während des Theatertreffens habe ich als eine sehr stürmische erlebt: viele neue Gesichter und Ideen, die einen mitreißen und manchmal auch umreißen können. Aber gerade das ist auch das Spannende – seinen Standpunkt zu verlassen und durch die Augen eines anderen zu blicken. Ich lernte neue Perspektiven kennen und gewann neue Erfahrungen. Das wiederum stärkt die Empathie und hilft, die anderen besser zu verstehen. Wir sind alle sehr unterschiedliche Persönlichkeiten und haben unsere Eigenheiten in die Redaktion eingebracht. Die Symbiose dieser Persönlichkeiten in einem Produkt, dem Blog, fand ich sehr spannend. (Anna Deibele)

Ich erinnere mich an ein Festival, an dem viele starke tolle Frauen beteiligt waren. Intendantinnen, Kritikerinnen, Blogkoordinatorinnen, Stückemarktleiterinnen – die Liste lässt sich fortsetzen. Das Theater bleibt ein Ort, an dem ich mich wohl fühle, mich freue, meine Leidenschaft teilen zu können. Das tt 2011 war für mich auch ein Festival mit einem jugendlichen Geist, mit vielen jungen Autoren, Schauspielern und Regisseuren sowie einem Herbert Fritsch, der energetisch gesehen kaum älter als 30 Jahre alt zu sein schien. Und She She Pop-Vätern, die sich nicht von der Herangehensweise ihrer Töchter abschrecken ließen und so ein selten emotionales Theatererlebnis zugelassen haben. (Grete Götze) Weiterlesen »

23. Mai 2011 - 10:00 Uhr

Haltung, meine Herren!

Ferner Osten, Balkan, China, Polen und eine nostalgische Post-DDR – die Settings der diesjährigen „Stückemarkt“-Texte machen Hoffnung auf große Themen. Doch leider sind die Stücke oft Mogelpackungen.

Die Frage schwebte fast bedrohlich im Raum. „Wie politisch sind denn Ihre Texte?“, wagte eine Zuschauerin am ersten Stückemarkt-Autorentisch zu fragen. Stückemarkt-Leiterin Yvonne Büdenhölzer hatte sich zuvor alle Mühe gegeben, die interessanten persönlichen Hintergründe der anwesenden Jungherren-Runde aufzuzählen und so die Autoren in einem politischen Kontext zu verorten: Konradin Kunze war gerade frisch aus Indien zurückgekehrt, wo er staatliche Willkür hautnah zu spüren bekommen hatte; bei Dmitrij Gawrisch, einem in der Schweiz lebenden Ukrainer, schwingt schon im Namen die Ausländerproblematik mit, und Mario Salazar erzählte, wie sein Vater einst in Chile gegen Salvador Allende putschte und als Landesverräter in der DDR landete. Nur: In Salazars Stück „Alles Gold was glänzt“ kennen die Figuren das Wort „Aufstand“ im besten Fall aus dem Fernsehen; Gawrisch dementierte mit „Meine Eltern sind Diplomaten“ gleich alle Vermutungen, die ihn in die Ecke „Ausländer mit Flüchtlingsvergangenheit“ drängten, und Konradin Kunze blieb von allen am deutlichsten undeutlich: „Nein, ich möchte in meinen Stücken keine politische Haltung vertreten.“ Weiterlesen »

22. Mai 2011 - 19:45 Uhr

Kollektiv-Blog der Jurydiskussion

Das  Theatertreffen neigt sich dem Ende zu, und heute Nachmittag stellten sich die sieben Jurorinnen und Juroren Vasco Boenisch, Wolfgang Höbel, Ulrike Kahle-Steinweh, Ellinor Landmann, Andres Müry, Christine Wahl und Franz Wille den Fragen des Publikums zu den zum Festival eingeladenen Produktionen. Die Theatertreffen-Blog-Redaktion schrieb mit und meldet sich hier mit den multiperspektivischen Best-of-Mitschriften.

17:20 Das Internationale Forum verlautbart per Videoeinspielung seine Favoriten. Der schnell geschnittene Clip klingt wie She She Pop Hip Hop Bop. (LL)

17:26 Andres Müry vermisste Andrea Breths „Zwischenfälle“ am Theatertreffen schmerzlich und will die Regisseurin unter Artenschutz stellen. Franz Wille entgegnet galant Richtung Wien: „Ich möchte mich bei Andrea Breth entschuldigen, sie hat es nicht nötig, unter Artenschutz gestellt zu werden.“ „Oh doch!“, wirft Müry ein. Wie auch immer: Gehört das wirklich zu den Aufgaben des Theatertreffens? Dafür gibts doch den WWF. (FA)

17:34 Andres Müry: „Das ist ein nacheilender Gehorsam.“ (She She Pop einzuladen, in der freien Szene hätten sie sich schon durchgesetzt.) Da hat Herr Müry recht. Und trotzdem freue ich mich über diese gehorsame Entscheidung! (GG)

17:48 Andres Müry legt noch einmal richtig los: „Testament” und „Via Intolleranza” fehlen Handwerk, Professionalität und ästhetische Statements, und sind deswegen nicht theatertreffenwert. (MC)

17.54 Moderatorin Barbara Burckhardt fragt, ob die Wiederentdeckung von „Spaß“ eine Anglifizierung des deutschen Theaters mit sich bringt. Plattere Nationsklischees hört man wohl selten. Schade, wo sie doch anderen Begriffen wie dem „Dokumentarischen“ oder „Konsens“ sehr präzise nachspürt. (LL) Weiterlesen »

22. Mai 2011 - 10:25 Uhr

Und grüß mir die Schwarzen

Christoph Schlingensiefs Via Intolleranza II ist weder Entwicklungshilfe noch Dokutheater, auch wenn eine Menge Afrikaner auf der Bühne stehen. Via Intolleranza II ist ein Gesamtkunstwerk, im Schlingensiefschen Sinne.

Von Ougadougou über Brüssel, Hamburg und München nach Berlin: Via Intolleranza II. Foto: Aino Laberenz

„Du kannst ihn lieben, so viel du willst, aber er ist kein guter Regisseur“, sagte vor vielen Jahren ein Freund zu mir. Doch ich selbst sehe mich noch heute außer Stande, auf Christoph Schlingensief und seine Inszenierungen die Kategorien „gut“ oder „schlecht“ anzuwenden. Er fällt bei mir noch immer durchs Bewertungsraster. Das spricht wohl gegen meine kritische Kompetenz, vielleicht aber auch für Schlingensief als Künstler. Denn ein Künstler war er, auch wenn er wie kaum ein anderer seine eigene Existenz dafür benutzte, und vielleicht macht das eine Bewertung so schwierig.

Via Intolleranza II, Christoph Schlingensiefs letzte Inszenierung vor seinem Tod, funktioniert auch ohne ihn. Schlingensief ist jetzt eine Rolle im Stück, gespielt vom langjährigen Crew-Mitglied, dem Schauspieler Stefan Kolosko. Der tut das hervorragend. Nie gibt er vor, Schlingensief zu sein, und doch schafft er es, unter den ganzen Abend eine Schlingensief-Spur zu legen.

Doch die Bühne gehört vordergründig den Schauspielern aus Burkina Faso. Via Intolleranza II beginnt mit burkinesischer Folklore, und man fühlt sich erst einmal wie auf einem interkulturellen Afrika-Abend des Goethe-Instituts. Oje, denkt man, das ist wohl ein Missverständnis. Doch auch Schlingensief denkt von Anfang an laut über die Zweifelhaftigkeit seiner Afrika-Produktion nach: Da veranstaltet er ein Schauspieler-Casting in Ougadougou, und von rund 400 Bewerbern dürfen zehn mit nach Europa. Dann ist das Boot voll. Was soll das eigentlich? Währenddessen sterben er und seine Mitarbeiter weg, das kanns doch wohl auch nicht sein. Was sind das auch für komische bunte Häuschen, die die Schwarzen da bauen? Und überhaupt, er versteht sie nicht, kann denn mal einer übersetzen? Weiterlesen »

21. Mai 2011 - 14:00 Uhr

Abwesenheitsnotiz

Christoph Schlingensief kündigt sich für heute im Berliner Festspielhaus an – schließlich ist er eingeladen. Doch was zu ihm sagen, falls sich sein Geist materialisiert? Und wie über ihn reden, falls er unsichtbar bleibt?

Für Osama bin Laden galt „tot, lebendig oder photoshopped“, Christoph Schlingensief hingegen hat sich für seinen Auftritt am Theatertreffen noch für keine Form entschieden. Aber schon jetzt ist er da, ohne da zu sein: Er lässt sich vertreten (bei der Pressekonferenz von seiner Frau Aino Laberenz), doubeln (bei den Vorstellungen von Via Intolleranza II) oder jederzeit herbei reden, wenn das „postmigrantische Theater“ und die Jury-Entscheidungen keinen Gesprächsstoff mehr hergeben.

Ob sich sein Geist aber auch wirklich zeigt? Manifestationsmöglichkeiten gäbe es für ihn viele (schließlich sind wir im Theater), zum Beispiel als heiliger Geist oder böser Dämon, Zombie, Phönix oder gar als radioaktive Strahlung. Falls er sich für die Sichtbarkeit entscheidet, müssen wir uns nur noch überlegen, was wir zu ihm sagen – „Lange nicht gesehen“ wirkt zur Begrüßung wohl eher unpassend.

Wahrscheinlicher ist es aber, dass Schlingensief unsichtbar bleibt. Denn seltsamerweise scheinen sich gar nicht mehr so viele für ihn zu interessieren wie vermutet. Weiterlesen »

20. Mai 2011 - 13:42 Uhr

Unruheland Ungarn?

So titelte die März-Ausgabe von „Theater der Zeit“. Was denken ungarische Kritiker und Theaterschaffende, die über das Berliner Theatertreffen berichten, von den Vorgänge in ihrem Land? Ich treffe Krisztián Faluhelyi, der an der Eötvös Loránd Universität in Budapest über Brecht und Lars von Trier promoviert und für die ungarische Theaterzeitschrift „Színház“ schreibt, und die ungarische Theaterwissenschaftlerin und Humboldt-Stipendiatin Gabriella Kiss zu einem Gespräch.

Ungarn am Theatertreffen: Gabriella Kiss und Krisztián Faluhelyi. Foto: Fadrina Arpagaus

Katastrophenalarm aus Ungarn. Die neue Rechtsregierung um Viktor Orbán hat nicht nur das umstrittene Mediengesetz durchgesetzt, sondern soll auch einen richtigen Kahlschlag im Kulturbereich planen. Schon ist bekannt, dass der Etat des Nationaltheaters in Budapest um 1,5 Millionen Euro, also rund 20 Prozent des Budgets, gekürzt werden soll. Auch die freie Szene, die sich erst in den letzten zehn Jahren so richtig entwickelt hat, ist betroffen. Als ich Krisztián Faluhelyi nach den Vorgängen in seinem Land frage, erwarte ich Empörung, Wut, Aufstandsgedanken. Statt Katastrophen- aber erst einmal Fehlalarm: „Ich denke in vielen Hinsichten anders als die neue Regierung, ich habe eine eher linke Weltanschauung. Aber was das Mediengesetz betrifft, möchte ich mit einer Einschätzung noch etwas abwarten und schauen, was passiert. Ich halte den Aufruhr für übertrieben.“

Eine solche Antwort habe ich von einem Theaterkritiker nicht erwartet. Krisztián erklärt mir, warum er so gelassen ist: Noch ist in Ungarn vieles Gerücht. Niemand kann die Pläne der Regierung wirklich überprüfen. Und neutrale Sprecher gibt es gerade nicht, die Berichterstattung ist extrem politisch aufgeladen, und zwar von links wie von rechts. „Im Moment sehe ich weit und breit niemandem, dem ich vertrauen kann“, sagt Krisztián. „Und darum möchte ich weder auf die eine noch die andere Richtung einschwenken.“ Krisztiáns Kollegin Gabriella Kiss stelle ich die gleiche Frage: „Wie stehst du zum neuen Mediengesetz und den geplanten Kulturkürzungen?“ Ihre Gegenfrage: „Muss ich wirklich darauf antworten?“ Weiterlesen »

20. Mai 2011 - 0:09 Uhr

Die Gewinner des Stückemarkts sind …

Juri Sternburg (Förderpreis für neue Dramatik), Anne Lepper (Werkauftrag) und Mario Salazar (Hörspielpreis)! Alle drei Preisgekrönten waren bei der Verleihung so verdattert, dass sie, sonst so sprachgewaltig, kaum einen Satz über die Lippen brachten. Weiterlesen »

18. Mai 2011 - 10:24 Uhr

Das Reden der Anderen

Stefan Bachmanns Burgtheater-Inszenierung von Kathrin Rögglas „Die Beteiligten“ zeigt, wie im medialen Rauschen der Sprache Menschen verschwinden. Nur komisch, wenn man am Ende völlig unbeteiligt nach Hause geht.

"Die Beteiligten" in der Regie von Stefan Bachmann: Barbara Petritsch (die irgendwie-nachbarin), Katharina Schmalenberg (die „optimale“ 14-jährige), Alexandra Henkel (die pseudopsychologin), Jörg Ratjen (der quasifreund), Simon Kirsch (das gefallene nachwuchstalent), Peter Knaack (der möchtegern-journalist). Foto: Anna Stöcher/Burgtheater

Ohne Zweifel, „Die Beteiligten“ ist ein tolles Stück. Ein Stück, das jedes Germanistenherz höher schlagen lässt, denn an ihm lässt sich sprachlich so vieles zeigen, und die Sprache des Theaters und der Literatur ist doch schließlich die letzte Kraft des Widerstandes, wenn sonst die Herrschaft über Bilder und Alltagssprache in den Händen der Medien liegt. Kathrin Röggla erzählt von der Unmöglichkeit, Ich zu sagen, wenn Andere mitreden. Das Ich, in diesem Fall das Entführungs- und Medienopfer Natascha Kampusch, ist ein Ich, das im Reden der Anderen entsteht; ein Ich, das in indirekter Rede in der dritten Person erzeugt und damit nie wirklich manifest wird. Gleichzeitig bringt das Sprechen aber auch seltsame Kreaturen hervor: Menschen, die nur durch andere existieren. Menschen, die kein richtiges Ich haben und darum ein Präfix brauchen, wie die Pseudo-Psychologin, der Quasi-Freund, der Möchtegern-Journalist und die Irgendwie-Nachbarin. Menschen aus der zweiten Reihe. Die Beteiligten.

So sitzen zu Beginn von Stefan Bachmanns Inszenierung fünf Pseudo-Möchtegern-Experten auf engstem Raum zusammen und rufen Natascha Kampusch wie einen diskursiven Flaschengeist im Konjunktiv hervor. Aus Rögglas indirektem Sprechen macht Bachmann ein indirektes Sehen: Wer zu den Zuschauern redet, ist das Kamerabild der Schauspieler, nicht die Schauspieler selbst. Danach geht Natascha Kampusch, wie durch ein Sprachprisma vervielfacht, in der Kampusch-Sekte auf: Fünf identische Kampuschas, die mit Hippie-Kopftuch und lila H&M-Ethno-Tunika aussehen wie Fashion Victims, lassen ihr Ich vielstimmig sprachlich zerfliessen. Tolles Sprachstück, diese „Beteiligten“.

Doch wie gewinnt man als Regisseur diesem Text Bilder ab? Bachmanns Inszenierung ist nur dann stark, wenn sie szenisch eigenständig denkt, und das passiert leider viel zu selten. Zum Beispiel, wenn er à la Blair-Witch-Project einer Horde Menschenaffen im Wald eine von den Schauspielern live eingesprochene (oder besser gesagt eingekeuchte) Synchronspur unterlegt und in dieser Überlagerung bedrohliche Zwitterwesen die Leinwand bevölkern. Oder wenn er einen österreichischen Nazi (Simon Kirsch) das deutsche Publikum fröhlich mit „Wir kennen uns! Wir kennen uns von früher!“ begrüßen lässt, dieser kurz darauf zu Westernhagens „Freiheit“ den ultimativen Freiheitstraum vom Fliegen realisieren will, dabei aber so deutlich sichtbar in den Theaterseilen hängt, dass das Bild ihn sofort der Lächerlichkeit preisgibt. Weiterlesen »

16. Mai 2011 - 19:25 Uhr

Live-Blog vom Publikumsgespräch zu „Nora“

Heute Abend gehen die so genannten „Herbert-Fritsch-Festspiele“ am Theatertreffen zu Ende. Vorher gibt es aber um 22.15 Uhr noch ein Publikumsgespräch zu „Nora“. Wir bloggen wie immer live und berichten, was passiert, wenn „Biberpelz“-Hasser auf „Nora“-Liebhaber treffen. Oder umgekehrt. Und vielleicht kommen wir ja auch Fritschs heissdiskutiertem „Luder“ auf die Spur.

22:13h: Fast nichts an diesem Theatertreffen ist so umstritten wie Fritschs Frauenbild. Mal sehen, was für Frauen beim Publikumsgespräch auftauchen… Bis jetzt: vorwiegend Damen in grau, frisch frisiert und über 50. Keine Luder.

22:14h: One minute til the talkback’s supposed to start, and Fadrina and I are feeling, weirdly, unprepared – flipping through the Theatertreffen booklet like bad schoolkids studying last-minute for a test. Who was in this play again? Who’s going to be talking to us? At least we know who the director is…

22:15h: Kleider-Check bei uns beiden. Fadrina: ebenfalls grauer Pullover, also unbeabsichtigt im unabgesprochenen Dress Code des Abends. Cory hingegen: rot! (Aber auch nur, nachdem sie ihre graue Jacke ausgezogen hat.) Wenigstens ein Farbtupfer im Publikum.

22:20h: This play wasn’t surtitled in English. I wonder if there were any English speakers in the audience? The play was pretty to look at but as far as the content – well, non-German speakers wouldn’t necessarily get much less out of it than German speakers. (Maybe not so true of this bilingual live-blog…)

22:22h: Jetzt geht’s los! …mit Mikroschwierigkeiten…

22:23h: Iris Laufenberg in bunt gemustertem T-Shirt! Danke!

22:24h: Alle Schauspieler plus Herbert Fritsch (natürlich) und der Oberhausener Intendant Peter Carp sind da. Dazu Jury-Mitglied Wolfgang Höbel.

22:25h: Started right away with the good stuff. Feminism.

22:26h: Wolfgang Höbel: „Nora“ ist oft komplett falsch verstanden worden. Da steckt natürlich ein feministischer Gewaltakt hinter der Geschichte, das hat nur keiner bemerkt.“ Damit tut er einem halben Jahrhundert feministischer LeserInnen aber sehr unrecht…

22:28h: Third time I’ve heard Fritsch speak, third time I’ve heard him explain how he didn’t want to do „A Doll’s House“ at all. Something new please?

22:30h: Ein Rätsel lüftet sich: Die Musik aus der Inszenierung stammt aus den Hitchcock-Filmen „Psycho“ und „Vertigo“. Weiterlesen »

14. Mai 2011 - 19:31 Uhr

Aber bitte mit Hintergrund

Es klang wie ein Coming-Out, als sich Samuel Finzi bei der Verleihung des „Theaterpreis Berlin“ der versammelten Öffentlichkeit als „Schauspieler mit Migrationshintergrund“ präsentierte:

Aber was heisst denn hier Hintergrund? „Migrationshintergrund“ ist auf jeden Fall schon jetzt ein heißer Anwärter auf den Titel „Unwort des Jahrzehnts“, und darum hat Finzi unser vollstes Verständnis, wenn er sich lieber einfach nur „Schauspieler mit Hintergrund“ nennt. Genau: Hauptsache, es steckt etwas dahinter.

Hier unsere persönliche Hintergrund-Selektion für alle Lebenslagen, präsentiert von Dimiter Gotscheff, Shermin Langhoff, Nurkan Erpulat, Jan Klata und natürlich Samuel Finzi. Empfohlen wird ein gelegentlicher Tapetenwechsel.

Bilder: 1.) Gemütlicher… (Kani Mani Bar, Kastanienallee, Prenzlauer Berg) / 2.)  …und eher weniger gemütlicher… (Bornemann-Bar, Berliner Festpiele) / 3.) …postmoderner… (Prater der Volksbühne) / 4.) …und historischer Hintergrund (Gedenkstätte Berliner Mauer, Bernauer Strasse) / 5.) Es kommt auch vor, dass man nicht auf den Grund der Dinge sieht (Spree, Friedrichstrasse, Grund schätzungsweise 232 m ü. M.). Das ist aber noch kein Grund, sich am Abgrund zu fühlen. / 6.) Jungen Regisseuren empfiehlt sich manchmal das Theatermachen im Untergrund (U-Bahnhof Friedrichstrasse) / 7.) Für manches wiederum gibt es einfach keinen (Hinter-)Grund. (Im Blogger-Büro, Berliner Festspiele) / 8.) Für das meiste aber schon. Auch für das Theatertreffen-Plakat. Wer ihn sucht, findet ihn auf der ersten Seite des tt-Magazins.

Fotos: Fadrina Arpagaus
O-Ton: Anna Deibele

Originalfotos: dpa (Langhoff) / Harry Schnittger (Finzi) / Thalia Theater Hamburg (Gotscheff)

13. Mai 2011 - 15:33 Uhr

Das Leben nach dem Post

Multikulti- versus Leitkulinarik: Das Büffet im Haus der Berliner Festspiele. Foto: Fadrina Arpagaus

Die Debatte ums „postmigrantische Theater“ wirft Fragen auf. Vor allem die Frage, was die Diskussion überhaupt bringt. Und was sie über diejenigen aussagt, die sie führen.

Wie migrantenfreundlich sind eigentlich die Berliner Festspiele? „Nee, türkisch sprech ich nich“, sagt Nachtpförtner Georg Mikulla, „das wird hier nich gebraucht.“ Die Anzahl Frauen mit Kopftuch im tt-Publikum ist pro Abend im Schnitt gleich Null, an der Kasse kann man seine Tickets nicht mit Dirham zahlen, und die Hausordnung ist auf trockenem Deutsch – und ausschließlich auf Deutsch – verfasst. Am Büfett in der Kassenhalle steht aber neben einem Turm gutdeutscher Leitkultur-Brezeln und Leitkultur-Kartoffelsalat eine Schüssel Couscous. Immerhin.

Aber statt subjektiver Eindrücke hier lieber die offiziellen Zahlen: Im Berliner Festspielhaus haben zurzeit 15 von 88 Beschäftigten „Migrationshintergrund“, vom temporären Büffet-Mitarbeiter über den Maskenbildner bis zur Projektassistentin. Genauere Auskünfte gibt es aus „Personenschutzgründen“ nicht – natürlich, die Herkunft kann gegen einen verwendet werden. Doch die Personalabteilung engagiert sich: Man hat eine Arbeitsgruppe zum Thema, bespricht es häufig intern und bevorzugt „migrantische Bewerbungen“. Das ist alles so wunderbar politisch korrekt, dass es fast weh tut.

An dieser Stelle muss ein Aufschrei kommen: Politisch korrekt darf alles sein – aber nie, nie, nie das Theater! Trotzdem diskutiert seit Beginn der Debatte ums „postmigrantische Theater“ die Theaterwelt (nicht ganz uneigennützig) landauf, landab, wie man die Institution auch für „M+Ms“, so genannte „Menschen mit Migrationshintergrund„, öffnen könnte. Doch Döner-Häppchen am Premierenfeier-Büfett, in allen Sprachen der UNO übertitelte Theaterstücke, eine arabisch sprechende Pförtnerin, Migrantensitzplätze im Theater analog zu den Frauensitzen im Bus – ist es das, was wir wirklich wollen? Weiterlesen »

12. Mai 2011 - 9:27 Uhr

Bildungsproletariat

"der penner ist jetzt schon wieder woanders" von Juri Sternburg mit Igor (Jörg Pohl), Gott (Michael Schweighöfer) und Andrej (Mirco Kreibich). Foto: Piero Chiussi

Die Frage „Was wollte uns der Autor damit sagen?“ interessiert heute keinen mehr. Fragen wir lieber den Text. Das Stückemarkt-Stück Nummer IV „der penner ist jetzt schon wieder woanders“ von Juri Sternburg war zu einem Gespräch bereit – natürlich schriftlich.

Fadrina: Dein voller Name „der penner ist jetzt schon wieder woanders“ ist ganz schön lang. Darf ich dich der Einfachheit halber einfach „penner“ nennen?

„der penner“: ja klar. kann ich dafür in kleinbuchstaben antworten?

Fadrina: Natürlich. Ist es ok, wenn wir uns duzen?

„der penner“: sicher. ich bin ja im nächtlichen kreuzberg unterwegs, da siezt man sich sowieso nicht. und geboren bin ich in goa (oder sagt man auf goa?) in indien. das klingt jetzt kitschig, aber ich bin wirklich auf einem felsen am meer einfach aus der feder geflossen, da gabs keine krämpfe, keine geburtswehen.

Fadrina: Klingt idyllisch. Das würde man gar nicht glauben, wenn man dich liest. Du bist ja teilweise ganz schön aggressiv.

Interview mit einem Text. Foto: Fadrina Arpagaus

„der penner“: ja, andrej und igor, meine zwei ichs, treiben dunkle fragen an. aber sie haben auch witz, einen brutalen humor, und diese seite mag ich an mir am liebsten. juri, mein autor, ist ständig im berliner nachtleben unterwegs, er arbeitet als barkeeper im „king kong club“. da kommt einiges an absurden situationen zusammen.

Fadrina: Wie ist denn die Beziehung zu deinem Autor Juri Sternburg?

„der penner“: juri ist super. wir verstehen uns wirklich gut, das liegt vielleicht auch daran, dass ich eines seiner ersten kinder bin. ich habe zwar noch ein paar geschwister, die als hörspiele arbeiten, und eine menge halbgeschwister, alles kolumnen bei der taz, aber in stückform bin ich juris erstling. Weiterlesen »

10. Mai 2011 - 12:18 Uhr

Nullwachstum

Lena Schwarz als Ljubow Andrejewna Ranjewskaja und Matthias Bundschuh als Leonid Andrejewitsch Gajew in "Der Kirschgarten", Schauspielhaus Köln. Foto: Sebastian Hoppe

Im Anschluss an die Premiere von Karin Henkels Kölner „Kirschgarten“-Inszenierung trafen sich die Blogger Matt, Anna und Fadrina im Blogger-Büro zum kritischen Gespräch. Der „Kirschgarten“ ist heute um 16 Uhr und um 20.30 Uhr im Haus der Berliner Festspiele zu sehen, es gibt noch Karten.

Fadrina: Ich finde die Inszenierung ästhetisch interessanter als inhaltlich. Was für mich den Abend ausmacht, ist das Spiel mit den unterschiedlichen Tempi, die sich überlagern: das ständige im Kreis Gehen, die übersteigerte künstliche Hektik, die Wiederholungen – bis plötzlich in seltenen Momenten der klassische Tschechow-Stillstand durchbricht, aber gleich wieder von der Bewegung übertüncht wird. Und dann auch das Spiel mit Genres und Stimmungen: Die Inszenierung ist Schaubuden-Schnulze, Fratzen-Komödie und manchmal schlafwandlerische Gespenstersonate. Spannend war, dass die Stimmungen immer so schnell gebrochen werden, dass man als Zuschauer gar nicht die Möglichkeit hat, sich in einer Atmosphäre niederzulassen. Das „Zuhause“ wird damit auch auf dieser Ebene verunmöglicht.

Anna: Also ich finde es vor allem interessant, dass alle Personen in einer unterschiedlichen Zeit leben. Zum Beispiel die Figur der Ljubow Andrejewna Ranjewskaja, die in zwei Ereignissen „stehen geblieben“ ist – dem Tod ihres Sohnes und der zerbrochenen Liebe mit ihrem fremdgegangenen Mann in Paris. Lopachin hingegen lebt im Jetzt, in der Arbeit und in der Ideologie des Geldes. Die anderen Personen reihen sich in die Vergangenheit und das Jetzt ein oder stehen dazwischen. Dadurch reden fast alle Beteiligten aneinander vorbei.

Matt: Die Figuren – die Diener, der Adel und „New Money“ – stürmen die Zuschauer an; sie singen, tanzen und wirbeln auf der Bühne herum wie Spieluhr-Puppen. Das ist eine Zirkustruppe, und Karin Henkel nimmt im wahrsten Sinne des Wortes Tschechows Hinweis ernst, dass das Stück eigentlich Vaudeville ist. Die Schauspieler entwickeln eine großartige Energie, und Charly Hübner als Lopachin, breit und groß in seiner „bad-taste“-Kleidung, illustriert Tschechows Charakter in glänzenden Farben.

Fadrina: Ja, das ist es doch genau: Die Inszenierung ist eine Illustration des Textes, mehr nicht! Wer den „Kirschgarten“ inszeniert, muss auch wissen wieso, denn das Stück ist so oft gemacht worden, und ich finde, es reicht nicht mehr, eine allgemeinmenschliche Parabel mit den klassischen Tschechow-Themen auf die Bühne zu stellen, auch wenn es schön ist. Weiterlesen »

9. Mai 2011 - 22:05 Uhr

Seitenrang links

An der „Kirschgarten“-Premiere gab’s beim Schlussapplaus zuerst ein paar fast unbemerkte Buhs aus den vorderen Reihen, die dann aber schnell von den Bravos aus den Rängen übertönt wurden. Im Seitenrang links saß auch der 28-jährige Alexander, der uns die Fragen für unsere heutige Schnellkritik beantwortete.

Was fandest du an der Inszenierung bemerkenswert?

Den Sog, den die Inszenierung entwickelt, diese Energie, die sie freisetzt. Allerdings bin ich nicht damit einverstanden, wie klischiert Karin Henkel das Landleben zeichnet. Sie macht aus den Figuren typische Bauern. Daraus spricht ein Verständnis von Hochkultur, das mir auf die Nerven geht.

Wie hast du deine Karte gekriegt?

Ich habe sie von einem Freund geschenkt bekommen.

Warum wolltest du gerade diese Inszenierung sehen?

Eigentlich wollte ich sie ja gar nicht unbedingt sehen! Aber ich mag den „Kirschgarten“ sehr, und ich habe noch keine Inszenierung vom Schauspiel Köln und auch noch nie etwas von Karin Henkel gesehen, darum bin ich gekommen.

Was würdest du in deinem Garten pflanzen?

Oregano.