Fadrina Arpagaus

Fadrina Arpagaus, geboren 1980 in Zürich, studierte Germanistik und Philosophie in Zürich und Berlin. Während ihres Studiums hospitierte und assistierte sie am Schauspielhaus Zürich u.a. bei Christoph Marthaler, Christoph Schlingensief und Schorsch Kamerun und in der freien Szene Berlins. Danach begann sie eine Dissertation mit dem Titel „Radikale Gefährdung. Subjektkonstitutionen in Theatertexten des 21. Jahrhunderts“ und arbeitete als Journalistin, unter anderem für "der Freitag" und Kulturkritik.ch. Zurzeit ist sie als Dramaturgieassistentin und ab nächster Spielzeit als Dramaturgin am Theater Basel engagiert, wo sie für das Schauspiel den Blog entworfen hat.

Blog/Webseite
http://theaterbaselschauspiel.wordpress.com

Alle Artikel von Fadrina Arpagaus

9. Mai 2011 - 14:30 Uhr

Rasterfahndung

Stichtag 9. Mai 2011: Beim heutigen Zensus wird Deutschland durch den Fragebogen gedreht. Auch im Theater versucht man sich bei Publikumsumfragen in der Kunst der richtigen Kästchenwahl, in der tt-Jury hingegen hatte ein Kritikerfragebogen keine Chance. Wie berechenbar sollen Welt und Theater sein?

Ein Fragebogen hat ja im Grunde etwas Dankbares: Die Fragen lassen sich prinzipiell immer beantworten. Und so endet das Ausfüllen meist mit dem guten Gefühl, der Welt beigekommen zu sein. 82 Millionen Deutsche, 400 Theaterinszenierungen pro Jahr – wie könnte man sonst bloß Ordnung in diese Überfülle bringen?

Im Herbst 2010 stand auch der Theatertreffen-Leitung der Sinn nach letztbegründbarer Struktur: Sie überreichte ihrer Jury einen Fragebogen mit diversen Kategorien und Kriterien (zum Beispiel „zukunftsweisend“, „unkonventionell“, „den Zeitnerv treffend“) zur Bewertung von Inszenierungen. Die Anweisung „Sie müssen zum Schluss auf eine Gesamtzahl von insgesamt 16 Punkten kommen“ glich einer Aufgabe für Grundschüler; die Degradierung des Kritikers zum Beamten einer Berufsstolzverletzung. Die Jury tat das einzig Mögliche, um dem Theater nicht Unrecht zu tun: Statt Rasterfahndung nach den bemerkenswertesten Inszenierungen behielt sie ein Auge auf das, was durchs Raster fiel. Weil Theater noch immer dann am meisten interessiert, wenn es ausrastet, ob nun die Schauspieler auf der Bühne oder die eigene Wahrnehmung.

Natürlich macht es Sinn, zu wissen, wie viele Kindergärten, Schulen und Altersheime Deutschland in Zukunft braucht. Aber in der Berechenbarkeit der Welt, die ein Fragebogen vorgaukelt, liegt auch eine große Gefahr, denn der Fragebogen ist nicht unschuldig, sondern eine gezielte Suchmaschine. Er ist dem zufriedenen Konsumenten, dem staatsgetreuen Bürger, dem glücklichen Theaterbesucher auf der Spur. Weiterlesen »

7. Mai 2011 - 8:25 Uhr

Survival-Kitties

Wenn wir schon mit Katastrophen leben müssen, dann wollen wir sie auch überleben. Survival-Kits gibt es normalerweise aber nur in Apotheken, nicht im Theater.

Irgendwann in Karin Beiers „Das Werk / Im Bus / Ein Sturz“, der Eröffnungsinszenierung des Kölner Schauspiels beim Theatertreffen, blicken sich die Massen in die Augen: auf der Bühne ein stampfender und gurgelnder Protestchor von mehr als 50 Stimmen; auf der anderen Seite das zum Schweigen verdammte Publikum, das im realen Leben so viel über unsere Gegenwart zu sagen hat. Nun reden sich stellvertretend die Menschen auf der Bühne um ihre Existenz, und am Ende, wenn die Staumauer für das Wasserkraftwerk in den Kapruner Alpen errichtet ist und Hunderte Zwangsarbeiter gestorben sind („Das Werk“), der Bus versenkt ist und der Busfahrer und zwei Passagiere ihr Leben lassen musssten („Im Bus“), und das Kölner Stadtarchiv überflutet ist und zwei Anwohner umgekommen sind („Ein Sturz“), steht Wort gegen Wort, Schuld gegen Schuld. Laute gegen stumme Anklage: Wasser gegen Erde, Natur gegen Mensch.

Halt. Stopp. Eigentlich wollen wir doch gar nicht mehr reden. Eigentlich wollen wir nur wissen, was wir tun können, damit uns die Katastrophen, die natürlichen und übernatürlichen, in Zukunft in Ruhe lassen. Denn es reicht nicht aus, die eigene Schuld zu kennen. Es reicht auch nicht, sie einzugestehen. Bei einem Theaterabend wie diesem, der so vielschichtig Arbeit und menschliches Tun verhandelt, muss man auch fragen, inwieweit er uns zum Handeln ermächtigt. Weiterlesen »

6. Mai 2011 - 18:28 Uhr

Chorisch sprechen

Speed-Dating eine Stunde vor der Eröffnungspremiere mit den Zauberflöten Philipp Lack (Tenor), Andreas Schröder (Tenor), Heinz Thiliecke (Bass), Marcus Parkin (Bariton) und Rainer Marks (Bariton).

Finde die fünf Richtigen: Die Zauberflöten Philipp, Andreas, Heinz, Marcus und Rainer auf der Probe.

Finde die fünf Richtigen: Die Zauberflöten Philipp, Andreas, Heinz, Marcus und Rainer auf der Probe. Foto: Fadrina Arpagaus

Was ist der Zauber der Zauberflöten?
Philipp: Lebensfreude und Freundlichkeit.
Andreas: Ein wundervoller Gesang und liebevolle Stimmen.
Heinz: Toleranz, Kameradschaft und natürlich Glamour!
Marcus: Musik, und was wir aus ihr machen.
Rainer: Unsere schwulen Gala-Chor-Revuen mit Tanz und Moderation.

Wie kriegt man die Präzision hin?
Philipp: Üb-en, üb-en, üb-en. Laut, leise, langsam, schnell. Und tausendmal wiederholen!
Andreas: Mit einem liebevollen Chorleiter.
Heinz: 2 Proben die Woche à 3 Stunden 10 Wochen lang.
Marcus: Dank Karin Beier. Ich hätte sie gerne in meinem richtigen Beruf als Chef – ich bin Bankkaufmann.
Rainer: So streng ist das bei uns nicht. Wir sind kein verknöcherter alter Polizeichor. Weiterlesen »

6. Mai 2011 - 9:17 Uhr

Guttenbergs Werk

Wir sind alle ein bisschen Guttenberg, aber etwas ehrlicher. Denn in unseren Copy & Paste-Vorkritiken zu jeder tt Inszenierung liefern wir die Quellenangaben gleich mit. Heute Abend hat Premiere: „Das Werk / Im Bus / Ein Sturz“ von Elfriede Jelinek in der Regie von Karin Beier.

Köln ist eine Stadt mit abgrundtiefem Trauma. Doch wenn sich eine diesen Abgründen gewachsen zeigt, dann Karin Beier. Für ihr großes Jelinek-Tryptichon fährt sie ein Arsenal der Theaterformen auf, so dass die krachende Bauamt-Satire mal Oratorium, mal Revue, mal Kolloquium mit Tiraden, mal zierlicher Monolog ist. Ein Kölner Schwulenchor halbseidener Herkunft, der wohl auch Einar Schleef beeindruckt hätte, untermalt die grandiose Szenerie der Werktätigen, der Heidis und Geißenpeters, der Ingenieure und Fortschrittsgläubigen, angeführt von einem direkt aus dem Hades entstiegenen karnevalesken Transen-Trio. Sinnlich, derb, witzig und leicht entspinnt Beier ihre sadomasochistische Phantasmagorie, die in einer der schärfsten Sexszenen, die im Theater bisher zu sehen war, gipfelt. Und während dieses bösen Katastrophenklamauks darf sogar gelacht werden, denn das Unglück ist auch ein fauler Witz. Nach der Seelen-Reinigung mit Dreckwasser bleibt aber doch noch ein Strom von Fragen, allen voran die eine: „Wer hat die Macht, und wer sind unsere neuen Götter?

31. März 2011 - 12:11 Uhr

Durchlässigkeit

Der Blog des Schauspiels Theater Basel arbeitet mit dem Überfluss. Ein Theater produziert immer ein Zuviel; es ist immer mehr als das, was auf der Bühne passiert. Dieses Mehr ist Thema meines Blogs.

Was normalerweise an Schriftlichem ein Theater verlässt, ist in eine Form gegossen und gibt den Anschein des Fertigen. Stückzettel, Theaterzeitungen und Programmhefte vertreten künstlerische Leitlinien, etablieren das Theater als Festung und Marke. Der Blog hingegen ist sich seiner und seiner Methode nicht so sicher. Manchmal folgt er einem Wort, das auf einer Probe geprägt wird, manchmal einer Regisseurin durch die Gänge zur Bühne. Weiterlesen »