Katrin Schmitz

1986 geboren im tiefsten Rheinland, ging der Weg über das Theater Aachen zum Studium der Theaterwissenschaft und Vergleichenden Literatur nach Mainz. Zwischenstationen in Salzburg, bei NEUE STÜCKE AUS EUROPA in Wiesbaden und in Groningen (NL). Im Moment Praktikantin des Theatertreffen-Blogs und zeitweilig auch Blogautorin.

Blog/Webseite
http://www.theatertreffen-blog.de/

Alle Artikel von Katrin Schmitz

25. Mai 2011 - 17:07 Uhr

Die große plurale Rückschau

Nach drei Wochen zieht das gesamte tt-Blog-Team eine vielstimmige Bilanz, sortiert nach Eingang. Und dann ab.

Fazit im Bildformat. Jakob Kraze Foto: Yehuda Swed

Die Zeit während des Theatertreffens habe ich als eine sehr stürmische erlebt: viele neue Gesichter und Ideen, die einen mitreißen und manchmal auch umreißen können. Aber gerade das ist auch das Spannende – seinen Standpunkt zu verlassen und durch die Augen eines anderen zu blicken. Ich lernte neue Perspektiven kennen und gewann neue Erfahrungen. Das wiederum stärkt die Empathie und hilft, die anderen besser zu verstehen. Wir sind alle sehr unterschiedliche Persönlichkeiten und haben unsere Eigenheiten in die Redaktion eingebracht. Die Symbiose dieser Persönlichkeiten in einem Produkt, dem Blog, fand ich sehr spannend. (Anna Deibele)

Ich erinnere mich an ein Festival, an dem viele starke tolle Frauen beteiligt waren. Intendantinnen, Kritikerinnen, Blogkoordinatorinnen, Stückemarktleiterinnen – die Liste lässt sich fortsetzen. Das Theater bleibt ein Ort, an dem ich mich wohl fühle, mich freue, meine Leidenschaft teilen zu können. Das tt 2011 war für mich auch ein Festival mit einem jugendlichen Geist, mit vielen jungen Autoren, Schauspielern und Regisseuren sowie einem Herbert Fritsch, der energetisch gesehen kaum älter als 30 Jahre alt zu sein schien. Und She She Pop-Vätern, die sich nicht von der Herangehensweise ihrer Töchter abschrecken ließen und so ein selten emotionales Theatererlebnis zugelassen haben. (Grete Götze) Weiterlesen »

10. Mai 2011 - 20:58 Uhr

Live-Blog vom Publikumsgespräch zu „Der Kirschgarten“

Theatertreffen-Blogger Matt Cornish sagt, dass die Figuren inDer Kirschgarten die Zuschauer anstürmen. Heute Abend hat das Publikum auch Gelegenheit zu stürmen; zu fragen und zu diskutieren – beim Publikumsgespräch zu dieser Inszenierung. Ab circa 23.10 sind Regisseurin Karin Henkel, Dramaturgin Rita Thiele und das Ensemble aus Köln im Gespräch zu erleben. Dazu gibt es hier ein Live-Blog.

23:45 Es wird dem Publikum ermöglicht, noch bis maximal 24 Uhr weiter zu diskutieren, allerdings – wird hinzugefügt – wäre es wirklich schöner, die Schauspieler nach dem langen Tag jetzt schon zu entlassen. Da kommen keine Fragen mehr, das Publikumsgespräch ist beendet und während ich dies hier tippe, sind schon fast alle Zuschauer auf der Treppe nach unten – in die frische Luft hinaus, raus aus der anfänglich entschuldigten Hitze.

23:43 Laut der Uhr von Barbara Burckhardt sind jetzt exakt 45 Minuten erreicht. Weiterlesen »

8. Mai 2011 - 9:00 Uhr

Guttenbergs Biberpelz

Die aktuelle copy & paste-Kritik zur tt Premiere „Biberpelz“ heute Abend.

Schon das Bühnenbild ist allerlieblichstes Augenpulver: eine massiv gebaute Brechtgardinenwand mit Blümchentapete in schreckschreiendem Rot-Gelb-Türkis samt Blinker-Goldrand. Der Rest ist gekonnter, ach was: supervirtuoser Slapstick. Verrenkungen und Fratzen drängen sich fett vor den Text. So geht’s textlich zuweilen schon ein bisschen arg drunter durch und drüber weg: beim „Pi-Pa-Pelz“. Hier wird gnadenlos dem unteren Fernsehhumor hinterhergehechelt. Aus schockgefrorenen Tableaux vivants bricht sich eine Horde selbstsüchtiger Menschenfresser Bahn wie hungrige Straßenköter. Sie alle treibt die gleiche Gier: nach Geld, Sex und Vorankommen. Fritschiade um Fritschiade.

13. April 2011 - 8:01 Uhr

Umzug mit Kopfkino

Noch drei Tage, dann geht es los: Die komplette Belegschaft der Berliner Festspiele bereitet den Umzug aus den Übergangs-Büros der Knesebeckstraße in die frisch renovierten Büros am Festspielhaus in der Schaperstraße vor. Wo heute noch gebaut, geputzt und aufgeräumt wird, kommen wir am Wochenende mit neuen Kisten und neuer Unordnung an. Gerüchte gehen um, dass die Welt dort fröhlicher und sonniger ist, und die bunten Stifte freuen sich schon auf wilde Gartenparties mit den Eddings der Bühnenmeister. Weiterlesen »

22. März 2011 - 10:22 Uhr

Büroalltag, bunter

Ankommen, Computer an, Jacke aus. Neben dem Wasserkocher stehen und warten, dass das Teewasser warm wird. Vor dem Computer sitzen und warten, dass er hochfährt. Währenddessen: Bunte Stifte sortieren. Emails checken, beantworten, tippen, klicken, schicken, los. Neue Geschichte zu „Berliner Festspiele – Wir feiern!“ lesen. To-Do-Liste für den Tag erstellen. Die bunten Stifte sind schon wieder durcheinander. Persönliche Daten der Blogger einholen. Bei Fragen zum Unterschied zwischen Steuer- und Identifikationsnummer hilft die Mutter. Weitermachen. Den Teilnehmern Aufgaben schicken, Getanes abhaken, die Stifte spielen den Urknall nach. Jetzt noch schnell Fotos fürs Blog machen. Über den Büroalltag. Und morgen früh die Stifte neu sortieren.

7. März 2011 - 15:14 Uhr

Provinzbüro 103

Die Provinz ist beim Theatertreffen in Berlin angekommen. Sie sitzt im Büro 103 und schreibt gerade diesen Text. Mein letzter Besuch hier liegt sechs Jahre zurück, hat vier Tage gedauert und war gekennzeichnet durch ein SoWi-LK-Programm mit Bundestag und Politikverdrossenheit, und weil der Deutsch-LK auch dabei war, durften wir auch einmal ins Theater. So unmotiviert vom Lehrkörper ausgewählt, dass man da auch nicht mehr hin will. Nie hat man weniger in vier Tagen erleben können. Dabei wäre es so leicht gewesen, die Provinz zu beeindrucken. Denn wenn sie mal in die große Stadt kommt, ist einfach alles aufregend. Mehrgeschossiger Bahnhof! U-Bahn! Busse, die bis nach 18 Uhr fahren! Büro mit Chipkarte, Kino, Theater und Kulturveranstaltungen, die man nur als Tausendfüßler an den Händen abzählen kann!

Gestern war die Provinz zum ersten Mal im KaDeWe. Bei ihr zu Hause gab es immerhin einen Karstadt, der hier aber nicht einmal als Ein-Euro-Shop durchgehen würde. Trotz ihrer 25 Jahre stand die Provinz die meiste Zeit staunend vor dem zwei Meter hohen Steiff-Elefanten in der Spielzeugabteilung und wünschte sich, doch noch ein bisschen kleiner zu sein, um auf ihm sitzen zu können, ohne dass er kaputt geht. Dann verließ sie das KaDeWe und tauchte ein in die Stadt. Sie freut sich auf weitere Empfehlungen, was in der Hauptstadt anzustellen, anzuschauen, zu genießen und zu erleben ist! Bitte als Kommentar unten einfügen.

17. Februar 2011 - 15:23 Uhr

Provokative Musterschülerin

Gelb und lila sind die Farben im tt-Mai 2011.

Eine Premiere, viele Premieren: Zum ersten Mal verlautbarte die Theatertreffen-Jury gestern persönlich und live in einer Pressekonferenz ihre Auswahl der zehn bemerkenswerten Inszenierungen 2011, die vom 6. bis 22. Mai zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen werden. Das Jury-Jahr folgt einer eigenen Zeitrechnung, es reicht bis einen Tag vor der Juryentscheidung. Daher vermissen viele auch nun Andrea Breths „Zwischenfälle“ vom Wiener Akademietheater, das erst jüngst, am 5. Februar 2011, Premiere hatte, siehe etwa die Kommentare zur aktuellen Presseschau auf nachtkritik. Die beliebte Netztheater-Plattform erstellte, zusammen mit Lesern, eine alternative Liste der besten Inszenierungen, das so genannte nachtkritik-Theatertreffen, gedacht als Kontrapunkt. So nicht in diesem Jahr: Denn beide Listen überschneiden sich an drei Stellen: Der „Don Carlos“ aus Dresden, Elfriede Jelineks Dreiteiler „Das Werk“ / „Im Bus“ / „Ein Sturz“ vom Schauspiel Köln und das persönlich-dokumentarische Vater-Tochter-„Testament“ von She She Pop sind auf beiden TopTen vertreten. Diese Auswahl der „eher unüblichen Verdächtigen“ (Jurymitglied Wolfgang Höbel) ist „was ganz anderes“ (Christine Dössel, SZ) als sonst, aber eigentlich theaterpolitisch hyperkorrekt.

Will die verjüngte und verweiblichte Jury, in der, so erläutert die Festivalleiterin Iris Laufenberg, die für die Wirtschaft geforderte Frauenquote bereits umgesetzt sei, dieses Mal jeglicher Kritik zuvorkommen? Sie erweist sich in diesem Jahr als lernfähige Musterschülerin und erfüllt so jegliche Quotenforderung: Regisseurinnen sind dabei (darunter Karin Henkel, Karin Beier), dreimal die sogenannte Provinz (Dresden, Schwerin, Oberhausen), Interkultur (Nurkan Erpulat), Performance (She She Pop und Herbert Fritsch), Ehrung (Christoph Schlingensief). Beim genaueren Hinschauen finden sich allerdings auch Wiederkehrer wie Stefan Bachmann oder Stefan Pucher unter der Auswahl, an jeden Theatergeher ist gedacht. Die gut akzentuierte Provokation, den Medienkünstler und Schauspieler Herbert Fritsch zum ersten Mal und dann gleich doppelt einzuladen, ein ehemaliges Volksbühne-Urgestein, lässt auf Frontalzusammenstöße hoffen. „Ich habe bei der Bundeskulturstiftung einen Antrag gestellt: sieben Jahre ohne Publikum zu spielen“, erzählte Fritsch 2007 bei seinem Genremix Bühnenkabarett Angst: „Und ich habe das Geld bekommen.“

Auf der leeren, frisch renovierten Bühne der Berliner Festspiele, einem schwarzen, an diesem Tag etwas zugigen Kunsttempel, der nun eine der modernsten Techniken in Europa besitzt, materalisiert sich eine weitere Premiere: Vor dem heruntergelassenen eisernen Vorhang, vor dem Iris Laufenberg und die Jury sitzen, sind alle aktuellen Fragen offen, oder besser, bühnenreif eröffnet. Wie steht es um Postfeminismus, Mediendiskurse, regionalen Kultursumpf, Integration und Bildung, Generationenverträge, Neu-Kolonialismus, wie steht es überhaupt um Theaterformen zwischen Ensembletheater, Off-Gruppen, schreibenden Schauspielern und Klassiker-Auffrischungen? Wir werden es sehen.