Leopold Lippert

Leopold Lippert, geboren 1985 in Mistelbach (Österreich), studierte Anglistik und Amerikanistik in Wien und Washington, DC. Nach einigen Unijobs arbeitet er momentan an seiner Dissertation zu Amerikanisierung und Performance. Er lebt in Wien, schreibt über Theater in wissenschaftlichen Zeitschriften, beim Online-Magazin fm5.at und auf seinem Blog.

Blog/Webseite
http://leolippert.wordpress.com/

Alle Artikel von Leopold Lippert

25. Mai 2011 - 17:07 Uhr

Die große plurale Rückschau

Nach drei Wochen zieht das gesamte tt-Blog-Team eine vielstimmige Bilanz, sortiert nach Eingang. Und dann ab.

Fazit im Bildformat. Jakob Kraze Foto: Yehuda Swed

Die Zeit während des Theatertreffens habe ich als eine sehr stürmische erlebt: viele neue Gesichter und Ideen, die einen mitreißen und manchmal auch umreißen können. Aber gerade das ist auch das Spannende – seinen Standpunkt zu verlassen und durch die Augen eines anderen zu blicken. Ich lernte neue Perspektiven kennen und gewann neue Erfahrungen. Das wiederum stärkt die Empathie und hilft, die anderen besser zu verstehen. Wir sind alle sehr unterschiedliche Persönlichkeiten und haben unsere Eigenheiten in die Redaktion eingebracht. Die Symbiose dieser Persönlichkeiten in einem Produkt, dem Blog, fand ich sehr spannend. (Anna Deibele)

Ich erinnere mich an ein Festival, an dem viele starke tolle Frauen beteiligt waren. Intendantinnen, Kritikerinnen, Blogkoordinatorinnen, Stückemarktleiterinnen – die Liste lässt sich fortsetzen. Das Theater bleibt ein Ort, an dem ich mich wohl fühle, mich freue, meine Leidenschaft teilen zu können. Das tt 2011 war für mich auch ein Festival mit einem jugendlichen Geist, mit vielen jungen Autoren, Schauspielern und Regisseuren sowie einem Herbert Fritsch, der energetisch gesehen kaum älter als 30 Jahre alt zu sein schien. Und She She Pop-Vätern, die sich nicht von der Herangehensweise ihrer Töchter abschrecken ließen und so ein selten emotionales Theatererlebnis zugelassen haben. (Grete Götze) Weiterlesen »

23. Mai 2011 - 15:32 Uhr

Wenn Zuschauer_innen träumen

Einige der diesjährigen Theatertreffen-Inszenierungen haben durchaus Taschentuchqualität. Doch wie ist das eigentlich mit dem Gefühl im Theater? Dürfen wir wirklich noch einfach so eine Träne zerdrücken, ohne zynisches Mitreflektieren, ohne ironischen Bruch?

Es ist kaum zu glauben: Da sitzt Sebastian Bark neben seinem Vater Joachim und singt doch tatsächlich mit, erst zögernd, aber schließlich mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht. Die beiden trällern gemeinsam Peter Kraus, die Schnulze heißt „Wenn Teenager träumen“ und eben hat Sebastian noch fremdschämend die Augen verdreht. Denn eigentlich ist der kitschige Musikgeschmack seines Vaters doch ziemlich peinlich.

Joachim Bark auf den Schultern seines Sohnes Sebastian. Foto: Doro Tuch

Wir befinden uns im vierten Akt von She She Pops „Testament“, die schlaue King Lear-Adaption, die wohl der heimliche Star der diesjährigen Theatertreffen-Inszenierungen war. Lear hat eben seine „gute“ Tochter Cordelia wiedergefunden und schwelgt in trügerischer Melancholie. Wir wissen, dass die Sache nicht gut ausgeht. Wir wissen, dass das Sentiment nur produziert ist, und dass die traurige Wirklichkeit Lear später umso brutaler heimsuchen wird. Wir wissen, dass Peter Kraus‘ Schlager nostalgischer Kitsch ist, platte Gefühlsduselei, ein Fetisch, der uns beherrscht und dabei den Zynismus seiner spätkapitalistischen Produktion überspielt. Wir wissen, dass es so etwas wie echte Emotionen, authentische Gefühlsregungen ja gar nicht geben kann in unserer ironischen Zitatewelt. Sebastian Bark weiß das auch, und deswegen zögert er anfangs. Doch irgendwann lässt er sich drauf ein. Irgendwann stimmt er mit ein und strahlt vor Freude.

Sebastian Barks zurückhaltende Reaktion ist symptomatisch für die grundlegende Paradoxie unseres Zuschauer_innenverhaltens in einer durchdekonstruierten Gesellschaft. Weiterlesen »

22. Mai 2011 - 19:45 Uhr

Kollektiv-Blog der Jurydiskussion

Das  Theatertreffen neigt sich dem Ende zu, und heute Nachmittag stellten sich die sieben Jurorinnen und Juroren Vasco Boenisch, Wolfgang Höbel, Ulrike Kahle-Steinweh, Ellinor Landmann, Andres Müry, Christine Wahl und Franz Wille den Fragen des Publikums zu den zum Festival eingeladenen Produktionen. Die Theatertreffen-Blog-Redaktion schrieb mit und meldet sich hier mit den multiperspektivischen Best-of-Mitschriften.

17:20 Das Internationale Forum verlautbart per Videoeinspielung seine Favoriten. Der schnell geschnittene Clip klingt wie She She Pop Hip Hop Bop. (LL)

17:26 Andres Müry vermisste Andrea Breths „Zwischenfälle“ am Theatertreffen schmerzlich und will die Regisseurin unter Artenschutz stellen. Franz Wille entgegnet galant Richtung Wien: „Ich möchte mich bei Andrea Breth entschuldigen, sie hat es nicht nötig, unter Artenschutz gestellt zu werden.“ „Oh doch!“, wirft Müry ein. Wie auch immer: Gehört das wirklich zu den Aufgaben des Theatertreffens? Dafür gibts doch den WWF. (FA)

17:34 Andres Müry: „Das ist ein nacheilender Gehorsam.“ (She She Pop einzuladen, in der freien Szene hätten sie sich schon durchgesetzt.) Da hat Herr Müry recht. Und trotzdem freue ich mich über diese gehorsame Entscheidung! (GG)

17:48 Andres Müry legt noch einmal richtig los: „Testament” und „Via Intolleranza” fehlen Handwerk, Professionalität und ästhetische Statements, und sind deswegen nicht theatertreffenwert. (MC)

17.54 Moderatorin Barbara Burckhardt fragt, ob die Wiederentdeckung von „Spaß“ eine Anglifizierung des deutschen Theaters mit sich bringt. Plattere Nationsklischees hört man wohl selten. Schade, wo sie doch anderen Begriffen wie dem „Dokumentarischen“ oder „Konsens“ sehr präzise nachspürt. (LL) Weiterlesen »

19. Mai 2011 - 10:19 Uhr

„Die eigene Verwickeltheit“

Kathrin Röggla spricht über unterschiedliche Lesarten ihres Stücks „Die Beteiligten“ und beleuchtet ihre eigene Verwicklung in den Medienrummel um Natascha Kampusch. Die Utopie eines „abgedrehten Troll-Raums“ findet sie schön, aber nicht realistisch.

Kathrin Röggla. Foto: Piero Chiussi

Hätten Sie „Die Beteiligten“ auch ohne Natascha Kampusch schreiben können?
Das ist sehr schwer zu beantworten. Ich habe mich schon länger mit Entführungsfällen beschäftigt und hatte auch geplant, da etwas in die Richtung zu machen. Der Fall Kampusch kam dann irgendwie im richtigen Moment und hat aus dem Stück nochmal etwas anderes gemacht. Es gibt da aber durchaus unterschiedliche Lesarten. In Düsseldorf, wo die Uraufführung war, haben die Schauspieler das gelesen und erst mal gefragt, „Geht’s da um Britney Spears?“ In Wien war das natürlich anders, da war der Kampusch-Bezug total stark da.

Stellen Sie sich manchmal vor, was Natascha Kampusch von Ihrem Stück halten würde?
In der Wiener Inszenierung hab ich mir das schon vorgestellt. Als da etwa ihr Kostüm so verarscht wird, hatte ich schon irgendwie Bauchschmerzen. Das größere Problem ist aber, dass ihre Mediengeschichte eben auch zu unserer wird. Und so kann mein Stück ein spannender Kommentar zum Thema sein, aber gleichzeitig wahrscheinlich verletzende Momente für Natascha Kampusch haben. Denn selbst wenn man die Torpedierung durch die Medien, die sie erfahren hat, einfach nur nacherzählt, betritt man schon einen sehr schmalen Grat. Ich glaube auch nicht, dass es für sie notwendig ist, das Stück zu sehen. Viel spannender fände ich etwa, Natascha Kampusch einmal in einem ganz anderen Kontext zu begegnen, wo ich sie nicht als Opfer wahrnehmen muss.

Sie sprechen davon, dass Natascha Kampuschs Mediengeschichte zu unserer geworden ist. Wie gehen Sie denn mit Ihrer eigenen Beteiligung an dieser Geschichte um?
Natürlich ist die eigene „Verwickeltheit“ das Hinkebein des Stücks, das man nie loswerden kann. Natürlich kann man mich nie ganz freisprechen: Letztendlich ist man auch im Theater immer Teil des Medienrummels. Aber schließlich habe ich das Stück genau deswegen geschrieben, um diese Verwicklungsmechanismen anzusprechen. Weil ich versuchen will, damit umzugehen, und die Beteiligungsproblematik durch eine besondere Ästhetik und Form herauszuarbeiten.

Was genau meinen Sie mit „besonderer Ästhetik“? Weiterlesen »

19. Mai 2011 - 8:14 Uhr

An American Melodrama

After watching the Theatertreffen premiere of „Death of Salesman“, directed by Stefan Pucher, we’re sitting on the banks of the Spree River in Berlin to chat through what we just saw. While we work away – selling our carefully crafted language to our adoring public – the artists are being honored, their hangers-on are smoking and drinking behind us.

Matt: I’m disappointed that we’re getting the Beatles for the premiere party music right now – I feel like Elvis would be more appropriate.

Leo: Definitely. The Lomans tonight even had an Elvis record in their fancy 50s living room.

Friederike Wagner; Jan Bluthardt; Sean McDonagh. Photo: Tanja Dorendorf/T+T Fotografie.

Matt: Did you read it as 50s? I saw the set as more late 60s, with all the burnt-orange furniture and mod chandeliers. And that gorgeous Ford Thunderbird was definitely 1960s.

Leo: True. I have to say that I’m not really sure how to read the period. It felt more like a juxtaposition of any Americana they could get their hands on.

Matt: Like the giant statue of a baseball player for example!

Leo: Or the stand with the USA postcards on it.

Matt: „Death of a Salesman“ was written by Arthur Miller in 1949, and when produced in a „period“ style, it’s usually set in the 1950s. The play has that brooding post-war feeling, in which the idea that everything is possible, if you only put your mind to it, was already proving to be deceptive and destructive. Weiterlesen »

18. Mai 2011 - 10:00 Uhr

Frühstückskritik „Die Beteiligten“

Morgensonne und Earl Grey: Eine kurze Videokritik zur gestrigen tt-Premiere „Die Beteiligten“ von Kathrin Röggla.

Frühstückskritik „Die Beteiligten“ from theatertreffen-blog on Vimeo.

17. Mai 2011 - 22:15 Uhr

Under surveillance

Theatertreffen on the streets of Berlin: Rimini Protokoll’s new piece „50 Aktenkilometer“, an audio walk through Mitte about GDR state security, can be experienced starting today. We took part in a try-out, which inspired this audio slide show, a piece about spies, surveillance and strangers.

17. Mai 2011 - 11:26 Uhr

Guttenbergs Beteiligte

Die Kritikenrundschau im copy&paste-Verfahren. Heute hat Stefan Bachmanns Inszenierung von Kathrin Rögglas Text „Die Beteiligten“ beim Theatertreffen Premiere.

Es ist nicht leicht, Kathrin Röggla zu sein. Denn: Ein Ich ist für sie in Wahrheit ein Wir. Was auf den ersten Blick wie Schizophrenie aussieht, ist in Wahrheit bloß eine radikale sprachliche Klausel: Subjekt und Objekt sind vertauscht – alles wird im Konjunktiv gesprochen. Was die abstrakte Denkerin mit diesem grammatikalischen Kniff zeigen will, ist die Einverleibung des Opfer-Ichs in die Aussagesätze der „Beteiligten“. Obwohl sich Röggla damit eines heiklen Themas angenommen hat, und zwar ex negativo, sucht sie den Groove im Loslabern, überhöht das Durchschnittliche, rhythmisiert seine KakofonieSie trifft den Ton genau. Aber warum? Wozu das Konjunktivfeuerwerk, wozu das Monologs-Stakkato? Na? Nun, Röggla bezieht sich offenbar auf den Fall Natascha K., ohne dieses Opfer direkt zu nennen. In Stefan Bachmanns Inszenierung, mit deren unheimlicher Perversion man einst wohl kleine Mädchen erschrecken konnte, fragt man sich allerdings öfter: Gehört das nicht eher zum Fall F. aus Amstetten? Für Bachmann scheint K. und F. dasselbe zu sein: sein Versuch, die Konjunktiv-Monotonie der Möchtegern-Menschen mit reichlich Referenzen und Regieeinfällen zu garnieren, legt schließlich Größeres frei: die österreichische Nationalwunde. Salz auf die österreichische Nationalwunde streut auch Slavoj Žižek im Programmheft, und zwar mit einem pseudowissenschaftlichen Welt- und Mensch-Erklärungsversuch, einem Alles-in-einen-Topf-Wurf-Text. Doch nicht nur Žižeks Welt- und Mensch-Erklärungsversuch scheint zu versagen: Als Kalenderblattweisheit nützt Debord auch nix mehr. Wo die Philosophen scheitern, kann nur einer helfen: Falco, der in Wien zur Rechten des Kaisers sitzt. Die Playback-Performance zu Falcos Entführungs-Song „Jeanny“, ein dem Kinderschänder-Verdacht ausgesetzter Song ist aufgesetzt, aber wirksam. Aufgesetzt, aber wirksam ist schließlich auch Simon Kirschs Auftritt in SS-Uniform, um sogleich darauf als böses Engerl von Wien in den Schnürboden hinaufgezogen zu werdenVergnügt steppt der Nazi zum Westernhagen-Soundtrack: Der Mensch ist leider nicht naiv, der Mensch ist primitiv. Dafür gabs heftigen Beifall. Aufgesetzt, aber wirksam.

16. Mai 2011 - 19:20 Uhr

Welche Genderdebatte?

Begleitend zum Festivalprogramm diskutiert das Theatertreffen dieses Jahr Genderfragen. Doch anstatt die Debatte als Möglichkeit zu begreifen, tradierte Geschlechterbilder zu hinterfragen, wird unter dem Stichwort Gender hauptsächlich zum Karrierenetzwerken aufgerufen.

Weitere Veranstaltungen zum Thema:
Mittwoch, 18.5., 18 Uhr, Oberes Foyer im Haus der Berliner Festspiele: „Feminismus: Heute ein Unwort?
Samstag, 21.5., 19 Uhr, Plenarsaal der Akademie der Künste: „Fucking Feminists?

„Gender your role!“ schallt es durch die Gänge des Hauses der Berliner Festspiele, und während die Blogger_innen noch überlegen, ob „to gender“ überhaupt ein Verb ist, hat uns der Imperativ bereits eingeholt. Jetzt wird, so steht es in der hundertfach reproduzierten Flyer- und Handzettelverordnung, debattiert am Theatertreffen, deba-tt-iert nämlich, und zwar fix. Weil wir als artige Intellektuelle alle fleißig Judith Butler auswendig gelernt haben, ist es bloß eine Frage der Zeit, bis das Wort „Performativität“ fällt. Und damit wäre auch der Zusammenhang zwischen „Gender“ und „Rolle“ geklärt: Es war doch schließlich immer schon ein Theater mit dem Geschlechtsleben!

Doch wie kann so eine Debatte aussehen? Was haben Theater und Gender einander zu sagen? Was ist in diesem Rahmen denkbar, was nicht? Eine Idee davon, was das Theatertreffen unter Gender versteht, bekommt man in Christina Haberliks Ausstellung, „Regiefrauen: Ein Männerberuf in Frauenhand“, die am Donnerstagnachmittag in der Akademie der Künste eröffnet wurde. Zum Sektempfang im schicken Dachfoyer mit Blick auf den Reichstag und das Brandenburger Tor hat sich eine beinahe ebenso schicke Gesellschaft eingefunden. Noble Jacketts, Seidenschals und spitze Schuhe, wohin man schaut. Die zahlreich erschienen Frauen werden als „Damen“ begrüßt, über die weniger zahlreich erschienen Männer freut man sich aber auch. Weiterlesen »

15. Mai 2011 - 16:00 Uhr

Live-Blog vom Publikumsgespräch zu „Der Biberpelz“

Höchst idiosynkratisch und selektiv in der Beobachtung: Heute ab 18 Uhr gibt es hier einen Live-Blog vom Publikumsgespräch zu „Der Biberpelz“. Mit Moderator Tobi Müller diskutieren Regisseur Herbert Fritsch und das Ensemble. Zu erwarten ist eine weitere Ausgabe der beliebten „Herbert Fritsch-Show“. Schon vorab feststehende Schlagwörter: Spiel, Lust, und Spaß.  Zur Vorbereitung empfehlen wir die umfangreiche Berichterstattung des tt-Blogs.

17.52: Die ersten Zuschauer nehmen im oberen Foyer Platz. Einige pfeifen den „Hamborger Veermaster„, mit dem Fritschs Inszenierung endet (oder auch: nicht enden will). Der Ohrwurm ist schwer wieder loszuwerden.

18.02: Bei der Premiere vergangenen Sonntag hat „Der Biberpelz“ für einen perfekt inszenierten Eklat gesorgt. Beim Schlussapplaus stänkerte Claus Peymann gegen Regisseur Herbert Fritsch und schaffte es damit in die Schlagzeilen. „Peymann schreit mit rotem Kopf“ titelt etwa die Welt. Hier schreit noch niemand. Bloß gespanntes Warten vor noch leeren Stühlen.

18.04: Blog-Kollegin Katrin bekommt eine Ehrenaufgabe. Sie muss aufpassen, dass sich niemand aus dem Publikum am Getränketisch bedient. Wein, Bier und Säfte sind fürs Ensemble reserviert.

18.07: Langsam wird es übervoll. Der frühe Termin unmittelbar vor der Nora-Premiere zieht mehr Leute an, als Plätze da sind.

18.08: Joachim Sartorius begrüßt die Gäste und bedankt sich beim Ensemble für den schönen „Biberkopf“. Er vermisst außerdem Claus Peymann.

18.11: Moderator Tobi Müller stellt das Ensemble vor – mit einigen Namensproblemen. Mit dabei außerdem: Jury-Mitglied Vasco Boenisch und Dramaturg Ralph Reichel.

18.14: Herbert Fritsch wettert gegen Naturalismus und Authentisch-Sein. Er will „expressiv, fast expressionistisch“ sein. Er spricht von LUST und SPIEL, und dass er der Knallcharge aus der Provinz sei. Er macht sich über das „Wilhelminische“ lustig und über die „guten armen Leute“. SOOO ARM seien die armen Leute nämlich. Gelächter. Weiterlesen »

11. Mai 2011 - 8:48 Uhr

Erben will gelernt sein

She She Pop und ihre Väter stellen in „Testament: Verspätete Überlegungen zum Generationswechsel nach Lear“ generationsübergreifende Gerechtigkeit zur Debatte. Ein sehr persönlicher Theaterprozess fordert vor allem eines: Respekt.

Elisabethanische Halskrausen und King Lear: She She Pop und ihre Väter denken über den Generationswechsel nach. Foto: Doro Tuch

Am Anfang steht die knallharte Abrechnung, das nüchterne Vertragsdenken, das unverfrorene Fordern und Aufwiegen. Das Performance-Ensemble She She Pop hat für die King Lear-Bearbeitung „Testament“ ihre Väter auf die Bühne gebeten, um eventuell auftretende Schwierigkeiten beim Erben schon vorab zu klären. Da wird schon mal ein Differentialgleichungssystem skizziert, um die Transferleistungen des sogenannten Generationenvertrags zu durchschauen. Da werden ungeniert alte Kommoden und Lichtenstein-Drucke verlangt und großelterliche Liebe durch den „Enkelfaktor“ messbar und damit finanziell kalkulierbar gemacht. Da werden Lears hundert Ritter zu hundert Laufmetern Bücherregal, die doch nur im Weg stehen. Da wird schließlich eine geschickte Verschwörung der 68er ausgerufen, deren Kinder ohne Erbe gar nicht mehr überlebensfähig wären.

Nach der nicht immer ernst gemeinten ersten Verhandlungsrunde wird die weiße Fahne gehisst. She She Pop-Mitglied Fanny Halmburger steht ganz vorne an der Rampe, und überlegt, was es denn bedeuten würde, ihren alten Vater zu pflegen. Mit schauriger Zerbrechlichkeit spricht sie von verschimmelten Essensresten, von Dreck, Scheiße, und Gestank, vom unauffälligen Übertönen des viel zu lauten Fernsehers, von vollgepissten Bettlaken und angerotzter Kleidung, und vom routinierten Eincremen eines wundgelegenen, schwachen Körpers, das den Anspruch der Zärtlichkeit nie verlieren darf. Weiterlesen »

10. Mai 2011 - 12:54 Uhr

„Ich krieg ja auch Gage!“

In „Testament: Verspätete Vorbereitungen zum Generationswechsel nach Lear“ des Performance-Kollektivs She She Pop sind auch die Väter der Gruppe beteiligt. Peter Halmburger, der Vater von She She Pop-Mitglied Fanny, erzählt von seinem neuen Leben als Schauspieler.

Peter Halmburger, einer der She She Pop-Väter. Foto: Leopold Lippert

Wie gehen Sie mit der Öffentlichkeit um, die der Erfolg von „Testament“ mit sich gebracht hat? Haben Sie bewusst überlegt, wie viel Sie von sich preisgeben wollen?

Für mich ist das Thema Privatsphäre kein so großes Problem. Es ist ja ohnehin klar, dass nicht alles, was im Stück vorkommt, eins zu eins der Wirklichkeit entspricht. Da werden zum Glück eher allgemeine Fragen verhandelt, die dann ein Auslöser für Diskussionen sein sollen. Daher kann ich ganz entspannt damit umgehen. Meiner Erfahrung nach ist es ja so, dass gerade die Leute, die immer auf ihre Privatsphäre pochen, sich eher gegenteilig verhalten.

Wie ist es denn zu Ihrer Beteiligung an dem Stück gekommen? Musste man Sie lange überreden?

She She Pop hatten von Kritikern immer den Vorwurf bekommen, dass sie keine „klassischen“ Theaterstücke spielen. Als Gegenreaktion haben sie dann über „King Lear“ nachgedacht und sind ziemlich bald auf die Idee gekommen, den Text aufzubessern und ihre eigenen Väter einzubauen. Weiterlesen »

10. Mai 2011 - 8:50 Uhr

Guttenbergs Testament

Frei nach dem Freiherrn: Die copy-and-paste Vorabkritik zur tt-Premiere „Testament: Verspätete Vorbereitungen zum Generationswechsel nach Lear“ von She She Pop.

Zu den befremdlichen Erscheinungen des zeitgenössischen Theaters gehört die Tendenz, private Befindlichkeiten auf die Bühne zu zerren. Zum ersten Mal seit fast fünfzehn Jahren muss ich mich nicht mehr verstecken, verteidigen, mich meiner speziellen Neigung nicht mehr schämen. ICH LIEBE SHE SHE POP. Die Schwestern im Geiste, die zusammen als She She Pop arbeiten, haben ihre Väter aus der Reserve und auf die Bühne gelockt. In Testament. Verspätete Vorbereitungen zum Generationswechsel nach Lear machen sie das Fass des Lebensgefühls von Kindern der 68er-Generation auf. Ein Abend mit Papa? Keine gute Idee. Klingt nach exhibitionistischem Pseudo-Authentisch-Theater. Doch so, wie sie jetzt zusammen agieren, steht die Anerkennung der Unterschiede im VordergrundDas geschieht in einem grandios verworrenen Chor, bevor ein kollektives, etwas eingetrübtes „I love you“ angestimmt wird und sich Väter und erwachsene Kinder zu einem Menschenhaufen auf der Bühne zusammenlegen – am Ende werden wir alle zu Staub.

9. Mai 2011 - 13:38 Uhr

Unverständlich?

Ein Wiener in Berlin. Zur Premiere von „Der Biberpelz“ stellt sich mir die scheinbar simple Aufgabe, Gerhart Hauptmanns Dialektsprache auf einer rein inhaltlichen Ebene zu erfassen. Ein Erfahrungsbericht über einen unverständlichen Theaterabend.

Es war im April dieses Jahres, anlässlich der Burgtheater-Premiere der Antisemitismus-Abrechnung „Professor Bernhardi“ von Arthur Schnitzler. Die österreichische Volksseele, vertreten durch enervierte Kampfposter_innen in der Onlineausgabe der Tageszeitung Der Standard, kochte. „Muss ich mir denn einen Schnitzler tatsächlich von einer Bochumer Truppe anhören?“ schäumt ein Poster noch vor dem Premierenabend. Als ob die Deutschen uns Österreicher_innen nicht schon genug vergällt hätten, nicht schon genug Minderwertigkeitskomplexe eingebrockt hätten: jetzt verhunzen sie uns auch noch unsere schöne Wiener Sprachmelodie. Schließlich, so behauptet ein anderer: „Wenn Österreicher Hauptmann spielen, wird einem Berliner etwa auch was fehlen.“

Familie Wolff in Herbert Fritschs Inszenierung von "Der Biberpelz". Foto: Silke Winkler

Beim diesjährigen Theatertreffen ist Gerhart Hauptmanns „Der Biberpelz“ vertreten, aufgeführt vom Ensemble des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin. Mecklenburg? Schwerin? Nie gehört. Das zwingt mich, die Frage andersrum zu stellen: „Wenn die Deutschen ihren Hauptmann spielen, was fehlt mir, als Wiener?“ Weiterlesen »

8. Mai 2011 - 23:23 Uhr

Seitenrang links

In unserer Schnellkritik stellen wir zu jeder Premiere vier Fragen an Zuschauer, die im Seitenrang links saßen, auf nicht so guten Plätzen. „Der Biberpelz“ fand allerdings auf der kleinen Seitenbühne statt, wo es keine Seitenränge gibt. Die 35-jährige Maike saß in Reihe 8, Platz 20. Die Lang-Kritiken gibt es morgen, auf Deutsch und Englisch.

1. Was fanden Sie an der Inszenierung bemerkenswert?

(Ringt nach Luft.) Ich fand es anarchisch. Ja, anarchisch ist wohl das richtige Wort. (Wir werden von dem Endlosshanty unterbrochen, den das Ensemble stampfend durch den Zuschauerraum dahingrölt). Und komisch natürlich.

2. Wie haben Sie Ihre Karte gekriegt?

Ich habe sie geschenkt bekommen. Kein großer Aufwand.

3. Warum wollten Sie gerade diese Inszenierung sehen?

Weil mich die Arbeiten von Herbert Fritsch interessieren. (Diese Arbeit macht sich im Hintergrund bemerkbar. Das Shanty ist noch immer nicht zu Ende und das Akkordeon ist markerschütternd laut.). Ich habe schon einige Inszenierungen von ihm gesehen.

4. Würden Sie denn selbst Pelz tragen?

Auf jeden Fall!