Artikel-Schlagworte: „Dmitrij Gawrisch“


Haltung, meine Herren!

Ferner Osten, Balkan, China, Polen und eine nostalgische Post-DDR – die Settings der diesjährigen „Stückemarkt“-Texte machen Hoffnung auf große Themen. Doch leider sind die Stücke oft Mogelpackungen.

Die Frage schwebte fast bedrohlich im Raum. „Wie politisch sind denn Ihre Texte?“, wagte eine Zuschauerin am ersten Stückemarkt-Autorentisch zu fragen. Stückemarkt-Leiterin Yvonne Büdenhölzer hatte sich zuvor alle Mühe gegeben, die interessanten persönlichen Hintergründe der anwesenden Jungherren-Runde aufzuzählen und so die Autoren in einem politischen Kontext zu verorten: Konradin Kunze war gerade frisch aus Indien zurückgekehrt, wo er staatliche Willkür hautnah zu spüren bekommen hatte; bei Dmitrij Gawrisch, einem in der Schweiz lebenden Ukrainer, schwingt schon im Namen die Ausländerproblematik mit, und Mario Salazar erzählte, wie sein Vater einst in Chile gegen Salvador Allende putschte und als Landesverräter in der DDR landete. Nur: In Salazars Stück „Alles Gold was glänzt“ kennen die Figuren das Wort „Aufstand“ im besten Fall aus dem Fernsehen; Gawrisch dementierte mit „Meine Eltern sind Diplomaten“ gleich alle Vermutungen, die ihn in die Ecke „Ausländer mit Flüchtlingsvergangenheit“ drängten, und Konradin Kunze blieb von allen am deutlichsten undeutlich: „Nein, ich möchte in meinen Stücken keine politische Haltung vertreten.“ (mehr …)


„Die Schweiz steckt in einer Identitätskrise“

"Fremdsein ist eine grundsätzliche Erfahrung, die man heute machen muss." Foto: Grete Götze

Die szenischen Einrichtungen des Stückemarkts beginnen. Heute um 19.30 Uhr:“Brachland“. Ein Gespräch mit dem Autor Dmitrij Gawrisch über zu viele Menschen in der Schweiz, politische Visionen und vorbildliche Opern.

Brachland ist dein erstes Stück. Heute Abend wird es von Stephan Kimmig szenisch eingerichtet. Wie ist es, bei den Proben seines eigenen Stückes dabei zu sein?

Lustig. Ich versuche aber, möglichst im Hintergrund zu bleiben. Wenn der Regisseur das Gefühl hat, bei seiner Inszenierung nicht frei zu sein, kommt oft ein langweiliges Ergebnis dabei heraus. Stephan Kimmig inszeniert Brachland, ein schweres Stück mit einem betrüblichen Ende, auf leichte Art und Weise, ohne ihm die Tiefe zu nehmen.

In deinem Stück geht es um die zwei Brüder Oleg und Ivan, die ohne Papiere in eine Stadt im Westen kommen. In welchem Land sind sie?

Ich habe mir die Schweiz vorgestellt, aber eher als Gedankenstütze, nicht als präzise Studie. Es könnte auch in Deutschland spielen. Mir hat auch schon jemand gesagt, dass Deutschland als Handlungsort viel besser passen würde, weil hier gerade eine viel größere Migrationsdebatte stattfindet.

In die Schweiz passt das Thema Ausländerpolitik aber auch gut. Sie hat zuletzt mit ihren Volksabstimmungen gegen den Bau neuer Minarette und Ausschaffungsinitiativen von sich reden gemacht.

Ich finde die Hetze gegen Ausländer in der Schweiz besorgniserregend. Im Herbst sind Parlamentswahlen, und was gerade an Zusammenhängen hergestellt wird, ist hirnrissig. Mittlerweile sollen die Zuwanderer sogar daran Schuld sein, dass der Atomausstieg nicht gelingt. (mehr …)