Artikel-Schlagworte: „Frauen“


Die große plurale Rückschau

Nach drei Wochen zieht das gesamte tt-Blog-Team eine vielstimmige Bilanz, sortiert nach Eingang. Und dann ab.

Fazit im Bildformat. Jakob Kraze Foto: Yehuda Swed

Die Zeit während des Theatertreffens habe ich als eine sehr stürmische erlebt: viele neue Gesichter und Ideen, die einen mitreißen und manchmal auch umreißen können. Aber gerade das ist auch das Spannende – seinen Standpunkt zu verlassen und durch die Augen eines anderen zu blicken. Ich lernte neue Perspektiven kennen und gewann neue Erfahrungen. Das wiederum stärkt die Empathie und hilft, die anderen besser zu verstehen. Wir sind alle sehr unterschiedliche Persönlichkeiten und haben unsere Eigenheiten in die Redaktion eingebracht. Die Symbiose dieser Persönlichkeiten in einem Produkt, dem Blog, fand ich sehr spannend. (Anna Deibele)

Ich erinnere mich an ein Festival, an dem viele starke tolle Frauen beteiligt waren. Intendantinnen, Kritikerinnen, Blogkoordinatorinnen, Stückemarktleiterinnen – die Liste lässt sich fortsetzen. Das Theater bleibt ein Ort, an dem ich mich wohl fühle, mich freue, meine Leidenschaft teilen zu können. Das tt 2011 war für mich auch ein Festival mit einem jugendlichen Geist, mit vielen jungen Autoren, Schauspielern und Regisseuren sowie einem Herbert Fritsch, der energetisch gesehen kaum älter als 30 Jahre alt zu sein schien. Und She She Pop-Vätern, die sich nicht von der Herangehensweise ihrer Töchter abschrecken ließen und so ein selten emotionales Theatererlebnis zugelassen haben. (Grete Götze) (mehr …)


Zwei Kritikerinnen

Theaterkritik, wohin gehst du? Ein Gespräch mit Sigrid Löffler und Christine Dössel über den Spaß an Verrissen, Dinosaurier des 20. Jahrhunderts und Klagen gegen den eigenen Arbeitgeber.

Sigrid Löffler und Christine Dössel. Verschwommenes Foto: Grete Götze oder Nikola Richter, fotografisches Talent ausbaufähig

Nikola Richter: Sigrid Löffler, Sie haben lange das Feuilleton geprägt, beim österreichischen Magazin „profil“, bei der Wochenzeitung „Die Zeit“ etwa. Wir möchten mit Ihnen über Ihre Berufserfahrungen sprechen, um etwas für unseren Berufsweg mitzunehmen. Wie sind Sie Kritikerin geworden?
Sigrid Löffler: Kritiker kann man nicht werden, nur sein. Ich habe mich vom politischen Journalisten zum Kulturjournalisten entwickelt. In Österreich war es relativ leicht, als Kritiker einen neuen Ton und einen neuen Stil zu etablieren, denn die Kritik war verkommen: ein kriterienloses selbstzufriedenes Geschmacksgerede, Daumen rauf, Daumen runter, ohne Kenntnis der und ohne Interesse für die neuen Entwicklungen der Kunstwelt im Ausland, namentlich in Deutschland.

NR: Wie sah Ihre Form der Kritik aus?
SL: Ich habe adornitisch argumentiert, analysiert und Vergleiche angestellt, und mein Geschmacksurteil war sekundär.

Grete Götze: In einer Kritik muss also nicht stehen: „Diese Inszenierung ist gelungen“?
SL: Es muss vor allem nicht drinstehen: „Das ist die gelungenste Inszenierung des vergangenen Jahrzehnts.“ Solchen Blödsinn habe ich nie geschrieben. Aus der Rezension sollte das kritische Urteil implizit hervorgehen. Als ich jünger war, hat es mir Spaß gemacht, scharfe und witzige Verrisse zu schreiben. Heute nicht mehr.

GG: Warum?
SL: Mit guten Verrissen kann man sich als junger Kritiker leicht und rasch einen Namen machen. Es gibt aber wenige Dinge, die zu verreißen sich wirklich lohnt. Zeug, das nichts taugt, taugt auch nicht dazu, sich damit auseinanderzusetzen. Außer, es ist wirklich auf eine so ärgerliche Weise misslungen, dass es schon wieder exemplarisch ist.

GG: Wie kam es dazu, dass Sie von der politischen Journalistin zur Kulturjournalistin wurden?
SL: Man müsste eher fragen: Wie kam es dazu, dass ich in der Politik angefangen habe? Ich war durch mein Studium gepolt auf die Künste, aber mein erster Chefredakteur wollte mich in der Politik sehen. Ich bereue diesen Seitensprung nicht, bin froh, auch als Kulturjournalist politisch zu denken. Es ist ein nicht ganz unschlauer Weg für einen Journalisten, als Allrounder anzufangen und sich dann zu spezialisieren.

NR: Haben Sie sofort als Redakteurin angefangen?
SL: Ja, das waren die märchenhaften Zeiten des 20. Jahrhunderts: Man wurde sofort angestellt. Ich habe gleichzeitig immer schon versucht, mir in Deutschland einen Namen zu machen. Irgendwann bemerkt man die Disproportion zwischen dem eigenen Ehrgeiz und dem kleinen Land Österreich. Dann muss man aus Wien weggehen.

GG: Kritisieren Männer und Frauen auf unterschiedliche Art und Weise?
SL: Es gibt sachorientierte Kritiker, und es gibt eitle, narzisstische Kritiker, die in erster Linie darüber schreiben, ob sie heute Kopf- oder Bauchweh haben und dann in der dritten Spalte darauf kommen, dass sie auch ein Theaterstück gesehen haben. Das ist aber nicht nach Geschlechterrollen aufzuteilen.

NR: Aber man redet öfter von Kritikerpäpsten als von Kritikerpäpstinnen, warum? (mehr …)


Staging the gender imbalance: women in theater

From the theme of the Talentetreffen, to a women-in-directing exhibit, to yesterday’s „Feminism: Today a Dirty Word?“ discussion and more, gender has been a big topic at this year’s Theatertreffen. As the Theatertreffen Stückemarkt prepares to wrap up tonight with the awarding of the 2011 playwriting prizes, which include cash for the author and a production of the winning play, there are numbers that beg the question: what is the Theatertreffen as a whole really doing to contribute meaningfully to the gender debate – other than just talking about it?

We’re thrilled to see a debate happening on the blog – over a sexist-or-maybe-not-remark from director Herbert Fritsch, invited twice to the Theatertreffen this year, and both times with a play centered on a strong female character (in the case of A Doll’s House, one of the strongest female characters in the dramatic canon). For you non-German speakers, it boils down to a little something like: Fritsch says he likes a woman who’s a „Luder“ (hard to translate but suggestions include „hussy,“ „minx,“ or my personal favorite, „a sly cow“). Some folks find this sexist and unacceptable for a theater director because of the way that implies he interprets female characters onstage, others find it to be a mere personal preference and therefore don’t see the harm in it, still others seem to be worrying about how the actresses themselves must feel having to act out Fritsch’s female caricatures for an audience.

Personally, I’m inclined to say Fritsch can go ahead and show whatever he wants onstage – as long as there’s room left for other perspectives to be shown. It shouldn’t be a problem for him to tell a story the way he wants to tell it – as long as other stories are getting their chance to be told.

And in theory, everybody gets to tell their story. But there’s a big gap here between theory and practice.

The „post-migrant theater“ movement represents one part of the population not getting its proportional share of stage time. Yet there is another group whose presence in the theater world is far smaller than it is in the real world, whose voice is not being heard, whose perspective isn’t being seen. So let’s look at it through some numbers, because after all, numbers are neutral, aren’t they?

(mehr …)


Live-Blog vom Publikumsgespräch zu „Nora“

Heute Abend gehen die so genannten „Herbert-Fritsch-Festspiele“ am Theatertreffen zu Ende. Vorher gibt es aber um 22.15 Uhr noch ein Publikumsgespräch zu „Nora“. Wir bloggen wie immer live und berichten, was passiert, wenn „Biberpelz“-Hasser auf „Nora“-Liebhaber treffen. Oder umgekehrt. Und vielleicht kommen wir ja auch Fritschs heissdiskutiertem „Luder“ auf die Spur.

22:13h: Fast nichts an diesem Theatertreffen ist so umstritten wie Fritschs Frauenbild. Mal sehen, was für Frauen beim Publikumsgespräch auftauchen… Bis jetzt: vorwiegend Damen in grau, frisch frisiert und über 50. Keine Luder.

22:14h: One minute til the talkback’s supposed to start, and Fadrina and I are feeling, weirdly, unprepared – flipping through the Theatertreffen booklet like bad schoolkids studying last-minute for a test. Who was in this play again? Who’s going to be talking to us? At least we know who the director is…

22:15h: Kleider-Check bei uns beiden. Fadrina: ebenfalls grauer Pullover, also unbeabsichtigt im unabgesprochenen Dress Code des Abends. Cory hingegen: rot! (Aber auch nur, nachdem sie ihre graue Jacke ausgezogen hat.) Wenigstens ein Farbtupfer im Publikum.

22:20h: This play wasn’t surtitled in English. I wonder if there were any English speakers in the audience? The play was pretty to look at but as far as the content – well, non-German speakers wouldn’t necessarily get much less out of it than German speakers. (Maybe not so true of this bilingual live-blog…)

22:22h: Jetzt geht’s los! …mit Mikroschwierigkeiten…

22:23h: Iris Laufenberg in bunt gemustertem T-Shirt! Danke!

22:24h: Alle Schauspieler plus Herbert Fritsch (natürlich) und der Oberhausener Intendant Peter Carp sind da. Dazu Jury-Mitglied Wolfgang Höbel.

22:25h: Started right away with the good stuff. Feminism.

22:26h: Wolfgang Höbel: „Nora“ ist oft komplett falsch verstanden worden. Da steckt natürlich ein feministischer Gewaltakt hinter der Geschichte, das hat nur keiner bemerkt.“ Damit tut er einem halben Jahrhundert feministischer LeserInnen aber sehr unrecht…

22:28h: Third time I’ve heard Fritsch speak, third time I’ve heard him explain how he didn’t want to do „A Doll’s House“ at all. Something new please?

22:30h: Ein Rätsel lüftet sich: Die Musik aus der Inszenierung stammt aus den Hitchcock-Filmen „Psycho“ und „Vertigo“. (mehr …)


Das Luder

Der Regisseur und Schauspieler Herbert Fritsch erklärt sein Bild der Frau, angelehnt an Mutter Wolffen in Gerhart Hauptmanns Biberpelz und Ibsens Nora.

 


Ein Internationaler Frauentag – muss das sein?

Mir wurde als Kind und Jugendliche aus Westdeutschland mit DDR-Verwandtschaft weisgemacht, dass der Internationale Frauentag am 8. März reine kommunistische Propaganda sei. Stattdessen wurde ich ermuntert, meiner Mutter zum Muttertag Geschenke zu basteln. Noch heute wird in den Kindergärten zum Muttertag fleißig an Herzchen für Mama gewerkelt, und auch ich werde Jahr für Jahr im Mai beschenkt – allein dafür, dass ich Mutter bin. Unter den Tisch gekehrt ist längst, dass die Erfolgsgeschichte des Muttertags zwischen 1933 und 1945 begann und bis heute rein gar nichts zur Frage der Gleichstellung von Frauen und Männern in der Gesellschaft beiträgt.

Mein Bewusstsein für die Frauen-Frage – das muss ich an dieser Stelle gestehen – ist erst sehr spät geweckt worden, obwohl es schon in den Anfängen meiner beruflichen Laufbahn genug Anlässe gab, die mich zum Nachdenken hätten anregen können: Zum Beispiel vor 25 Jahren, als Hansgünther Heyme in die Dramaturgie stürmte und, mich – die Dramaturgieassistentin – ignorierend, brüllte: „Warum ist denn hier keiner?“

Erst in den vergangenen Jahren fiel mir auf, wie wichtig bei Frauen in Leitungspositionen das Aussehen ist („Wie sieht die Laufenberg denn heute aus?“) und dass sich bei einer Schwangerschaft als Berufstätige wie selbstverständlich die Rabenmutterfalle auftut („Warum tust du deinem Kind das an?“). Und mir wurde schließlich klar: Die Jungs sind einfach viel besser vernetzt, besser bezahlt sowieso, lästern schärfer und knapper, um sich dann am Ende – wenig beleidigt – die guten Jobs gegenseitig zuzuschieben. Kinder haben sie selbstverständlich auch, gut zu Hause behütet.

Eleganter wäre, sich gelassen darüber hinwegzusetzen und zu alldem weiter zu schweigen. Langfristig ist es aber sicher effektiver, am 8. März den über 100 Jahre jungen Internationalen Frauentag zu nutzen und einfach laut zu sagen, was alles noch im Argen liegt. Und warum nicht auch: „Frauen aller Länder, vereinigt euch, denn wir sind viele!“?

Mein Veranstaltungstipp: „How did feminism become a dirty word?” (Arbeitstitel). Diskussion im Rahmen des Theatertreffens mit Marlene Streeruwitz, Thea Dorn u.a., 18. Mai um 18 Uhr im Haus der Berliner Festspiele.