Artikel-Schlagworte: „Karin Beier“


Waters Rising

Elfriede Jelinek and Karin Beier explore natural, man-made disasters.

From left to right: Thomas Loibl; Lina Beckmann; Susanne Barth; in the foreground: Kathrin Wehlisch. Photo: Klaus Lefebvre.

Waves of light ripple across the ceiling of the Berliner Festspielhaus auditorium. In the slowly spreading lake below, a woman, covered in mud and naked but for her underpants, battles and screws and dances with a shirtless man, his chest painted blue. Behind this elemental battle, sand pours from the heavens, a women reads a newspaper, and a man taps on a laptop. Another flips through a binder. While humanity invents ever new ways to please and progress, the feminine earth tumbles on the floor with the masculine water: the sky caves in, the flood keeps spreading, but nobody is responsible. “It’s possible for everybody to do everything correctly and still reach a faulty outcome,” a political voice broadcast over loudspeakers assures us. In these final moments of Elfriede Jelinek’s three-and-a-half hour The Work / In the Bus / A Collapse, I look up over my head at the rippling light, and feel like I am covered with water.

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Live-Blog vom Publikumsgespräch zu „Das Werk/Im Bus/Ein Sturz“

Theatertreffen-Bloggerin Fadrina Arpagaus schreibt in ihrer Kritik über das „zum Schweigen verdammte Publikum“. Heute Abend darf es auch zurückreden. Ab etwa 23.00 findet im Haus der Berliner Festspiele das Publikumsgespräch zu „Das Werk/Im Bus/Ein Sturz“ statt. Mit dabei sind Regisseurin Karin Beier, Dramaturgin Rita Thiele und das Ensemble. Hier die Nachlese zum Live-Blog.

Publikumsgespräch zu "Das Werk/Im Bus/Ein Sturz". Foto: Katrin Schmitz

23.02 Haus der Berliner Festspiele, Kubus im Rangfoyer. Publikum ist bereits zahlreich erschienen. Das Ensemble lässt noch auf sich warten. Die finale Wasserschlacht scheint den Schauspielern doch zugesetzt zu haben.

23.05 Karin Beier bekommt den Eröffnungsapplaus. Außerdem am Podium: Rita Thiele, Dramaturgin der Produktion, Vasco Boenisch, TT-Jurymitglied und die Moderatorin Barbara Burckhardt.

23.10 Vasco Boenisch erzählt über den Auswahlprozess. Weit kommt er nicht. Das Ensemble erscheint (fast) geschlossen.

23.12 Boenisch setzt fort. „Mal krachlederne Komödie, mal sehr beklemmende Stille“ (mehr …)


Water, water everywhere

The first of this year’s invited productions, Das Werk/Im Bus/Ein Sturz, is actually three shorter plays, written by Austrian playwright Elfriede Jelinek and directed by Karin Beier, artistic director of Schauspiel Köln. The third piece, Ein Sturz, has water in it. A lot of water. Yesterday, before the premiere, I got the chance to sit in on a technical rehearsal on the main stage. I tried to capture a bit of that experience on film.

Ein Sturz: Water and Technical Rehearsal from theatertreffen-blog on Vimeo.


Survival-Kitties

Wenn wir schon mit Katastrophen leben müssen, dann wollen wir sie auch überleben. Survival-Kits gibt es normalerweise aber nur in Apotheken, nicht im Theater.

Irgendwann in Karin Beiers „Das Werk / Im Bus / Ein Sturz“, der Eröffnungsinszenierung des Kölner Schauspiels beim Theatertreffen, blicken sich die Massen in die Augen: auf der Bühne ein stampfender und gurgelnder Protestchor von mehr als 50 Stimmen; auf der anderen Seite das zum Schweigen verdammte Publikum, das im realen Leben so viel über unsere Gegenwart zu sagen hat. Nun reden sich stellvertretend die Menschen auf der Bühne um ihre Existenz, und am Ende, wenn die Staumauer für das Wasserkraftwerk in den Kapruner Alpen errichtet ist und Hunderte Zwangsarbeiter gestorben sind („Das Werk“), der Bus versenkt ist und der Busfahrer und zwei Passagiere ihr Leben lassen musssten („Im Bus“), und das Kölner Stadtarchiv überflutet ist und zwei Anwohner umgekommen sind („Ein Sturz“), steht Wort gegen Wort, Schuld gegen Schuld. Laute gegen stumme Anklage: Wasser gegen Erde, Natur gegen Mensch.

Halt. Stopp. Eigentlich wollen wir doch gar nicht mehr reden. Eigentlich wollen wir nur wissen, was wir tun können, damit uns die Katastrophen, die natürlichen und übernatürlichen, in Zukunft in Ruhe lassen. Denn es reicht nicht aus, die eigene Schuld zu kennen. Es reicht auch nicht, sie einzugestehen. Bei einem Theaterabend wie diesem, der so vielschichtig Arbeit und menschliches Tun verhandelt, muss man auch fragen, inwieweit er uns zum Handeln ermächtigt. (mehr …)


Chorisch sprechen

Speed-Dating eine Stunde vor der Eröffnungspremiere mit den Zauberflöten Philipp Lack (Tenor), Andreas Schröder (Tenor), Heinz Thiliecke (Bass), Marcus Parkin (Bariton) und Rainer Marks (Bariton).

Finde die fünf Richtigen: Die Zauberflöten Philipp, Andreas, Heinz, Marcus und Rainer auf der Probe.

Finde die fünf Richtigen: Die Zauberflöten Philipp, Andreas, Heinz, Marcus und Rainer auf der Probe. Foto: Fadrina Arpagaus

Was ist der Zauber der Zauberflöten?
Philipp: Lebensfreude und Freundlichkeit.
Andreas: Ein wundervoller Gesang und liebevolle Stimmen.
Heinz: Toleranz, Kameradschaft und natürlich Glamour!
Marcus: Musik, und was wir aus ihr machen.
Rainer: Unsere schwulen Gala-Chor-Revuen mit Tanz und Moderation.

Wie kriegt man die Präzision hin?
Philipp: Üb-en, üb-en, üb-en. Laut, leise, langsam, schnell. Und tausendmal wiederholen!
Andreas: Mit einem liebevollen Chorleiter.
Heinz: 2 Proben die Woche à 3 Stunden 10 Wochen lang.
Marcus: Dank Karin Beier. Ich hätte sie gerne in meinem richtigen Beruf als Chef – ich bin Bankkaufmann.
Rainer: So streng ist das bei uns nicht. Wir sind kein verknöcherter alter Polizeichor. (mehr …)


Guttenbergs Werk

Wir sind alle ein bisschen Guttenberg, aber etwas ehrlicher. Denn in unseren Copy & Paste-Vorkritiken zu jeder tt Inszenierung liefern wir die Quellenangaben gleich mit. Heute Abend hat Premiere: „Das Werk / Im Bus / Ein Sturz“ von Elfriede Jelinek in der Regie von Karin Beier.

Köln ist eine Stadt mit abgrundtiefem Trauma. Doch wenn sich eine diesen Abgründen gewachsen zeigt, dann Karin Beier. Für ihr großes Jelinek-Tryptichon fährt sie ein Arsenal der Theaterformen auf, so dass die krachende Bauamt-Satire mal Oratorium, mal Revue, mal Kolloquium mit Tiraden, mal zierlicher Monolog ist. Ein Kölner Schwulenchor halbseidener Herkunft, der wohl auch Einar Schleef beeindruckt hätte, untermalt die grandiose Szenerie der Werktätigen, der Heidis und Geißenpeters, der Ingenieure und Fortschrittsgläubigen, angeführt von einem direkt aus dem Hades entstiegenen karnevalesken Transen-Trio. Sinnlich, derb, witzig und leicht entspinnt Beier ihre sadomasochistische Phantasmagorie, die in einer der schärfsten Sexszenen, die im Theater bisher zu sehen war, gipfelt. Und während dieses bösen Katastrophenklamauks darf sogar gelacht werden, denn das Unglück ist auch ein fauler Witz. Nach der Seelen-Reinigung mit Dreckwasser bleibt aber doch noch ein Strom von Fragen, allen voran die eine: „Wer hat die Macht, und wer sind unsere neuen Götter?


Provokative Musterschülerin

Gelb und lila sind die Farben im tt-Mai 2011.

Eine Premiere, viele Premieren: Zum ersten Mal verlautbarte die Theatertreffen-Jury gestern persönlich und live in einer Pressekonferenz ihre Auswahl der zehn bemerkenswerten Inszenierungen 2011, die vom 6. bis 22. Mai zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen werden. Das Jury-Jahr folgt einer eigenen Zeitrechnung, es reicht bis einen Tag vor der Juryentscheidung. Daher vermissen viele auch nun Andrea Breths „Zwischenfälle“ vom Wiener Akademietheater, das erst jüngst, am 5. Februar 2011, Premiere hatte, siehe etwa die Kommentare zur aktuellen Presseschau auf nachtkritik. Die beliebte Netztheater-Plattform erstellte, zusammen mit Lesern, eine alternative Liste der besten Inszenierungen, das so genannte nachtkritik-Theatertreffen, gedacht als Kontrapunkt. So nicht in diesem Jahr: Denn beide Listen überschneiden sich an drei Stellen: Der „Don Carlos“ aus Dresden, Elfriede Jelineks Dreiteiler „Das Werk“ / „Im Bus“ / „Ein Sturz“ vom Schauspiel Köln und das persönlich-dokumentarische Vater-Tochter-„Testament“ von She She Pop sind auf beiden TopTen vertreten. Diese Auswahl der „eher unüblichen Verdächtigen“ (Jurymitglied Wolfgang Höbel) ist „was ganz anderes“ (Christine Dössel, SZ) als sonst, aber eigentlich theaterpolitisch hyperkorrekt.

Will die verjüngte und verweiblichte Jury, in der, so erläutert die Festivalleiterin Iris Laufenberg, die für die Wirtschaft geforderte Frauenquote bereits umgesetzt sei, dieses Mal jeglicher Kritik zuvorkommen? Sie erweist sich in diesem Jahr als lernfähige Musterschülerin und erfüllt so jegliche Quotenforderung: Regisseurinnen sind dabei (darunter Karin Henkel, Karin Beier), dreimal die sogenannte Provinz (Dresden, Schwerin, Oberhausen), Interkultur (Nurkan Erpulat), Performance (She She Pop und Herbert Fritsch), Ehrung (Christoph Schlingensief). Beim genaueren Hinschauen finden sich allerdings auch Wiederkehrer wie Stefan Bachmann oder Stefan Pucher unter der Auswahl, an jeden Theatergeher ist gedacht. Die gut akzentuierte Provokation, den Medienkünstler und Schauspieler Herbert Fritsch zum ersten Mal und dann gleich doppelt einzuladen, ein ehemaliges Volksbühne-Urgestein, lässt auf Frontalzusammenstöße hoffen. „Ich habe bei der Bundeskulturstiftung einen Antrag gestellt: sieben Jahre ohne Publikum zu spielen“, erzählte Fritsch 2007 bei seinem Genremix Bühnenkabarett Angst: „Und ich habe das Geld bekommen.“

Auf der leeren, frisch renovierten Bühne der Berliner Festspiele, einem schwarzen, an diesem Tag etwas zugigen Kunsttempel, der nun eine der modernsten Techniken in Europa besitzt, materalisiert sich eine weitere Premiere: Vor dem heruntergelassenen eisernen Vorhang, vor dem Iris Laufenberg und die Jury sitzen, sind alle aktuellen Fragen offen, oder besser, bühnenreif eröffnet. Wie steht es um Postfeminismus, Mediendiskurse, regionalen Kultursumpf, Integration und Bildung, Generationenverträge, Neu-Kolonialismus, wie steht es überhaupt um Theaterformen zwischen Ensembletheater, Off-Gruppen, schreibenden Schauspielern und Klassiker-Auffrischungen? Wir werden es sehen.