Artikel-Schlagworte: „Karin Henkel“


Staging the gender imbalance: women in theater

From the theme of the Talentetreffen, to a women-in-directing exhibit, to yesterday’s „Feminism: Today a Dirty Word?“ discussion and more, gender has been a big topic at this year’s Theatertreffen. As the Theatertreffen Stückemarkt prepares to wrap up tonight with the awarding of the 2011 playwriting prizes, which include cash for the author and a production of the winning play, there are numbers that beg the question: what is the Theatertreffen as a whole really doing to contribute meaningfully to the gender debate – other than just talking about it?

We’re thrilled to see a debate happening on the blog – over a sexist-or-maybe-not-remark from director Herbert Fritsch, invited twice to the Theatertreffen this year, and both times with a play centered on a strong female character (in the case of A Doll’s House, one of the strongest female characters in the dramatic canon). For you non-German speakers, it boils down to a little something like: Fritsch says he likes a woman who’s a „Luder“ (hard to translate but suggestions include „hussy,“ „minx,“ or my personal favorite, „a sly cow“). Some folks find this sexist and unacceptable for a theater director because of the way that implies he interprets female characters onstage, others find it to be a mere personal preference and therefore don’t see the harm in it, still others seem to be worrying about how the actresses themselves must feel having to act out Fritsch’s female caricatures for an audience.

Personally, I’m inclined to say Fritsch can go ahead and show whatever he wants onstage – as long as there’s room left for other perspectives to be shown. It shouldn’t be a problem for him to tell a story the way he wants to tell it – as long as other stories are getting their chance to be told.

And in theory, everybody gets to tell their story. But there’s a big gap here between theory and practice.

The „post-migrant theater“ movement represents one part of the population not getting its proportional share of stage time. Yet there is another group whose presence in the theater world is far smaller than it is in the real world, whose voice is not being heard, whose perspective isn’t being seen. So let’s look at it through some numbers, because after all, numbers are neutral, aren’t they?

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Ably and Competently

Don Carlos staged thoroughly as Don Carlos

The men who hold the power stand at the back of the stage, literally behind the scenes. They wait quietly in dark suits and sunglasses, their hands behind their backs, casting large, looming shadows. In the lights at the front of the stage, the men who struggle and cry and storm recognize their limitations only at the end, not having imagined that the walls towering proudly around them only keep them in, that their protectors actually limit their freedom, controlling the actions they believed they were choosing themselves.

Burghart Klaußner; Christian Friedel; Matthias Reichwald; Thomas Eisen; Christian Erdmann. Photo: David Baltzer

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Live-Blog vom Publikumsgespräch zu „Der Kirschgarten“

Theatertreffen-Blogger Matt Cornish sagt, dass die Figuren inDer Kirschgarten die Zuschauer anstürmen. Heute Abend hat das Publikum auch Gelegenheit zu stürmen; zu fragen und zu diskutieren – beim Publikumsgespräch zu dieser Inszenierung. Ab circa 23.10 sind Regisseurin Karin Henkel, Dramaturgin Rita Thiele und das Ensemble aus Köln im Gespräch zu erleben. Dazu gibt es hier ein Live-Blog.

23:45 Es wird dem Publikum ermöglicht, noch bis maximal 24 Uhr weiter zu diskutieren, allerdings – wird hinzugefügt – wäre es wirklich schöner, die Schauspieler nach dem langen Tag jetzt schon zu entlassen. Da kommen keine Fragen mehr, das Publikumsgespräch ist beendet und während ich dies hier tippe, sind schon fast alle Zuschauer auf der Treppe nach unten – in die frische Luft hinaus, raus aus der anfänglich entschuldigten Hitze.

23:43 Laut der Uhr von Barbara Burckhardt sind jetzt exakt 45 Minuten erreicht. (mehr …)


Nullwachstum

Lena Schwarz als Ljubow Andrejewna Ranjewskaja und Matthias Bundschuh als Leonid Andrejewitsch Gajew in "Der Kirschgarten", Schauspielhaus Köln. Foto: Sebastian Hoppe

Im Anschluss an die Premiere von Karin Henkels Kölner „Kirschgarten“-Inszenierung trafen sich die Blogger Matt, Anna und Fadrina im Blogger-Büro zum kritischen Gespräch. Der „Kirschgarten“ ist heute um 16 Uhr und um 20.30 Uhr im Haus der Berliner Festspiele zu sehen, es gibt noch Karten.

Fadrina: Ich finde die Inszenierung ästhetisch interessanter als inhaltlich. Was für mich den Abend ausmacht, ist das Spiel mit den unterschiedlichen Tempi, die sich überlagern: das ständige im Kreis Gehen, die übersteigerte künstliche Hektik, die Wiederholungen – bis plötzlich in seltenen Momenten der klassische Tschechow-Stillstand durchbricht, aber gleich wieder von der Bewegung übertüncht wird. Und dann auch das Spiel mit Genres und Stimmungen: Die Inszenierung ist Schaubuden-Schnulze, Fratzen-Komödie und manchmal schlafwandlerische Gespenstersonate. Spannend war, dass die Stimmungen immer so schnell gebrochen werden, dass man als Zuschauer gar nicht die Möglichkeit hat, sich in einer Atmosphäre niederzulassen. Das „Zuhause“ wird damit auch auf dieser Ebene verunmöglicht.

Anna: Also ich finde es vor allem interessant, dass alle Personen in einer unterschiedlichen Zeit leben. Zum Beispiel die Figur der Ljubow Andrejewna Ranjewskaja, die in zwei Ereignissen „stehen geblieben“ ist – dem Tod ihres Sohnes und der zerbrochenen Liebe mit ihrem fremdgegangenen Mann in Paris. Lopachin hingegen lebt im Jetzt, in der Arbeit und in der Ideologie des Geldes. Die anderen Personen reihen sich in die Vergangenheit und das Jetzt ein oder stehen dazwischen. Dadurch reden fast alle Beteiligten aneinander vorbei.

Matt: Die Figuren – die Diener, der Adel und „New Money“ – stürmen die Zuschauer an; sie singen, tanzen und wirbeln auf der Bühne herum wie Spieluhr-Puppen. Das ist eine Zirkustruppe, und Karin Henkel nimmt im wahrsten Sinne des Wortes Tschechows Hinweis ernst, dass das Stück eigentlich Vaudeville ist. Die Schauspieler entwickeln eine großartige Energie, und Charly Hübner als Lopachin, breit und groß in seiner „bad-taste“-Kleidung, illustriert Tschechows Charakter in glänzenden Farben.

Fadrina: Ja, das ist es doch genau: Die Inszenierung ist eine Illustration des Textes, mehr nicht! Wer den „Kirschgarten“ inszeniert, muss auch wissen wieso, denn das Stück ist so oft gemacht worden, und ich finde, es reicht nicht mehr, eine allgemeinmenschliche Parabel mit den klassischen Tschechow-Themen auf die Bühne zu stellen, auch wenn es schön ist. (mehr …)


Seitenrang links

An der „Kirschgarten“-Premiere gab’s beim Schlussapplaus zuerst ein paar fast unbemerkte Buhs aus den vorderen Reihen, die dann aber schnell von den Bravos aus den Rängen übertönt wurden. Im Seitenrang links saß auch der 28-jährige Alexander, der uns die Fragen für unsere heutige Schnellkritik beantwortete.

Was fandest du an der Inszenierung bemerkenswert?

Den Sog, den die Inszenierung entwickelt, diese Energie, die sie freisetzt. Allerdings bin ich nicht damit einverstanden, wie klischiert Karin Henkel das Landleben zeichnet. Sie macht aus den Figuren typische Bauern. Daraus spricht ein Verständnis von Hochkultur, das mir auf die Nerven geht.

Wie hast du deine Karte gekriegt?

Ich habe sie von einem Freund geschenkt bekommen.

Warum wolltest du gerade diese Inszenierung sehen?

Eigentlich wollte ich sie ja gar nicht unbedingt sehen! Aber ich mag den „Kirschgarten“ sehr, und ich habe noch keine Inszenierung vom Schauspiel Köln und auch noch nie etwas von Karin Henkel gesehen, darum bin ich gekommen.

Was würdest du in deinem Garten pflanzen?

Oregano.


Guttenbergs Kirschgarten

Guttenberg tritt wieder auf: diesmal, um den „Kirschgarten“ zu kritisieren.

Es gibt viel zu lachen, bei einer an Symbolen reichen Inszenierung, die albern, langweilig, langatmig, ohne Pause ist. Doch irgendwie fehlt diesem „Kirschgarten“ das Herz. Alle tanzen, springen in die Luft, fallen hin, reißen andere mit zu Boden, hüpfen, lachen, saufen, rennen ziellos vom Irgendwo ins Nirgendwo und tanzen im Kreis herum. Henkel zeigt die Figuren des Kirschgartens als zahnlose Vampire, als Blutsauger, denen die Opfer ausgegangen sind. Eine gute Entscheidung: Vampire, wie wir alle wissen, machen immer am Ende Spaß.


Provokative Musterschülerin

Gelb und lila sind die Farben im tt-Mai 2011.

Eine Premiere, viele Premieren: Zum ersten Mal verlautbarte die Theatertreffen-Jury gestern persönlich und live in einer Pressekonferenz ihre Auswahl der zehn bemerkenswerten Inszenierungen 2011, die vom 6. bis 22. Mai zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen werden. Das Jury-Jahr folgt einer eigenen Zeitrechnung, es reicht bis einen Tag vor der Juryentscheidung. Daher vermissen viele auch nun Andrea Breths „Zwischenfälle“ vom Wiener Akademietheater, das erst jüngst, am 5. Februar 2011, Premiere hatte, siehe etwa die Kommentare zur aktuellen Presseschau auf nachtkritik. Die beliebte Netztheater-Plattform erstellte, zusammen mit Lesern, eine alternative Liste der besten Inszenierungen, das so genannte nachtkritik-Theatertreffen, gedacht als Kontrapunkt. So nicht in diesem Jahr: Denn beide Listen überschneiden sich an drei Stellen: Der „Don Carlos“ aus Dresden, Elfriede Jelineks Dreiteiler „Das Werk“ / „Im Bus“ / „Ein Sturz“ vom Schauspiel Köln und das persönlich-dokumentarische Vater-Tochter-„Testament“ von She She Pop sind auf beiden TopTen vertreten. Diese Auswahl der „eher unüblichen Verdächtigen“ (Jurymitglied Wolfgang Höbel) ist „was ganz anderes“ (Christine Dössel, SZ) als sonst, aber eigentlich theaterpolitisch hyperkorrekt.

Will die verjüngte und verweiblichte Jury, in der, so erläutert die Festivalleiterin Iris Laufenberg, die für die Wirtschaft geforderte Frauenquote bereits umgesetzt sei, dieses Mal jeglicher Kritik zuvorkommen? Sie erweist sich in diesem Jahr als lernfähige Musterschülerin und erfüllt so jegliche Quotenforderung: Regisseurinnen sind dabei (darunter Karin Henkel, Karin Beier), dreimal die sogenannte Provinz (Dresden, Schwerin, Oberhausen), Interkultur (Nurkan Erpulat), Performance (She She Pop und Herbert Fritsch), Ehrung (Christoph Schlingensief). Beim genaueren Hinschauen finden sich allerdings auch Wiederkehrer wie Stefan Bachmann oder Stefan Pucher unter der Auswahl, an jeden Theatergeher ist gedacht. Die gut akzentuierte Provokation, den Medienkünstler und Schauspieler Herbert Fritsch zum ersten Mal und dann gleich doppelt einzuladen, ein ehemaliges Volksbühne-Urgestein, lässt auf Frontalzusammenstöße hoffen. „Ich habe bei der Bundeskulturstiftung einen Antrag gestellt: sieben Jahre ohne Publikum zu spielen“, erzählte Fritsch 2007 bei seinem Genremix Bühnenkabarett Angst: „Und ich habe das Geld bekommen.“

Auf der leeren, frisch renovierten Bühne der Berliner Festspiele, einem schwarzen, an diesem Tag etwas zugigen Kunsttempel, der nun eine der modernsten Techniken in Europa besitzt, materalisiert sich eine weitere Premiere: Vor dem heruntergelassenen eisernen Vorhang, vor dem Iris Laufenberg und die Jury sitzen, sind alle aktuellen Fragen offen, oder besser, bühnenreif eröffnet. Wie steht es um Postfeminismus, Mediendiskurse, regionalen Kultursumpf, Integration und Bildung, Generationenverträge, Neu-Kolonialismus, wie steht es überhaupt um Theaterformen zwischen Ensembletheater, Off-Gruppen, schreibenden Schauspielern und Klassiker-Auffrischungen? Wir werden es sehen.