Artikel-Schlagworte: „Natascha Kampusch“


Wenn Zuschauer_innen träumen

Einige der diesjährigen Theatertreffen-Inszenierungen haben durchaus Taschentuchqualität. Doch wie ist das eigentlich mit dem Gefühl im Theater? Dürfen wir wirklich noch einfach so eine Träne zerdrücken, ohne zynisches Mitreflektieren, ohne ironischen Bruch?

Es ist kaum zu glauben: Da sitzt Sebastian Bark neben seinem Vater Joachim und singt doch tatsächlich mit, erst zögernd, aber schließlich mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht. Die beiden trällern gemeinsam Peter Kraus, die Schnulze heißt „Wenn Teenager träumen“ und eben hat Sebastian noch fremdschämend die Augen verdreht. Denn eigentlich ist der kitschige Musikgeschmack seines Vaters doch ziemlich peinlich.

Joachim Bark auf den Schultern seines Sohnes Sebastian. Foto: Doro Tuch

Wir befinden uns im vierten Akt von She She Pops „Testament“, die schlaue King Lear-Adaption, die wohl der heimliche Star der diesjährigen Theatertreffen-Inszenierungen war. Lear hat eben seine „gute“ Tochter Cordelia wiedergefunden und schwelgt in trügerischer Melancholie. Wir wissen, dass die Sache nicht gut ausgeht. Wir wissen, dass das Sentiment nur produziert ist, und dass die traurige Wirklichkeit Lear später umso brutaler heimsuchen wird. Wir wissen, dass Peter Kraus‘ Schlager nostalgischer Kitsch ist, platte Gefühlsduselei, ein Fetisch, der uns beherrscht und dabei den Zynismus seiner spätkapitalistischen Produktion überspielt. Wir wissen, dass es so etwas wie echte Emotionen, authentische Gefühlsregungen ja gar nicht geben kann in unserer ironischen Zitatewelt. Sebastian Bark weiß das auch, und deswegen zögert er anfangs. Doch irgendwann lässt er sich drauf ein. Irgendwann stimmt er mit ein und strahlt vor Freude.

Sebastian Barks zurückhaltende Reaktion ist symptomatisch für die grundlegende Paradoxie unseres Zuschauer_innenverhaltens in einer durchdekonstruierten Gesellschaft. (mehr …)


„Die eigene Verwickeltheit“

Kathrin Röggla spricht über unterschiedliche Lesarten ihres Stücks „Die Beteiligten“ und beleuchtet ihre eigene Verwicklung in den Medienrummel um Natascha Kampusch. Die Utopie eines „abgedrehten Troll-Raums“ findet sie schön, aber nicht realistisch.

Kathrin Röggla. Foto: Piero Chiussi

Hätten Sie „Die Beteiligten“ auch ohne Natascha Kampusch schreiben können?
Das ist sehr schwer zu beantworten. Ich habe mich schon länger mit Entführungsfällen beschäftigt und hatte auch geplant, da etwas in die Richtung zu machen. Der Fall Kampusch kam dann irgendwie im richtigen Moment und hat aus dem Stück nochmal etwas anderes gemacht. Es gibt da aber durchaus unterschiedliche Lesarten. In Düsseldorf, wo die Uraufführung war, haben die Schauspieler das gelesen und erst mal gefragt, „Geht’s da um Britney Spears?“ In Wien war das natürlich anders, da war der Kampusch-Bezug total stark da.

Stellen Sie sich manchmal vor, was Natascha Kampusch von Ihrem Stück halten würde?
In der Wiener Inszenierung hab ich mir das schon vorgestellt. Als da etwa ihr Kostüm so verarscht wird, hatte ich schon irgendwie Bauchschmerzen. Das größere Problem ist aber, dass ihre Mediengeschichte eben auch zu unserer wird. Und so kann mein Stück ein spannender Kommentar zum Thema sein, aber gleichzeitig wahrscheinlich verletzende Momente für Natascha Kampusch haben. Denn selbst wenn man die Torpedierung durch die Medien, die sie erfahren hat, einfach nur nacherzählt, betritt man schon einen sehr schmalen Grat. Ich glaube auch nicht, dass es für sie notwendig ist, das Stück zu sehen. Viel spannender fände ich etwa, Natascha Kampusch einmal in einem ganz anderen Kontext zu begegnen, wo ich sie nicht als Opfer wahrnehmen muss.

Sie sprechen davon, dass Natascha Kampuschs Mediengeschichte zu unserer geworden ist. Wie gehen Sie denn mit Ihrer eigenen Beteiligung an dieser Geschichte um?
Natürlich ist die eigene „Verwickeltheit“ das Hinkebein des Stücks, das man nie loswerden kann. Natürlich kann man mich nie ganz freisprechen: Letztendlich ist man auch im Theater immer Teil des Medienrummels. Aber schließlich habe ich das Stück genau deswegen geschrieben, um diese Verwicklungsmechanismen anzusprechen. Weil ich versuchen will, damit umzugehen, und die Beteiligungsproblematik durch eine besondere Ästhetik und Form herauszuarbeiten.

Was genau meinen Sie mit „besonderer Ästhetik“? (mehr …)


Live-Blog vom Publikumsgespräch „Die Beteiligten“

Aufgrund technischer Schwierigkeiten fängt das Blog zum Publikumsgespräch heute später an.

Kleines Resümée der ersten zehn Minuten: Vorstellungsrunde, Moderator Tobi Müller fragt die Schauspieler, wie es für sie war, Figuren zu spielen, die nur in der dritten Person reden. Jörg Ratjen, der den „Quasi-Freund“ spielt, erzählt, dass er sich irgendwann daran gewöhnt habe, in der dritten Person zu denken. Das ging anscheinend nicht allen Schauspielern so, Gelächter auf der Bühne und im Publikum.

22:12: Kathrin Röggla: Das Theater behauptet ja sonst immer Figuren, die ganz aus einem Guss sind.

22:14: Moderator Tobi Müller kommt auf die seiner Ansicht nach beklemmendste Szene zu sprechen, als Natascha Kampusch als Rotkäppchen im Bauch des Wolfs beschrieben wird. Kathrin Röggla: „Das Rotkäppchen ist nicht mein Text, ich habe mir das so erklärt, dass da so ein Paukenschlag ist.“

22:17: Regisseur Stefan Bachmann: Ein Opfer scheint dazu verdammt, Opfer bleiben zu müssen. Das ist so die Erkenntnis, die wir aus dieser Arbeit gewonnen haben. Und das ist eine unglaublich traurige Erkenntnis. … Und dass die Menschen drumherum zu Wölfen werden und dann erst recht beißen, wenn da schon Blut geflossen ist, das ist dann wirklich Faschismus.

22:19: Tobi Müller kommt noch einmal auf die Rotkäppchen-Geschichte zurück. Frage an Jurorin Ulrike Kahle-Steinweh: War diese Rotkäppchen-Szene ausschlaggebend für die Jury-Entscheidung? Kahle-Steinweh: Nein, das hat keine besonders große Rolle gespielt. Aber da kommt ja sozusagen ihre Stimme, und sie fände schon: das musste dann auch mal sein, dass da so was echtes kommt. „Also ich fands sehr ergreifend.“

22:21 Tobi Müller: ganz viel österreichische Psycho-Geographie in diesem Abend. Einer der Schauspieler (Sicht vom Blog-Tisch aus schlecht): Wir haben das ja auch in Österreich zur Uraufführung gebracht. Stefan Bachmann: Priklopil selber hatte im Regal „Mein Kampf“ stehen, das Ganze hat etwas von einem Wohnzimmer-KZ gehabt, das sind schon Spuren, die in diesem Land noch vorhanden sind. (mehr …)


Das Reden der Anderen

Stefan Bachmanns Burgtheater-Inszenierung von Kathrin Rögglas „Die Beteiligten“ zeigt, wie im medialen Rauschen der Sprache Menschen verschwinden. Nur komisch, wenn man am Ende völlig unbeteiligt nach Hause geht.

"Die Beteiligten" in der Regie von Stefan Bachmann: Barbara Petritsch (die irgendwie-nachbarin), Katharina Schmalenberg (die „optimale“ 14-jährige), Alexandra Henkel (die pseudopsychologin), Jörg Ratjen (der quasifreund), Simon Kirsch (das gefallene nachwuchstalent), Peter Knaack (der möchtegern-journalist). Foto: Anna Stöcher/Burgtheater

Ohne Zweifel, „Die Beteiligten“ ist ein tolles Stück. Ein Stück, das jedes Germanistenherz höher schlagen lässt, denn an ihm lässt sich sprachlich so vieles zeigen, und die Sprache des Theaters und der Literatur ist doch schließlich die letzte Kraft des Widerstandes, wenn sonst die Herrschaft über Bilder und Alltagssprache in den Händen der Medien liegt. Kathrin Röggla erzählt von der Unmöglichkeit, Ich zu sagen, wenn Andere mitreden. Das Ich, in diesem Fall das Entführungs- und Medienopfer Natascha Kampusch, ist ein Ich, das im Reden der Anderen entsteht; ein Ich, das in indirekter Rede in der dritten Person erzeugt und damit nie wirklich manifest wird. Gleichzeitig bringt das Sprechen aber auch seltsame Kreaturen hervor: Menschen, die nur durch andere existieren. Menschen, die kein richtiges Ich haben und darum ein Präfix brauchen, wie die Pseudo-Psychologin, der Quasi-Freund, der Möchtegern-Journalist und die Irgendwie-Nachbarin. Menschen aus der zweiten Reihe. Die Beteiligten.

So sitzen zu Beginn von Stefan Bachmanns Inszenierung fünf Pseudo-Möchtegern-Experten auf engstem Raum zusammen und rufen Natascha Kampusch wie einen diskursiven Flaschengeist im Konjunktiv hervor. Aus Rögglas indirektem Sprechen macht Bachmann ein indirektes Sehen: Wer zu den Zuschauern redet, ist das Kamerabild der Schauspieler, nicht die Schauspieler selbst. Danach geht Natascha Kampusch, wie durch ein Sprachprisma vervielfacht, in der Kampusch-Sekte auf: Fünf identische Kampuschas, die mit Hippie-Kopftuch und lila H&M-Ethno-Tunika aussehen wie Fashion Victims, lassen ihr Ich vielstimmig sprachlich zerfliessen. Tolles Sprachstück, diese „Beteiligten“.

Doch wie gewinnt man als Regisseur diesem Text Bilder ab? Bachmanns Inszenierung ist nur dann stark, wenn sie szenisch eigenständig denkt, und das passiert leider viel zu selten. Zum Beispiel, wenn er à la Blair-Witch-Project einer Horde Menschenaffen im Wald eine von den Schauspielern live eingesprochene (oder besser gesagt eingekeuchte) Synchronspur unterlegt und in dieser Überlagerung bedrohliche Zwitterwesen die Leinwand bevölkern. Oder wenn er einen österreichischen Nazi (Simon Kirsch) das deutsche Publikum fröhlich mit „Wir kennen uns! Wir kennen uns von früher!“ begrüßen lässt, dieser kurz darauf zu Westernhagens „Freiheit“ den ultimativen Freiheitstraum vom Fliegen realisieren will, dabei aber so deutlich sichtbar in den Theaterseilen hängt, dass das Bild ihn sofort der Lächerlichkeit preisgibt. (mehr …)


Frühstückskritik „Die Beteiligten“

Morgensonne und Earl Grey: Eine kurze Videokritik zur gestrigen tt-Premiere „Die Beteiligten“ von Kathrin Röggla.

Frühstückskritik „Die Beteiligten“ from theatertreffen-blog on Vimeo.