Artikel-Schlagworte: „Nurkan Erpulat“


Getting to know you: the Ballhaus and Heimathafen meet their audiences

The term „audience development“ is a new one in Germany – so new, there’s not even one of those wonderful German compound words for it. But as the independent theater scene becomes a stronger presence, theatermakers like Shermin Langhoff of the Ballhaus Naunynstraße and Nicole Oder of the Heimathafen Neukölln are starting to ask themselves: Who is our audience? Who should our audience members be? And how do we find them?

Berlin is a surprising city to live in for an American theatergoer used to American audience sizes. The selling capacity of theaters in the United States, for the most part, just doesn’t compare. Germany hasn’t felt the need to think too much about its audiences, because its theaters are always full. And also because that’s not where they’re getting their money anyway.

As Berlin’s independent theater scene gets more and more visible, however, the voices of smaller, independent theaters that aren’t always full are getting louder. At the talkback after Verrücktes Blut at Ballhaus Naunynstraße, the „target audience“ question was part of what made the discussion turn heated. Artistic director Shermin Langhoff sees the ideal Ballhaus audience as primarily existing of people with „migrant backgrounds,“ which would make ita kind of by-of-for theater. In contrast, Nurkan Erpulat, director/co-author of Verrücktes Blut, sees the target audience as white, educated, middle-class. And everyone at the Ballhaus is opposed to the idea of targeting an audience of children or youth – something that the Augenblick mal! jury seemed to find very offensive during its talk last weekend. (A bi-annual festival of children and youth theater that runs concurrently with the Theatertreffen, Augenblick mal! also invited Verrücktes Blut to their festival this year. The Ballhaus turned them down.)

Only two years old, the Ballhaus has experienced a drastic audience shift after the opening of Verrücktes Blut in fall 2011, which received lots of press attention and praise. (mehr …)


„Verrücktes Blut“ – Public Viewing

Am Freitag, 13. Mai war der Saison-Theaterhit „Verrücktes Blut“ auf großer Leinwand im Freiluftkino im Sony Center zu sehen. Das Theatertreffen-Blog war mit Kamera vor Ort dabei.

Public Viewing „Verrücktes Blut“ im Sony Center – Berlin Potsdamer Platz from Anna Deibele on Vimeo.

Gründe, um zu einem Public Viewing zu gehen:

1.) Du sieht das Stück mal anders.
2.) Du bist in Gemeinschaft mit ganz vielen anderen.
3.) Du darfst deinen Liegestuhl und Picknickkorb mitnehmen.

Drei Gründe um nächstes Jahr rechtzeitig Karten für das Theatertreffen zu kaufen:

1.) Dein Sitzplatz ist dir garantiert.
2.) Du verstehst, was die Protagonisten sagen.
3.) Du siehst echte Menschen vor dir und bist hautnah dabei!

Das nächste Public Viewing findet am Sonntag, 15. Mai um 16 Uhr mit „Das Werk/Im Bus/Ein Sturz“ im Sony Center am Potsdamer Platz in Berlin statt. Der Eintritt ist frei!


Aber bitte mit Hintergrund

Es klang wie ein Coming-Out, als sich Samuel Finzi bei der Verleihung des „Theaterpreis Berlin“ der versammelten Öffentlichkeit als „Schauspieler mit Migrationshintergrund“ präsentierte:

Aber was heisst denn hier Hintergrund? „Migrationshintergrund“ ist auf jeden Fall schon jetzt ein heißer Anwärter auf den Titel „Unwort des Jahrzehnts“, und darum hat Finzi unser vollstes Verständnis, wenn er sich lieber einfach nur „Schauspieler mit Hintergrund“ nennt. Genau: Hauptsache, es steckt etwas dahinter.

Hier unsere persönliche Hintergrund-Selektion für alle Lebenslagen, präsentiert von Dimiter Gotscheff, Shermin Langhoff, Nurkan Erpulat, Jan Klata und natürlich Samuel Finzi. Empfohlen wird ein gelegentlicher Tapetenwechsel.

Bilder: 1.) Gemütlicher… (Kani Mani Bar, Kastanienallee, Prenzlauer Berg) / 2.)  …und eher weniger gemütlicher… (Bornemann-Bar, Berliner Festpiele) / 3.) …postmoderner… (Prater der Volksbühne) / 4.) …und historischer Hintergrund (Gedenkstätte Berliner Mauer, Bernauer Strasse) / 5.) Es kommt auch vor, dass man nicht auf den Grund der Dinge sieht (Spree, Friedrichstrasse, Grund schätzungsweise 232 m ü. M.). Das ist aber noch kein Grund, sich am Abgrund zu fühlen. / 6.) Jungen Regisseuren empfiehlt sich manchmal das Theatermachen im Untergrund (U-Bahnhof Friedrichstrasse) / 7.) Für manches wiederum gibt es einfach keinen (Hinter-)Grund. (Im Blogger-Büro, Berliner Festspiele) / 8.) Für das meiste aber schon. Auch für das Theatertreffen-Plakat. Wer ihn sucht, findet ihn auf der ersten Seite des tt-Magazins.

Fotos: Fadrina Arpagaus
O-Ton: Anna Deibele

Originalfotos: dpa (Langhoff) / Harry Schnittger (Finzi) / Thalia Theater Hamburg (Gotscheff)


Live-Blog zum Verrückten Blut

Live-Blog: a heated talkback with audience after the second performance of Verrücktes Blut (Mad Blood), Ballhaus Naunynstraße. Related: the tt-Blog Verrücktes Blut Kritik (German) and the „post-migrant theatre“ lexicon (English).

22:21 We’re in the theater! Still gathering some chairs and actors…

22:22 Introducing the line-up. It includes Shermin Langhoff (Artistic Director), Nurkan Erpulat (playwright), Franz Wille (Theatertreffen jury member).

22:24 „Would be hard to explain why you wouldn’t invite this play.“ Franz Wille, Theatertreffen jury member

22:26 Wille’s talking about theater as a center for debate. I’d like to invite anybody who’s on Twitter and wants to join in the conversation right now to tweet at me: use the hashtag #tt11.

22:27 Artistic Director Shermin Langhoff on the definition of post-migrant theater: she’s been asked this a lot. About why it was important to come up with this definition at all:

  • Inspiration: Berlin’s (and Germany’s) incredible diversity
  • Felt that this diversity was visible in other media (film, novels) but not yet in theater
  • Defining a term helps create visibility and potential for financial/cultural support

22:32 Nurkan Erpulat (Verrücktes Blut playwright) says: sometimes people think this is a play for youth! But it’s actually for the educated middle class. (mehr …)


Integriert euch oder ich schieße!

Nurkan Erpulat und Jens Hillje inszenieren ein Stück über Macht, Freiheit und ihre Grenzen, frei nach Schiller und mit vorgehaltener Knarre.

Einzeln rumstehen oder zusammen hinsetzen? Szene aus "Verrücktes Blut", Ballhaus Naunynstraße. Foto: Ute Langkafel

Wie frei kann der Mensch eine Meinung äußern, wenn ihm eine Pistole an den Kopf gehalten wird? Wie frei kann der Mensch sein, wenn er keine Alternative hat als sich anpassen zu müssen? Und wie frei ist der Mensch, wenn der eigene Verstand, das eigene Gefühl oder aber das Klischee des anderen ihm Grenzen setzen? Der Regisseur Nurkan Erpulat und der Dramaturg Jens Hillje werfen mit ihrer Bearbeitung des französischen Films „Heute trage ich Rock“ als Schultheaterstunde viele Fragen der nimmer enden wollenden Integrationsdebatte auf:

Sonia Kelich hat es geschafft. Sie ist eine der wenigen „Erfolgskanaken“ – akzentfreies prononciertes Deutsch, aufklärerische Ideale Schillers im Geist, Studienrätin von Beruf und ein deutscher Mann in petto. Umso stärker werden ihre „neuen“ Ideale von rotzenden und spuckenden Schülern aus Neukölln und Kreuzberg durch den Dreck gezogen, die damit beschäftigt sind, in Kelich’s Klassenraum ihre Territorialkämpfe auszufechten.

In ihren innersten Werten bedroht, reißt die Deutschlehrerin die Macht an sich, als ihr eine Waffe eines ihrer Schüler in den Schoß fällt. Mit Gewalt setzt sie ihre Werte durch: Schillers „Kabale und Liebe“ und „Die Räuber“ werden auf Kosten einer durchgeschossenen Hand, blutender Nasen und eines abgelegten Kopftuchs durchgespielt. Am Ende setzt die erhoffte Katharsis ein,  zumindest auf der Bühne. Die Klasse wird zu einer Musterklasse, übernimmt die Ideale der Lehrerin und erlässt dem Querulanten die Strafe. Wir lernen, was sie gelernt haben: (mehr …)


Verrücktes Blut * Nurkan Erpulat & Jens Hillje


Provokative Musterschülerin

Gelb und lila sind die Farben im tt-Mai 2011.

Eine Premiere, viele Premieren: Zum ersten Mal verlautbarte die Theatertreffen-Jury gestern persönlich und live in einer Pressekonferenz ihre Auswahl der zehn bemerkenswerten Inszenierungen 2011, die vom 6. bis 22. Mai zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen werden. Das Jury-Jahr folgt einer eigenen Zeitrechnung, es reicht bis einen Tag vor der Juryentscheidung. Daher vermissen viele auch nun Andrea Breths „Zwischenfälle“ vom Wiener Akademietheater, das erst jüngst, am 5. Februar 2011, Premiere hatte, siehe etwa die Kommentare zur aktuellen Presseschau auf nachtkritik. Die beliebte Netztheater-Plattform erstellte, zusammen mit Lesern, eine alternative Liste der besten Inszenierungen, das so genannte nachtkritik-Theatertreffen, gedacht als Kontrapunkt. So nicht in diesem Jahr: Denn beide Listen überschneiden sich an drei Stellen: Der „Don Carlos“ aus Dresden, Elfriede Jelineks Dreiteiler „Das Werk“ / „Im Bus“ / „Ein Sturz“ vom Schauspiel Köln und das persönlich-dokumentarische Vater-Tochter-„Testament“ von She She Pop sind auf beiden TopTen vertreten. Diese Auswahl der „eher unüblichen Verdächtigen“ (Jurymitglied Wolfgang Höbel) ist „was ganz anderes“ (Christine Dössel, SZ) als sonst, aber eigentlich theaterpolitisch hyperkorrekt.

Will die verjüngte und verweiblichte Jury, in der, so erläutert die Festivalleiterin Iris Laufenberg, die für die Wirtschaft geforderte Frauenquote bereits umgesetzt sei, dieses Mal jeglicher Kritik zuvorkommen? Sie erweist sich in diesem Jahr als lernfähige Musterschülerin und erfüllt so jegliche Quotenforderung: Regisseurinnen sind dabei (darunter Karin Henkel, Karin Beier), dreimal die sogenannte Provinz (Dresden, Schwerin, Oberhausen), Interkultur (Nurkan Erpulat), Performance (She She Pop und Herbert Fritsch), Ehrung (Christoph Schlingensief). Beim genaueren Hinschauen finden sich allerdings auch Wiederkehrer wie Stefan Bachmann oder Stefan Pucher unter der Auswahl, an jeden Theatergeher ist gedacht. Die gut akzentuierte Provokation, den Medienkünstler und Schauspieler Herbert Fritsch zum ersten Mal und dann gleich doppelt einzuladen, ein ehemaliges Volksbühne-Urgestein, lässt auf Frontalzusammenstöße hoffen. „Ich habe bei der Bundeskulturstiftung einen Antrag gestellt: sieben Jahre ohne Publikum zu spielen“, erzählte Fritsch 2007 bei seinem Genremix Bühnenkabarett Angst: „Und ich habe das Geld bekommen.“

Auf der leeren, frisch renovierten Bühne der Berliner Festspiele, einem schwarzen, an diesem Tag etwas zugigen Kunsttempel, der nun eine der modernsten Techniken in Europa besitzt, materalisiert sich eine weitere Premiere: Vor dem heruntergelassenen eisernen Vorhang, vor dem Iris Laufenberg und die Jury sitzen, sind alle aktuellen Fragen offen, oder besser, bühnenreif eröffnet. Wie steht es um Postfeminismus, Mediendiskurse, regionalen Kultursumpf, Integration und Bildung, Generationenverträge, Neu-Kolonialismus, wie steht es überhaupt um Theaterformen zwischen Ensembletheater, Off-Gruppen, schreibenden Schauspielern und Klassiker-Auffrischungen? Wir werden es sehen.