Artikel-Schlagworte: „Performance“


We just want to play

When you open your festival with a three-hour stream-of-consciousness deluge of text, tragedy, and water, what can possibly follow? The Theatertreffen’s answer: Bring in its opposite. Der Biberpelz (The Beaver Coat), the second invited production in the program, is an 80-minute comedy directed by the darling of this year’s Theatertreffen, the twiceinvited Herbert Fritsch. But what is the thesis of this Jelinek/Beier antithesis?

Herbert Fritsch makes no secret of his primary motivation as a director: During the Theatertreffen press conference, in interviews with Theater heute, our bloggers, and more, he is fond of saying that directing, for him, is about the fun. It is another form of playing — in that special way that the German word for „to play,“ spielen, also means „to act.“ Fritsch’s Der Biberpelz, invited to this year’s Theatertreffen from the Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin, is one big Spiel.

The ensemble of Der Biberpelz. Foto: Silke Winkler

A game would be nothing without its players, and it is indeed the cast of Der Biberpelz that deserves first mention. The Wolff family (Stéphane Maeder’s rock-dumb father Julius, Isa Weiß and Sonja Isemer’s bickering swindlers-in-training Leontine and Adelheid, and Brigitte Peters‘ masterminding matriarch Mother Wolffen), their cohorts and antagonists form an ensemble tumbling over itself to top its own impressive intensity, physicality, and speed. With their grotesque grimaces and colorful costumes, the characters might be the rejects of any number of cult movies (where an impressive ensemble performance is also, as a rule, the number one draw). But my favorite character in the play is one that gets no credit in the cast list: the wall. (mehr …)


Provokative Musterschülerin

Gelb und lila sind die Farben im tt-Mai 2011.

Eine Premiere, viele Premieren: Zum ersten Mal verlautbarte die Theatertreffen-Jury gestern persönlich und live in einer Pressekonferenz ihre Auswahl der zehn bemerkenswerten Inszenierungen 2011, die vom 6. bis 22. Mai zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen werden. Das Jury-Jahr folgt einer eigenen Zeitrechnung, es reicht bis einen Tag vor der Juryentscheidung. Daher vermissen viele auch nun Andrea Breths „Zwischenfälle“ vom Wiener Akademietheater, das erst jüngst, am 5. Februar 2011, Premiere hatte, siehe etwa die Kommentare zur aktuellen Presseschau auf nachtkritik. Die beliebte Netztheater-Plattform erstellte, zusammen mit Lesern, eine alternative Liste der besten Inszenierungen, das so genannte nachtkritik-Theatertreffen, gedacht als Kontrapunkt. So nicht in diesem Jahr: Denn beide Listen überschneiden sich an drei Stellen: Der „Don Carlos“ aus Dresden, Elfriede Jelineks Dreiteiler „Das Werk“ / „Im Bus“ / „Ein Sturz“ vom Schauspiel Köln und das persönlich-dokumentarische Vater-Tochter-„Testament“ von She She Pop sind auf beiden TopTen vertreten. Diese Auswahl der „eher unüblichen Verdächtigen“ (Jurymitglied Wolfgang Höbel) ist „was ganz anderes“ (Christine Dössel, SZ) als sonst, aber eigentlich theaterpolitisch hyperkorrekt.

Will die verjüngte und verweiblichte Jury, in der, so erläutert die Festivalleiterin Iris Laufenberg, die für die Wirtschaft geforderte Frauenquote bereits umgesetzt sei, dieses Mal jeglicher Kritik zuvorkommen? Sie erweist sich in diesem Jahr als lernfähige Musterschülerin und erfüllt so jegliche Quotenforderung: Regisseurinnen sind dabei (darunter Karin Henkel, Karin Beier), dreimal die sogenannte Provinz (Dresden, Schwerin, Oberhausen), Interkultur (Nurkan Erpulat), Performance (She She Pop und Herbert Fritsch), Ehrung (Christoph Schlingensief). Beim genaueren Hinschauen finden sich allerdings auch Wiederkehrer wie Stefan Bachmann oder Stefan Pucher unter der Auswahl, an jeden Theatergeher ist gedacht. Die gut akzentuierte Provokation, den Medienkünstler und Schauspieler Herbert Fritsch zum ersten Mal und dann gleich doppelt einzuladen, ein ehemaliges Volksbühne-Urgestein, lässt auf Frontalzusammenstöße hoffen. „Ich habe bei der Bundeskulturstiftung einen Antrag gestellt: sieben Jahre ohne Publikum zu spielen“, erzählte Fritsch 2007 bei seinem Genremix Bühnenkabarett Angst: „Und ich habe das Geld bekommen.“

Auf der leeren, frisch renovierten Bühne der Berliner Festspiele, einem schwarzen, an diesem Tag etwas zugigen Kunsttempel, der nun eine der modernsten Techniken in Europa besitzt, materalisiert sich eine weitere Premiere: Vor dem heruntergelassenen eisernen Vorhang, vor dem Iris Laufenberg und die Jury sitzen, sind alle aktuellen Fragen offen, oder besser, bühnenreif eröffnet. Wie steht es um Postfeminismus, Mediendiskurse, regionalen Kultursumpf, Integration und Bildung, Generationenverträge, Neu-Kolonialismus, wie steht es überhaupt um Theaterformen zwischen Ensembletheater, Off-Gruppen, schreibenden Schauspielern und Klassiker-Auffrischungen? Wir werden es sehen.