Artikel-Schlagworte: „Stefan Bachmann“


Wenn Zuschauer_innen träumen

Einige der diesjährigen Theatertreffen-Inszenierungen haben durchaus Taschentuchqualität. Doch wie ist das eigentlich mit dem Gefühl im Theater? Dürfen wir wirklich noch einfach so eine Träne zerdrücken, ohne zynisches Mitreflektieren, ohne ironischen Bruch?

Es ist kaum zu glauben: Da sitzt Sebastian Bark neben seinem Vater Joachim und singt doch tatsächlich mit, erst zögernd, aber schließlich mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht. Die beiden trällern gemeinsam Peter Kraus, die Schnulze heißt „Wenn Teenager träumen“ und eben hat Sebastian noch fremdschämend die Augen verdreht. Denn eigentlich ist der kitschige Musikgeschmack seines Vaters doch ziemlich peinlich.

Joachim Bark auf den Schultern seines Sohnes Sebastian. Foto: Doro Tuch

Wir befinden uns im vierten Akt von She She Pops „Testament“, die schlaue King Lear-Adaption, die wohl der heimliche Star der diesjährigen Theatertreffen-Inszenierungen war. Lear hat eben seine „gute“ Tochter Cordelia wiedergefunden und schwelgt in trügerischer Melancholie. Wir wissen, dass die Sache nicht gut ausgeht. Wir wissen, dass das Sentiment nur produziert ist, und dass die traurige Wirklichkeit Lear später umso brutaler heimsuchen wird. Wir wissen, dass Peter Kraus‘ Schlager nostalgischer Kitsch ist, platte Gefühlsduselei, ein Fetisch, der uns beherrscht und dabei den Zynismus seiner spätkapitalistischen Produktion überspielt. Wir wissen, dass es so etwas wie echte Emotionen, authentische Gefühlsregungen ja gar nicht geben kann in unserer ironischen Zitatewelt. Sebastian Bark weiß das auch, und deswegen zögert er anfangs. Doch irgendwann lässt er sich drauf ein. Irgendwann stimmt er mit ein und strahlt vor Freude.

Sebastian Barks zurückhaltende Reaktion ist symptomatisch für die grundlegende Paradoxie unseres Zuschauer_innenverhaltens in einer durchdekonstruierten Gesellschaft. (mehr …)


„Die eigene Verwickeltheit“

Kathrin Röggla spricht über unterschiedliche Lesarten ihres Stücks „Die Beteiligten“ und beleuchtet ihre eigene Verwicklung in den Medienrummel um Natascha Kampusch. Die Utopie eines „abgedrehten Troll-Raums“ findet sie schön, aber nicht realistisch.

Kathrin Röggla. Foto: Piero Chiussi

Hätten Sie „Die Beteiligten“ auch ohne Natascha Kampusch schreiben können?
Das ist sehr schwer zu beantworten. Ich habe mich schon länger mit Entführungsfällen beschäftigt und hatte auch geplant, da etwas in die Richtung zu machen. Der Fall Kampusch kam dann irgendwie im richtigen Moment und hat aus dem Stück nochmal etwas anderes gemacht. Es gibt da aber durchaus unterschiedliche Lesarten. In Düsseldorf, wo die Uraufführung war, haben die Schauspieler das gelesen und erst mal gefragt, „Geht’s da um Britney Spears?“ In Wien war das natürlich anders, da war der Kampusch-Bezug total stark da.

Stellen Sie sich manchmal vor, was Natascha Kampusch von Ihrem Stück halten würde?
In der Wiener Inszenierung hab ich mir das schon vorgestellt. Als da etwa ihr Kostüm so verarscht wird, hatte ich schon irgendwie Bauchschmerzen. Das größere Problem ist aber, dass ihre Mediengeschichte eben auch zu unserer wird. Und so kann mein Stück ein spannender Kommentar zum Thema sein, aber gleichzeitig wahrscheinlich verletzende Momente für Natascha Kampusch haben. Denn selbst wenn man die Torpedierung durch die Medien, die sie erfahren hat, einfach nur nacherzählt, betritt man schon einen sehr schmalen Grat. Ich glaube auch nicht, dass es für sie notwendig ist, das Stück zu sehen. Viel spannender fände ich etwa, Natascha Kampusch einmal in einem ganz anderen Kontext zu begegnen, wo ich sie nicht als Opfer wahrnehmen muss.

Sie sprechen davon, dass Natascha Kampuschs Mediengeschichte zu unserer geworden ist. Wie gehen Sie denn mit Ihrer eigenen Beteiligung an dieser Geschichte um?
Natürlich ist die eigene „Verwickeltheit“ das Hinkebein des Stücks, das man nie loswerden kann. Natürlich kann man mich nie ganz freisprechen: Letztendlich ist man auch im Theater immer Teil des Medienrummels. Aber schließlich habe ich das Stück genau deswegen geschrieben, um diese Verwicklungsmechanismen anzusprechen. Weil ich versuchen will, damit umzugehen, und die Beteiligungsproblematik durch eine besondere Ästhetik und Form herauszuarbeiten.

Was genau meinen Sie mit „besonderer Ästhetik“? (mehr …)


Live-Blog vom Publikumsgespräch „Die Beteiligten“

Aufgrund technischer Schwierigkeiten fängt das Blog zum Publikumsgespräch heute später an.

Kleines Resümée der ersten zehn Minuten: Vorstellungsrunde, Moderator Tobi Müller fragt die Schauspieler, wie es für sie war, Figuren zu spielen, die nur in der dritten Person reden. Jörg Ratjen, der den „Quasi-Freund“ spielt, erzählt, dass er sich irgendwann daran gewöhnt habe, in der dritten Person zu denken. Das ging anscheinend nicht allen Schauspielern so, Gelächter auf der Bühne und im Publikum.

22:12: Kathrin Röggla: Das Theater behauptet ja sonst immer Figuren, die ganz aus einem Guss sind.

22:14: Moderator Tobi Müller kommt auf die seiner Ansicht nach beklemmendste Szene zu sprechen, als Natascha Kampusch als Rotkäppchen im Bauch des Wolfs beschrieben wird. Kathrin Röggla: „Das Rotkäppchen ist nicht mein Text, ich habe mir das so erklärt, dass da so ein Paukenschlag ist.“

22:17: Regisseur Stefan Bachmann: Ein Opfer scheint dazu verdammt, Opfer bleiben zu müssen. Das ist so die Erkenntnis, die wir aus dieser Arbeit gewonnen haben. Und das ist eine unglaublich traurige Erkenntnis. … Und dass die Menschen drumherum zu Wölfen werden und dann erst recht beißen, wenn da schon Blut geflossen ist, das ist dann wirklich Faschismus.

22:19: Tobi Müller kommt noch einmal auf die Rotkäppchen-Geschichte zurück. Frage an Jurorin Ulrike Kahle-Steinweh: War diese Rotkäppchen-Szene ausschlaggebend für die Jury-Entscheidung? Kahle-Steinweh: Nein, das hat keine besonders große Rolle gespielt. Aber da kommt ja sozusagen ihre Stimme, und sie fände schon: das musste dann auch mal sein, dass da so was echtes kommt. „Also ich fands sehr ergreifend.“

22:21 Tobi Müller: ganz viel österreichische Psycho-Geographie in diesem Abend. Einer der Schauspieler (Sicht vom Blog-Tisch aus schlecht): Wir haben das ja auch in Österreich zur Uraufführung gebracht. Stefan Bachmann: Priklopil selber hatte im Regal „Mein Kampf“ stehen, das Ganze hat etwas von einem Wohnzimmer-KZ gehabt, das sind schon Spuren, die in diesem Land noch vorhanden sind. (mehr …)


Das Reden der Anderen

Stefan Bachmanns Burgtheater-Inszenierung von Kathrin Rögglas „Die Beteiligten“ zeigt, wie im medialen Rauschen der Sprache Menschen verschwinden. Nur komisch, wenn man am Ende völlig unbeteiligt nach Hause geht.

"Die Beteiligten" in der Regie von Stefan Bachmann: Barbara Petritsch (die irgendwie-nachbarin), Katharina Schmalenberg (die „optimale“ 14-jährige), Alexandra Henkel (die pseudopsychologin), Jörg Ratjen (der quasifreund), Simon Kirsch (das gefallene nachwuchstalent), Peter Knaack (der möchtegern-journalist). Foto: Anna Stöcher/Burgtheater

Ohne Zweifel, „Die Beteiligten“ ist ein tolles Stück. Ein Stück, das jedes Germanistenherz höher schlagen lässt, denn an ihm lässt sich sprachlich so vieles zeigen, und die Sprache des Theaters und der Literatur ist doch schließlich die letzte Kraft des Widerstandes, wenn sonst die Herrschaft über Bilder und Alltagssprache in den Händen der Medien liegt. Kathrin Röggla erzählt von der Unmöglichkeit, Ich zu sagen, wenn Andere mitreden. Das Ich, in diesem Fall das Entführungs- und Medienopfer Natascha Kampusch, ist ein Ich, das im Reden der Anderen entsteht; ein Ich, das in indirekter Rede in der dritten Person erzeugt und damit nie wirklich manifest wird. Gleichzeitig bringt das Sprechen aber auch seltsame Kreaturen hervor: Menschen, die nur durch andere existieren. Menschen, die kein richtiges Ich haben und darum ein Präfix brauchen, wie die Pseudo-Psychologin, der Quasi-Freund, der Möchtegern-Journalist und die Irgendwie-Nachbarin. Menschen aus der zweiten Reihe. Die Beteiligten.

So sitzen zu Beginn von Stefan Bachmanns Inszenierung fünf Pseudo-Möchtegern-Experten auf engstem Raum zusammen und rufen Natascha Kampusch wie einen diskursiven Flaschengeist im Konjunktiv hervor. Aus Rögglas indirektem Sprechen macht Bachmann ein indirektes Sehen: Wer zu den Zuschauern redet, ist das Kamerabild der Schauspieler, nicht die Schauspieler selbst. Danach geht Natascha Kampusch, wie durch ein Sprachprisma vervielfacht, in der Kampusch-Sekte auf: Fünf identische Kampuschas, die mit Hippie-Kopftuch und lila H&M-Ethno-Tunika aussehen wie Fashion Victims, lassen ihr Ich vielstimmig sprachlich zerfliessen. Tolles Sprachstück, diese „Beteiligten“.

Doch wie gewinnt man als Regisseur diesem Text Bilder ab? Bachmanns Inszenierung ist nur dann stark, wenn sie szenisch eigenständig denkt, und das passiert leider viel zu selten. Zum Beispiel, wenn er à la Blair-Witch-Project einer Horde Menschenaffen im Wald eine von den Schauspielern live eingesprochene (oder besser gesagt eingekeuchte) Synchronspur unterlegt und in dieser Überlagerung bedrohliche Zwitterwesen die Leinwand bevölkern. Oder wenn er einen österreichischen Nazi (Simon Kirsch) das deutsche Publikum fröhlich mit „Wir kennen uns! Wir kennen uns von früher!“ begrüßen lässt, dieser kurz darauf zu Westernhagens „Freiheit“ den ultimativen Freiheitstraum vom Fliegen realisieren will, dabei aber so deutlich sichtbar in den Theaterseilen hängt, dass das Bild ihn sofort der Lächerlichkeit preisgibt. (mehr …)


Frühstückskritik „Die Beteiligten“

Morgensonne und Earl Grey: Eine kurze Videokritik zur gestrigen tt-Premiere „Die Beteiligten“ von Kathrin Röggla.

Frühstückskritik „Die Beteiligten“ from theatertreffen-blog on Vimeo.


Guttenbergs Beteiligte

Die Kritikenrundschau im copy&paste-Verfahren. Heute hat Stefan Bachmanns Inszenierung von Kathrin Rögglas Text „Die Beteiligten“ beim Theatertreffen Premiere.

Es ist nicht leicht, Kathrin Röggla zu sein. Denn: Ein Ich ist für sie in Wahrheit ein Wir. Was auf den ersten Blick wie Schizophrenie aussieht, ist in Wahrheit bloß eine radikale sprachliche Klausel: Subjekt und Objekt sind vertauscht – alles wird im Konjunktiv gesprochen. Was die abstrakte Denkerin mit diesem grammatikalischen Kniff zeigen will, ist die Einverleibung des Opfer-Ichs in die Aussagesätze der „Beteiligten“. Obwohl sich Röggla damit eines heiklen Themas angenommen hat, und zwar ex negativo, sucht sie den Groove im Loslabern, überhöht das Durchschnittliche, rhythmisiert seine KakofonieSie trifft den Ton genau. Aber warum? Wozu das Konjunktivfeuerwerk, wozu das Monologs-Stakkato? Na? Nun, Röggla bezieht sich offenbar auf den Fall Natascha K., ohne dieses Opfer direkt zu nennen. In Stefan Bachmanns Inszenierung, mit deren unheimlicher Perversion man einst wohl kleine Mädchen erschrecken konnte, fragt man sich allerdings öfter: Gehört das nicht eher zum Fall F. aus Amstetten? Für Bachmann scheint K. und F. dasselbe zu sein: sein Versuch, die Konjunktiv-Monotonie der Möchtegern-Menschen mit reichlich Referenzen und Regieeinfällen zu garnieren, legt schließlich Größeres frei: die österreichische Nationalwunde. Salz auf die österreichische Nationalwunde streut auch Slavoj Žižek im Programmheft, und zwar mit einem pseudowissenschaftlichen Welt- und Mensch-Erklärungsversuch, einem Alles-in-einen-Topf-Wurf-Text. Doch nicht nur Žižeks Welt- und Mensch-Erklärungsversuch scheint zu versagen: Als Kalenderblattweisheit nützt Debord auch nix mehr. Wo die Philosophen scheitern, kann nur einer helfen: Falco, der in Wien zur Rechten des Kaisers sitzt. Die Playback-Performance zu Falcos Entführungs-Song „Jeanny“, ein dem Kinderschänder-Verdacht ausgesetzter Song ist aufgesetzt, aber wirksam. Aufgesetzt, aber wirksam ist schließlich auch Simon Kirschs Auftritt in SS-Uniform, um sogleich darauf als böses Engerl von Wien in den Schnürboden hinaufgezogen zu werdenVergnügt steppt der Nazi zum Westernhagen-Soundtrack: Der Mensch ist leider nicht naiv, der Mensch ist primitiv. Dafür gabs heftigen Beifall. Aufgesetzt, aber wirksam.


Provokative Musterschülerin

Gelb und lila sind die Farben im tt-Mai 2011.

Eine Premiere, viele Premieren: Zum ersten Mal verlautbarte die Theatertreffen-Jury gestern persönlich und live in einer Pressekonferenz ihre Auswahl der zehn bemerkenswerten Inszenierungen 2011, die vom 6. bis 22. Mai zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen werden. Das Jury-Jahr folgt einer eigenen Zeitrechnung, es reicht bis einen Tag vor der Juryentscheidung. Daher vermissen viele auch nun Andrea Breths „Zwischenfälle“ vom Wiener Akademietheater, das erst jüngst, am 5. Februar 2011, Premiere hatte, siehe etwa die Kommentare zur aktuellen Presseschau auf nachtkritik. Die beliebte Netztheater-Plattform erstellte, zusammen mit Lesern, eine alternative Liste der besten Inszenierungen, das so genannte nachtkritik-Theatertreffen, gedacht als Kontrapunkt. So nicht in diesem Jahr: Denn beide Listen überschneiden sich an drei Stellen: Der „Don Carlos“ aus Dresden, Elfriede Jelineks Dreiteiler „Das Werk“ / „Im Bus“ / „Ein Sturz“ vom Schauspiel Köln und das persönlich-dokumentarische Vater-Tochter-„Testament“ von She She Pop sind auf beiden TopTen vertreten. Diese Auswahl der „eher unüblichen Verdächtigen“ (Jurymitglied Wolfgang Höbel) ist „was ganz anderes“ (Christine Dössel, SZ) als sonst, aber eigentlich theaterpolitisch hyperkorrekt.

Will die verjüngte und verweiblichte Jury, in der, so erläutert die Festivalleiterin Iris Laufenberg, die für die Wirtschaft geforderte Frauenquote bereits umgesetzt sei, dieses Mal jeglicher Kritik zuvorkommen? Sie erweist sich in diesem Jahr als lernfähige Musterschülerin und erfüllt so jegliche Quotenforderung: Regisseurinnen sind dabei (darunter Karin Henkel, Karin Beier), dreimal die sogenannte Provinz (Dresden, Schwerin, Oberhausen), Interkultur (Nurkan Erpulat), Performance (She She Pop und Herbert Fritsch), Ehrung (Christoph Schlingensief). Beim genaueren Hinschauen finden sich allerdings auch Wiederkehrer wie Stefan Bachmann oder Stefan Pucher unter der Auswahl, an jeden Theatergeher ist gedacht. Die gut akzentuierte Provokation, den Medienkünstler und Schauspieler Herbert Fritsch zum ersten Mal und dann gleich doppelt einzuladen, ein ehemaliges Volksbühne-Urgestein, lässt auf Frontalzusammenstöße hoffen. „Ich habe bei der Bundeskulturstiftung einen Antrag gestellt: sieben Jahre ohne Publikum zu spielen“, erzählte Fritsch 2007 bei seinem Genremix Bühnenkabarett Angst: „Und ich habe das Geld bekommen.“

Auf der leeren, frisch renovierten Bühne der Berliner Festspiele, einem schwarzen, an diesem Tag etwas zugigen Kunsttempel, der nun eine der modernsten Techniken in Europa besitzt, materalisiert sich eine weitere Premiere: Vor dem heruntergelassenen eisernen Vorhang, vor dem Iris Laufenberg und die Jury sitzen, sind alle aktuellen Fragen offen, oder besser, bühnenreif eröffnet. Wie steht es um Postfeminismus, Mediendiskurse, regionalen Kultursumpf, Integration und Bildung, Generationenverträge, Neu-Kolonialismus, wie steht es überhaupt um Theaterformen zwischen Ensembletheater, Off-Gruppen, schreibenden Schauspielern und Klassiker-Auffrischungen? Wir werden es sehen.