„Mehr ist mehr“ – Über Marathon-Theaterabende

Vier Stunden – das ist in etwa die Durchschnittsdauer der diesjährigen Inszenierungsauswahl; Spitzenreiter ist John Gabriel Borkman mit acht bis zwölf Stunden. Gegenwartsdramatik überschreitet hingegen in der Regel nicht die Zwei-Stunden-Grenze. Alles ab drei Stunden fällt für mich in die Kategorie „Theatermarathon“. Und ein Theaterabend der länger als vier Stunden dauert, passiert nicht einfach – er wird forciert. Denn normalerweise würde man doch bei den Endproben noch einmal straffen, „Kill your darlings“ eben. Deshalb behaupte ich: je länger desto unfokussierter.

Diese These lässt sich natürlich nicht immer verteidigen: Alvis Hermanis „Platonov“ zum Beispiel dauert fünf Stunden. Fünf Stunden, die alleine dem 170 Seiten langen Originaltext geschuldet sind, der einen einzigen Tag auf dem Gut Vojnicevka beschreibt. Tschechow gibt dem Betrachter die Möglichkeit, das Geschehen quasi in Originalzeit mitzuerleben. Minutiös mitverfolgen zu können, wie Martin Wuttkes Platonov und die ihn verehrenden Damen mit jedem Gläschen betrunkener und somit liebesbedürftiger werden, ist ein Erlebnis, für das es sich lohnt auszuharren.

Die elf Stunden von Vengard Vinges John Gabriel Borkman sind noch einmal ein ganz anderes Kaliber. (Erscheinen jedoch fast lächerlich im Vergleich zu seiner Berliner Version der Wildente – die dauerte nämlich sage und schreibe sieben Tage). Vinge stellte damit sogar geübte Theatergänger auf eine harte Probe: Manche gaben schon nach ein paar Stunden auf, das Ende der Vorstellung früh morgens erlebten oft nur eine Hand voll Zuschauer. Zum Vergleich: Thomas Ostermeiers Interpretation des Ibsen-Klassikers an der Berliner Schaubühne anno 2009 hatte eine Spieldauer von knapp zwei Stunden. Was also macht Vinge mit den fast zehn Stunden Differenz? Er lässt, so stelle ich mir das vor, seinen Assoziationen freien Lauf – spontan, unkontrolliert, orgiastisch. Das rief sogar die Bildzeitung auf den Plan: „11 Stunden Ekel-Sex, Blut und Massaker – und wir alle zahlen dafür!“

Ich bin auf alle Fälle schon gespannt, mir selbst meine Meinung zu diesem Spektakel bilden zu können, auch wenn ich dem Marathon-Theater eher skeptisch gegenüber stehe. Zu oft habe ich an mir selbst bemerkt, dass der Stolz, eine lange Aufführung durchgestanden zu haben, den persönlichen Nutzen dieser bei weitem übersteigt. Manchmal kommt es mir dann so vor, als hätte man sich einfach nicht die Mühe gemacht, sich kurz zu fassen, als wäre meine Zeit egal, als litten alle Beteiligten an einer Art Größenwahn. Auch der Mehrwert von immer mehr Text nimmt nach einigen Stunden stark ab – schlicht und einfach, weil das Publikum keine Kapazitäten mehr hat um aufzupassen.

Jedenfalls: Ich werde nach den durchwachten Nächten im Theater sicher überfordert, erschöpft, vielleicht begeistert, im schlimmsten Falle auch einfach nur stolz darauf sein, den Marathon überdauert zu haben – wenn ich es überhaupt bis zur Ziellinie schaffe. Falls ich scheitere: In der Disziplin Halbmarathon trete ich selbstverständlich auch noch an. Beim Theatertreffen handelt es sich dabei um den siebenstündigen Faust von Nicolas Stemann. Das nötige Sitzfleisch werde ich mir in den kommenden Wochen mit Hilfe von ein paar Vorstellungen von Richard Wagners Parsifal antrainieren: Das Spätwerk des Meisters dauert fünf Stunden – und ist bei mir doch nur Aufwärmübung für den großen Borkman- oder Stemann-Tag.

  1. Ich denke nicht, dass mehrstündige Inszenierungen unbedingt „unfokussierter“ sind – der Fokus liegt einfach woanders. Dann geht es vielleicht nicht mehr darum, mehr Text rational aufzunehmen, sondern um die Erfahrung, eben nicht noch mehr aufnehmen zu könnnen und von diesem „Zuviel“ überfordert zu sein – und was daraus entstehen könnte.

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