Wieso der schon wieder? Zur Aktualität von Ibsen.

Henrik Ibsen ist quasi einer der „Hausautoren“ des Theatertreffens. Statistisch gesehen ist er jedes zweites Mal mit von der Partie. Insgesamt 25 Mal war eines seiner Stücke eingeladen (zum Vergleich: Spitzenreiter ist Shakespeare mit 42 Mal, dann folgen Schiller 36, Tschechow 27, Brecht 16 und Goethe 14 Mal). Vor „unserer“ Zeit beim TT nahmen sich seiner die ganz großen Namen an: Peter Stein, Peter Zadek (der gleich vier Mal!), Hans Neuenfels. In diesem Jahr widmen sich ihm Vegard Vinge und Lukas Langhoff.

"Man bittet, nicht über Ibsen zu sprechen" - frei nach Hans Neuenfels. Grafik: Paul Sturminger und Magdalena Hiller

Genug mit schnöder Statistik. Warum ist das so? Was begeistert seit nunmehr fast 150 Jahren die Theaterwelt an Nora, Hedda, Peer und all den anderen? Warum werden Regisseure seiner Stücke nie müde? Historische Hintergründe zur andauernden Beliebtheit von Ibsen liefert Ivan Nagel in seinem Essay „Zur Geschichte der Interpretation“: Parallel zur Industrialisierung wurden auch im Theaterbetrieb Ende des 19. Jahrhunderts die Aufgaben neu verteilt: Die Dramatiker rückten wieder näher an den Theaterbetrieb heran, verbündeten sich mit den Regisseuren der führenden Kompanien. Bis dato waren Stücke oft nur zum Zwecke ihrer Uraufführung geschrieben worden, von Schauspielern, Regisseuren und Intendanten in Personalunion, um dann wieder zu verschwinden. Ibsen hingegen schaffte es, dass sein erstes „Gegenwartsschauspiel“ in Prosa, „Die Stütze der Gesellschaft“ binnen eines Jahres nach der Erstaufführung 1877 an 27 deutschsprachigen Theater in ebenso vielen verschiedenen Inszenierungen aufgeführt wurde. Von dieser Zahl können auch heutige Gegenwartsdramatiker nur träumen.

Ibsen wurde immer populärer, die schiere Anzahl der Aufführungen erwies sich als der größte Multiplikator: Das Publikum konnte vergleichen, lernte so Missinterpretation und wahren Inhalt zu unterscheiden, Ibsen wurde zur zentralen Figur der deutschen Theaterlandschaft. Und das als Norweger! Kleist tot, Goethe tot, Schiller tot, Büchner tot. In den 1870ern bespielte er fast im Alleingang die deutschen Theater. Erst gegen Ende seines Schaffens bekam er an den hiesigen Bühnen Gesellschaft von Hauptmann, dem frühen Schnitzler und Wedekind. Ibsen war sich seiner Verantwortung bewusst und stieß mit seinen Stücken ausufernde Debatten an. 1879 hinterfragte er in „Nora oder Ein Puppenheim“ die Institution Ehe, Nora verlässt am Ende gar Mann und Kinder. Dies wurde als Affront gegen die gesellschaftlichen Normen gewertet – am Tag der Uraufführung musste Nora daher schlussendlich „daheim bleiben”. Die Diskussion um dieses Stück ging so weit, dass in Berliner Salons sogar ein Schild mit der Aufschrift „Man bittet, nicht über Nora zu sprechen!“ hing – so erzählt es zumindest Hans Neuenfels.

Doch seine heutige Popularität ist bestimmt nicht allein ein Nachhall seiner Ausnahmestellung in der deutschen Theatergeschichte. Vielleicht hat dies auch mit der Doppelbödigkeit, die seinen Werken innewohnt, zu tun. Jeder Ibsen-Charakter kämpft gegen die eigene – Ibsen beschreibt es als das „Gerichtstaghalten über das eigene Ich“ – und gegen die gesellschaftliche Verlogenheit. Dieser Kampf der Vergangenheitsbewältigung gegen die Verdrängung auf individueller und kollektiver Ebene in Kombination mit den immer noch aktuellen Problemstellungen sind es, die seine Stücke immer wiederkehrender und vor allem zeitunabhängiger Interpretation zugänglich machen.

John Gabriel Borkmann etwa, Ex-Bankdirektor, saß lange Zeit wegen Veruntreuung im Gefängnis, er wollte mit dem Geld die Eisenerzfabrik seine Vaters wieder auferstehen lassen, zum Wohle aller, wie er meint. Die Aktualität dieses Stoffes in den Zeiten von Bernie Madoff und Co ist offensichtlich. Borkmann als uneinsichtiger Vorzeige-Frühkapitalist. Vegard Vinge und Ida Müller machen aus dem Borkman einen bis zu zwölfstündigen „Ibsen-Marathon”, der Originaltext, laut TT-Jury, „schnurrt auf wenige, mit elektronischem Stimmenverzerrer gesprochene und loopartig wiederholte Kernsätze zusammen: Vinge und Müller übersetzen das psychologische Drama um den straffällig gewordenen Banker in einen Horrortrip der frei laufenden Symptome, der – auch in Reaktion auf Borkmans Gesellschaftsvisionen – keine Gewaltfantasie des 20. und 21. Jahrhunderts auslässt.“

Oder Dr.Stockmann in „Ein Volksfeind“ der unermüdlich gegen die Verschmutzung der örtlichen Kur-Badeanstalt kämpft, die durch vergifteten Schlamm einer naheliegenden Gerberei verpestet wird und der am Schluss zum Volksfeind erklärt wird, da eine Aufdeckung der kommunalen Machenschaften gefürchtet wird. Umweltschutz, Manipulation des Volkes – Stockmann, könnte man sagen, ist die Erin Brokovich des 19. Jahrhunderts. Lukas Langhoff erweitert das Spektrum des Volksfeinds in seiner Bonner Inszenierung: Sein Stockmann hat Migrationshintergrund, „scheint bestens assimiliert, und bleibt trotzdem unberechenbarer Fremdkörper im biederen Städtchen. Der Badearzt sonnt sich in peinlichen Träumereien von allgemeiner Anerkennung und glüht vor süßlicher Bescheidenheit.“, so die Jury in ihrer Begründung.

Ibsen erhielt übrigens nie den Nobelpreis – aus einem simplen Grund: Das Nobelpreiskomitee hatte Angst, dass er vor der Preisgala versterbe, war er doch durch einen Schlaganfall geschwächt. Daher ging der Preis 1903 an seinen Landsmann Bjørnstjerne Bjørnson. Von dem spricht allerdings, ganz im Gegensatz zu Ibsen, heute keiner mehr und keines seiner vierzehn Bühnenwerke hat es je zum Theatertreffen geschafft.

  1. René Pollesch hat – mit ein bisschen gutem Willen – anscheinend zu jedem Thema ein passendes Zitat, sogar zu Ibsen: „Sie erwarten, dass ich mich jetzt neu erfinde? Es gibt so viele Regisseure, die machen alternierend Tschechow, Shakespeare, Ibsen. Also immer dasselbe. Wenn jemand aber zum Beispiel immer Ibsen macht, ist das nämlich nicht mehr dasselbe. Der macht was anderes.“
    Gefunden auf: http://pollesch.posterous.com/

    • Zum Glück gibt es aber auch zu jedem Pollesch-Zitat das passende Pollesch-Gegenzitat, in diesem Falle aus einem Spiegel-Interview vor ein paar Jahren: „Man hält Brecht oder Ibsen am Laufen, und das Feuilleton achtet darauf, wie die Sollbruchstellen dieser Stücke gemeistert werden. Das ist für mich der reinste Verblendungszusammenhang. Warum erarbeitet man da nicht lieber mit Schauspielern ein Stück, das mit ihrer Situation zu tun hat?“ SO!