This is not a love song: „Conte d’Amour“

Conte d’Amour“ zählt nicht zu den zehn nominierten TT-Inszenierungen, sondern wurde 2011 beim Theaterfestival „Impulse“ als beste Off-Theater-Produktion ausgezeichnet und ist nun als Gastspiel nach Berlin eingeladen. Die Ko-Produktion der Kollektive Institutet aus Schweden und Nya Rampen aus Finnland mit Markus Öhrn, verantwortlich für Regie, Bühne, Video und Foto, bildet also nicht nur ein Beispiel für kollektive Arbeitsweisen, sondern auch für internationale Vernetzung – und für ein körperlich-sinnliches Theater ohne Sprachbarrieren und mit großer verstörender Wirkung.

Thematisch behandelt das Stück vor allem familiäre Beziehungen sowie damit verbundene Gewalt- und Machtstrukturen. Vier Männer, Jakob Öhrman, Elmer Bäck, Rasmus Slätis und Anders Carlsson, durchspielen in fast drei Stunden in wechselnden Rollen als Vater, Frau, Kind und Baby die ganze Bandbreite abgründigen Begehrens, Besitzenwollens und Verletzens.

Familienidylle? Conte d’Amour. Foto: Markus C. Öhrn

Grundlage oder Einfluss war der Fall von Joseph Fritzl, der seine damals 18-jährige Tochter 24 Jahre lang im Keller eingesperrt und mit ihr sieben Kinder gezeugt hatte. Allerdings findet keine Narration dieser realen Begebenheit statt. Diese liefert lediglich das Thema und das Setting: eine zweistöckige Bühne mit einem weißen, oberen Teil, auf dem ein Sofa steht, sowie einem Untergeschoss oder Keller, in den die Zuschauer durch eine milchige Baufolie lediglich schemenhafte Einblicke erhalten – bis der anfangs gelangweilt auf dem Sofa mit menschlichen Puppen hantierende Vater den sichtbaren oberen Teil der Bühne verlässt und durch eine Luke in den dunklen Keller hinabsteigt. Ab diesem Moment wird der obere Teil der Bühne zur Leinwand und über zwei simultane Projektionen kann das Geschehen aus zwei Perspektiven verfolgt werden: aus einer stetigen Totalen des Raums und einer subjektiven Handkameraperspektive. Ein dritter Blickpunkt entsteht durch die vagen, aber physisch-realen Einblicke durch die Folie in diese Unterwelt, jenseits weißer Gartenzäune bürgerlicher Idylle.

Und hier beginnen die Abgründe: vertraute Gesten und Handlungen der Zuneigung und Fürsorge wirken potentiell grausam und übergriffig, alltägliche Floskeln wie „I love you, Daddy!“ oder „Ich will mit Dir spielen!“ verlieren ihre Unschuld. Auch die Interpretationen ansonsten als romantische Liebeslieder rezipierter Songs wie „Wicked Game“ oder „Love will tear us apart“ transportieren hier vor allem Schmerz und Verzweiflung.

Der Bogen wird jedoch noch weiter gespannt, hin zu Rassismus und Kolonialismus, indem der Vater seine Familie als sein persönliches „Afrika“ betrachtet, das als Projektionsfläche weißer, männlicher Allmachtsphantasien herhalten muss. Hier droht die Inszenierung allerdings auch immer wieder ins allzu Extreme zu kippen, wie Publikumsreaktionen und –zwischenrufe zeigen. Allerdings liegt in dieser Gefahr der Überspannung und Überstrapazierung auch die Stärke und Besonderheit des Abends: Seine Mehrdeutigkeit und Grenzwertigkeit verstört, verunsichert, polarisiert – und thematisiert eindringlich alltägliche Gewalt, Enttäuschungen und Verletzungen. Dieser Abend ist definitiv kein anheimelndes Liebeslied, sondern ein Abgesang auf romantische Liebesvorstellungen mit Untertönen von Sexismus, Rassismus und normativen Geschlechterrollen. Die selben Thematiken werden sich im Laufe des Theatertreffens immer wieder der Diskussion stellen müssen, da Produktionen wie „Macbeth“, „Ein Volksfeind“, „Hate Radio“ aber auch „Before Your Very Eyes“ auf ganz unterschiedliche Art und aus desperaten Perspektiven eigene Fragen in diese Richtung aufwerfen – und somit potentiell das Theatertreffen als Ort für Diskurse öffnen.

Streitbar und diskussionsanregend: Publikumsgespräch mit den Künstlern von „Conte d'Amour". Foto: Adrian Anton

Heute um 21:30 Uhr im Haus der Berliner Festspiele gibt es noch eine Möglichkeit, sich selbst ein Bild zu verschaffen!

  1. Ich habe gestern zum ersten Mal einen Stück nicht zu Ende geguckt – Conte d’Amour hat einfach mit dem Publikum gespielt: wenn man beleidigt und geekelt ist und früh geht, dann hat man das nicht verstanden und ist blöd, und wenn man die ganze 3 Stunden bleibt und findet es ironisch, naja, dann ist man wohl drei Stunden geblieben – und wenn das nicht blöd ist…

    • Ich war gerne so blöd und bin die drei Stunden geblieben – ohne überhaupt den Raum zu verlassen, obwohl das je ausdrücklich gewünscht und ‚erlaubt‘ war. Es wurde ja nicht einfach nur aus Witz und reinem Selbstzweck mit dem Publikum gespielt, sondern das Interessante daran war ja gerade, dass Teile des Publikums beleidigt und geekelt den Raum verlassen haben – und der Grund dafür lag meiner Meinung nach nicht nur in der Länge und Provokation. Die Provokation bestand gerade darin, dass man auf Dinge gestoßen wurde, die jeden auf unangenehme Art berühren: alltäglicer Sexismus, Geschlechterrollen, Rassismus. Ich würde wieder reingehen. Ohne rauszugehen.

      • (Blöd habe ich natürlich nur aus reinem wiederholdungs-rhetorik-versuchen gesagt..) aber meine Frage ist dann wozu das alles? ich bin mir wirklich nicht sicher, ob man sagen kann, die machen es um uns mit Sachen zu konfrontieren, deren Existenz in unserem Alltagsleben wir nicht zugeben möchten, oder ob die nur so einen Streit anfachen wollen, weil es Spaß macht, und Glück haben, wenn jemand es für etwas mehr bewertet.