Mein schwarzes Blatt „Macbeth“

Eigentlich gehe ich am liebsten wie ein weißes, unbeschriebenes Blatt ins Theater: unvorbereitet, ohne spezifische Erwartungshaltung, offen und gespannt auf alles, was da kommen mag. Im Fall von „Macbeth“ gestaltete sich das aber schwierig:Macbeth“ war eines meiner Magister-Prüfungsthemen. Text, Rezeptionen und Interpretationen kann ich immer noch beinahe im Schlaf aufsagen (ein passendes Bild übrigens, ist der Schlaf ja ein zentrales Motiv im Stück). In dieser Hinsicht ist mein weißes Blatt also bereits ziemlich vollgeschrieben. Noch voller wird es, weil ich Jana Schulz bereits häufig in ihrer Zeit am Schauspielhaus Hamburg gesehen habe; und um dann noch mehr auf das schon nicht mehr lesbare Papier zu kritzeln, habe ich über einige Arbeiten von Karin Henkel bereits geschrieben. Mein weißes Blatt ist also völlig überschrieben, praktisch schwarz. Was bei mir die Frage aufwirft, ob ich trotz aller Vorbelastung „Macbeth“ einfach mal genießen kann.

Anscheinend nicht, da ich bei Vorstellungsbeginn sofort mein Notizbuch zücke… hier ein kurzer Einblick:

Karin Henkels „Macbeth“ erhebt den permanenten Wandel zum Grundkonzept. Englische Texte und Gesänge wechseln ins Deutsche, laute und schnelle Passagen werden von langen Monologen abgelöst, vier Schauspieler schlüpfen von Kostüm in Kostüm und von Rolle in Rolle. Das ist manchmal witzig, manchmal auch originell, manchmal aber auch einfach zu konstruiert und überstrapaziert. Zur Auflockerung gibt es immer mal wieder Musik, Gesang oder Slapstick. Dabei entstehen diverse gelungene Szenen oder Momente, wenn zum Beispiel die Londonerin Kate Strong den Mord an Banquo mit schwarzem englischen Humor kommentiert. Ansonsten wird die Geschichte ziemlich kryptisch erzählt, bleibt aber trotzdem verständlich, zumal die grobe Handlung ja ohnehin bekannt sein dürfte.

Das allein wäre ein passabler und unterhaltsamer Theaterabend – aber viel mehr eben auch nicht, da zu vieles gewollt und zu wenig davon umgesetzt scheint.

Doch der Abend hat eine Konstante: Jana Schulz als Macbeth. Durch die ständigen Rollenwechsel der anderen Spieler richtet sich der Fokus völlig auf ihre Darstellung. Und die ist beeindruckend. Jana Schulz spielt den Macbeth nicht effekthascherisch, sondern verletzlich. Von Kriegserfahrungen gezeichnet, zerbricht Macbeth an seinen eigenen falschen Entscheidungen. Oder, wie Kate Strong es so schön auf den Punkt bringt: „You’re really fucked-up when your dreams are worse than reality!”

Karin Henkel verlässt sich dann aber doch etwas zu sehr auf ihre fünf Schauspieler, die zwar ausnahmslos großartig spielen, aber das Gewicht dieses Abends zwangsläufig genauso wenig tragen können wie Macbeth die zu schwere Krone.

Yvonne Büdenhölzer überreicht den TT-Stempel - inklusive Theaterblut - an das Macbeth-Team. Foto: Adrian Anton

Mein Fazit: im Fall von „Macbeth“ ist es schwer, eine unbeschriebene Seite aufzuschlagen und diese stimmig neu zu gestalten. Ansonsten kommt eben so etwas dabei heraus:

My Macbeth-Mental-Map. Foto: Adrian Anton.