Faust II – Eine Einführung

Heute feiert Nicolas Stemanns Faust I + II im Haus der Berliner Festspiele seine TT-Premiere. Aus diesem Anlass sei hiermit ein genauerer Blick auf das deutsche Nationalheiligtum geworfen. Doch nicht auf Faust I soll der Fokus liegen, den kennen wir hoffentlich zur Genüge aus Gymnasiumszeiten, Faust II ist das Thema.

Faust II ist der ungeliebte große Bruder des Faust I, so wie nahezu alle Fortsetzungen ungeliebt sind, scheinen sie doch bloß immer der laue Abklatsch einer großen Idee zu sein.

Im Fall von Faust liegen die Dinge hingegen anders: Faust I kann ohne Faust II nicht sein. Zu viele Fragen bleiben am Ende des ersten Teils unbeantwortet: Was geschieht mit der Wette zwischen Mephisto und Faust?  Kommt Faust wirklich ungestraft davon? Kann er herausfinden, was die „Welt im Innersten zusammenhält“?

„Der Tragödie Zweiter Teil“ beginnt versöhnlich: Faust ist ein Neubeginn gegönnt, er darf vergessen, sein Herz in „Kindesruh wiegen“. Gleich in der ersten Szene wird somit klar: die Schweinerei, die er mit dem Gretchen aufführte, hat keine Konsequenzen für ihn. Vielmehr wird er zum Opfer stilisiert: Er soll sich sein Herz nicht vom „bittren Pfeil des Vorwurfs“ durchbohren lassen, so der Luftgeist Ariel. Man muss keine Feministin sein, um hier ein Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern wahrzunehmen.

Goethe hält sich übrigens nicht an die damals übliche Standortgebundenheit der einzelnen Akte, und so spielt die zweite Szene in einer kaiserlichen Pfalz:

Anfangs wird Mephisto zum neuen Hofnarren des Kaisers ernannt, da der alte verschwunden ist. Der junge Herrscher schwebt in finanziellen Nöten, Mephisto erfindet daraufhin das Papiergeld. Der Kaiser ist froh – kann er doch jetzt endlich Fasching feiern, ein großer Umzug findet statt und Mephisto und Faust (ja, der ist irgendwie auch plötzlich da) bekommen den prunkvollsten Umzugswagen. Im Laufe des Festes rettet Faust dem Kaiser das Leben. Das Staatsoberhaupt ist daraufhin von den Fähigkeiten seiner neuen Begleiter so begeistert, dass er einen besonderen Wunsch äussert: Er möchte die antiken Gestalten Helena und Paris kennenlernen. Diese verrückte Idee bringt sogar den Teufel ins Schwitzen, doch er findet eine Lösung: Faust muss ins nicht näher beschriebene „Reich der Mütter“, um ein Gefäß zu besorgen, das bei Berührung mit einem goldenen Schlüssel dann auch tatsächlich die erwünschte Helena und den Paris in die Pfalz zaubert. Reichlich krude!

Und so seltsam geht es auch weiter: Fausts ehemaliger Assistent Wagner hat einen Homunculus erschaffen, eine Art gläsernen Mini-Mensch. Mit diesem Wesen reisen Mephisto und Faust ins antike Griechenland, im weiteren Verlauf des Stücks heiratet Faust Helena und sie herrschen kurzzeitig über eine mittelalterliche (!) Burg, bevor sich Helena in eine Wolke verwandelt. Faust wird dann noch unermesslich reich, indem er dem Meer Land abtrotzt, doch zufrieden macht ihn das nicht: Er neidet dem alten Paar Philemon und Baucis (auch diese wieder der griechischen Sagenwelt entnommen) ihr beschauliches Glück und lässt sie vertreiben, wobei die beiden zu Tode kommen. Faust ist erschüttert und erblindet plötzlich. Nun findet ein Sinneswandel statt: Er möchte seinen Untergebenen helfen und ein Moor trockenlegen lassen, um ihnen eigenes Land zu verschaffen. Der erste Anflug von Altruismus überwältigt den mittlerweile Hundertjährigen: Er stirbt. Mephisto interpretiert dies als das Ende des Strebens – die Wette wäre so zu seinen Gunsten ausgegangen, Fausts Seele sein. Doch der Teufel bekommt nur den Körper zu fassen, der Geist des ewig Suchenden erhält durch Gretchens Fürsprache bei der Muttergottes Zugang in allerhöchste Sphären.

Klingt eher nach Fantasy-Roman als nach deutschem Nationalepos. Auch Goethe selber war sich der Unkonventionalität seines Stoffes bewusst und liess ihn daher lieber unveröffentlicht, die Uraufführung fand überhaupt erst mehr als 40 Jahre nach seinem Tod statt. Man kann den Faust als sein „Lebensprojekt“ bezeichnen, fertigte er die ersten Skizzen doch bereits als Zwanzigjähriger an und vollendete den Faust erst ein Jahr vor seinem Tod – mit 82 Jahren. Daraus erklärt sich auch die Vielfalt der Themen und Szenerien: Es ist Goethes Vermächtnis – er wollte alles Wichtige unterbringen, die Zeit drängte.

Wie Nicolas Stemann mit diesem „seltsamen Textkonglomerat“, so seine Bezeichnung, umgehen wird, darauf bin ich besonders gespannt. Kaum ein anderes Stück macht einem Regisseur das Scheitern schließlich so leicht wie dieses.